
Für Hilke & Anisja
Darum, o Esra, Eitles den Eitlen,
Fülle den Vollkommenen (4. Buch Esra)
Von
Trennstaub
und Marken
(Allibellum de auctoritate / Buch II - Erzfallstudien)
Teil I (Herr Edgar)
(Prolog)
Nichts regt.
Nichts entgeht.
Nichts bewegt.
Sich.
Hinvor.
Nachher.
Fortschreitend.
Hinterlassend.
Rundum.
Nichts enthält.
Nichts erläßt.
Nichts versteht.
Ich.
Sieht nichts.
Faßt nichts.
Nichts sieht.
Nichts faßt.
Dich.
Punktum.
Du bist.
Ich nicht.
(…)
308
(Herrn Edgars 27. Nacht in der Wüste Qhij´aw)
Es ist still, dunkel und kalt.
Leer und ewig.
Eine Ewigkeit.
Erste. Letzte.
Keine Ewigkeit.
Leere voller Leere.
Ungezeugt.
Unbezeugt.
Nirgendwann ist irgendwann.
Nirgendwo ist irgendwo.
Irgendwann scheint nirgendwann.
Irgendwo scheint nirgendwo.
Winzigster Funke. Kleiner als nichts, größer als alles.
Auge öffnet sich.
Eilend. Teilend.
Nichtung.
Lichtung.
Richtung.
Es raschelte leise und knackte.
Himmel und Erde entwanden sich einander, fahl und durchsichtig, einzig und klar.
Das kleine Stückchen Sonnenrand, das dort am Horizont sich falbend zeigte, sanft hervordrängend, kitzelte die Nase wie eine verirrte Fliege. Herr Edgar konnte die Wärme riechen, die da mit dem Fünklein auf ihn zuwehte. Feuchter Erzstaub, wieder frei und formbereit. Bereit, sich zu vergessen.
Herr Edgar sog den Duft ein, die ausgedörrten Nasenflügel pochten, er versuchte, den Duft anzuziehen, mit der Zunge am faltigen Gaumen entlangfahrend, ihn zu schmecken. Herr Edgar spürte, wie die noch schüchterne, errötend fremdelnde Wärme in ihn hineinkroch, zwischen Brust und Magen flatterte, Mutter und Vater, sich an den Wirbeln ballte, wuchs, sich kreuselte und dehnte.
Auch dort nun stieg die Sonne auf.
Arme und Beine begannen zu kribbeln. Herr Edgar hatte die ganze sternenlose Nacht wachgelegen. Zumindest war ungebetener Schlaf stets traumleer und kurz geblieben.
Herr Edgar hatte die Worte der Hure nicht vergessen. Wenn die vielen kleinen Sterne nicht funkelten, konnten die Götter nichts sehen. Die Sterne seien deren Augen. Die Hure war zutiefst erschrocken und hatte Herrn Edgar fast flehentlich am Arm gehalten und gebeten, in dieser Nacht sich nicht wieder hinaus in die Wüste zu legen.
Wenn er fände, was er suche, sei es nur gut, wenn die Götter nichts davon wüßten. Herr Edgar lächelte, versuchte, sich der Hure zu entziehen.
Aber er sei ein Geweihter dieser Götter, ihrer Götter, funkelte die Hure.
Auch Kinder brauchten Geheimnisse, hatte Herr Edgar barsch geantwortet, um sich über die Schwäche seiner Antwort hinweg und die Schwelle des Felsverschlages hinaus in den schwindenden Tag zu retten. Gerade heute Nacht mußte er den heiligen Bezirk verlassen.
Herr Edgar rollte den Teppich zusammen und erhob sich. Die Sonne hatte die Kante der Düne erreicht. Ihm fiel der Fremde ein, den der Tugul in einem Erdloch bei den Schweinen gefangen gehalten hatte. Herr Edgar war in größter Hoffnung hinzugeeilt, doch sie hatten dem Fremden schon Ohren und Lippen abgeschnitten, der Tugul selbst hieb sein Beil gerade in die Unterschenkel. Es hatte keinen Sinn mehr.
Herr Edgar war trotz seiner Jugend für die Sommer-Karavane bestimmt worden. Er sollte die heiligen Insignien ihrer aufstrebenden Götter hinaus in die Ferne tragen. Ehre, Schutz und Sieg.
Den Alten kam die Zeit heran, sich gutzustellen mit dem Allesfresser.
Die Leute am Tor streuten Kräuter und Blumen, die Ernte hatte spät begonnen, die letzten Felder fraßen schon die Winde, Kinder sangen auf Geheiß ihres Lehrers, stockend und verschämt, so neugierig waren sie, die Hure schwang huldvoll und satt ihren Beutel rasselnder Fingerknochen und Herr Edgar sah zwischen den zuckenden Ohren seines torkelnden Esels hindurch hinaus auf das glutend gelbe Meer.
916
(Herr Edgar entwirft eine Übersetzung des vierten Rula-Liedes, um sich dem etymologischen Zusammenhang der Worte ´Lilith´und ´Licht´ zu nähern)
1. Gesang
Zeugnis
Gott, der Entzogene.
Unpassierbar. Unbewegt. Eins.
Gott, der Bezeuger.
Unnennbar. Unsäglich. Einzig.
Gott, der Verrichter.
Gott, der Verfälscher.
Sein und Selbst. Allein.
2. Gesang
Zeugung
Gott, der Zerrissene.
Ungründbar. Unerfüllt. Zutiefst.
Gott, der Entreißer.
Unscheinbar. Unerträglich. Höchstauf.
Gott, der Einsame.
Gott, das Schaff.
Satz und Sprung. Lilith.
(Rekonstruktion des 3., 4. und 5. Gesanges aus ostafrikanischen Tafeln)
Gott erkennt Lilith, das Licht zwischen Himmel und Feste. Lilith liegt rücklings und blickt die Leere. Unter Schmerzen empfängt und gebiert sie.
Schöpfung
(...)
Schrei und Bruch. Adam.
Gott ermahnt Lilith, sich ebenfalls und ebenso Adam hinzugeben. Lilith verweigert sich Adam, ringt ihn nieder und setzt sich auf ihn. Lilith erkennt Adam, den blitzgeschälten Baum in der Graswüste. Adam liegt verbunden auf dem Lager und schaut die Fülle. Noch in der Nacht kommt Lilith mit Eva nieder. Evas erster Atemzug löst einen Sturm aus, der Himmel und Erde wieder zu vermischen droht. Lilith birgt sich in Rindenschalen und flieht aus der Oase.
(6. und 7. Gesang verschollen, die ostafrikanischen Tafeln setzen beim 8. Gesang wieder ein)
Kain und Abel treten sich in einer Felsenschlucht gegenüber und streiten um Lilith, die als Brautpreis ein neues Kleid gefordert hatte. Abel bietet dem Schwertträger einen Handel an. Beide verlieren, denn Kain erschlägt Abel und Seth, die Nachgeburt, erdrosselt Kain trotz Liliths Verbot mit deren Gürtel und anerkennt Liliths Weigerung, auf dem Rücken zu empfangen.
(10. und 11. Gesang verschollen)
12. Gesang
Beugung
Lilith, große Mutter.
Schwester des Adam, Gattin des Seth.
Eva, kleine Mutter.
Tochter des Adam, Amme des Seth.
Gottvater. Täuscher. Kriegertod.
Seth, Hohepriester.
Hirte der Eva, Fischer der Lilith.
Adam, Niedepriester.
Jäger der Eva, Bauer der Lilith.
13. Gesang
(...)
Adam, der Drängler.
Der Zweibrüstige.
Schwarzer Stamm.
Abel, der Gängler.
Tausendfüßiger, Tierköpfiger.
Roter Stamm.
Kain, der Zwängler.
Einhändiger, Kindsköpfiger.
Gelber Stamm.
Seth, der Schwängler.
Der Bärtige.
Weißer Stamm.
(...)
(…)
159
(Herr Edgar versucht auf eigene Faust, links neben der Schaukel, den Würmern seines Gartens zu lauschen und begibt sich bei Anbruch der Dunkelheit in den Pavillion)
Vorrechtler.
Vollmächtler.
Mensch, du, wir hören dich.
Der ewig Alte, der Priester, und seine Söhne.
Tod und Vereinigung.
Leben und Trennung.
Ziel von außerhalbem Wesen. Erdgebunden.
Schwinder, Minderer du.
Taucher ohne Luft.
Stein.
Den ersten Zwilling, das Bein, heißen wir den Bauern.
Der hat eine Mutter, doch kennt er sie nicht.
Den zweiten Zwilling, die Brust, heißen wir den Jäger.
Der hat keine Tochter, doch kennt er sie.
Den dritten Zwilling, der Arm, heißen wir den Hirten.
Der kennt eine Frau, doch hat er keine.
Den vierten Zwilling, der Kopf, heißen wir den Fischer.
Der kennt keine Frau, doch hat er eine.
Jäger, erlegst du deine Triebe.
Bauer, pflegst du deine Triebe.
Diebe, ihr andern.
Die ewig Junge, die Mutter, und ihre Seeligen.
Tod und Trennung.
Leben und Vereinigung.
Wesen von innerhalbem Ziel. Ätherleicht.
Sammlerin, Höherin du.
Vogel ohne Flügel.
Schlange.
Den ersten Engel, den Schleier, rufen wir die Tochter.
Die hat einen Vater, doch kennt sie ihn nicht.
Den zweiten Engel, der Ring, rufen wir die Amme.
Die hat keinen Sohn, doch kennt sie ihn.
Den mittleren Engel, das Lied, rufen wir die Gattin.
Die hat einen Mann, doch kennt sie ihn nicht.
Den letzten Engel, das Band, rufen wir die Schwester.
Die hat keinen Mann, doch kennt sie einen.
Tochter, hure du.
Amme, spure du.
Heilerinnen allesamt.
Fischer und Schwester finden blind den Weg zurück zum Meer.
Hirte und Gattin fällen Bäume und machen unersättlich Gatter daraus.
Tochter und Bauer stapfen ganz vorne, aufgerissenen Auges, wenn es ans Sterben geht.
Amme und Jäger waschen sich blinzelnd das Blut von den Händen.
Zurückgekehrt in den Pavillion, in den geliebten Hausmantel und die dicken Pantoffeln, nach einem ausgiebigen Bade, welches dem Schwebenden und Prustenden den Dreck unter den Nägeln hervorwusch, verfertigte Herr Edgar ein Diagramm und vermeinte im ersten Anschein festzustellen, daß Bauer und Jäger die Pflicht nur tauschen konnten, wenn sie den Stab des Hirten oder das Netz des Fischers trugen, so wie Hure und Amme nur zueinanderfanden, wenn sie Hochzeitskleid oder Schwesterntracht bauschten. Doch schließlich wurde Herrn Edgar gewahr, daß im Sinne des Ursprunges die Vermittelung des Oberbegriffs, Übernahme der Mitte, ein jedes der vier Positonen in ein anderes Position wandeln kann. Bei Welle und Wille.
Seine Schwester hatte ihm niemals die Wäsche gewaschen, dachte Herr Edgar, Blumen sind der Erde Fluchtschrei, Herrn Edgars Augenmuskel bekam kühle Ränder und entpannte sich, wer sich verabschiedet, ist noch nicht gegangen, erst wenn die Tür ins Schloß gefallen, ist Abschied, Herr Edgar legte den Kopf auf die Seite, Erdgöttin hat das Menschlein geboren, Erdgöttin hat das Männlein verloren, Erdgöttin, töte, Erdgöttin, stirb, Herr Edgar zog Arme und Knie an die Brust, femina alba und der rote Sklave, Herrn Edgars Atem pfiff leise, Luzifer, allwissender Scheiterer, Christus, dümmlicher Sieger, der falbe Tod gehört dem Leben, ein wenig Spucke sammelte sich in Herr Edgars Mundwinkel, Brückenbauer, Abseitsgeher, Bambuswald, dann schlief Herr Edgar ein.
812
Herr Edgar erfährt die Geburt eines Universums
Herr Edgar war soeben gestorben. Daran bestand für Herrn Edgar kein Zweifel.
Herr Edgar war aus jenem schemenhaft seichten, alles benetzenden, alles verhängenden, alles bindenden Dämmerschlaf, in den er vor farblosen Zeiten hineingeglitten war, erwacht, hell und klar, eine weite, alte Kraft, die ihm letzthin selbst zum Wollen fehlte, war wieder da. Herr Edgar hatte die Augen geöffnet und sogleich bemerkt, daß er die Augen geschlossen hatte.
Herr Edgar stand vor seinem eigenen Leichnam. Zu dessen Füßen. Am Bettrand.
Herr Edgar hatte keine Schmerzen.
Herr Edgar sah auf das Gesicht seiner Leiche. Groß und schräg, im faltenlosen Kissen, lag der Schädel mit glatten, scharfen, fast überdeutlichen Konturen. Gelber Speichel war mit der Zeit und in einem dünnen Rinnsal aus einem der Winkel seines schmalen, zahnlosen Mundes den spitzen Kiefer hinab auf ein untergelegtes Handtuch geronnen.
Herr Edgar erfreute sich an der trotz allem respektablen Erscheinung des Leichnams. Herr Edgar war alt geworden, älter als all seine Freunde. Herr Edgar konnte und wollte sich nicht beschweren.
Egal, welch Irrtümer er Zeit seines dahingegangenen Lebens angehäuft hatte, er war eine gute, eine würdevolle Leiche, fand Herr Edgar.
Herr Edgar sah genauer auf das Gesicht seiner Leiche. Einen Anflug von Melancholie verscheuchend konnte Herr Edgar sich des Eindruckes nicht erwehren als altere dieses Gesicht noch immer. Dieses tote Gesicht. Sein Gesicht. Herr Edgar sah es. Ja, tatsächlich. Die Wangen, die Lider seines Leichnams sanken ein, Herr Edgar sah die fallenden Schatten, verfolgte sie, die trockenen Lippen spannten sich stärker über den Kiefer, Herr Edgar sah es deutlich, der Mund öffnete sich leise, schwarz und sanft, so als begänne er ein Lächeln! Über der Nasenwurzel riß die jetzt grau verfleckte, ledrig spröde Haut, Herr Edgar sah matt schimmernden, blanken Knochen. Herr Edgar sah weg.
Herr Edgar sah hinunter. Auf seine Füße. Seine eigenen Füße. Auch wenn da keine Füße waren. Aber er stand doch. Herr Edgar sah an sich hinunter. Da war nichts von ihm. Wie auch, fand Herr Edgar sofort, seine Füße, seine Beine, der Körper, und er hatte ja nur diesen, die Leiche, sie lagen doch vor ihm, in jenem Bett, in unbewegtes Leinen gehüllt. Dort, wo Herr Edgar stand, waren keine Füße, keine Beine, kein Körper. Es kribbelte nicht einmal.
Herr Edgar sah nun nicht mehr weg. Denn auch dort unten, dort, wo er stand, aber seine Füße nicht waren, geschah etwas. Herr Edgar sah es ganz genau. Das Parkett unter ihm wölbte, senkte sich, splitterte, faserte, zerbrach und zerstieb. Weiße Asche flimmerte Herrn Edgar entgegen. Der Boden unter Herrn Edgar verging, löste sich auf. Der Boden zersetzte sich und wehte Herrn Edgar Faserreste und Kohlestaub ins Gesicht.
Herr Edgars Blick weitete fort vom platzenden, reißenden Estrich hin zu einem der Fenster des Pavillions. Sogleich zerbarst das Glas, Rahmen fiel heraus, Tapeten rissen, es umbröckelte Herrn Edgars Schauen, Steine wankten, Holz zerknackte und schon stürzte die Seite in sich zusammen. Die übrigen Wände knickten, hielten sich einen Augenschlag, der Dachstuhl knarzte, und dann fielen auch sie. Putz und Kiesel, Ziegel, Balken flogen zerbröselnd auf Herrn Edgar zu und verschwanden.
Herr Edgar befand sich im Freien. Die ewigen Bäume, Hüter der Kindheit, schon vor Urzeiten so alt wie jetzt, Garten der Väter, Herr Edgar sah die Bäume und da welkten und prasselten die ausgebreiteten Arme wie dürrer Reisig im Sommersturm, die mächtigen Stämme zersplitterten, zerplatzten, Moosstaub und Qualm und Flachs walzte auf Herrn Edgar zu und verschwand.
Was Herr Edgar auch sah, verging unter seinem Blick, zerfiel, bis es nicht mehr war, auf Herrn Edgar einjagend, mitten dorthin, wo sein Gesicht sein sollte, und verschwand.
Herr Edgar war schockiert.
Und Herr Edgar sah die Sonne.
Und Herr Edgar sah den Mond.
Herr Edgar hatte keinen Kopf, den er wenden mußte.
Die Sonne schmolz gleißend in ihn hinein.
Der Mond fror klirrend in ihn hinein.
Herr Edgar sah Alles um sich herum.
Und Alles verschwand.
Nichts blieb.
Und auch Nichts verschwand.
Jetzt sah Herr Edgar auch sich selbst.
Und auch Herr Edgar verschwand.
331
Herr Edgar trifft kurz vor der Regenzeit am großen Bogen des Ytebala mit verschiedenen Affenhorden zusammen
Die fahle Morgensonne drängt den tiefen, grauen Walfisch noch einmal mit alter Gebärde an den Horizont zurück, dampfend prall und tropfend dort steht und windet sich das Ungetüm, tönt und wankt, langt und streitet. Die fahle Morgensonne, so groß und so müde schon, trägt scheue Luft über den Nacken, eine dürre, faltige Hand, die da hebt, Steinchen kullert, Mücke riecht das Meer und sammelt sich zum tanzenden Geleit. Herr Edgar gräbt Knie und Fuß in den taukühlen Sand.
Herr Edgar hält einen Stock.
Herr Edgar läßt diesen Stock nur los, wenn er schläft, und auch dann versucht Herr Edgar, diesen Stock unter dem Bauch zu bergen.
Es gibt nur diesen Stock.
Herr Edgar kauert vor dem Termitenhügel.
Herr Edgar bohrt diesen Stock in den Termitenhügel.
Herr Edgar hält diesen Stock mit aller Kraft.
Herr Edgar zerdrückt Hand und Stock zu einem einzigen Finger.
Herr Edgar spürt das Wimmeln und Beißen.
Mein Stock.
Herr Edgar erschrickt.
Herr Edgar bohrt seinen Stock tiefer in den Termitenhügel.
Der Boden zittert.
Herr Edgar klammert sich an seinen Stock mit aller Kraft.
Waldrand zerbricht. Eine Horde platzt hervor und jagt kreischend auf Herrn Edgar zu.
Herr Edgar rennt. Sein Stock verlangsamt den Lauf. Diwe Horde ist hinter ihm. Die Horde kommt näher. Der Steilhang kommt näher. Der Steilhang ist vor ihm. Der Bauch glüht. Herr Edgar peitscht den bebenden Boden mit seinem Stock. In den Trommelschlägen vermengt sich das Brüllen der Horde mit dem Tosen des Flusses. Herr Edgar rennt, Gifthauch und Nebelwalz. Sonnenschluck. Herr Edgar rennt.
Mein Stock.
Herr Edgar rennt.
Herr Edgar springt.
Herr Edgar klammert sich an seinen Stock mit aller Kraft.
Es gibt nur diesen Stock.
Herr Edgar stürzt in die Schlucht.
Herr Edgar hält seinen Stock mit aller Kraft.
Herr Edgar stürzt in den Fluß.
Weltrand zerbricht. Schäumendes Wasser überall, oben, unten, innen. Der glühende Bauch erlischt.
Ich will nicht.
Herr Edgar wirbelnd versinkt.
Herr Edgar erwacht.
Dunkel.
Stille.
Schwärze.
Nichts.
Herr Edgar verharrt.
Lähmendes Dunkel.
Lähmende Stille.
Druck.
Leere.
Herr Edgar erstarrt.
Ich will.
Herr Edgar schließt die Augen.
Dunkel.
Stille.
Schwärze.
Nichts.
Dein Stock.
Berstender Blitz.
Klatschender Donner.
Schmerzen.
Licht.
Herr Edgar erwacht.
Herr Edgar roch feuchten Sand. Hand und Fuß betäubt darin krallten.
Herr Edgar zitterte.
Herr Edgar war ganz schwer. Schwerer noch als der schwarze, kalte Mond.
Herr Edgar hob den Kopf.
Grünender See.
Blauende Steppe.
Gelbender Sturm.
Wolkendes Purpur.
Brennender Baum.
Herr Edgar sah den brennenden Baum. Steinwurf entfernt. Der Stamm glühte im Wind. Ast und Zweig zerstieb zu Funke und flog tief in die Steppe hinein. In der Ebene loderte es.
Herr Edgar sah den brennenden Baum.
Herr Edgar sah die brennende Erde.
Herr Edgar sah den brennenden Himmel.
Herr Edgar erhob sich. Herr Edgar taumelte.
Der Mond war zu schwach. Das Gewitter erbarst. Gleißender Tag schäumte, der Walfisch sprang über das Meer hinaus, zerreißender Schlag, Fontäne gebar Fontäne, heißer Platzregen trieb den Sand vom Gesicht. Herr Edgar wurde ganz weiß.
Herr Edgar stand vor dem zischenden und qualmenden Baum. Geborsten und abgeschält. Herr Edgar brach aus der Krone einen geraden, schwarzen Ast, an dessen fingerdicken Ende noch ein Flämmlein züngelte.
Herr Edgar umklammerte den Ast mit aller Kraft und reckte ihn der aufgehenden Sonne entgegen.
Ich und dein Stock.
Herr Edgar lief krächzend und keuchend in die Steppe hinaus. Herr Edgar hielt den brennenden Stock mit aller Kraft. Hocherhoben.
Eine Horde war in die Ebene gezogen auf der Suche nach Kadaver, den der Gewitterbrand ausgespuckt hatte.
Du sollst.
Herr Edgar hatte den Stock übergeben.
Nachts, als die Horde sich unter den Stein verkrochen hatte, versengten Fells und nassen Fußes, war sie zu ihm geschlichen, Gefährtin des Walfischs, flußauf, und hatte den Stock unter ihrem Bauch geborgen.
Sie ließ ihn nicht mehr los. Er trug sie und sie sah ihn an.
Sie blieben wach und ließen andere ziehen.
Der Stock schlägt Wurzeln in den Sand und Blätter in den Wind, pumpt und rieselt, wächst weiter und breiter, Blitzbaum spendet Schatten dem alten, leeren Termitenhügel.
Du darfst nicht.
145
Herr Edgar am Fluß
Hinter den dicken Masten, hinter der Stadt, hinter ein paar verfallenen Backsteinhöfen und schiefen Betonplatten als Böschung, wölbte die Bucht zum Flusse hin sanft ab und verlief sich unmerklich unter die Wasseroberfläche. Autowracks wellten die seichte Uferströmung, Bootsrümpfe dorrten im Mittagslicht zwischen Schuppen und Garagen. Überall Müll. Überall Menschen. Staub und Stampfen. Herr Edgar nickte, ließ sich einen Becher Zuckerrohr pressen. Gäbe es den Müll nicht, wäre hier alles braun, dachte Herr Edgar.
Der Junge warf die zerquetschten Stengel hinter sich in den Sand und bleckte sein verfaultes Gebiß. Die Menschen am Ufer umscharten einen Karren und brüllten sich ihre braunen Seelen aus dem Leib. Auch der Junge geiferte, onan, onan, und zeigte auf den Fluß. Auch auf dem Wasser war Müll. Tüten, Kanister, Kisten dümpelten dahin.
Herr Edgar war schon hier gewesen, als Handlanger den Karren an das zähe Wasser heranrollten, als eine braune Sonne aus den Sümpfen jenseits des Flusses stieg.
Herr Edgar hatte den Priester beobachtet, wie er die braune Plane von dem Käfig zog, wie er immer wieder an den Karren herantrat, wie er sich umdrehte, um Neuankömmlinge zu grüßen und alle zu informieren.
Herr Edgar hatte die trächtige Wildhündin beobachtet, die mit ihren braunen Ohren, zitternd und still, um den geschwollenen Bauch sich wand. Herr Edgar war schon hier gewesen, als sich die trächtige Hündin zum ersten Mal regte, ihr Hinterteil zu lecken begann, als Bewegung und Rufe in die Menschen kam, wie bald alle schrien, da die Geburtskrämpfe begannen.
Herr Edgar kniff die Augen zusammen. Herr Edgar beobachtete den Priester, der unter gierigem Gejohle ein buntes Holzkreuz auf den Käfig schob, die Achsel des Karrens anhob und dann knietief in den Fluß hineinstakste.
Herr Edgar sah die niedergekommene Hündin, um ihre Schar gewunden, braune Zähne, braune Zunge, hinaustreiben, Herr Edgar sah den kippenden Käfig, die rutschende Hündin, das rutschende Kreuz, Herr Edgar riß die Augen auf, der Käfig, die Hündin, die Schar versank im braunen Fluß.
Herr Edgar war geblieben, verfolgte das schrille Aufbrausen der Menschen, onan, onan, verfolgte das bunte Kreuz, das mit all dem Müll sanft den Fluß hinabzog.
Herr Edgar nahm den Becher, den ihm der zahnlose Junge reichte.
Und die Menschen klopften sich auf ihre braunen Schultern.
Teil II (Jesus)
"Von Trennstaub und Marken - Gleichnisse & Ähnliches"
1. Tag
Ich bin, der ich sein kann.
Ich bin mein Sohn.
Eingeboren und ewig.
Ich weiß, wer ich bin.
Ich weiß von meinem Samen.
Ungeboren und endlos.
Ich bin Gott.
Ich steige hinab in die Welt des Todes, mein heiliges Los zu teilen, zu reinigen mein heiliges Gericht.
Ich bin Gott.
Ich öffne die Pforten durch den Klang meines Namens.
Ich löse den Tod durch mein Angesicht aus den Netzen der Tiefe.
Ich bin der, der gesucht wird.
Ich bekenne mich.
Ich zeige mich.
Ich gebe mich dar.
Jesus kauerte auf dem Lager seines Bruders. Jakob war sein Bruder, auch wenn sie sich weder die Mutter teilten, was niemanden störte, noch den Vater.
Und darüber zerrissen sich nicht nur Herodes` Speichellecker das Maul.
Vater und Mutter waren Tiere.
Jesus hatte sie beobachtet, das Bild hatte sich eingebrannt in sein Hirn. Und tatsächlich, jener keuchende Drache, der sich da am Mehlbrett über den weißen, zuckenden Hintern krümmte, ähnelte dem fremden Soldaten.
Jakob war in die Stadt hinaufgezogen, tempelwärts, Saulus entgegen, dem Priester des Frevels, um zu beten und um zu streiten.
Das eine so sinnlos wie das andere.
Jakob hielt fest am Bund. Gott gab Mose des Blitzes Macht, Mose gab Gott des Blitzes Verstand, sagte Jakob.
Jakob wollte Macht, auch wenn Jakob von Reinheit sprach.
Jakob haßte Babel, wie der Kanaaniter Israel haßte.
Der Kanaaniter huldigte Hakah, dem Schlangenweib, indem er das erste Kind in die Mittagswüste peitschte. Doch Gott wollte kein Kind, Gott verlangte nach dem Geist der Untreue, sagte Jakob.
Jakob war Lehrer der Gerechtigkeit. Jakob folgte Melchesaddek, dem Priester des Horns. Melchesaddek folgte Michael, dem Fürsten der Lichter.
Jakob war Lehrer des Gesetzes. Jakob tat, was geschrieben stand. Jakobs Knie und Lippen waren dick wie Kamelhaut. Jakob kannte jedes Wort und doch war er taub.
Das Gesetz war alt. Jakob war alt. Jah war alt.
Sterbe ich, so stirbt diese Welt.
Ich tue keine Wunder. Ich tue, was ich tun kann.
Ich muß sterben.
Die Scharen werden mich geißeln und an jenes törichte Vierkant schlagen wie tausend andere auch und sie werden nicht verstehen, daß diese Welt untergegangen ist.
Ich nehme den Tod der Mutter in mich auf und schaffe eine wahre Welt.
Ich nehme die Sünde des Vaters in mich auf und schöpfe eine freie Welt.
Ich bin die Leere, in die sich Alles füllt.
Der Nachtwind trieb salzige Kälte in den Verschlag. Jesus drückte sich an den Fels und zog die Beine an.
Ich genieße das Gefühl des Frierens.
Ich genieße das Gefühl des Hungerns.
Ich genieße das Gefühl des Schmerzes.
Jesus genoß das Gefühl der Macht.
Ich bin die Macht.
Ich bin der Geist.
Ich bin Jesus, König der Ehre.
Ich bin Jesus, König der Völker.
Ich zerbreche das Holz des Todes und vermähle meine Welt mit meinen Geistern.
Der Maskil weckte Jesus und führte ihn auf das Dach zu seinem Platz bei den anderen.
Jesus kniete nieder.
Das Licht der Sterne war fern und stumm. Die Welt war finster.
Jesus vergaß, die Augen zu öffnen, vergaß, sie zu schließen, so sehr schaute er nach dem Rand, der da war irgendwo inmitten der Schwärze.
Jesus vergaß das Meer der Schwärze, so sehr schaute er nach dem Rand.
Jesus vergaß sich selbst, so sehr schaute er nach dem Rand.
Jesus hatte Angst. Jesus wollte rufen. Alles hatte sich gelöst, wankte, fiel. Er selbst hatte sich gelöst, wankte, fiel.
Jesus glühte vor Angst. Seine Kehle war voller Asche. In seinen Schläfen preßte wüster Schrei.
Jesus starb vor Angst. Jesus sah ins Nichts.
Ein winziger Funke entbrach sich am Horizont.
Eine ganze Welt erfand sich am Horizont.
Ich bin das Ziel.
Ich bin der Sinn.
Ich bin das Opfer, das ich mir bringe.
2. Tag
Das Weib schleicht nicht unberührt ein in Davids Los.
Der Vater verschachert das Kind an den fahrenden König.
Ich bin ich. Sonst Nichts, sprach der fahrende König.
Mose gab Gott das Band des Gesetzes. Gott gab Moses die Gnade der Wahrheit, antwortete Jesus.
Ich liebe mich. Sonst Nichts, sprach der fahrende König.
Nur ein Liebender verleiht Macht. Nur ein Geliebter erhält Macht, antwortete Jesus.
Ich töte mich. Sonst Nichts, sprach der fahrende König.
Der Wissende lebt, da er schon gestorben ist, antwortete Jesus.
Der Maskil hieß Jesus hinabsteigen und entließ ihn in die Nacht des Herrn, schloß die Tür und legte den Riegel vor.
Jesus saß auf dem Kellerboden.
Dunkelheit nahm Nacktheit.
Dunkelheit nahm Schwere.
Dunkelheit nahm Einsamkeit.
Dunkelheit nahm Gedanke.
Dunkelheit ließ Nichts.
Unantastbar.
Fülle füllt Fülle.
Fülle ist Leere.
Leere leert Leere.
Leere ist Fülle.
Ganzes gänzt Ganzes.
Ganzes ist Teil.
Teil teilt Teil.
Teil ist Ganzes.
Sein seint Sein.
Sein ist Nichts.
Nichts nichtet Nichts.
Nichts ist Sein.
Ich icht Ich.
Ich ist Gott.
Gott gottet Gott.
Gott ist Ich.
Jesus stand neben dem Maskil. Der Riegel war unberührt. Der Maskil wiederholte die Worte des Herrn.
Ich glaube Gott.
Gott glaubt mir.
Ich glaube mir.
Ich glaube an meinen Namen.
Ich nenne mich Ich.
Ich nenne Alles Ich.
Ich erkenne mich in mir.
Ich erkenne Alles in mir.
Alles nennt mich Ich.
Alles erkennt mich in mir.
Jesus nahm das Licht und löschte es mit seinem Atem.
Ich erfülle das Wahrheit des Menschen.
Ich bin Mensch.
Ich erfülle die Freiheit Gottes.
Ich bin Gott.
Ich bin ich.
Ich bin der Beweis.
Ich war Alles.
Ich bin kein Wunder. Ich bin, was ich sein kann.
Ich werde Nichts.
Jesus fastete 40 Tage und 40 Nächte am grünen Holz.
Jesus brach das Sündenbrot und aß davon.
Jesus goß das Sündenwasser und trank davon.
Jesus war das Sündenwort und sprach davon.
Jesus bekannte sich.
Jesus ernannte sich.
Böses haßt Böses.
Böses ist Gutes.
Gutes ist Böses.
Gutes liebt Gutes.
Böses liebt Böses.
Böses ist Gutes.
Gutes ist Böses.
Gutes haßt Gutes.
Leben lebt Leben.
Leben ist Tod.
Tod tötet Tod.
Tod ist Leben.
Der Tempel steht offen.
Der Tag des Herrn ist nah.
Das tote Holz kann mich nicht tragen. Einen Splitter nur senke ich in das finstre Auge hinab, auf daß es auflodere und meine Welt erhelle.
Erlösung erlöst Erlösung.
Verlust verliert Verlust.
Wer mir folgt, war verloren.
Wer mir folgt, wird erlöst.
3. Tag
Jesus taucht ein in das Wasser.
Ordnung ist, was war, bevor ich kam.
Ordnung gleicht Ordnung.
Gleichheit ordnet Gleichheit.
Gleichheit ordnet Unordnung.
Ordnung gleicht Ungleichheit.
Ich gebe Alles in die Ordnung.
Ich entweihe die Ordnung, in die ich mich als heiliges Opfer gebe.
Ich vernichte die Ordnung und ich vernichte mich.
Ich errichte die Unordnung und ich errichte mich.
Ich versöhne die Unordnung, aus der du dich zum toten Täter hebst.
Ich nehme Nichts aus der Unordung.
Dies lebendige Brot darf nur von Gott gebrochen sein. Nur da Gott dies Brot bricht, ist die Tat gesühnt.
Dies lebendige Wasser darf nur von Gott vergossen sein. Nur da Gott dies Wasser gießt, ist die Tat gesühnt.
Der nicht Gott ist und von diesem Brote nimmt, jener stirbt für immer.
Der nicht Gott ist und von diesem Wasser nimmt, jener stirbt für immer.
Der Mensch ist und nicht von diesem Brote nimmt, dieser lebt in Ewigkeit.
Der Mensch ist und nicht von diesem Wasser nimmt, dieser lebt in Ewigkeit.
Gott ist wirklich Mensch.
Mensch ist freilich Gott.
Mensch ist nicht wirklich Mensch.
Gott ist nicht wahrlich Gott.
Mensch ist Gott Gottes.
Gott ist Menschens Mensch.
Adam tilgte den Baum und vergaß den Namen des Herrn.
Tilgung vergißt Tilgung.
Vergessen tilgt Vergessen.
Adam pflanzte das Kreuz und schwor den Tod des Menschen.
Pflanzung schwört Pflanzung.
Schwur pflanzt Schwur.
Ich schaffe mich.
Ich betrachte mich.
Ich mißfalle mir.
Adam sondert sich aus.
Ich nehme mich ein.
Gott kann nicht Gott sein.
Adam muß nicht Adam sein.
Adam ist der erschaffende Gott.
Gott ist der begreifende Adam.
Gott ist der jagende Adam.
Adam ist der fliehende Gott.
Adam ist der sterbende Gott.
Gott ist der lebende Adam.
Adam will Adam sein.
Gott will Gott sein.
Ich sondere mich aus.
Adam nimmt sich ein.
Ich gefalle mir.
Ich erkenne mich.
Ich nichte mich.
Ich gebe Alles.
Alles ist alt.
Nichts ist neu.
Du bist alt.
Ich bin neu.
Ich nehme Nichts.
Unordnung ordnet Gleichheit.
Ungleichheit gleicht Ordnung.
Ungleichheit gleicht Ungleichheit.
Unordnung ordnet Unordnung.
Unordnung ist, was wird, nachdem ich ging.
Jesus sitzt weinend am Tisch.
4. Tag
Der Baum, er wächst nicht mehr.
Die Sonne läuft im Kreis.
Das Meer ist ohne Wasser.
Das Gebet erniedrigt den Herrn.
Gott, du gänzlich anderer, sei gnädig, heilige mich durch dein Ebenbild. Sei wie ich und ich bin wie du, sprach Johannes.
Der ewige Mose wartet auf meinen Tod, doch bin ich sein Mörder, antwortete Jesus.
Der unsterbliche Gott muß sterben, um Israels vollkommener Gott zu sein. Lebender, verwerfe diese Welt mit dir, Einer, lasse dich richten, so wie du richten wirst die Horden der Anwesenheit, sprach Aaron.
Der ewige Mose gürtet sich aus einem Stück, doch bin ich ein Menschensohn, antwortete Jesus.
Der Feind steht vor Gott, gesunken die Maske der vier Welten, letzte Zeit verrinnt. Reiner, schenke der Schwellbrust den Sieg, auf daß sie sich selbst besiege. Bebender, deine Nacht, die du längst durchblickt, sei mein Libanon, sprach Onias.
Der ewige Mose ist des Bundes satt, doch bin ich sein Fleisch und Blut, antwortete Jesus.
Jesus sah den Makel. Die Haut war grau und fleckig. Im Bart verfing sich der Sand. Jesus hatte sich die Beuge wundgekratzt.
Vollendung vollendet Vollendung.
Jesus aß nicht mehr und er wusch sich nicht mehr.
Ich bin Geist.
Ich bin das Wort, welches die Wahrheit benennt. Ich bin die Tat, welche die Freiheit erzwingt.
Ich bin Gott und Mensch.
Mose, erfülle, auf daß ich vollende. Vater, mich zu töten, darum hast du dich verlassen.
Ich bin und ich bin nicht.
Ich bin aus Nichts geschaffen und ich habe aus Nichts geschaffen.
Ich bin mein Werk.
Jesus folgte dem Bruder.
Jesus ging zum Weibe.
Das Weib füllte seine Schüssel, das Weib wusch seine Füße, das Weib salbte sein Haupt, wie Jesus einst dem Bruder getan.
Das Weib verstand, warum er aufbrach.
Nichts endet und ich beginne.
Ich bin der Erlöser des Menschen, so trete ein in mein Reich und so sei nicht, der du bist. Ich entbinde dich deiner Pflicht, sprach der Tod.
Ich bin der Erlöser des Todes, so falle nieder auf dein Angesicht und so sei, der du bist. Ich bin der Mund der Welt, ich rufe deinen Namen und verschlinge deine Schuld, antwortete Jesus.
Das gesprochene Wort flattert wie Vogelsang im Stoß des Windes.
Das geschriebene Wort ist gehauener Blitz, eingelassen, fortgedrungen.
Die Tafel liegt am Grunde des Brunnens, Moos und Wucher, weißer Wurm und blinde Spinne hausend, geborsten, entzwei. Und doch ging keines des Zeichens verloren.
So sei, der du nicht bist.
5. Tag
Sonne und Wasser und Blitz.
Mond und Wasser und Regenbogen.
Das Licht roch nach Fett.
Jesus hatte 70 Tage und 70 Nächte gefastet.
Jesus saß abseits der aufgelassenen Mühle und träufelte leere Augenblicke dem dörrenden Abend hinterher.
Ich bin Nichts und Alles ist in mir.
Ich erreiche Alles und ändere Nichts.
Ich ändere Alles und erreiche Nichts.
Ich bin Gott und ich verlange nach mir.
Fächer oder Stein, sprach Kephas.
Kommen oder gehen, antwortete Jesus.
Kommen oder gehen, sprach Judas.
Fächer oder Stein, antwortete Jesus.
Lüge oder Verrat, sprach Petrus.
Demut oder Liebe, antwortete Jesus.
Demut oder Liebe, sprach Maria.
Lüge oder Verrat, antwortete Jesus.
6. Tag
Wer bist du, sprach der Richter.
Ich bin, der ich bin, antwortete Jesus.
Bist du, der du bist, so bist du schuldig, sprach der Richter.
Wer bin ich, sprach Jesus.
Du bist, der du nicht bist, antwortete der Richter.
Bin ich, der ich nicht bin, so bin ich schuldig, sprach Jesus.
Wer bin ich, sprach der Richter.
Du bist, der du bist, antwortete Jesus.
Bin ich, der ich bin, so bist du schuldig, sprach der Richter.
Wer bist du, sprach Jesus.
Ich bin, der ich nicht bin, antwortete der Richter.
Bist du, der du nicht bist, so bin ich schuldig, sprach Jesus.
Jesus hing am Kreuz und wartete auf ein Zeichen. Jesus hing am Kreuz und ahnte, daß er starb. Die Lunge füllte sich mit Wasser, Jesus hatte keine Kraft mehr zu atmen.
Jesus hing am Kreuz und wollte ein Zeichen. Jesus hing am Kreuz und ahnte, daß er tot war.
Nichts geschah und Jesus war da.
Jener Soldat, der heimlich weinte um den einen Sohn und die Kameraden im Würfelspiel betrog, der Jesus von seinem Marschwein gab und der Jesus um ein Wunder anschrie, der schließlich, als die Sabbatwächter kamen, die Beine zu brechen, Jesus voller Leid die Lanze in die Brust stieß, jener Soldat half dem Weibe auf und reichte ihr das Tuch.
Teil III (H.)
791
Der Name des Tiers
O
Atem stockt.
Auge harrt.
Das Tier lag auf dem Ast eines Baumes.
Das Tier sah dem Zug des Glutvogels nach.
Er spürt es.
Es ist da.
Er ist da.
Das Gefieder des Glutvogels dunkelte purpurn.
Das Fell des Tiers dunkelte purpurn.
Lid sinkt.
Atem weicht.
Der Glutvogel berührte die Spitze des Horizontes.
Es verschwindet.
Er entschwindet.
C
Atem stockt.
Auge harrt.
Das Tier lag auf dem ausgreifenden Aste eines Savannenbaumes.
Das Tier sah dem ungestümen Zug des Wolkenschwarmes nach.
Er merkt es.
Da ist es.
Da ist er.
Das Tier hörte das polternde Schwanken, das bebende Grollen des unaufhaltsamen Laufes.
Das Tier hörte das wogende Schweben, das fliehende Weben des unablässigen Leibes.
Lidschlag.
Atemzug.
Der Wolkenschwarm drängte sich um den Gipfel des Horizontes.
Er erblaßt.
Es verbleibt.
Der Wolkenschwarm folgte dem Glutvogel.
Atem zieht.
Auge fliegt.
Die schwarzen Blätter des Savannenbaumes schützten das Tier vor der Hitze des Tages. Die schwarzen Blätter des Savannenbaumes schützten das Tier vor der Kälte der Finsternis.
Das Tier schmeckte die Sattheit. Das Tier war voll und schwer.
Das Tier roch die Kraft. Das Tier war leicht und leer.
Er kennt es.
Da und dort.
Die feuchten Bäuche der Wolkenschwärmer, geballt und verbogen, wundrot, die schwitzenden Schädel der Wolkenschwärmer schlugen aneinander, dringend, fiebernd, zwingend, stoben sie begierig die Flanke des Horizontes hinunter.
Reißende Blitze tosten aus der Raserei, gleißendes Krachen peitschte in den Fall.
Hauch und Helle.
Der Wald zufuße des Horizontes brannte, kochte, siedend entfachte Wipfel, die überreifen Früchte zerplatzten, eifernd und scharlachrot, der sinkende Flügel des Glutvogels bleckte seimenden Qualm, fauchte schwärenden Funkenschlag den wirbelnden Wolkenschwärmern entgegen.
Die schwarzen Blätter des Savannenbaumes raschelten. Die schwarzen Blätter des Savannenbaumes knisterten.
Die schwarzen Blätter des Savannenbaumes summten. Die schwarzen Blätter des Savannenbaumes flüsterten.
Es entsteht.
Er versteht.
Der Glutvogel war untergegangen.
Die schwarzen Blätter des Savannenbaumes schimmerten, flimmernde Finsternis wogte dazwischen, trug den hohen, fernen Zug der Eiswale, weiß und rund und alt, älter und ferner jenem, der nun folgte im stummen Wintermeer, runder und weißer und kälter, dem letzten, ertrunkenen Fluge.
Das Tier schmeckte die Fahlheit. Das Tier war so einsam und fort.
Das Tier roch die Angst. Das Tier war so gleich und einzig.
Der Flammenwald zufuße des Horizontes gerann, verhärtete in blutrot aderigen Fels.
Der Schwarm war niedergekommen.
Das Tier schob den Arm vor und streckte den Finger über das Ende des Astes hinaus.
Stockend und müde langten die Schattenechsen aneinander, stampften fremd und ungelenk, wankten sie umher, zu blinkend vielgefurchtem Schwefelbruch versengte, zerpreßte, zu eng gewordene Wolkenhaut, Falten und Schluchten, die schwindende Brunst des Sinkens, zischender Dampf, stinkender Nebel, trieb sie glimmend auseinander, schwelender Schuppenstein, hinein in die Weite, hinaus in die Nähe der Finsternis.
Atem mischt.
Auge lischt.
Das Feuer folgte der Schattenechse.
Die Schattenechse schob den riesigen Bauch empor. Die Schattenechse spannte den kantigen Grat des Rückens. Die Schattenechse hob den winzigen Schädel hinauf.
Ein spitzer, wütender Ruf, Horn und Stachel, ein gellender, schamloser Pfiff durchbog die kahlen Kuppen der regungslosen Savanne.
Der Brand folgte der Schattenechse. Nur ihr allein.
Die Spur loderte, jeder Schritt ein Feuerhieb, jeder Tritt ein Funkenstieg, lohte auf und nieder, höhlenrot und scharf und jung, züngelte schneller, kürzer.
Der Leib der Schattenechse funkelte wie Finsternis.
Die Schattenechse folgte dem Atem des Tiers.
Das Tier ballte die Hand zur Faust.
Er will es.
Es ist in ihm.
Eine Knospe löste sich aus dem schwarzen Geflecht am Ende des Astes und sank sirrend in die Finsternis.
Das Tier zog den Arm zurück und öffnete die Faust. Die Hand des Tiers war leer.
Die Knospe fiel flirrend durch die Finsternis.
Das Tier war in der Knospe.
Das Tier war in der Frucht.
Das Tier war im Samenkorn.
Das Tier folgte der Knospe.
Die Knospe trieb durch die Finsternis, bauschend und quellend, schwarze, rote, weiße Blütenflut und Perlen, wellend und rauschend.
Atem hebt.
Auge blickt.
Das Tier reckte den Leib empor. Das Tier bog die Stirn hinauf. Das Tier streckte den Finger über den Horizont hinaus.
Er fühlt es.
Er tut es.
Das Tier, aufgerichtet, ausgerichtet, das Verborgene erglühte, ausfahrend, auffahrend, das Tier sah das Tier ziehen.
Das Tier krächzte.
Atem steht.
Auge bricht.
Das Tier erkannte. Selbst.
Das Tier verlangte. Selbst.
Das Tier erlangte. Sich.
Das Tier verkannte. Sich.
Er darf es.
Es ist wahr.
Das Tier beugte die Knie.
Das Tier berührte die Knospe.
Das Tier berührte die Wunde.
Er ist aus sich.
Er ist in sich.
Er ist bei sich.
Das Tier spürte die Blöße.
Er selbst.
Die Knospe, Besitz und Verstand, das Verborgene wallte heran, ausgebreitet, aufgeweitet, Thron und Grube, die Knospe fühlte die Knospe erblühen.
Die Knospe entbehrte der Fülle.
Die Knospe empfing die Antwort.
Er ist in ihr.
Er ist aus ihr.
Er ist mit ihr.
Die Blöße des Tiers bedeckte die Blöße der Knospe.
Die Blöße der Knospe versteckte die Blöße des Tiers.
Er verliert. Sich. Selbst.
Sie gebiert. Sich. Selbst.
Die Knospe schlang goldene Fäden um das drängende Tier.
Sie verfällt. Sich. Selbst.
Er behält. Sich. Selbst.
Das Licht eines Blitzes tropfte in den topasenen Kelch.
Er läßt nicht los.
Sie läßt nicht los.
U
Das Dach der Himmelswölbe, weiß und rot und schwarz bespitzte Finsternis, allein und überall, aufgewoben, aufgehoben, Salz und Stille, eingebogen, Tau und Tiefe, war eingegangen, eingefangen, Ring und Brunnen, weich und glatt, in die Nacht des knospenden Auges.
Sog und Spiegel.
Schierer Schein.
Das Tier wehte zurück in das reifbefleckte Blütenmeer.
Ein Wind, ein sich im Kreise drehender, auseinander, ineinander, leise tosend, stürmisch kosend, süß und rau und warm, der Wind bog das hohle Gras, brach und hob es hinaus, Kiesel kollerten bunt umher zum Rand, er wühlte und glättete das weiche, wartende, das runde, wund und lose Land.
Das tonlos ferne Bellen verstummte, die Schnäbel der Savanne scharten, pluderten sich, wandten ihre Kehlen zum verborgenen Beginn, riefen dorthin, wo der Stein der Erde im Himmel ertrinkt, sangen dem entgegen, der am höchsten steigt und am tiefsten dringt.
Über dem Tier, hinter dem Fluß, schmolz das Eis der Wale.
Das Eis der Wale schmolz im Winden, im Drücken, im Kratzen, im Picken, im Spalten, im Brechen des jungen, neuen, des aufglühenden Vogels.
Das Ei war zerbrochen, das Ei, das der Wurm, den der alte Vogel, erblindend, stürzend und schwindend verfehlte, das silberne Ei, das der Wurm, der in das zersprungene Maul des alten Vogels hineinkroch und die sauer heiße Asche fraß, der Wurm, der die schlafende Erde durchzog, von Ende zu Ende, in den Schilfrand heftete, dorthin, wo der Stein der erwachenden Erde im Himmelsmeer ertrinkt.
Das Eis der Wale, über dem Tier, hinter dem Fluß, zerschmolz und ging nicht unter, das Eis der Wale löste sich, es verschwand nicht, es überstrich die bloße, nackte Finsternis, lockte sie, reizte und war doch prickelnd frische Luft und sprenkelnd klirre Leuchte.
Der Glutvogel entstieg der silbernen Schale, dem Splitterberg, wach und kühn, schwang sich keck, kein scheler Blick zurück, über die weit und sanft sich ausbreitenden Hügel der Savanne.
Das Tier fühlte die Macht.
Das Tier spürte seine Hand in der ihren.
Sie hielt seine Hand, drückte fest, sie zog einen gezupften Halm hindurch und das prasselnde Rohr verschwand, braune Körner sprangen heraus aus seiner Hand, hinunter in das gereinte Lager.
Sie hielt seine Hand, drückte fest, sie zog ihn mit sich, den Platz durchstampfend, sie zog sich mit ihm hinein in den raschelnden, huschenden Singsang der Savanne, Pfau und Luchs und Kröte, hinein in das schmelzende Eis des in seiner Pracht erstrahlenden Tages.
Sie läßt nicht los.
Er läßt nicht los.
Nebeneinander gingen sie, Hand in Hand, aufrecht und umschlungen, miteinander liefen sie, Fuß an Fuß, durch das aufkeimende Land.
Das Tier spürte den Verlust.
Gelber Staub und grauer Fels, grünes Gras und brauner Busch, blaues Tier und Feuer.
Grauer Staub und hohle Felsen, braunes und grünes Getier, stiebende Gräser, Büsche, gelbes, blaues Feuer.
Nichts ist Vergängnis von Allem.
Nichts ist Emfängnis von Allem.
Das Tier fühlte die Lust.
Er folgte ihr, schneller und schneller sprang sie, hüpfte, jauchzte voran, voraus, dem silbernd dürre rauchenden Hügel entgegen, Stolpern, Purzeln, Farbenspiel, kullernd und keuchend, prustend drückte er sich hinter ihr in das Gestrüpp am Fuße der Anhöhe.
Sie will es.
Er ist dort.
Fahler, bitter beißender Qualm, träge flatterndes Stroh hing an den Dornen des knorrigen Dickichts.
Sie schlüpfte hindurch, so geschwind, geschmeidig sich windend, kaum einen Zweig berührte sie, ihm fiel das Dringen schwerer, er stieß und trat, ließ Büschel um Büschel des Fells.
Ein Schatten. Ein riesiger, fremder Schatten, so tief wie die durchwachte Nacht und so viel höher als ein Hügel.
Das Tier stand näher als seine Armeslänge vor diesem Koloß. Der Magen des Tiers krampfte, ein einziger Stich durchwühlte den Körper.
Das Tier wollte schreien.
Er schrie nicht.
Der düstere Karst war zu bebenden Trümmern zerbrochen, übermooste Platten und abgeriebene Zacken, verschoben, verrückt, verworfen, und inmitten eines jeden jener Brüche stak ein glimmendes Korn, ein schimmernder Span, kreuselten Rauchfäden, Schwefel, sengendes Haar, fasernd, zerfasernd heraus.
Sie kennt es.
Einst und jetzt.
Das Tier langte nach dem Fels. Das Tier wollte nicht. Das Tier langte witternd nach dem Fels der Finsternis.
Das Tier langte zitternd nach dem flimmernden Diamant.
Der Fels zerplatzte. Schlagend. Lautlos. Gewaltig. Ein einziger Riß.
Das Tier mußte fliehen.
Glühendes Ei.
Gefrierende Lava.
Sie zog an ihm, riß und schrie, doch das Tier ließ nicht los.
Er floh nicht.
Eislava.
Glutei.
Er stierte in das Glutei hinein.
Das Tier fröstelte.
Er stierte in die Glut, die den Abgrund durchzog.
Wirbelnde, ätzende Maser.
Nässende, zwirbelnde Fetze.
Strom und Zähe.
Er stierte in den Abgrund, der die Glut durchzog.
Das Tier fieberte.
Hauchdünner Spalt.
Farblose Finsternis.
Verkehrter Horizont.
Kopf bis Fuß.
Hand in Hand.
Angesicht an Angesicht.
Das Tier sah das Ebenbild, das über den Abgründen schwebte.
Das Tier betrachtete das Ebenbild, das über den Abgründen schwebte.
Das Tier durchschaute das Ebenbild, das über den Abgründen schwebte.
Das Glutei wird zerplatzen.
Der Bauch zermaß sich, ermattend klar wie eine letzte, funkelnde Dünung im windstillen Strand versinkt.
Das Herz vergaß sich, dumpfer Staub und längst gefallen wie ein letzter, rinnender Tropfen vom trockenen Blatt.
Das Auge schloß sich.
Die Echse war tot.
Das Tier rührte sich nicht.
Das Tier fühlte die Schuld.
Sie merkt es.
Er ist da.
Sie bückte sich, langsam und zart, sie war sich sicher, sie hatte keine Eile mehr, nahm eine der rauchenden Hornscheiben aus dem gebrochenen Lid, hauchte einen hellen Laut über den aufglühenden Keim und reichte dem Tier die Schuppe des Lichts.
Dies ist ihr Klang.
Sie blies ihren Atem über die lebendige Scholle in seinen Mund.
Dies ist mein Name.
Ein Sturmwind erscholl in seinem blanken Schädel, stieb rauschend und pfeifend die scharfe Feuchte himmelblau schimmernder Farben hinein, langte, schanzte, kippte das Erz, sang und tanzte, kühlender Tausch, wärmender Reif, hielt und ließ, Brocken erquoll, entwarf sich.
H. hielt beides in Händen, das Geschenk, das Geschenk des Geschenkes, so eben, so steil, und trug sie schreitend, gar wieder tretend, doch diesmal mit geradem Rücken, hinaus aus dem vor ihnen niederbrechenden Verhau.
Die Horde der Hunde sammelte sich bereits um den Dornenhain, die Horde jagte sich, noch feige kläffend, noch unschlüssig schnappend, um den Hügel.
Die Hunde, die sich schon heranwagten, duckten ihre Schnauzen, jaulten heiser, Geifer mischte sich mit dem Staub der Savanne. Die Hunde, die sich schon herausforderten, reckten ihre Mäuler in das Gebüsch, keuchten schrill, Geifer mischte sich mit ihrem eigenen Blut.
Die Horde der Hunde, räudig und gelb, gierte nach dem toten Fleisch der Echse.
Ein Hund drang ein, biß sich in das Gestrüpp, verspringend und windend, riß sich Büschel um Büschel aus dem Fell, zerkratzt und zerstochen, knurrend und keifend, fast schon drang der Hund hindurch.
H. spürte die Wut.
Sie sah in H.s Gesicht.
Sie weinte.
Ihre Nasenflügel zitterten, ihre Schultern zuckten.
H. fühlte die Fälsche.
Sie sah hinein in H.s Gesicht.
Sie hoffte.
Ihre Brust bebte, abgerieben und düster, verschoben, verrückt, verworfen, ihre Tränen tropften zischend auf die glimmende Schuppe.
Dies ist mein Klang.
H. blies seinen Atem über die lebendige Scholle in ihren Mund.
Dies ist dein Name.
Eine Hand hob die Scholle, zwei Hände hielten sie, eine Hand senkte die Scholle in den Dornenhain.
Die dorrenden Reiser fingen sofort Feuer.
Knisternd und krachend entbrach die Flamme, prasselte blau und gelb und wandte sich, schnappend und springend, um den erloschenen Berg.
Die Luft um den toten Riesen verbrannte zu gräulich feinem, abscheulich stinkendem Dunst, die Hornplatten brodelten, schmolzen, sogen die brandende Hitze in sich hinein.
Der Berg erglühte.
Der Berg erglühte ohne jede Farbe.
H. erkannte das Ebenbild.
Die Glut des Berges war das klare, leere, klirrend endlose Meer, umwoben, umwölkt vom nährenden Sudel flirrenden Tausches, Drift und Treffer, vom zehrenden Strudel kehrender Folge wahrenden Wandels.
Die Hunde schrien, die Hunde flüchteten vor dem Gestank in die Savanne.
Die Flammen stiegen den gefallenen Leib der Echse empor, schlugen über ihm zusammen, höher hinauf, hinan, zurück, dem ziehenden Lauf des Glutvogels entgegen.
H. begriff das Ebenbild.
H. nahm es an, hielt es ein, gab es auf, Gabe, Geben, Gabes Gabe, Hand und Fuß, Kopf und Mark, ragend, sagend, Grab und Graben, Grabes Grab, Schritt tragend, Tritt wagend hinaus in den neuen Duft der vor ihnen ausgebreiteten Savanne.
H. folgte der lebendigen Scholle. H. folgte seinem Feuer.
H. hörte den lebendigen Klang. H. sprach seinen Namen.
H. sprach den lebendigen Namen. H. hörte seinen Klang.
H. langte nach dem lebendigen Wasser. H. langte nach seinem Spiegel.
H. spürte das brennende Tier. H. fühlte seinen Tod.
H. trug die fette, trächtige Scholle, von nun an und weiter.
Nichts war ohne ihn.
H.s Blick schritt über die Scholle voraus.
H.s Tritt schritt zurück zum Fluß.
Alles wird durch ihn.
H. kannte nur einen Weg, H. kannte nur seine Spur, sich ertappend, erweisend, sich erheischend, es gab nur eine Spur, es gab nur seinen Weg, durch die weiße Wildnis, vorbei am schwarzen Baum, zurück zum roten Fluß.
Unaufhörliches ist längst begonnen.
Unabsehbares ist längst geronnen.
Unantastbares ist längst gewonnen.
Unaussprechliches ist längst ersonnen.
L
Schlangenbäume, ein langgezogener, schütterer Streifen, aus altem, grauen Flachs schmal und schief sich streckend, mit wenigen, ölig schweren, mit heilenden Stacheln, säumten das weite, flache Ufer.
Ein Klacken und Klopfen klang das Geröllfeld des Flußbettes entlang, Stein auf Stein, drängend, zögernd, stetig und verschieden, wahrend und fordernd.
Der Fluß schwieg. Der Fluß schwieg dünn und rot und endlos dahin.
Die Eiswale tummelten sich, tauchten empor, kampflos, sieglos, saugend und schlichtend die Gelichte des schwindenden Tages, zogen ihren Kreis, Lauf und Höhle, beugend und prustend das Gewebe der aufnebelnden Finsternis.
H. war zurück.
H.s Gang war voller Hub und Fall, Fang und leerem Wurf. H. blieb nicht stehen.
H.s Blick war zum Rand hin nur noch ränder, einfach unendlich, unsichtbar klar, rar und annehmbar.
Schar an Schar.
Jahr um Jahr.
H.s Blick war zur Mitte hin nur noch mitten, dauernd überlagert, erkennbar dicht, Gewicht und Verzicht.
Schicht um Schicht.
Licht aus Licht.
H. kannte das Klopfen und Klacken.
Der erste Glutvogel hatte sein Gefieder gegen den Leib geschlagen, funkenbergende Splitterbogen waren hervorgestoben und schäumend in den roten Fluß geprasselt.
Schlag auf Schlag. Hieb an Hieb. Der Große stieß so lange zu, bis der Stein zu Stein zersprang.
Der rote Fluß brach auf, um das Schilf zu umstreichen, in das der ferne Wurm das silberne Ei verbarg. Der rote Fluß erreichte das Schilf, um das silberne Ei zu zersprengen, das der ferne Wurm aus der Erde ballte.
H. trug die glimmende Scholle.
H. hielt das sengende Weib.
Abends schlug der Große mit seinem Feuerstein, tags nahm er die Anderen den Fluß hinab.
H. war nicht zurück.
H. hörte sich. H. hörte das Pochen in sich. H. sah sich. H. sah das Glühen in sich.
H. wollte weiter.
H. durchschritt den Hain des Schlangenbaums, in den die Anderen schon Schlafkuhlen flochten.
Die Anderen sahen nicht auf, reckten sich nicht, gingen nicht los, sie traten und taten, rund und dunkelnd, weiße Zähne, gelbe Augen, schwarzes Fell, windend und blind, jeder an eines jeden Platz, sie rochen ihn, so wie er sie roch, sie schmeckten seins, so wie er sie schmeckte, doch spürten sie all dies nicht. Jeder an des Anderen Platz taten sie all dies nicht, sie traten bloß.
All dies war immer gleich. All die Anderen.
H. hörte die Anderen.
H. sah die Anderen.
H. fühlte die Fremde.
Weib und Scholle.
Lebendige Glut.
H. war nicht hier. Niemals. H. war anders als all die Anderen. H. war sich gleich. H. war ihr, dem Weibe gleich.
H. mußte weiter.
Zug als Druck, Druck als Zug, so gleich das Weib, Nichts als Alles, Alles als Nichts, das Weib dazwischen, Wind und Wasser, Zeigin und Zeugin, Staub und Ferse, das Weib, selbst und seitlich, Luft und Wehe, blühend und duftend, hielt H. ganz nah und fest und da bei sich. Immer.
H. konnte weiter.
Bruchlos. Gemeinsam. Über den Fluß.
Atem zehrt.
Auge leert.
Hieb auf Hieb. Schlag an Schlag. H. kannte das Hauen und Krachen.
Der Große kauerte am Uferrand.
Der Große kniete vor einem grauen Stein.
Der Große hob den Arm, der silberne Splitter in seiner Faust folgte jäh des Glutvogels Lauf, trieb hinauf, stieß herab und traf den grauen Stein.
Ab und an hielt der Große inne und leckte über den Splitter.
Ab und an sprangen kleine Funken aus dem Klatschen und Knirschen hervor, schnelle, kurze Funken, die der Große versuchte einzufangen in ein Bündel trockener Halme, das er mit der Klaue an den grauen Stein drückte.
Ein paar der Anderen hockten in sicherem Abstand, glotzten entfernt und regungslos auf den malmenden Rücken des Großen.
Nicht mehr gar so regungslos und ferne nun, der Große hieb und schlug schon lange, sie warteten ebenso lange, sie waren müde geworden und ängstlich.
Kam das Feuer nicht, kamen die schwarzen Katzen und soffen warmes, schäumendes Blut.
Auch der Große wurde müde. Schmerz und Zorn spannten die alten, ewigen Muskeln.
Auch der Große erwartete das Geschenk.
Der silberne Splitter in der Pranke des Großen wurde kleiner und feiner.
Bannkreis.
Loch um Loch.
Auch H. starrte auf den dampfenden Rücken des Großen.
Quellsturz.
Der Tag folgte den aufblitzenden Eiswalen, Licht rann hinauf, unerfindlich, unzerstörbar, der Rücken des Großen wurde fahl wie umherflatterndes Spinngewebe, schal wie entschwindende Sommerpfützen, H. sah hindurch auf den grauen, toten Stein.
H. ging weiter.
Die Anderen scharrten im feuchten Kies, murrten, knurrten, hoben gilbende Augen, wankten, zankten, einer streckte sich schnüffelnd, das Weib ließ er ein letztes Mal bei ihnen zurück.
Fellschurz.
Der Große hielt inne und drehte den Schädel.
H. erkannte die Erleichterung, die Entkrampfung, die Lösung an des Großen erfaserndem Leib, Reinigung, Einigung, Schnelle, Kürze, Stränge und Züge fanden zurück, sammelten sich, faßten Finsternis, richteten, sichteten sich, schwingend, surrend, schöpften frischen, neuen, altbekannten Mut.
Schmerz und Zorn waren nicht umsonst.
H. war das Geschenk.
Der Große war sich des Siegers gewiß.
Der Große kehrte seinen Körper um, langsam, beinahe zärtlich, der Große genoß die wiederkehrende Kraft.
Der Große wartete, er genoß den bodenfaulen Geruch, der Große empfing den Hingegebenen, der Große genoß den schlingenden Ausweg.
Auch H. hielt inne.
H. stand vor Stroh und Reisig und Holz, das die Anderen dem Großen zusammengetragen hatten.
H. wartete nicht.
H. streckte den Arm und drückte die glimmende Scholle in den Haufen.
Weißer, dichter Qualm stieg auf. Und schon langten grüne und blaue Feuerszungen pfeifend und zischend heraus.
H. zog den Arm zurück und genoß den prickelnd duftenden Gesang.
H. sog die Luft der heilenden Nadeln in sich hinein.
Der Große stieß das schaumige Maul auf und sprengte auf H. zu, auf die lohende Glut, die Anderen preschten, scheuchten durcheinander.
Das Weib harrte.
Der Große schmeckte seins, schmieriger Schotter kreischte und spritzte unter peitschenden Doppeltatzen hervor, H. nahm all dies wahr, Quetschen und Schätzen, Haß und Hunger, H. wandte sein Gesicht, riß die Scholle empor, stieß sie herab und traf des fliegenden Großen fliehendes Maul.
Das Weib stöhnte voller Wonne.
Der Große stöhnte voller Wonne.
Dem Großen gebührte der Sieger.
Dem Weibe gebührte der Sieger.
Der Große erhob sich und öffnete abermals das Blutmaul.
Der Große tat sich auf, der Große hangelte hoch, lohte empor als schwarze Flamme und verharrte.
Heldengabe.
Auch H. rührte sich nicht.
Farbloser Horizont.
Verkehrte Finsternis.
H. sah das Blut, das aus dem Maule platzte, H. fieberte, H. sah das Maul, das nach seinem Blute schrie, H. fröstelte.
H. sah das Ebenbild, das über den Abgründen schwebte.
Heldengrab.
Der Große erstarrte.
Der Blick des Großen stieß durch H. hindurch.
Der Große sackte auf die Knie.
Der Blick des Großen traf H. nicht.
Fraglose Ferne.
Tagloser Stern.
Der Große brach zusammen.
Tragloser Kern.
Der Eine der Anderen erschien hinter dem Gefallenen.
Neu und größer.
H. spürte die Trunkenheit.
Der Eine der Anderen reckte den Arm, umklammerte mit seiner Klaue den purpurnen Splitter, mit dem er den Schädel des Großen gespalten hatte.
Alt und kleiner.
H. fühlte die Benommenheit.
Der Eine der Anderen keifte und begann, auf dem toten Leib des Gefällten herumzuspringen.
Jeder der Anderen keifte und jubelte und begann umherzuhüpfen.
H. fühlte die Verkommenheit.
Schlag auf Schlag. Hieb an Hieb.
Bald würde das Morden an den Jungen beginnen.
H. schwieg.
Das Weib schwieg.
H. packte sein Weib und flog hinaus in die bahnende Weite, in die ahnende Nähe der Finsternis.
H. floh, mit allem, das er hatte.
H. floh davon und war glücklich.
Gescheiter und drei.
Frei und weiter.