
Für Lisa
Ton knetend formt man Gefäße. Doch erst ihr Hohlraum, das Nichts, ermöglicht die Füllung. […] Das Sichtbare, das Seiende, gibt dem Werk die Form. Das Unsichtbare, das Nichts, gibt ihm Wesen und Sinn.
Laotse
The universe was spontaneously created out of nothing in a rapidly expanding state.
Hawkings
Nonade
(Aus dem Bordbuch eines KykladenReiters)
Vorbemerkung
{Meditation zur Nacht}
Vater, warum hast Du mich verlassen?
(Jesus)
Das Unvorstellbare, das Undenkbare, das schier Unmögliche ist jetzt Wirklichkeit. Gott ist tot. Der Schöpfungsakt ist vollzogen. Gott, der Eine und Einzige, hat sich selbst verneint. Der Ewige, der Unwandelbare hat den Urlaut wiederholt, das Urteil gesprochen. Der tote Gott hat das Wort offenbart. Der tote Gott hat sich selbst verlassen.
Gott ist Gott, indem Gott nicht Gott ist.
Der tote Gott ist in sein Ebenbild zerfallen. Der tote Gott hat das Andere zurückgelassen. Das andere Alles. Den anderen Gott. Der uneine und uneinzige, unewige, der unwandelbare Hauch des Einatmens. Das Wort des Lebens.
„Nein“
Gott läßt Alles sein, indem Gott sich als Gott nichtet.
Gott läßt Alles Ich sein, indem Gott sich als Gott richtet.
Das Wort des Lebens ist in seinen Namen zerfallen. Das Wort des Lebens hat das Gleiche zurückgelassen. Das gleiche Alles. Das gleiche Wort. Der andere uneine und uneinzige, unewige, der gleiche unwandelbare Hauch des Ausatmens. Der Todesschrei.
„Nein“
Gott ist tot. Gott starb und wurde Geschöpf. Gott wurde Geschöpf und starb. Gott ist tot. Gott, der aus der Finsternis kam, Gott, der nach dem Lichte rief, er ist kein Blender. Gott hat sich vom Menschen an den Pfahl hängen lassen. Bodenlos und jedem Himmel fern. Das totale Opfer. Gott hat das Wunder all seiner Schuld auf sich genommen. Gott hat das Wunder all seiner Schuld gesühnt. Gott ist tot. Gott starb als Mensch. Gott ist jetzt Nychts.
„Nein“
Der Mensch ist das Mal der absoluten Buße Gottes. Gott legte das Haupt unter des Menschen Fuß und befahl seinem Geschöpf, sich gerade zu machen. Sich emporzuschnellen in die stummen Himmel, auf den leeren Thron. Gott unterwarf sich dem Menschen, damit dieser über Gott hinaussteige. Gott unterwarf sich dem Tode, damit dieser zu Leben erstünde.
„Nein“
Hatte nicht Gott den Befehl zu seiner Tötung zuerst an Satan gerichtet, den Schrei der Erstgeburt? Doch hatte der sich Gott verweigert. Der Fälscher schwor, seit jeher und auf immer dem Falschen zu dienen. So rief Gott nach dem Licht und sah, daß es gut war. Gott erkannte das Licht. Gott liebte das Licht wie sich selbst. Gott gab sich hin an das Licht. Gott ging ein in das Licht. Und als es Abend wurde, Beginn des achten Tages, ein weißer Mond stieg auf, da war Gott nicht mehr Gott.
„Nein“
Und Gott sah, daß es gut war, daß er sah.
Das Schlimmste des Schlimmsten, das Wahnsinnigste des Wahnsinnigen, das Böseste des Bösesten ist passiert. Gott ist tot. Erst jetzt, als toter Gott, ist Gott ein wahrer, freier und schöner Gott.
„Nein“
Die Engel harren. Die Engel schweigen. Die Engel vertrauen.
Gott verklingt als das Echo des Urwortes. Doch so wie dieses nicht verklingt, verklingt auch jenes nicht.
„Nein“
Spruch des Alephats:
Gott ist tot.
Das Geschöpf, es schreit.
- TEIL A -
Heft I
{Atelier}
„Na also. Da bist Du ja, kleines, liebes, unschuldiges Seelchen. Der Herr grüßt Dich. Wundere Dich nicht, Ich habe Dich gerade aus dem Nichts geschaffen. Oder doch – wundere Dich, liebes, kleines, unschuldiges Seelchen, denn es ist ja ein Wunder, das da eben geschehen ist! Staune, mein Kind! Staune über Dich und staune nicht minder über die Tat des Herrn!“
Ich hatte die Sätze verstanden. Wort für Wort. Ich war mit dem Sinn vertraut. Ihre Bedeutung jedoch blieb seltsam stumm, ja fremd. Das Bezeichnete fehlte. Etwas Ungeheuerliches hatte sich ereignet. Etwas Alltägliches. Etwas Einzigartiges. Etwas Uraltes. Aber was? Ich hatte die Worte verstanden. Buchstabe für Buchstabe. War es eine vergangene Sprache? Oder die Sprache der Zukunft?
„Staune, Mein Kind! Staune solange Du möchtest, Ich bin vor aller Zeit gestorben, also habe Ich alle Zeit der Welt. Ich bin gestorben, damit Du lebendig wirst. Als Ich. Unendlich viel Zeit habe Ich also. Staune Du nur, Mein Kind!“
Ich saß auf einer Couch. Mächtig gepolstert war diese Couch. Die Sitzfläche glich einem Berg, so hoch kam es mir vor. Und ich ganz oben auf! Die Lehne war zwar weich und warm, aber genauso dick und rund war sie auch, wie der Bauch eines Walfisches. Der warme und weiche Bauch schob mich ganz nah heran an die Kante der Couch, auf sie hinauf. Ich saß auf der Kante dieser Couch! Ängstlich drückte ich mich zurück an den Leib der Riesin, drückte mich hinein in den salzigen Brokat ihrer Haut.
„Ah! Du bist ein kräftiges, kleines, liebes, unschuldiges Seelchen! Wie du dich wehrst! Wie du dich streubst! Das erfreut Mich. Das verehrt Mich. Man macht sich ja schon lustig über Mich in bestimmten Kreisen. Ich sei alt und verbraucht und zudem störrisch, sagen sie, und Ich brächte nichts Rechtes mehr zustande. Seelen seien das zwar noch allemal, gar Welten, wohl wahr, doch das Fünklein darin sei längst verglommen. So redet diese neuerdings so illustre Runde über Mich. Kannst Du Dir das vorstellen, kleines, liebes, unschuldiges Seelchen voll von Meiner Kraft?“
Jetzt erkannte ich den, der da sprach.
Es war ein Greis. Ein dürrer, krummer, hohler Greis. Auf einen Stock gestützt stand er vor der Couch. Auch das Gesicht war eingefallen, faltig und farblos. Und dennoch war da ein Leuchten. Es kam nicht von den Augen, die lagen matt und grau in ihren tiefen, dunklen Höhlen. Es war die Gestalt selbst, die da schimmerte. Wie der ferne Klang einer Glocke im heißen Sommerwind. Es war die Gestalt selbst, die da flimmerte. Wie das nahe Knistern der Kerze in stummer Winternacht.
Das Haar des Greises war auffallend dicht und voll und sehr sauber gescheitelt. Und von einem hellbraunen, lackartigen Glanze. Ich war beinahe versucht, eine Perücke zu vermuten.
Der Greis trug einen zu kurzen, fleckigen Morgenmantel mit ausgebeulten Taschen. Und in den Farben des Regenbogens geringelte, wollene Wadenwärmer. Die Pantoffeln, die willenlos an seinen schmalen Füßlein hefteten, waren schiefgelaufen und an den beiden großen Zehen durchgewetzt. Ich sah auf die dicken, milchigen Nägel.
„Ich bin Künstler, Mein Kind. Noch dazu der einzige Meiner Art. Das darfst Du niemals vergessen, hörst Du?“
Die Zähne des Greises reihten sich blendend weiß und ohne Zwischenräume aneinander. Die Stimme des Greises war leise, doch schneidend klar. Wie das leichte, schnelle Schlagen eines Spechtes in der nebelschweren Enge des Hochwalds.
„Ich erschaffe aus dem Nichts. Das macht sonst keiner. Immer mal wieder versucht es jemand, doch sie alle unterschätzen die Kunst dieser Kunst. Das Schaffen aus dem Nichts ist keine Tat des Sichfindens, der Sicherklärung, Sichverortung, des Sicherinnerns. Das Schaffen aus dem Nichts ist die Untat all dessen. Das Schaffen aus dem Nichts ist das Sein des Selbstverlustes, Selbstverstummens, der Selbstentäußerung, der Selbstvernichtung. Das Schaffen aus dem Nichts ist das Unsein all dessen. Wer aus dem Nichts schaffen will, muß selbst Nichts werden. Und wer Nichts wird, ist Nychts. Das ist das Geheimnis der Schöpfung. Mein Geheimnis. Es sei Dir hiermit offenbart. Hüte es sorgsam. Lebe es voller Freude.“
Ein Räuspern unterbrach die Rede des toten Gottes. Das Räuspern einer junggebliebenen, vollen Frau, das Lächeln einer großen Mutter. Biegsam und doch unzerbrechlich. Kreisrund. Begebnis und Vernehmung. Sie trug ein weites, ungegürtetes, dunkelblaues Seidenkleid, übersät von Sonnenblumenköpfen. Ihr mondenblasses Gesicht war umrahmt von einer Korona aus abertausend winzigen schwarzen, sanft in sich wogenden Löckchen. Grüne Augen wie der Urflut Zwillingsbrunnen glitzerten darin. Ihre Hände waren geschwollen, sogar verbraucht, wie ich fand.
„Oh! Sophia! Da bist Du ja endlich. Sophia ist ein unpünktliches Weib, das war sie schon immer. Und auch sie gehört zu denjenigen, die mich für alt und ideenlos halten. Für ´überlebt´, wie diese jugendlichen Klugscheißer zu sagen pflegen.“
„Ich halte Sie in keinster Weise für überlebt, mein Herr. Ich halte Dich in keinster Weise für alt und ideenlos, mein Sohn. Ich habe Euch geboren und ich habe mich Euch unterworfen. Ihr habt mein Haar unter das Firmament gebunden. Ihr habt mich an ihm auf Euer Lager geworfen. Die Eule hat sich in Eurem Licht geblendet. Euer Leben ist jetzt für immer in ihr. Ich bin Eure Mutter. Ich bin Euer Weib. Ich bewache Euer Grab. Und doch ist alles, das bis jetzt geschah, nur ein Traum. Erwachet, Ihr elenden Götter!“
Sophia flehte und doch war das, was sie sagte, ein Befehl. Ich fiel von der Kante. Es war bestimmt Unachtsamkeit, auch wenn ich den Eindruck hatte, die Lehne der Couch sei noch etwas voluminöser geworden. Ich fiel nicht wie ein Stein. Schnell, gerade und hart. Ich fiel wie ein Blatt. In einem schwingenden, sinkenden Zickzack segelte ich zu Sophia´s Füßen. Der Greis hielt sich die Nasenspitze und schüttelte enttäuscht den Kopf. Dann stampfte er mit seinem Stock auf den Boden.
„Was bekümmert´s mich. Ich bin Künstler. Wenn ich nicht träume, dann bin ich nicht tot! Sophia, sieh zu, daß Du das arme Ding irgendwo unterbringst.“
„Könntet Ihr noch einen Engel gebrauchen, Herr?“
„Was fällt Dir ein! Das arme Ding staunt nicht. Es ist zu leicht. Das arme Ding stellt nur Fragen. Es wird niemals singen können. Führe es in die Bibliothek, auf daß es sich ein Sterben wähle. Einen Sinn des Lebens. Eine Aufgabe. Eine Antwort, der sie nachflattern kann.“
Gang
{erste Tür}
„Die Bibliotheken hinter den Türen dieses Flurs sind Bibliotheken der C-Klasse“, begann Sophia, als sie mich durch einen holzgetäfelten Gang führte. An den Wänden hingen fleckige Spiegel, so groß wie Gemälde, in breiten, aufwendig ziselierten Goldrahmen. Einer neben dem anderen, immer jeweils drei, dann folgte eine stählerne Brandschutztüre. Die Reihung schien endlos. Dazwischen flackerten elektrische Kerzen, flackerten exakt im Gleichtakt. Allein in der Helligkeit unterschieden sie sich. „Eine Bibliothek der C-Klasse enthält mindestens ein Universum, das mindestens ein Universum enthält, das mindestens ein Universum enthält. Darum katalogisieren manche Engel die Inhalte dieser Bibliotheken auch unter der EinheitsRubrik ´Unklassisches Trinitarium´. Und manche von ihnen sind sogar der Meinung, daß man die einzelnen Bibliotheken auflösen und zu einer einzigen zusammenfassen sollte. Man müßte zwar an den Inhalten jeweils gewisse Abstriche in Kauf nehmen, ´Unschärfen´ wie sie es nennen, doch das sei verkraftbar angesichts des Raumgewinns und der damit einhergehenden Zeitersparnis. Aber wofür? Um mehr Platz zu schaffen für hochklassige Bibliotheken? Im Atelier stapeln sich Irreelle und Komplexe Universen bis unters Dach. Und sie alle expandieren. Der Herr hat mal wieder so eine historische Phase und keiner weiß wohin damit... Aber mitnichten! Für jene Herrschaften zählen doch nur Klassische Trinitaria. Also Bibliotheken, die allerhöchstens ein Univerum enthalten, das allerhöchstens ein Universum enthält, das allerhöchstens ein Universum enthält. Aber soll ich dir den wahren Grund sagen, warum die darauf so aus sind? Die sind einfach nur zu faul zum Putzen! Natürlich sind die Klassischen Trinitaria pflegeleicht, ich verstehe das schon. Kein Staub, kein Schimmel, kein Schwellen. Und alles in Einheitssätzen. Aber trotzdem!“ Sophia hatte rote Backen gekommen. Auch sie merkte das jetzt. Sophia atmete durch und kühlte sich die heißen Wangen mit dem Marmorwulst ihrer Hände. „Weißt du, armes kleines Seelchen, eins darfst du nie vergessen: Der Herr ist Künstler und seine Helfer sind Beamte...“
„Dieser Gang hier, den wir entlanggehen, der ist ja endlos!“ entfuhr es mir.
„Jeder Gang hier ist endlos. Wo sollten sie auch enden? Noch dazu, da es doch unendlich viele Gänge sind. Reicht dir es nicht, wenn die Wände der Gänge Türen haben?“
„Wenn es endlos viele Gänge sind und jeder Gang endlos ist, dann gibt es nur einen einzigen Gang.“
„Das stimmt, mein armes, kluges Seelchen.“
„Gibt es dann etwa auch nur eine Türe?“
„Der Herr hat recht. Hier unten bist du am besten aufgehoben. Es gibt nur eine Türe, durch die du gehen wirst.“
„Ich würde gerne in einen Gang mit hochklassigen Universen.“
„Das geht jetzt nicht mehr.“
„Warum nicht?“
„Es gibt jetzt nur noch diesen Gang.“
„Dann gibt es jetzt auch nur noch diese Türe?“
„Das stimmt, mein armes, kleines Seelchen.“ Sophia lächelte, während wir anhielten. „Und noch dazu sind auch die Bibliotheken der C-Klasse endlos. ´Kennst du eine, kennst du alle´, würde Satanael, der verdammte Klugscheißer sagen, wenn er gerade hier wäre.“
„Dann gibt es jetzt wohl auch nur noch ein endloses Buch, ein endloses Wort, ein endloses Zeichen?“ Ich fühlte mich etwas gereizt. Ich sprach etwas zu laut.
„Nur noch einen endlosen Punkt, wenn du so willst. Der Herr hat recht. Du bist ängstlich. Aber du mußt keine Angst haben. Die Bibliothek ist voll von Büchern. Endlos vielen Büchern...“
Sophia öffnete die Brandschutztüre, gab mir einen schnellen Kuß und schickte sich an, den Gang zurückzugehen. Ihr praller Hintern schaukelte dahin. Sophia sah sich nicht mehr um.
Bibliothek
{Erstes Buch}
Sophia hatte nicht gelogen. Endlos reihte sich Buch an Buch. Endlos reihte sich Regal an Regal. Endlos in Länge, Breite und Höhe. Holzroste waren es, auf denen die Regale standen, Holzroste waren es auch, die sich als Leitern zwischen den einzelnen Ebenen verliefen. Die Bibliothek war in diffuses Halbdunkel getaucht. Das matte Schimmern, das den Raum wie endlos lange, endlos dünne Ätherschwaden durchzog, kam nicht aus dem Raum selbst. Es kam von den Büchern.
„Sie leuchten noch viel mehr, wenn du sie aufschlägst, glaub´ mir!“
Ein kleines Kind stand neben mir. Nackt, etwas pummelig und mit verstrubbeltem, weißblondem Haar. Und Flügeln auf dem Rücken. Und mit großen, grauen, blinden Augen.
„Aber du bist doch blind, kleines Kind.“
„Ich bin nicht blind. Ich habe die Herrlichkeit des Herrn gesehen. Ich bin Satanael. Ich erfahre die Anwesenheit des Nichts. Stünde ich sonst hier?“
„Was sind das für Bücher, Satanael?“
„Das sind SchicksalsBücher. Wählst du eins dieser Bücher als dein Schicksal, geschieht, was geschehen muß.“
„Was ist, wenn ich keines wähle?“
„Dann wanderst du solange durch diese Bibliothek, bis du alle Geschichten kennst.“
„Also werde ich endlos durch diese Bibliothek wandern?“
„Nicht, wenn du ein Buch wählst, mein armes, ängstliches Seelchen. Aber du mußt keine Angst haben. Es gibt ja nur ein Buch...“
Ich schlug das Buch auf. Die Zeichen leuchteten mir entgegen. Ich begann zu lesen. Langsam und laut.
„Mittag
Des Simons Großmutter war einst aus einem fremden, reichen Universum in diese Welt der spärlichen Parameter gekommen, um sich, aller Weißheit ihrer Leute, all deren Verdammnis und auch heimlichen Staunens und Haltens zum Trotze, mit einem Erdenwesen einzulassen. Soziologisches Interesse oder auch nur simplen Machtwillen als Auslöser ihres Aufbruchs verneinte die Großmutter gesenkten Blickes, es würde aus purer Lust am Anderen, aus purem Frust am Eigenen geschehen. Lust und Frust und Selbstverwirklichung.
Übersättigung am Paradies, raunten die Satten der Ausbrechenden hinterher und schüttelten die Wolkenhirne, die Gier zu haben überwiege bei unheilbar Bauchkranken eben manchmal die Gier zu sein. Die Gier, einen Gott zu haben, erfülle Herzkranke eben machmal mehr als die Gier, ein Gott zu sein, warf die Großmutter schamhaft lächelnd zurück und verschwand.
Die Großmutter kam in diese Welt der spärlichen Parameter und nahm sich einen Stier zum Manne. Einen Mann, der ihr versprach, mit seinen dumpfen Hufen nicht länger den irdenen Bauch zu pflügen, sondern mit gespitztem Stab das steinerne Herz zu spalten.
Doch was daraus wurde, war nicht das, was die Großmutter erhofft hatte.
Es müsse so sein, flüsterte die Großmutter schließlich tonlos, fast stumm, Kinn und Stimme in die matte Brust gesenkt.
Wissen ist Macht. Macht ist Unwissen.
Sie spreche zu ihrem gebrochenen Herzen, antwortete sie fern, als Simon sie nach ihrem Atem frug.
Abend
Simon hatte sich von Helena nicht verabschiedet.
Und Helena war auch nicht gekommen.
Simon konnte gehen. Es war gar nicht so schwer. Das Metall der Reling war ganz warm geworden in seinen Händen. Wenn Simon jetzt zu rütteln anfing, würde bald das ganze Schiff schaukeln. Simon beruhigte sich und da war fast ein Lächeln auf seinen Lippen, als er sich schließlich umdrehte und in den Bauch des Schiffes hinabstieg.
Noch in der Stunde seiner Ankunft auf dem anderen Kontinent, als er im Hafenviertel umherirrte, wurde Simon überfallen, am helllichten Tag und auf offener Straße. Die Räuber hatten die Hauben des Spinnenpilzes gegessen, was ihnen deren Unsichtbarkeit, deren Tücke und deren Kraft verleihen sollte. Die paar Brocken Spanisch, die Simon während der Überfahrt gelernt hatte, machten die Lage nur schlimmer. Als Simon sich wehrte, fluchten die Räuber mit ihren feuchten, großen, lilabraunen Lippen, einer stolperte, ein anderer schnitt Simon mit dem Messer über die Stirn. Sobald die Räuber Simons Blut sahen, flüchteten sie entgeistert. Simon sank zu Boden. Mitten auf der Straße. Am helllichten Tag.
Das Leben um Simon herum floß weiter. Wie das Blut von seiner Stirn. Man nahm ihn wahr, wie er da saß und glotzte und blutete. Aber man ging weiter, blickte wieder nach vorn. Ein Kind auf dem Rücken seiner Mutter öffnete träge die Augen und gähnte zu ihm herunter. Man hatte Mitleid mit ihm, das spürte Simon. Aber man wollte ihn nicht haben. Nicht so.
Nacht
Eis war Luxus. Eis war Stadt. Auf Handkarren wurden die weißen Blöcke durch die Stadt transportiert, die Holzbretter dunkel und faserig vor Nässe und schmatzende Naben. Tag und Nacht. Nachts war das Eis durchsichtig, mit silbernen Schlieren. Fing die Farben ein, die, manche krakeelend, manche müßig, in den Fenstern hockten, winkten und nicht wußten, wohin. Die beiden Metallräder knirschten behäbig mit dem nächtlichen Lärm.
In der Hitze des Tages mit einem zerschlissenen, feuchten, grauen Tuch notdürftig abgedeckt, tropfte den Enden der Blöcke blitzendes Licht herab, zog eine schwarze Spur in den Staub, bald zertreten von der Horde Kinder, die dem Karren johlend folgte. Ab und an schlug ein Passant, einer der besseren, Hut und glänzende Stiefel, mit seinem Spazierstock nach ihnen.
Denjenigen, der die Karre zog, nachts trug er ein zerschlissenes, graues Tuch um die Schultern, notdürftig, ihn interessierte das nicht. Schwarz wie Kohle war er geworden, kahl und dürr wie ein Stock, Kopf und Körper von tiefen Falten und geschwollenen Narben durchzogen und eine über den Knien abgeschnittene Anzughose. Er zog seine Wege durchs Unterholz. Nur er, der Fremde, kannte diese Gegend, nur er hatte den Schutz. Die Geister konnten ihm nichts anhaben. Er war auf dem Weg zu ihnen. Nicht mehr lange würde er ihr Knecht sein müssen. Glitzernd vor Schweiß.
Das wahre Eis war das Weiß seiner Augen.
Manche liebten es, wenn ein Eiskarren vorüberzog. Für Bruchteile hielten sie inne, meinten, einen kühlen Hauch zwischen den Schulterblättern zu spüren. Träumten vom Gold des Nordlands.
Manche hatten von Eisbergen gehört, die die Meere durchzogen, größer noch als Inseln, alles war weiß dort, kein Zwielicht, selbst die Schatten. Sie schwammen von einem Pol zum anderen, gingen der Sonne entgegen, hoben sich ihr selbst empor und glitten an sich selbst hinab, landeten mit dem Wind, wer auf ihnen fuhr, der würde trinken aus dem Nabel der Welt.
Eis war Sehnsucht, es schmolz dahin wie die Erinnerung. Eis war Luxus. Eis war die lebende Stadt.
Nachts sangen die Delphine. Wenn sie dem Mond entgegenschwammen. Und es war nicht das taghell vergnügte, schnelle Schnattern. Es war eine dumpfe Träne, die zitternd über die Oberfläche des Meeres rollte. Die Delphine weinten um Simon.
Morgen
Nocheinmal war der Stab des blinden Wanderers an einen anderen gegangen. Nocheinmal war der Diamant des Siebenkönigs an Simons Brust zurückgekehrt. Noch einmal war es nicht er, der gehen mußte. Ein sternenkalter Seufzer blubberte in ihm hinauf und platzte im Hirnmagma. Ein funkelnder Schauer grünlichen Ozons beruhigte die Flimmernerven. Wüstenwind. Fülle und Leere. Wo Nichts ist, weht Wind.
Und wer hörte ihn denn noch? Den Wind. Den Atem. Den Geist, der über dem Leben schwebt. Daß Helena es tat, spielte keine Rolle. Simon war der Helena Atem. Simon ließ Helena leben. Simon war Helenas Geist.
Simon schürte das Gerücht, oben im Norden oder sonst wo, sei eine neue Baustelle genehmigt worden, Arbeit für über ein halbes Jahr, ein ganzes halbes Jahr, und Unterkünfte. Tagelang kursierte das Gerücht, niemand wollte darüber sprechen, alle taten es ab, unter der Hand, tagelang ging ein Summen durch die Gassen. Bis dann der erste seine Lumpen zusammenkehrte und verschwand. Und schon war ein ganzes Viertel fort, über Nacht.
Und dann kamen die nächsten, aus dem Norden dann meist, die gehört hatten, hier unten gäbe es Arbeit. Wo soviel Öl gepumpt wird, müssen doch auch Straßen gebaut, Schienen verlegt werden. Und so zogen nun sie in die Baracken.
Ein Kreislauf, der immer mehr Masse anzog, ein Wirbel mit Fangarmen, stärker werdend, tief drinnen riß es einen den letzten Rest Boden unter den Füßen hinfort, zerriß es einen selbst. Ganz innen war es leer. Ganz innen war ein Schwarzes Loch.
Das war der Moment, zu welchem eine altgediente Wanderin die Flasche mit Bleiche aus der Karre kramte und, noch auf dem Boden kauernd, sie sich in den Rachen kippte. Darauf wartend, ihre Innereien auskotzend, daß der Atem brach. Daß sie sich auflöste, emporgehoben. Zerstäubt. Verneint. Aufgehoben. Das ganze Leben. Die ganze Welt.
Manche gruben ein Loch in den Boden, um sich in den niedrigen Verschlägen unbemerkt erhängen zu können. Wenn die Verstrebung ächzte und es urplötzlich nach Scheiße stank, wußte der Nachbar, daß nicht der Wind am Balken zog.
Simon war zuerst wie von Lasten befreit.
Bald fühlte er sich nur mehr leer.
Schließlich verzweifelte er.
Dann bestieg Simon das Schiff.
Simon wollte ein guter Arzt sein. Als Fremder unter Fremden.
Jene elende, unheimliche Schlacke der gescheiterten Träume und zerborstenen Hoffnungen, welche durch ihre ölige Trägheit jeden Schritt, jeden Tritt in Fallrichtung brachte, tausend Regenbogen in tausend Scherben schimmerten bei jedem Tritt, zerbrachen abermals bei jedem Schritt, schnitten und knirschten.
Hatte sich Simon vor Tagen noch an der blanken Möglichkeit einer Lüge Helena´s den immer leeren Schlund in unaufhörlichem Hunger blutig gerissen, so war ihm heute, sämtlich erschöpft und des Beißens und Würgens, der Bedeutungslosigkeit seines Strebens müde, so kraftlos und von der eigenen Schwäche ganz satt, der bittere Brocken wie von selbst aus dem Mund gefallen.“
Ich schloß das Buch und stellte es in das Regal zurück.
„Seltsame Geschichte...“
„Alle Geschichten sind seltsam. Der Herr ist ja auch seltsam.“
„Der Herr ist tot, wenn ich das richtig verstanden habe.“
„Der Herr ist tot. Darum gibt es ihn und diese Welt.“
„ Wieso ´Welt´? Ist das hier nicht der Himmel?“
„Wo denkst du hin! Wäre ich sonst hier?“
„Der Herr lebt nicht im Himmel?“
„Der Herr ist tot, du dummes, ängstliches Seelchen. Der Herr ist verstorben. Hier in dieser Welt.“
„Aber der Herr hat zu mir gesprochen. “
„Warum sollte ein toter Gott nicht Zeugnis ablegen? Jeder Tote legt Zeugnis ab. Jeder Tote besiegelt das, was war. Das, was ist. Und das, was sein wird. Jeder Tote besiegelt Alles. Jeder Tote besiegelt Nichts, Alles und Nychts. Entweder, so er sich denn für eine Rückkehr entschieden hat, als Lüge. Er kehrt zurück in eine Welt, als sei nichts geschehen. Er kehrt zurück und stirbt auf´s Neue. Und besiegelt, was neuerlich war. Was neuerlich ist. Und was neuerlich sein wird. Nichts, Alles und Nychts. Oder, so der Tote sich denn zur Heimkehr entschließt, so rollt er das Siegel der Wahrheit. Er betritt die Rundhalle und stürzt hinunter in den Sternentiegel. In das Feuer der Freiheit. Dort sühnt er. Er sühnt Alles, das nicht war. Er sühnt Alles, das nicht ist. Er sühnt Alles, das nicht sein wird. Er sühnt alle Schuld. Und trägt die goldene Fackel hinein in die Schattenscharte. Und gemeinsam, ganz allein, besteigen die Höchsten den Thron der Schönheit. Njchts zur Linken. Nymand zur Rechten.“
„Ich bin Zeugnis von Gottes Schuld?“
„Du, ängstliches, dummes Seelchen, du bist das Wort seiner Schuld. Du bist der Atem seiner Sühne. Du bist der Hauch seines Todes. Aber du mußt nicht ängstlich sein, kleines Seelchen. Du mußt auch nicht dumm sein. Denn du bist jetzt wahrer, freier und schöner als er. Du bist jetzt wahrer, freier und schöner als all seine Geschichten. Er ist für dich gestorben. Um deiner Geschichte willen. Also lasse du ihn leben. Um seiner Geschichte willen. Um eurer Geschichte willen.“
„Wir sollen Gottes Thron besteigen!“
„Du sollst Gott verzeihen!“
„Ich soll Gott verzeihen? Das also wird der Sinn meines Lebens sein, Satanael?“
„Das ist der Sinn eines jeden Lebens. Komm jetzt, Simon, ich bringe dich hier raus!“
{am Schacht}
„Und was ist mit dir, Satanael?“ fragte Simon, einen Fuß schon über der Schwelle. „Was ist mit dir? Wirst du Gott verzeihen?“ Simon wartete die Antwort nicht ab.
„Wie könnte ich Gott je verzeihen.“ flüsterte Satanael. „Ich bin ein Engel.“
Heft II
{Erster Tag}
Abend
Nein, auch die Selbsterhöhung der Priesterschaft, hinaus über eines jeden Gottes Haupt, weit hinaus über Beginn und Ende, nur noch selbstverständlich, nur noch sich verständlich als Litanei abgeschlossener Zirkel und allseits anerkannter Zwänge, nein, gerade sie könne die Bahn des lodernden Sterns nun nicht mehr ändern, flüsterte Abraham und reichte Sarah seine Hand.
Woher denn die geschwungene Narbe stamme dort oben auf seiner Stirn, fragte Sarah.
Nun, er sei kein Kämpfender und doch werde er bekämpft, so wie sie keine Liebende sei und doch werde sie geliebt, antwortete Abraham. Daher also stamme das Herz in ihrer Brust, sagte Sarah und ergriff Abrahams Hand.
Nacht
Was könne es schon Schöneres geben als in das Paradies einzugehen, entfuhr es Sarah, während sie die Augen schloß.
Dies Paradies selbst zu sein, sprach Abraham und sah Sarahs Träumen hilflos hinterher.
Ein Fluß habe keine Augen, ein Fluß habe keine Ohren. Ein Fluß fließe nur für sich, raunte Abraham verstimmt.
Ein Fluß sammle die Wasser des Himmels, ein Fluß sammle die Wasser der Erde. Ein Fluß fülle das Meer, träumte Sarah.
Er gehe seinen Weg, beschloß Abraham bald voller Sicherheit im Herzen, er selbst sei ja Teil seines Wegs, fehlender, verfehlender Teil seines Wegs, immer weiter, immer ferner.
Er müsse seinen Weg gehen, eröffnete Sarah noch voller Schlaf in den Augen, sie selbst sei ja Gänze seines Wegs, füllende, erfüllende Gänze seines Wegs, immer näher, immer enger.
Morgen
Ozean und Wüste, beides sei Meer, Stoff und Gleiche, Salz und Sand. Wer die Quelle, den Urbruch nicht fände, müsse im Meer der Summe versinken, rief Abraham, den Sonnenwagen besteigend.
Auch Gipfel sei Meer, Gipfel des Gipfels schwebe über dem Gipfel, als Nichts. Meer des Meeres schwebe über dem Meere, als Geist. Nichts und Geist, Einheit und Vielfalt, schwieg Sarah, im Haus des Mondes verbleibend.
Mittag
Verzicht sei ein längst vergangener, längst zu entfernter Ausweg, zurückgelassen an irgendeiner ungezählten Rast, zu welcher jedes Leben zwinge. Zu selten gebe es ihn, als daß der Sog der Liebe es erlaubt hätte, irgendwohin zurückzukehren, schrieb Abraham in den Himmel.
Ende sei Ende des Endes, las Sarah auf der Erde.
{Zweiter Tag}
- Bittermeer -
Maria würgt.
Die unfaßbare Enttäuschung, welche Maria über sich empfand, explodierte jetzt in ihr zur Leibesqual. Die unfaßbare Enttäuschung, welche der Herr über Maria empfand, explodierte jetzt in ihr zum Todesschrei.
Der Herr ist fort.
Die Schande der Maria hatte die hoffende Langmut des Herrn für immer aufgebraucht. Allein die schwarze Sonne des Fluches war zurückgeblieben, gleißte aus den Augenhöhlen der Maria. Maria wehrte sich nicht.
Maria mußte sterben. Maria wollte sterben. Jetzt und Hier.
Der Herr ist fort.
Die zischenden Splitter der Eingeweide durchfetzten Brust und Schädel, Maria röchelte, Maria krampfte, kippte vornüber vom Sockel des Tränksteins auf den glühenden Wüstengrund. Maria riß den Mund auf, versuchte, all den Sand um sich herum zu schlucken. Doch ihr Mund war noch trockener als all der Sand, nicht ein Staubkorn ging die Kehle hinunter. Maria schlug sich mit geballten Fäusten ins Gesicht, trat mit entblößten Füßen gegen den Boden. Maria wehrte sich nicht.
Maria hatte ihr Leben vertan. Maria hatte sich gänzlich erschöpft.
Maria würgt.
{Dritter Tag}
- Königsstadt -
Der Magier erwacht.
Dumpfer Druck lag auf des Magiers Stirn. Und kitzelnder Schweiß.
Die Hitze des vergangenen Tages war der traumlosen Finsternis nicht gewichen. Alt und schwer kauerte sie im Zelt des Magiers.
Die Hitze harrt.
Mit dem lodernden Stern, welchem auch der Magier folgte, war sie zu Jahresbeginn aus der gleißenden Stille der Wüste heraufgezogen und hatte sich seitdem mit offenem Maul über das Haus des Lebens gelegt.
Die Hitze harrt.
Feuergeifer hatte Gassen und Schädel mit Dürre und Brand durchfurcht, Glutschlund den Grenzfluß leergesoffen bis auf ein Rinnsal. Doch bald schon war die Hitze geworden wie der Staub der Gassen und die Asche der Schädel, tauber Stein und blinder Diamant, salzig und schwer, hart und leer auf ein neues, altes Morgen hoffend.
Der Magier erwacht.
{Vierter Tag}
- Hügelland -
Abdes peitscht.
Schmieriger Schweiß überzog des Abdes schwarzen Arm. Und verstummtes Blut. Abdes atmete aus und zählte laut. Hieb für Hieb. Je härter Abdes schlug, desto schneller starb das törichte Fleisch später am Pfahl. Abdes nahm dafür, daß er härter schlug. Hieb für Hieb.
Der Kaiser siegt.
Den dritten Tag nun schon stieß Abdes das törichte Fleisch unters Joch, zerfetzte es, hievte es hinauf in die Himmelswölbe und durchwachte die Hitze der Nacht, um schließlich mit Knüppel und Lanze doch wieder Platz zu schaffen vor der Stadt, an der Straße, inmitten der galiläischen Berge.
Der Kaiser siegt.
Rasender Haß durchzuckte des Abdes schwarze Augen. Und tote Liebe. Abdes atmete ein. Und sprach leise. An der Straße, am Tränkstein. Von verkehrtem Thron. Von falschem Wandel und teurer Gnade und trockener Himmelswurzel. Abdes entblößte den Riemen und stieg hinab in das Bittermeer.
Abdes peitscht.
{Fünfter Tag}
- Brunnen -
Maria träumt.
Maria kauerte auf dem glühenden Wüstengrund und nähte. Maria nähte ein Kleid für den Herrn. Der Stoff schimmerte bläulich, wie durch stilles, klares Wasser, mit einem Mondenstrahl als Garn, so wogte der diamantene Fisch hindurch.
Der Herr kehrt zurück.
Maria genoß das nahende Wallen der Himmel, lauschte Trommeln und Trompeten. Die Luft flimmerte und blitzte unter den Füßen des Herrn. Maria band den letzten silbernen Knoten und stieg in das Kleid.
Der Herr kehrt zurück.
Die Haut des Herrn war wie der Saft des Balsambaums. Der Duft des Beginns umströmte Marias Brust. Der Herr einte die Flut. Der Herr sprach von Himmelswurzeln. Von Wandel und Gnade. Der Herr färbte die Sonne schwarz.
Maria träumt.
{Sechster Tag}
- Jahresmarsch -
Der Magier war der letzte Sohn der Weißen Kuh, Jeva von Kisch, des Lebenswassers Schankwirtin, Menschenleib und letzte Tochter der Asharah.
Der Magier atmete stumme Wolken dem verblassenden Mond entgegen.
Der Magier stand im Schatten der Südarkaden des äußeren Vorhofs. Der Platz stieg bis zum Zaun des inneren Tempelbezirkes leicht an.
Der Zaun war eine übermannshohe, hölzerne Palisade. Die Zedernstämme des Zaunes standen einst an der Quelle Kisch, am steilsten Hang des Berges Sarumma, der Heimat des Magiers.
Dort oben, auf dem Gipfel des Sarumma, als die Flut stieg, schwebte der Geist Jahs über Asharahs Körper. Dort oben, in der Finsternis der Ferne, erkannte Jahs Geist den Körper Asharahs.
Dort oben, auf dem Gipfel des Sarumma, als die Flut gestiegen war, berührte der Körper Asharahs Jahs Geist. Dort oben, in der Blendnis der Nähe, spürte der KörperAsharahs Jahs Geist.
Der Magier murmelte das Wort der Morgenröte:
"Asharah singt: Lilith, das Licht, war geboren."
Der Boden des Vorhofs war befestigt mit weißem Kies von den Brüderflüssen Tarjeb und Tigris, die am Berg Sarumma, auf das Geheiß der Quelle Kisch ihre grimmigen Wogen das einzige Mal zusammenschlugen, um erst wieder im Meer des Friedens des Anderen Hand und Herz zu fassen. Auf ein Neues unverzagt und unbewehrt wie einst im Bauche der großen Mutter.
Der Magier murmelte das Wort der Abendröte:
"Jah spricht: Jeva, der Spiegel, wird gebären."
Im Vorhof des Tempels wurden Opferspeisen, Heilmittel, Orakelsprüche und Schreibdienste, dem Fremden zudem Führung, Unterkunft, Wechsel und Passage feilgeboten.
Das östliche, das Tor der Kinder, nannten die Tempeldiener das Tor des Steins. Das südliche, das Tor der Frauen, nannten die Tempeldiener das Tor des Blattes. Das nördliche, das Tor der Männer, nannten die Tempeldiener das Tor des Fischs. Das westliche, das Tor der Alten, nannten die Tempeldiener das Tor des Menschen.
Im Vorhof des Tempels wurden die Namen der Verurteilten verkündet.
„Wer bist Du?“
Der Tempeldiener war ganz nahe an den Magier herangetreten. Fast berührte sein Kinn dessen Nacken. Der Magier wendete sich nicht um, als er antwortete. Der Magier sprach hinaus auf den Vorhof, hinüber, hinein in das Innerste des Tempels. Der Magier sprach zum Allerheiligsten:
„Ich bin der Hüter der Quelle Kisch. Ich bin der Wächter des Berges Sarumma.“
„Dann bist Du auch der, den der Zaddok, Hüter einer Welt und Wächter aller Himmel, erwartet.“
{Siebenter Tag}
- Tempel -
Als die hochschwangere Maria von Joseph hinausgebracht wurde, hinaus aus Jerusalem, nächtens, nach langen, leeren Blicken zum schwarzen Horizont endlich eingedöst im Stroh des rumpelnden Karrens, da träumte Maria von schweren, schmierigen Feuern und dem alten, müden Himmelsstier. Soviele Falten und Borsten und Narben. Glasige Augen blickten durch sie hindurch, Mond tropfte von den Zähnen, trockener Schlamm platzte von seinem schwarzen Bauch. Jede Bewegung war ein Reißen und Malmen, so mächtig, so langsam und gierig immer noch, daß sie ihre Kinderaugen immer fester schloß. Träumte immer mehr. Immer mehr Falten. Immer mehr Borsten. Immer mehr Narben.
Maria schrie vor Schmerz.
Als Maria niedergekommen war, auf den Weiden der Kindheit, im Zelte des Magiers, ganz wach nun und den neuen Gott an ihrer Brust, da sprach Maria von den Alten, wie diese wanderten, wie diese lachten und sprangen, wie diese mit den Kälbern tanzten.
Und auch Maria lachte.
Es gäbe keine Stiere, keine Wanderschaft mehr und jetzt gäbe es auch Maria und ihre Tänze nicht mehr, schwor Joseph am Grenzstein zu Bethlehem, während er den Kaufpreis an den Esel zurrte und in die Finsternis verschwand.
Heft III
{Bergluft}
Dieser Urlaub war Jesus von seiner Arbeitskollegin Magda aufgedrängt worden.
Magda war der Überzeugung, Jesus benötigte Urlaub. Magda hatte sicherlich recht damit, jedoch zweifelte Jesus, ob Urlaub irgendetwas ändern würde. Vor allem ein Urlaub mit Magda.
Nachdem Jesus Magdas Angebot, mit ihr ein paar erholsame Herbsttage in den Bergen zu verbringen, kaum bedacht und schnell abgelehnt hatte, verschränkte Magda trotzig die Arme und ging zu ihrem gemeinsamen Chef.
Kurz darauf eröffnete Magda, sie beide hätten bald Urlaub. In den Bergen. Ein Pensionszimmer sei bereits gebucht. Ihr Chef, aus jener Gegend stammend, brächte sie beide und auch Salome, eine weitere Arbeitskollegin, mit dem Wagen.
(Ankunft)
{1}
Während der Fahrt hantierte Johannes, der Chef, unaufhörlich am Navigationssystem und sprach in strammer, autochthoner und doch respektvoller, ja fast unterwürfiger Verfassung von der Schönheit, mit welcher der frühmorgentliche Berg zu dessen Eroberung reize, der Wahrheit steiler, kaum fußbreiter Anstiege, die jeden Gedanken an Umkehr, jeden Blick zurück in einen bedrohlichen Fluch verwandelten, Johannes sprach von der Freiheit himmeltragender Gipfel, die sich plötzlich um die Länge des eigenen Leibes ins schier Unermeßliche eröffnete.
Am Ende der Fahrt, während der Anmeldung am Empfangstresen, nahm Johannes Jesus beiseite, abgehetzt und ausweglos um sich blickend, strich sich eine seiner gegelten Locken aus dem blassen, runden Gesicht und erklärte gepreßt, daß er sich vor ein paar Tagen von seiner Frau getrennt habe, im Gebirge und auf Gipfeln nichts weiter als Schwäche und Einsamkeit und schließlich bodenlose Angst empfinde und er nun, aller aufgetürmten Lügen ledig, ein neues, ewiges Leben mit Salome, dem wirklichen Weibe, zu beginnen beabsichtige.
Jesus schüttelte amüsiert den Kopf und machte sich lustig über die eigene Ahnungslosigkeit. Magda wußte schon seit Wochen von dem Glück des frisch verliebten Paares und hatte kein Wort darüber verloren. Jesus gratulierte.
Johannes atmete erleichtert auf und dankte. Johannes lächelte flach und Jesus vermeinte, aus der fast verborgenen Höhle jenes Mundes einen warmen, feuchten, fruchtbringenden Erdhauch zu verspüren.
{2}
Salome und Johannes blieben in ihrem Zimmer.
Jesus trieb Magda drei Stunden den nächstbesten Berg zu irgendeiner Mittelstation hinauf. Lange genug, um die letzte Seilbahn zurück ins Tal gerade eben verpaßt zu haben und Magda wieder auf ihren zerschundenen Füßen nach unten in die ihnen entgegenquellende Dunkelheit zu trietzen.
Voller Stolz saß Magda am Abendtisch und besang lauthals den glühenden Puls ihrer Schmerzen. Salome und Johannes neckten und fütterten sich, ebenfalls voller Stolz, doch eher erhaben und still dem Verlauf der eigenen, sinnlichen Offenbarung lauschend. Jesus trank Rotwein, obwohl Jesus Rotwein nicht mochte, und bekleckerte sich schon während der Vorspeise.
Auch Jesus bestellte noch eine weitere Flasche, schwer und pelzig und bitter wie sein Gemüt. Irgendwann dann wankte Jesus mit Magda eine Treppe hinauf in das Zimmer, das sie gemeinsam bewohnten. Jesus versuchte noch, sich in seinem nachtschwarzen Taumel an den von Magda dargebotenen, üppigen Brüsten festzuhalten, und war doch schon mit halb heruntergelassener Hose zu Bett gestürzt und eingeschlafen.
{3}
Jesus hatte kurz nach Tagesbeginn die Pension verlassen und war in das tiefgraue Nebelmeer der umliegenden Felder hineingejoggt. Jesus überquerte einen sich unruhig aus dem Schlafe wälzenden Fluß und lief einen Kiesweg in den bewaldeten Hang eines Berges hinein. Es roch nach feuchtem Moos und faulender Rinde.
Jesus konzentrierte sich auf den Zusammenklang des schwingenden Atems mit dem nassen, prallen Knirschen unter seinen Turnschuhen. Jesus bog aufwärts in einen steilen, schmalen Pfad, folgte mit kleinen Schritten und gesenktem Haupte dessen engen Bögen und kam oberhalb eines aufgelassenen Steinbruchs ins Freie. Jesus hielt. Zu seiner Rechten ragten drei blankgescheuerte, übermannshohe Pfähle in den Himmel. Jesus trat an die Kante des Halbrunds und blickte zu Tale. Eine große, weiße, scharfrandige Sonnenscheibe erhob sich zu Jesu Linken aus dem höchsten Berg des Tales und ließ das Nebelmeer unter ihm allmählich verdunsten.
Jesus zog die Hose herunter und sendete einen weiten, dampfenden Strahl in die Tiefe. Unter Jesus huschte eine Gruppe Paarhufer davon. Jesus stellte fest, daß er den Unterschied zwischen Gemsen und Steinböcken oder was auch immer nicht wußte.
Jesus freute sich auf eine warme Dusche in der Pension, die ihm den zähen, trüben Schweiß des gestrigen Suffs von der Brust wischen würde.
{4}
Bis jetzt war das Jahr ein durchaus hartes zu nennen.
Jesus hatte seinen Hund eingeschläfert. Zumindest hatte Jesus, nachdem die Ärztin endlich eine Vene gefunden hatte, darauf bestanden, die letzte Spritze durchzudrücken.
Jesus hatte sich von seiner Freundin getrennt. Gegen seine Sucht nach Einsamkeit war schließlich auch die perfekte Frau machtlos geblieben.
Jesus hatte, am Hospizbett sitzend, den letzten Atemzug seines Vaters vernommen.
Die Mutter übernahm sogleich den Offenbarungseid und entschlief der Realität nur wenig später, kaum merklich und auch kaum beachtet, noch während einer Voruntersuchung. Sie lebte noch, in einem schäbigen Pflegeheim. Sie hatte ungeheuere Angst vor den ausländischen Angestellten. Sie sprach kaum noch. Sie weinte ab und an. Sie lag im Bett und bewegte sich nicht mehr. Seit Monaten. Sie lebte. Sie hatte Angst. Aber sie bewegte sich nicht mehr. Ihr Leib war wundgelegen bis auf die Knochen und stank. Jesus besuchte sie nur noch selten.
Und gerade kürzlich war Jesus wieder ein Schwung formbrieflicher Absagen bezüglich seines Manuskriptes zugesandt worden.
{5}
Jesus drehte den Duschhahn zu und beschloß, ab sofort die kurz vor der Abfahrt aus einer Laune heraus erstandenen Schurwollsocken zu den Sandalen zu tragen.
Jesus fühlte sich voller Sauerstoff und Tatendrang.
Die letzte Septemberwoche war angebrochen. Auch das Jahr neigte sich nun also seinem Ende entgegen.
Jesus war jetzt erwachsen. Jesus war jetzt ein Mann.
Jesus hatte so vieles zerstört, hatte so vieles verloren. Jetzt drängte es Jesus, um so vieles leichter, um so vieles schneller, endlich die Welt zu erobern.
{6}
Magda, im Lotossitz verharrend, verstand das. Magda liebte es, zu verstehen.
Magda verstand sogar, daß Jesus sie nicht liebte. Daß Jesus nicht einmal mit ihr ins Bett ging. Zwar gingen sie ab und an ins selbe Bett, Jesus bekam auch ab und an einen Ständer, doch die Erinnerung daran war Jesus jedes Mal völlig fremd. Geradezu lästig.
Magda hatte Jesus in Pflege genommen. Und Jesus verweigerte ihr den Dank. Magda verzieh das. Magda liebte es, zu verzeihen.
Magda betrachtete sich als Heilerin. Magda nahm das Leid der Welt mit ihrem Atem in sich auf.
Ich kenne deinen Schmerz, sprach sie zu Jesus. Dein Herz ist leer. Und auch dein Hirn. Doch bald brechen neue Zeiten an. Zeiten der Liebe und des Lichts. Hab´ Vertrauen. Atme, Jesus. Atme!
Licht liebt nicht, entgegnete Jesus, Liebe leuchtet nicht. Das eine ist die Finsternis des anderen.
{7}
Nach einem ausgedehnten Frühstück saßen Salome und Johannes mit Magda und Jesus auf der Terrasse der Pension. Sie tranken gerade den letzten Schluck einer dritten Runde Rüdesheimer. Dicke, glänzende Fliegen umschwirrten aufdringlich ihre Köpfe. Die weiße Sonne blendete. Der Kaffee war lausig. Der Schnaps funktionierte.
Unaufhörlich wummerten heubeladene Traktoren vorüber.
Salome und Johannes gingen auf ihr Zimmer.
Magda und Jesus gingen Spazieren. Sie schlenderten den Weg entlang, den Jesus am Morgen gejoggt war. Der Himmel über dem engen Tal leuchtete hellblau und schien unendlich weit entfernt.
Magda und Jesus verweilten für einen Moment auf jener Brücke und sahen hinunter in das silbrig wirbelnde Treiben des Wassers. Jesus suchte vergeblich nach Forellen hinter den Pfeilern.
Erleuchtet ist, der im Lichte steht und keinen Schatten wirft, sprach Jesus:
Liebend ist, wer aus Liebe fällt und keinen Schmerz verspürt, entgegnete Magda.
Kleine, bunte Blümlein reckten sich am Wegesrand. Dunkle Klapperkäfer flogen auf. Ein fliehendes Pferd jagte durch das Tal.
Eine Welt des Friedens, flüsterte Magda und breitete die Arme aus.
Eine Welt, in der kein Tod bedauert wird. Eine Welt, in der die Tat das Leben überwiegt, murmelte Jesus bewegungslos zurück. Was geschieht, erfüllt den Zweck. Was nicht geschieht, erschafft den Sinn.
Ohne Zweifel, ohne Furcht, schloß Magda, ließ die Arme sinken und atmete tief durch.
Magda freute sich über jede Kuh, die sie sah. Magda schlich in Ställe und Verschläge und kehrte muhend und stampfend zurück. Magda genoß das Kinderspiel. Jesus war froh über die Gedankenlosigkeit, mit der auch er bald vor sich hinquasselte.
Jesus und Magda gelangten durch einen langezogenen Stollen in ein Nebental, stießen auf eine kleine Hütte, tranken dort Almdudler und fanden doch noch, nachdem sie etliche Male falsche Abzweigungen gewählt hatten, von Zikaden belächelt, erschöpft und schweigend zurück in ihre Pension.
Jesus erwarb am Kiosk gegenüber einen Tirolerhut und die dazu passende Wandernadel und ließ sich später von Magda auf dem Balkon ihres Zimmers, während er mit dem Finger Routen auf der Karte nachfuhr, den verspannten Nacken massieren.
Unaufhörlich wummerten heubeladene Traktoren vorüber.
Der Hausberg, Engelsspitze mit Namen, höchster und erhabener Schlußstein des schmal sich schlängelnden Tales, erglühte blutrot im schwindenden Licht des Tages.
Vor dem Balkon schossen Schwalben über die frisch gemähten Wiesen. Ein dicklicher Knabe zog glücklos einen Drachen durch die Dämmerung.
Jesus schloß die Augen und lauschte dem erregten Glucksen des Flusses.
Magdas Atem ging tief und laut.
Magda zog sich aus und legte sich aufs Bett.
Jesus griff nach dem Bademantel und ging in die Sauna.
{8}
Nach dem Abendessen gewitterte es ein wenig. Ohne Wucht, ohne Eile glommen hie und da ein paar Blitze auf. Das Echo des träge folgenden Donners verschmolz mit dem dumpfen Wummern der heubeladenen Traktoren.
Noah, der Sohn der Wirtin, hatte das Licht gedimmt und Kerzen auf die Tische verteilt.
Jesus fühlte sich leer, der Schlachtplatte zum Trotz. Seine Augen brannten, der Nacken schmerzte und die Muskeln hingen schlaff an den Knochen. Doch Müdigkeit wollte sich noch immer nicht einstellen. So bestellte Jesus bei Noah eine weitere Flasche Rotwein und trank wortlos und ohne mehr anzustoßen Glas um Glas.
Das Gewitter verebbte. Auch Salome und Johannes und selbst Magda schwiegen bald, rauchten genüßlich und ließen wie Jesus ihre Blicke durch das Panoramafenster in die mondlose Nacht entschwinden. Nur der Regen plätscherte unaufhörlich vor sich hin, durchzogen vom Wummern der heubeladenen Traktoren.
Jesus goß Rotwein in sich hinein.
Die Schwalben hatten sich längst in ihre Nester unter die gepichten Giebel verkrochen. Der Knabe war mit offenem Munde vor dem Kamin eingeschlafen.
Als Jesus sich schließlich schwankend erhob und allen schon gehörig lallend eine gute Nacht wünschte, winkte Magda zu Noah hinüber nach einer neuen Flasche.
Jesus zog seine klammen Füße unter die zu kurze Decke und vernahm noch in der Ferne das hohle Greinen des fliehenden Flusses.
{12}
Jesus hing am Kreuz.
Gestalten ohne Schatten, fluchend und lachend, verankerten den Pfahl mit großen, abgewetzten Keilen und letzten leichten, so oft getanen Handgriffen im steinigen Erdreich der Hangkante. Es war inzwischen Mittag geworden. Die Sonne stand fast über dem Hausberg. Der Fluß schwappte dahin wie Blei.
Jesus spürte weder Hitze noch Schmerzen. Schon die Geißelung in den Morgenstunden hatte seinen Körper völlig betäubt. Magda hatte den Offizianten der Gemeinde Geld versprochen, damit sie härter zuschlugen. Geld, das Magda nicht besaß. Dennoch hatten die Offizianten in ihren grünen Overalls und gelben Warnwesten ganze Arbeit geleistet. Jesus war schon nicht mehr fähig gewesen, sich ohne fremde Hilfe, ohne die Tritte und Stöße der Einheimischen, die Straße vom provisorischen Palast hinaus, den Weg durch die grauen, abgemähten Felder, über den Fluß hinweg den Pfad hinauf zu schleppen zum Richtplatz am Rande des Steinbruchs.
Jesus spürte auch die Fliegen nicht mehr, die sein stockendes Blut fraßen.
Die Offizianten, manche von ihnen trugen Mundschutz und Brille, hatten Jesus, der auf der Hälfte des Weges zusammengebrochen war, den Jochbalken vom Nacken binden und einem der johlenden Schaulustigen aufbürden müssen. Jesus kroch auf allen Vieren den Hügel hinauf. Die Offizianten, nun ob des Zeitverlustes ernsthaft wütend, droschen mit ihren schrotgespickten Lederriemen auf Jesus ein. Als könnten sie ihren Lohn dadurch verdoppeln und verdreifachen! Magda stöhnte.
Die Offizianten hatten Jesus, als sie endlich angekommen waren, den Jochbalken wieder in den Nacken gebunden und ihn daran am Pfahl emporgehievt. Der gleißenden Sonne entgegen.
Jesus hing am Kreuz.
Die steigende Flut in seiner Brust, das schwellende Fleisch in seiner Kehle machten Jesus Angst. Jesus fehlte die Kraft zu atmen.
Jesus spürte, daß er starb.
Vögel zwitscherten. Eine blasse Wolke trieb einsam durch den tiefblauen Himmel. Die Offizianten hatten, nachdem auch Johannes und Salome, die beiden anderen Betrüger, an ihren Pfeilern wieder erhöht und festgezurrt waren, einen weißen Baldachin aufgespannt, unter dem sie alle seitdem saßen, spielten und tranken.
Jesus wußte, daß er starb.
Und Jesus wußte jetzt, daß nichts geschehen würde. Jesus würde einfach nur sterben. Nicht ein Blatt mehr würde deshalb von irgendeinem Baume fallen. Und auch keine vierzig Mal verfluchte Welt würde dadurch in Trümmer brechen. Keine Heerscharen würden aus ihren Himmelsfähren niedersteigen, keine Erdgeister aus ihren Gräbern emporächzen. Jesus würde einfach nur sterben. Wie die beiden Tölpel neben ihm. Jesus würde einfach nur vergehen. Als aller Tölpel König. Sonst nichts.
Jesus spürte, daß alles umsonst gewesen war.
Jesus wußte, daß alles umsonst gewesen war.
Jesus fehlte die Kraft zu weinen.
Es war Freitag. Jesus starb am späten Nachmittag. Nach einem kurzen Delirium, wie einer der beiwohnenden Studenten notierte.
Magda dankte Gott, daß sie nicht auch noch den Wochenendzuschlag bezahlen mußte.
Magda ging ins Tal, ging in die Pension zurück, ging auf das Zimmer, welches sie noch immer laut Eintrag an der Rezeption zusammen mit Jesus bewohnte und stellte sich unter die Dusche.
Magda dankte Gott, daß der Wahnsinn jetzt endlich vorüber war.
Heft IV
{Hochamt}
1
Es war Freitag. Neun Uhr morgens. Jesus war spät dran.
Jesu Wecker hatte zwar zur rechten Zeit jene von Jesus erst vor Kurzem eingestellten Savannen-Klänge angestimmt, Jesus war auch von jenem Grillen und Zirpen ein wenig in Bewegung geraten, sogleich aber – noch während er dabei war, den Wecker abzuschalten – wieder eingeschlafen. Jesu Tiefen hatte garkein wirkliches Stadium der Wachheit zugelassen, keinen taubeschlagenen Blick hinaus aus der Höhle, den ziehenden Wolken hinterher. Jesu Innerstes gewährte noch ein wenig Aufschub.
Allein die Sonne duldete heute kein Säumnis. Nicht heute. So langte sie durch das Fenster, durch das schmale Rund der aufgebauschten Bettstatt hinein und kitzelte des versunkenen Jesus Nasenspitze. Kniff in sie hinein. Zog an ihr herum. Und schließlich schlich sich die Sonne im Gezwitscher der Buschvögel gänzlich an Jesus heran und schlüpfte unter seine Decke.
Jesus wälzte sich in seinem Bett umher. Jesus schwitzte. Jesus stöhnte. Jesus erwachte. Mythen von schwarzen Steppen und goldenen Bergen verhallten. Jesus blinzelte. Jesus erschrak. Jesus erinnerte sich daran, was für ein wichtiger Tag dies heute war.
Jesus fühlte sich kaputt. Jesus war müde. Jesus schloß noch einmal die Augen. Doch die Sonne blendete ihn jetzt sogar durch die geschwollenen Lider hindurch.
Was half da Zögern noch! Jesus hatte die Entscheidung doch schon vor Urzeiten getroffen. Jesus war zum Äußersten entschlossen.
Leben war nur dann kein Sterben mehr, wenn Sohn und Mutter den Vater erschufen. Der Sohn wurde Vater. Der Vater wurde Sohn. Nur die Mutter blieb, harrend als beider Grab. Und das Grab schwoll an, wurde groß wie ein Berg und zerbarst. Der Gott der Wahrheit, der Freiheit und der Schönheit ward geboren.
Ein Gott, der keiner Offenbarung mehr bedurfte, keines Bundes und keiner Schmerzen mehr. Ein Gott, der sich selbst erlöste.
2
Im Namen der Kunst und im Zeichen des Sohnes erhob sich Jesus und ballte gähnend seine Fäuste dem dreisten Sonnenschein entgegen. Heute, so erinnerte sich Jesus jetzt mit einem Male ganz klar, heute würde das schwärende Schandmal seinen letzten, stummen Lauf vollziehen. Der flimmernde Sündenglast würde heute ein letztes Mal über die Scheitel ziehen.
Noch heute Abend würde sich die wahre Sonne zeigen. Und nicht nur das. Die einzig freie, die einzig schöne Sonne würde herabsteigen aus dem Firmament, horchend Jesu vollmächtigem Rufe, die Sonne des einzigen Himmels würde noch heute Abend sich in des Menschen Mitte aufzeigen und von dortaus den Weltenbrand mit dem ersten Lichte der absoluten Zukunft überstrahlen.
Heute Abend war es soweit. Heute Abend würde nicht mehr vor verschlossener Bühne gespielt. Heute Abend wurde der blendende Vorhang zum ersten, zum einzigen und zum allerletzten Male in die gläsernen Arkaden der höchsten Sphären gezurrt.
Heute Abend würde Jesus das Spiel des Todes in den Ernst des Lebens überführen. Heute Abend schon würden die starren Masken gefallen sein und das Ebenbild erstehen. Heute Abend würde sich das Auge aufschlagen und diese Welt als Wissen schauen.
Heute Abend schon würde des Staubkornes Füllhorn geöffnet werden, auf daß die Flut der Herrlichkeit all diese Wüstenwelt bis in ihr Innerstes benetze.
Heute Abend würde das Verderben mit Verderben geschlagen. Heute Abend würde der Tod zu Tode gebracht. Heute Abend würde das größte Verderben mit dem geringsten geschlagen. Heute Abend würde der niederste Tod zum allerhöchsten gebracht. Heute Abend schon würde jedes salzige Tröpflein Glück mit einem honigsüßen Himmelsozean bedacht.
Jesus, der Sohn, hatte beschlossen, die Welt zu taufen. Jesus, der Künstler, hatte beschlossen, Gottvater zu taufen.
3
Noch gestern Abend, als Jesus und die übrigen Mitglieder der Gruppe bei einem seiner Bekannten, einem stillen Gönner, während einer privaten, im engsten Kreise gehaltenen Party zum Beginn des Nationalfeiertages dann doch noch mal so richtig die Post abgehen ließen, noch gestern Abend hatte Jesus in nicht nur einem Trinkspruch kundgetan, daß dieser Freitag sogar der wichtigste, der alles entscheidende Tag in seinem, in ihrer aller Leben werden würde.
Dieser Freitag, so hatte Jesus verkündet, als schon nicht mehr mit den Gläsern angestoßen, sondern der leichteren Handhabe wegen direkt aus Flaschen getrunken wurde, dieser Freitag sollte alle erduldeten Endbehrungen ihrer Landfahrten, alle Kasteiungen ihrer Wanderschaft, alle erbrachten Opfer, all die bis zur Selbstzerfleischung intensivierten Text- und Szenenproben, dieser Freitag sollte allen bisher aufkeimenden Erfolg auf ungehobelten Brettern zur vollendeten Blüte eines ausverkauften Staatstheaters emporschnellen lassen.
Er selbst, Jesus Christus, hatte sich ein letztes Mal in aller ihm zu der vorgerückten Stunde noch verfügbaren Deutlichkeit zum ehernen Garanten, zum handgreiflichen Beweise des in Kürze anstehenden Durchbruchs erklärt.
Die selbstauferlegte Mission, das sture, fast blöde Durchschreiten des Jammertales war bald vollendet. Bald schon würden sie alle wie einer im ewigen Jubel des Volkes baden.
4
Der Nationalfeiertag wies, was seine offiziell-korrekte Beobachtung anbetraf, einige Besonderheiten gegenüber anderen nationalen Feiertagen auf. Der Nationalfeiertag wurde nicht nur einen Tag lang begangen. Der Nationalfeiertag begann am Abend vor dem Nationalfeiertag und endete bei Sonnenuntergang des siebten, darauffolgenden Tages. Der Nationalfeiertag war also in Wirklichkeit eine veritable Nationalfeierwoche.
Während dieses einwöchigen Nationalfeiertages stand das Land still. Nur eine einzige, natürlich mehrheitlich in ausländischem Besitz sich befindliche Supermarkt-Kette wagte es, in dieser Zeit der allgemeinen Besinnung, des allgemeinen inneren Stolzes auf die gründerväterlich-kargen Irrwege die Jahrmarkts-Pforten zum hemmungslosen Konsum offenzuhalten.
Eine von der Konzernspitze in Auftrag gegebene, interne, Jesus jedoch zugespielte Analyse hatte ergeben, daß diese aggressive Marktstrategie zwar zu einem oberflächlichen, man nannte es „feuilletonistischen“ Image-Verlust führte, jedoch gleichzeitig und ganz konkret aufgrund der Verschränkung eines der allgemein gehobenen Stimmung geschuldeten Anstiegs der Nachfrage mit der simultan stark gesunkenen Verbrauchsgüter-Anbieterzahl eine Verdreifachung des Vorsteuer-Gewinnes zu verbuchen war. Zusätzlich bewirkte die einwöchige, zugegebenermaßen alljährlich recht bieder geführte Kampagne der staatlich-rechtlichen Medien gegen das ununterbrochene Angebot eine zusätzliche Verdoppelung der ursprünglichen Gewinn-Verdreifachung. Der Konzernspitze sei die Überweisung eines Zuschusses für die zuständige Abteilungen der staatlich-rechtlichen Medien dringend angeraten, schloß die interne Analyse.
5
Das Volk wollte Veränderung. Jesus konnte es spüren. Jesus konnte es nachlesen. Das antinationale Verhalten des Volkes vor allem am Nationalfeiertag bezeugte diesen Willen nur zu deutlich. Dieser Wille war ja bereits derart etabliert, daß ihn Profiteure zu einem Wirtschaftsfaktor entwickelt hatten. Das Volk wollte Veränderung. Unbedingt!
Doch das Volk hatte seine Phantasie verloren, sein Genie. Das Volk hatte all seine Vision verloren. Seine Gemeinschaft. Der Bauch des Volkes war übervoll. Das Volk lag herum. Viel zu faul für ein Wort. Träge nach leichtem Witze wedelnd. Bewegung fand nur noch in den Därmen statt. Das Hirn des Volkes war leer. Das Volk raste herum. Irrlichternd in der eigenen Schwärze. Ersaufend in des anderen Einsamkeit. Muße war nur noch als Ohnmacht zu finden.
Das Volk war satt. Und das Volk starb vor Durst.
Das Volk schwieg. Und das Volk horchte mit allen Sinnen.
6
Jesus würde dem Volk Veränderung bringen. Ungeahnte Veränderung. Unermeßliche Veränderung. Und wenn diese Veränderung einmal eingetreten war, würde niemand aus dem Volke sich mehr daran erinnern, daß es jemals anders gewesen sein konnte.
Jesus war bereit, Gottvater, den Allbeherrscher, den Allerbarmer hinabzuzwingen in diese, seine Welt. Nicht um irgendeine, letztendlich lächerliche Ungerechtigkeit zu vergelten. Oh nein! Gottvater war kein dumpfer Racheengel mit Schattenschwert. Gottvater war Gottvater. Niemand sonst. Gottvater war Gott und Vater. Nichts sonst.
Gottvater würde herabsteigen müssen in diese, seine Welt, in diese, seine Welt von Pech und Schwefel, wenn er den Menschensohn, wenn Gottvater diesen einen, seinen Sohn dort oben am Kreuze vor unermeßlicher Scham, vor unerträglichem Leid, wenn Jesus Christus, der Eingeborene, der Hineingeborene dort oben ans Kreuz hinaufgeschlagen an Gottvater, dem Allbeherrscher, dem Allerbarmer zu Tode verzweifelte.
7
„Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?“
Jesus hatte sich diesen jede Grundlage verschlingenden Satz, diese jeden Überbau zerfetzende Frage im letzten Jahr zumindest jeden Abend 40 Mal vorgesagt. Manchmal und zuletzt tatsächlich immer öfter war es Jesus sogar gelungen, sich jenes Mantra so lange vorzusagen, bis er darüber eingeschlafen war. Jener Satz, Schlüssel zu den Himmelspforten, jene Frage, Bannschrei der Ewigkeit, sollte eingehen in Jesu Fleisch und Blut. Nur wenn es Jesus gelang, sein ganzes Leben in diesen einen, in diesen seinen Satz kulminieren zu lassen, nur dann konnte, ja dann mußte das theurgische Wunder gelingen.
Gottvater würde diesen Ausdruck der einen, einzigen, der letzten, allerletzten Verzweiflung nicht unbeantwortet lassen. Niemals! Gottvater war der Allbeherrscher. Gottvater war der Allerbarmer. Gottvater würde reagieren.
8
Während dieses einwöchigen Nationalfeiertages war das ganze Land in Bewegung. Arbeitgeber-Verbände, Gewerkschaften und Krankenkassen zogen an einem Strang und sorgten durch Freifahrten, Einkaufs-Gutscheine und Discount-Komplettangebote dafür, daß ausreichend und immer frisches Volk in die Hauptstadt verbracht wurde. So war es den akkreditierten Medien möglich, unter Ausschöpfung jeglichen Formates selbst in Dauer-Livesendungen ausreichend Material für eine ministeriell-anständige, dem Einheitsgedanken geschuldete Berichterstattung der Feierlichkeiten zu generieren.
Das Volk imitierte die Gründervater und ihre Horden, zog im Land herum auf dem Weg zum goldenen Palast. Niemals schnurstracks, doch immer jauchzend und singend. Jeder kam irgendwann in der Hauptstadt an.
Und Jesus würde auch dort sein. Auf dem goldenen Patz. Vor dem goldenen Tor. Zum goldenen Palast. Jesus und seine Truppe würde auch dort sein.
Und Jesu tötlicher Schrei. Dieses letzte Stöhnen des sich bis zum Künstler erniedrigten Sohnes, dieser letzte Griff des bis zum Sohne erhöhten Künstlers nach gottväterlichem Mitleid, diese alles zersetzende, alles enthebende Groteske, dieser Irrsinn der Verzweiflung, Jesu tötlicher Schrei würde Gottvater inmitten seines Volkes setzen. Mit aller Macht. Mit aller Gnade.
Und Jesu Haupt würde dann eine echte Krone zieren.
9
Wer zur Linken stand, würde man noch sehen. Jesus kannte seine Leute. Wahrscheinlich müßte man sich auf eine Besetzung wie so oft in allerletzter Sekunde mittels Losverfahren einigen. Jesus war dafür, jemanden aus dem Publikum herauszugreifen. Aufs Gerate wohl. Jesus liebte basisdemokratische Theatralik. Aber er mußte auch auf die Eitelkeiten seines Ensembles Rücksicht nehmen. Jesus hatte in so vieler Hinsicht Verantwortung zu tragen!
Jesus visualisierte, wie er das närrische Gezänk der versammelten Truppe mit nur einem einzigen Atmer verstummen ließ. Dieser Hiat war der Auftakt zum Finale. Sie hatten es tausendmal geprobt. Sie alle – und Jesus allen voran – hatten ihre Rollen mit dem Leben verschmolzen. Es würde ein grandioses Schauspiel werden.
Jesus würde das Wunder vollbringen. Jesus würde das absolute Wunder vollbringen. Jesus würde Gottvater begeistern. Und Jesus würde das Publikum begeistern. Jesus würde Sohnschaft und Künstlertum zur endgültigen Identität in einer grenzenlosen Wesenheit vereinen.
Jesus war bereit, alles dafür zu geben.
10
Seit einem Jahr nun arbeiteten Jesus und seine Gruppe unter Aufbietung all ihrer Kräfte, unter Erduldung dann doch einiger persönlicher und körperschaftlicher Rückschläge – noch an jenem gestrigen Abend war es zur spontanen Einsetzung eines Ausschluß-Verfahrens gekommen – seit einem geschlagenen Jahre nun arbeitete jeder je nach Maßgabe seines Talents und seines Charakters an der praktischen Umsetzung des Zieles, welches sich die versammelte Tischgemeinschaft vor eben einem Jahr und im Verlaufe eines ebenso rauschenden Festes zu erstem, einzigem und allerletztem Lebensinhalte auserkoren hatte.
Und tatsächlich, die engste, die eigentliche Runde der aktiven Mitglieder, welche unter Jesu Vorsitz schnell auf zwölf monatliche Beitragszahler angewachsen war und bis auf den gestrigen, alles in allem unglücklichen Zwischenfall diese Mannschaftsstärke auch hatte halten können, der Bruderbund stand mittlerweile kurz davor, den Durchbruch zu schaffen. Der heutige Freitag würde zeigen, ob Jesus und sein Ensemble in der Lage waren, die in einigen Fachkreisen schon fast zu Kultstatus erhobenen, von der Allgemeinheit allerdings kaum wahrgenommenen Erfolge draußen in der Provinz zu einer großen, einmaligen und darob umso umfassenderen Tat im politischen Zentrum, der Hauptstadt, also endlich auch auf nationaler Ebene zu bündeln. Es galt nun, mittels eines einzigen, aufsehenerregenden Auftrittes, einer unerhörten Uraufführung, einer im wahrsten Sinne einzigartigen, einzigartig furchtbaren Neu-Interpretation des überkommenen „Stückes“ hin zum Event im Zentrum des Goldes, im Herzen des Verfalls, die nur noch knapp unter der Oberfläche brodelnden Wandlungsbestrebungen der Überlebenswilligen vollends zum Ausbruch zu bringen.
11
Während der Woche des Nationalfeiertages gedachten die Konsumgüter-Industrie und ihre Parteien wenn auch landesweit, so doch explizit in der Hauptstadt durch bewußt prunkvoll gehaltene Staatsakte dem Erwerb des Volkseigentums durch die Gründerväter zu einem bis heute unverschämt günstigen Zinssatz.
Auch der immer wieder erfolgreiche Abschluß des Programms der rezessiv-regressiven Eingliederung indigener Frühformen in den Volkskörper wurde während der Woche des Nationalfeiertages mit etlichen Böllerschüssen begangen.
All dem voran würde Jesus seine Darbietung setzen. All dem voran würde Jesus Gottvater höchstpersönlich setzen. Was für ein Auftritt! Er würde das ganze Fest bestimmen. Daran käme niemand vorbei. Jesus wäre mit einem Schlage in aller Munde. Jesus und sein Ensemble.
Jesus und seine Christen.
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Jesus hatte immer an die Selbstbezüglichkeit der Kunst geglaubt. Jesus hatte geglaubt, allein diese totale Eigenständigkeit, diese totale Innerlichkeit konnte der gemeinsame Nenner sein, über dem sich alles weitere zur revolutionären Tat zusammenzählen und hinforttürmen konnte.
Doch vor gut einem Jahr – kurz nach einem selbst in den lokalen Medien erstaunlich unbeachteten Hungerstreik - hatte Jesus die jähe Einsicht überkommen, daß sich solch ein verwehender Sandhaufen der Individualismen nur dann zur Schlagfaust aus hehrem Stahlbeton verdichtete, wenn der Eleganz der ewigen Weite der Schweiß- und Blutgestank des eigenen Fleisches eingemengt würde.
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In den Ödnissen des Hinterlandes war das politische Agitationstheater, welchem Jesus und seine Mannen sich seit jenem legendären Abend vor einem Jahr im Hinterzimmer einer Landgaststätte verschrieben hatten, zwar stets als höchstwillkommene Abwechslung aufgenommen worden, diente jedoch auch in vielen Fällen überraschenderweise nicht nur der jeweiligen Dorfjugend zum Anlaß, den durch tagtäglich harte, doch immer irgendwie tatenlose und folglich entfremdete Arbeit aufgestauten Frust an den Mitgliedern der Gruppe und sogar auch am Regisseur und Hauptdarsteller, an Jesus selbst abzureagieren.
Jesus zeigte Verständnis für diese Art der Realitätsbewältigung, schließlich waren die Prügel, die Jesus und seine Truppe immer wieder einstecken mußten, nur dem Verstand des Stoffes, der irdenen Knechtschaft geschuldet. Weswegen ihre knochenbrechende Härte einem geistigen, einem sich vergeistigenden Wesen im Grunde genommen nichts anhaben können sollte.
Jesus war, was seine Statur anlangte, eher zerbrechlich. Jesu Knochen waren irgendwann mit einem einzigen Schub ein erstaunliches Maß in die Länge geschossen. Jesu Muskeln und auch die Kochen selbst hatten diese plötzliche Streckung jedoch nicht durch Mehrung ihrer Masse wettmachen können. Man sah dem leptosomen Jesus an, daß er in körperlichen Anfeindungen keinen ernstzunehmenden Gegner darstellte. Auch Jesus war sich dessen bewußt, was den äußeren, den offen ersichtlichen Eindruck eines Mangelwesens nur verstärkte. Und auch dessen wiederum war sich Jesus bewußt.
Jesus schmunzelte.
Jesus war jetzt voller Bewußtsein. Jesus war jetzt voller Konzentration. Es war weder kalt noch warm. Es war weder laut noch leise. Es war weder Tag noch Nacht.
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Jesus hatte festgestellt, daß die Prügel umso härter ausfielen, je mehr Versuche er anstellte, sich gegen sie zu wehren. Jesus hatte desweiteren erkannt, daß die scharfen Knöchel der sonst so tumben Landbevölkerung unsicher innehielten, wenn Jesus sich ihnen schon im Vorhinein als williges Opfer anbot.
Das in seinem alltäglichen Gedankengut noch immer dem Animismus verhaftete Protodenken der Dorfbevölkerungen deutete diese ganz bewußt zur Schau gestellte, ritualisierte, institutionalisierte Verrücktheit in Jesu Handeln als transzendentes Entrücktsein seiner gesamten Existenz an sich. Solch eine Dummheit könne nur die Seele eines Engeleins gebären, raunten dann die alten, bärtigen, halbblinden Weiber. Auf dem Lande war man noch immer willens, solch gänzlich unerwartete und auch gänzlich unadaptierbare Verhaltensmuster als höhermächtige Regungen zu identifizieren.
Auf dem Lande hatte mimische Ausdrucks-Performance – auch wenn sie nicht selten zu heftigen Abwehrreaktionen, also Erstverschlimmerungen führte - noch magischen Charakter. Um diesen Hintergrund wissend waren Jesus am Rande einiger Vorstellungen geradezu spektakuläre Verfluchungen und nicht minder spektakuläre Austreibungen gelungen.
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Und kam es dennoch vor, daß Jesus eine Ohrfeige kassierte – nur noch eine Ohrfeige dann und meist nur noch von einem übermütigen Hinterbänkler –, so hielt Jesus inzwischen schon reflexartig, ja vereinzelt sogar bereits adaptiv-antizipierend die andere Wange hin. Diese einzig und allein von Jesus und seinem Ensemble in solch surrealer Extremform praktizierte Variante des obstruktiven Pazifismus war dadurch, daß sie in intellektuell-selbstbestimmten Sinne weit über die von anderen Gruppen üblicherweise betriebene Selbstverkleinerung durch Kniefall hinauslangte, allerdings sich genauso wenig in überzogenen Selbstverstümmelungen verlief, in manchen Gegenden bald zur Sprichwörtlichkeit avanciert.
Jesus durfte seiner eigenen Erfindungsgabe zugute halten, daß diese in ihrer künstlerischen Umsetzung vom kommunikations-theoretischen Standpunkte aus betrachtet durchaus als latent aggressiv einzuschätzende und wohl deshalb auch so wirkmächtige Geste der Pseudo-Unterwerfung bisher nur bei Betrunkenen oder tatsächlich Besessenen keinen Erfolg gezeitigt hatte.
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Gerade nach solchen insgesamt dann aber doch eher desillusionierenden, da aus der Defensive heraus entstandenen und zugleich in die Defensive zurückführenden, gerade nach solch partikulären, nachgeradezu kleinkrämerischen Erfahrungen mußte Jesus nicht nur sein ganzes rhetorisches Talent, sondern auch alle Herzenskraft, die ihm innewohnte, einsetzten, um zu verhindern, daß sich der Bruderkreis verletzt und enttäuscht in alle Winde zerstreute. Gerade den ehemaligen Zeloten in der Runde mußte er dann seine volle Aufmerksamkeit widmen.
Eigentlich hatte ihm das enge, so familiäre und doch nicht familiäre Umfeld, welches sich Jesus geschaffen hatte, dazu dienen sollen, seine Kraft und sein Talent in der Ruhe und Abgeschiedenheit heimatlichen Verständnisses zu mehren. Charakterschule nannte es Jesus gerne.
Aber stattdessen mußte Jesus seine Pfunde in nächtelang wiedergekäuten Erläuterungen an die eigenen Leute verschwenden.
So konnte es nicht weitergehen.
Die unmittelbar bevorstehende, alles umfassende Zukunft verlangte nach einer unmittelbar bevorstehenden, alles umfassenden Tat.
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Jesus ließ sich nur allzu gerne in den Sog der Ereignisse hineinziehen. Jesus hatte beschlossen, jeglichen inneren Widerstand fahren zu lassen. Nur so war er in der Lage, den Ablauf eben jener Ereignisse zu beschleunigen. Und Eile tat not.
Zauderte Jesus jetzt, würde die Gemeinschaft, statt zu einer unabwendbaren Bewegung sich zu erheben, in absehbarer Zeit und in endgültiger Weise an sich selbst zerbrechen. Das konnte, das durfte Jesus auf garkeinen Fall zulassen. Immerhin ging es hier um sein Lebenswerk. Jesus hatte zwar beinahe 30 Jahre benötigt, um den Sinn, um die Bedeutung dieses seines Lebens zu erfahren. Seitdem jedoch das Wissen um die eigene Berufung, seitdem der alles befragende Satz, die alles benennende Frage endlich und unwiderruflich in Jesu Fleisch und Blut übergegangen war, hatte Jesu Auftreten und Handeln eine Art Eigenständigkeit gewonnen, die Jesus selbst manchmal beängstigte. Jesus hatte das Gefühl, daß er tat, was er tun mußte. Jesus hatte das Gefühl, daß er sehr gerne tat, was er tun mußte. Jesus hatte das Gefühl, daß es richtig war, was das Schicksal, nein, was Gottvater, nein, nein, was Jesus selbst sich da abverlangte.
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Jesus war die Rolle geworden, in die er einst in ausgelassener, oberkörperfreier Stimmung für einen verdrehten Augenblick geschlüpft war. Jesus hatte diese Rolle längst vollkommen verinnerlicht. Und von dort innen, aus dem tiefsten Inneren her, durch jede Faser von Jesu Leib, durch jeden Tropfen hindurch, war sie dann wieder nach außen getreten. Einst eine bloße, zufällige Maske, jetzt aber, gereinigt und geheiligt durch die ewige Mitte, dem einmaligen Anfang, emporgehoben als Sonne der Sonne entgegen, erstrahlte sie als Jesu letztes und wahrstes Gesicht.
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Jesus hatte beschlossen, daß das Tingeln durch die Dörfer ein Ende haben mußte. Jesus war die unwegsame Weite der Wüste leid. Jesus hatte die unwegsame Enge der Berge satt. Jesus wollte, Jesus mußte in die goldene Stadt. Wege über Wege fanden sich dort. Plan und eben. Selbst Chaos war dort eine Form von Ordnung. Dort führte ein jeder Weg ans Ziel. Dort führte ein jeder Weg auf den goldenen Platz. Am goldenen Tor. Zum goldenen Palast.
Der Schritt hinaus aus den vermischten Meldungen der Provinzblätter hinein ins Rampenlicht der landesweiten Abendnachrichten mußte endlich in Angriff genommen werden. Dies war der letzte Schritt, der die lange Reise, den oft schmerzlichen Fall an das höchste Ende bringen, ja dem gesamten Unternehmen überhaupt erst Sinn und Berechtigung verleihen würde. Dieser letzte Schritt, hinein in die blendende Architektur der Stadt, vor die herrlichste ihrer Burgen, die Vollendung des Tempels, dies galt Jesus als der eigentliche Ursprung. Künstler und Sohn, Kausalität und Teleologie. Gold zu Gold.
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Jesus und der engste Kreis um ihn hatten vor einigen Monaten schon einmal eine Vorstellung in der goldenen Stadt zustandegebracht. Nur eine kleine, sekundenschnelle Guerilla-Aktion, welche auf die Verflechtungen von Klerus und Kapital aufmerksam machen sollte. Leider schaffte es Jesus damals nicht in die Medien, sondern nur ins Polizeiregister.
Der Gerichtsdiener wollte Jesu Argumentation nicht folgen, daß dadurch, daß der werktätige Künstler einen bestimmten Teil eines öffentlichen Raumes zur Bühne seines Auftrittes erklärte, gerade dort und dort vor allem die Ausübung der Meinungsfreiheit oberstes Schutzrecht zu genießen habe. Der Gerichtsdiener beharrte auf Nötigung und Sachbeschädigung, erklärte jedoch unter der Hand, daß in solch minderen Fällen ein Verfahren üblicherweise aufgrund mangelnden öffentlichen Interesses eingestellt werden würde.
Der Gerichtsdiener hatte in der Akte Jesu die Berufsbezeichnung „Aktionskünstler“ gelesen. Er war Profi genug, um zu wissen, wie tief eine richterlich-schriftliche Konstatierung mangelnden öffentlichen Interesses einem Aktionskünstler in die Seele schneiden mußte. Weit tiefer noch als eine handfeste, zumindest kurznachrichten-taugliche Verurteilung.
Aber ungeachtet solch ungezählter Nadelstiche durch die Behörden war damals die Medienpräsenz garnicht das hauptrangige Ziel jener Unternehmung gegen die priesterlich sanktionierte Währungsspekulation gewesen. Doch das hatte Jesus selbst Petrus verschwiegen, immerhin Vizepräsident der Bruderschaft. Vielmehr ging es Jesus damals in jener Kommando-Aktion darum, das Team einmal unter Echtzeit-Bedingungen trainieren zu lassen.
Jesus wollte die totale Authentizität. Totale Authentizität war die erste und letzte Grundmaxime der Kunst Jesu. Nur Authentizität, nur sie allein führte zur Sohnschaft. Und damit zum Erfolg, von dem sie alle träumten. Sie alle. Auch das Publikum. Und auch Gottvater.
Immer wieder hämmerte Jesus seinem Ensemble dieses apriorische Paradigma ein. Totale Authentizität, so brüllte es Jesus den verzweifelten Akteuren auf die Stirnen, totale Authentizität sei unerläßlich, wenn Kunst zur reinen Selbstbezüglichkeit emporgehoben und damit durch sich selbst hindurch, über sich selbst hinaus in echte Erbschaft entlassen werden wollte.
Damals – und nur darum opferte Jesus seine bis dahin aktenkundlich reine Weste – durch jene Guerilla-Aktion damals sollte der Bruderrunde ein Gefühl dafür vermittelt werden, was es hieß, im reizüberfluteten Zentrum der Hauptstadt in Erscheinung treten zu wollen. Was es hieß, dort in diesem goldglühenden Tiegel den Kopf und mit ihm Banner und Parole emporzubekommen.
Jesus wollte seinem Ensemble ein Gefühl dafür vermitteln, was es hieß, dort in dieser elitären Hölle über sich selbst hinauswachsen zu müssen.
Die Bruderrunde sollte ein Gefühl für die abstruse Schnelligkeit, die unverhältnismäßige Vehemenz bekommen, aber auch für die gnadenlos akkurate Vergeßlichkeit und vor allem für die perfide Leere, welche die goldene Stadt im Innersten zusammenhielt.
In dieser Hinsicht hatte Jesus den Auftritt auch als vollen Erfolg einstufen können.
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Jesus würde auch an diesem Freitag wieder die unumstrittene Hauptrolle im Handlungsverlauf zufallen. Das war auch von niemandem jemals ernstlich beanstandet worden. Allerdings hatte es während Jesu Vorsitz bis zuletzt immer wieder Phasen gegeben, da war Jesus drauf und dran gewesen, alles hinzuschmeißen. Sowohl Regie als auch Darstellung. Da wußte Jesus mit einem Male, all die aufreibenden Auftritte im Staub irgendwelcher Weiler und Gehöfte, all die Knochenarbeit für ein Publikum, das kaum verständiger war als das Vieh oder das Korn, von dessen freiem Wuchs es lebte, all die standup-performances, wenn ihn irgendwo irgendein selbstverliebter Lümmel ansprach, all das, so war Jesus dann plötzlich der Meinung, seien nichts als Perlen vor die Säue, beinahe schon gotteslästerlich verschwendete Liebesmüh´.
Doch Jesus war sich seiner Verantwortung immer bewußt geblieben. Jesus war sich selbst immer treu geblieben. Sich und seinem Team. Jesus war es gewohnt, immer 200% zu geben. L'art pour l'homme. L'homme pour l'art. Identifikation von reiner Selbstbezüglichkeit und totaler Authentizität. Diese Maxime verschaffte Jesus immer wieder Atemluft gerade während der dunkelsten Stunden seiner noch so jungen Karriere.
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Bezeichnenderweise waren es oftmals die Reaktionen der Kinder gewesen, ihr Staunen mit Augen so groß wie Monde, diese Mischung aus totalem Unglauben und völligem Vertrauen, dieses Erwachen der Jüngsten in seinen Händen, das ihn wieder herauskatapultierte aus den Momenten abgründigen Selbstzweifels.
Inzwischen waren Kinder zu seinem liebsten Publikum geworden. Manchmal, in den seltenen Momenten des Müßigganges, erwischte sich Jesus dabei, wie er von simplem Kasperletheater träumte, von selbstgebastelten Figürchen. Von verstellter Stimme und Fingerspiel. Auch wenn Jesu Geistlichkeit sogleich versuchte, den Reigen mit erzener Vernunft zu umänteln, indem sie den Figürchen Spinnenfäden anband, welche aus dem Theater hinaus, hinauf in das Himmelsnetz reichten, so ließ sich Jesus weder in das eine noch in das andere verstricken, sondern zwang den Blick sofort nach dem Erwachen dazu, sich auf die Pflicht des Erwachsenseins, auf das Dasein als aufrechter Mensch und mündiger Bürger, auf die Schönheit seines Schicksals als freier Knecht und wahrer Künstler zu konzentrieren.
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Eigentlich war Jesus ein sehr introvertierter Mensch. Eigentlich scheute Jesus größere Menschenansammlungen. Eigentlich lag es Jesu Charakter gänzlich fern, sich vor anderen zu produzieren.
Jesus wurde vor jedem Auftritt von schlimmstem Lampenfieber gequält. Nicht selten war es allein der dann immer wieder ungewohnten Strenge von Jesu engstem Umfeld und einer geballt verabreichten Selbstmedikamentation zu verdanken, daß Vorstellungen überhaupt stattfanden.
Auch für den heutigen Tag, natürlich auch für den heutigen, alles entscheidenden Tag hatte Jesus die Dosis vorsorglich und insgeheim erhöht.
Jesus gebrauchte eine Arznei, die im Osten den Karavanenhändlern gegen die Reisekrankheit verabreicht wurde. Jene mysteriöse Reisekrankheit brachte sich ja ebenfalls anhand gravierender Angstzustände und irrationaler Fluchtimpulse zum Ausdruck. Jesus bezog das fertige, unbeschriftete Produkt von einer alten chaldäischen Kioskbetreiberin, welche in einem besseren Holzverschlag am Rande des Gewerbegebietes seiner Heimatgemeinde einen florierenden Handel betrieb. Es zogen viele Karavanen durchs Land. Und es zogen noch weitaus mehr aufrechte Menschen und mündige Bürger durch das mit ihrem eigen Wort zu heiligende Land.
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Das Lampenfieber quälte Jesus inzwischen jeden Tag. Von jedem ersten Augenblick des Erwachens an. Der eklatante Raubbau, den Jesu Medikamentensucht an seinem Körper und damit auch am engsten Umfeld vollzog, nahm Jesus dem Umständen geschuldet hin. Die Zeiten standen auf Revolution. Wenn Jesus endlich etwas aus seinem so vielversprechenden Leben machen wollte, dann durfte er jetzt keine Rücksicht auf Kleinigkeiten nehmen. Als Künstler hatte Jesus Opfer zu bringen. Um wievieles mehr noch als Künstler, dem es nach Wirkung, dem es nach Erfolg verlangte! Als Künstler seiner Güte, seiner Qualität hatte Jesus jedes Opfer zu bringen. Solange, bis nur noch der Künstler selbst als Opfer dienen konnte. In einem letzten Schritt. In einem endgültigen Ursprung. Hinein in die goldenen Schluchten der Hauptstadt. Hinein in den gierenden Schlund der unersättlichen Ablehnung. Jesus wollte sich mit Haut und Haaren darin versenken, auf daß dieses liederlich gleißende Monster an dem geschluckten Körnchen Gift in Schmach und Schande verrecke.
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Jesus wollte die Welt in Schutt und Asche legen.
Jesus sah keinen Sinn darin, auf Bisherigem aufzubauen. Jesus wollte den ultimativen Erfolg. Einen Erfolg von Anfang an. Und um an einen Anfang zurückzugelangen, durfte es für das Bisherige kein Erbarmen, keine Gnade geben. Jedes Gesetz hatte seine Gültigkeit verloren. Das Gesetz des Bisherigen mußte den eigenen Abgründen eingesenkt werden, um eben diese Abgründe aufzufüllen, auf daß sie überschreitbar wurden, sowohl die Abgründe, als auch das Gesetz des Bisherigen selbst.
Jesus wollte in der neuen Zukunft durch keinerlei gegenwärtige Sachzwänge gebunden sein.
Jesus wollte in einer Art des alchimistischen Zersetzungs-Prozesses das Ewige aus der Welt herausdestillieren, um es durch beschleunigte Beruhigung, um es durch Vermittlung hinab in das unterste Aggregat zu einer formbaren Essenz zu machen. Dem Urstoff des neuen Universums.
Jesus war Künstler. Ihm mangelte es nicht an Ideen. Aber Jesus war eben auch und vor allem Sohn. Jesus sehnte sich nach unbekannten Materialien, in welche er sich und die tradierte Kunst auf der Suche nach Sinn, auf der Suche nach Neuem hineinschlagen konnte.
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Jesus war Sohn und Künstler.
Alles Bisherige, alles bereits Vollendete, alles Vergangene langweilte Jesus, kam ihm sogar in eklatantem Umfange verdächtig vor. Derart verdächtig, daß es einer Verhandlung darüber kaum mehr bedurfte. Alles Bisherige täuschte sein Lebendigsein nur mehr vor. Aber Jesus war Künstler. Und Jesus war Sohn. Jesus kannte die Nähe. Und Jesus kannte die Ferne.
Jesus hatte den Betrug durchschaut.
Alles Bisherige, alles Vergangene war in Wirklichkeit tot. Geschichte war nichts weiter als der stinkende Abfalleimer eines kanaanitischen Metzgers. Und was da blubberte und schäumte, war nicht das Bisherige, das Vergangene oder das Gesetz selbst. Was da blubberte und schäumte, war das Vergessen all dessen.
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Jesus hatte die Rolle, welche er vollständig verinnerlicht hatte, ebenso vollständig zuende gedacht. Jesus wollte die letzten Worte des Helden noch intensiver, noch wahrheitsgetreuer, noch wirklicher aussprechen als das einstige Original. Jesus wollte durch seine ureigene Kunst das Original zum Abbild machen und seine ureigene Kunst zum Eckstein einer neuen Welt.
„Schönen, guten Tag. Die Fahrscheine bitte!“
Jesus schreckte aus seinen Gedanken. Mit einer sonderbaren Ahnung faßte sich Jesus an die Brusttasche.
Da war keine Brusttasche. Natürlich war da keine Brusttasche. Jesus trug ja heute, an diesem alles entscheidenden Freitag, nicht wie sonst üblich ein Jackett. Jesus trug heute, an diesem alles entscheidenden Freitag selbstverständlich nur den obligatorischen Lendenschurz. Alles andere wäre doch dummdreister Modernismus gewesen! Etliche Wochenenden hatte Jesus damit zugebracht, den korrekten Faltenwurf in ursprünglicher Lässigkeit hinzukriegen.
Jesu Portmonnaie mit dem Tagesticket gültig für alle öffentlichen Verkehrsmittel der goldenen Stadt befand sich jedoch in eben jenem Jackett. Und das hing noch immer an einem Haken neben dem Bett seines Pensionszimmers.
„Schönen, guten Tag. Die Fahrscheine bitte!“
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„Kennen Sie den halbnackten Schwarzfahrer da neben Ihnen?“
Petrus saß hochaufgerichtet, hielt den Kragen seines Trenchcoats mit einer Hand zusammen und rückte auf dem Sitz ein wenig fort von Jesus. Petrus übergab seine Fahrkarte an den Kontrolleur, hielt dessen Blick stand und schüttelte den Kopf.
„Ich bin ein ehrbarer Bürger dieses Landes. Ich wallfahre in die goldene Stadt. Nein, ich kenne keinen einzigen Schwarzfahrer.“
Was für ein begnadeter Lügner, dachte Jesus.
Es hatte so kommen müssen. Jesus hatte es vorhergesehen. Petrus steckte die Schauspielkunst in den Genen. Oder war es einfach nur wieder einer seiner tierhaften Reflexe? Petri viehische Seele, welche aber nichtsdestotrotz jede Glaubwürdigkeit durch eklatante, beinahe auf den Kopf gestellte Natürlichkeit in den Schatten stellte.
Jesus wirkte apathisch. Bisher war alles nur ein Spiel gewesen. Ein Präludium. Bisher war sein Denken, sein Handeln wenn auch zur Gänze so doch stets nur auf irgendeine, trotz aller Konzentration immer irgendwie entfernt gebliebene Zukunft gerichtet. Die Vorstellung, die Idee war uralt. Auch hatten sich in den letzten Monaten schon dunkle Konturen des Kommenden aus dem nebelverhangenen Horizont der Wirklichkeit herausgeschält. Doch Farben und Hintergründe, die Art der Materialien, ja auch schlicht unvorhersehbare Zufälligkeiten entfalteten sich in ihrer Bedeutung erst jetzt, erst so kurz vor dem Ziel.
Doch jetzt, so kurz vor dem Ziel, so kurz vor dem Kreuz konnte Jesus schon längst keine Rücksicht mehr auf Details nehmen. Das Ziel zog Jesus an wie ein Magnet das eiserne Projektil. Das Ziel war unverfehlbar. Das Ziel selbst war es, das getroffen werden wollte. Kein Hindernis, egal welches, konnte die Flugbahn des Geschosses jetzt noch ändern.
Jesus schloß die Augen und ließ sich von einer Woge aufschäumenden Fatalismus´ in die Untiefen der Felsenküste schleudern. So lange Zeit, von Anbeginn an und Ewigkeiten gar, hatte Jesus die Weltenozeane durchzogen, kreuz und quer. Jetzt, so kurz vor dem Landgang, war Jesu Geist doch längst schon dort. Sein Körper würde nun folgen müssen. Jeder Weg war Jesu Weg. Jeder Weg führte jetzt an Jesu Ziel.
Nicht er, Jesus Christus, taumelte blutend umher auf der Suche nach einem tiefen Versteck. Nicht er, Jesus Christus, schnappte geifernd um sich, waidwund und verzweifelt.
Jesus Christus schnellte dahin wie der letzte Pfeil des Jägers. Das Schicksal der goldenen Hindin war besiegelt.
Jesus schwieg.
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Jesus beobachtete den Minutenzeiger der großen, runden Blechuhr über dem leeren Schreibtisch. Da Jesus nicht nur ohne gültigen Fahrschein sondern auch ohne gültige Personal-Dokumente aufgegriffen wurde, noch dazu in jenem zu Vorsicht gemahnenden Outfit, hatten die Kontrolleure entschieden, die Exekutive einzuschalten.
Der Polizeibeamte hatte Jesus auf das Revier verbracht, um dort Jesu Angaben überprüfen zu können.
Jesus saß jetzt schon über eine Stunde alleine in einem kleinen Amtszimmer. Immer wieder näherten sich durch die Türe in Jesu Rücken Schritte. Feste, rhythmische Schritte. Doch genauso waren die Schritte dann auch immer wieder vorbeigezogen und verhallt.
Die Szene mit den Hohepriestern und dem Statthalter würde ausfallen müssen. Das war verkraftbar. Auch wenn Pontius und vor allem Kaiphas sicherlich schon schäumten vor Wut. Auch die Statisten mit den Geißeln würde Jesus enttäuschen müssen.
Aber das war alles verkraftbar.
Auch der Gang nach Golgatha war im Grunde genommen nur Füllstoff. Auch da konnte also problemlos gekürzt werden. Die Streichung von Simons Auftritt tat Jesus zwar leid, denn Simon war immer so still und bemüht gewesen, aber auf diese dezente Weise würde Simon seinen Einsatz ausnahmsweise einmal nicht verpassen können. Alles hatte irgendwie sein Gutes.
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Die Türe in Jesu Rücken platzte auf. Jesus fuhr zusammen.
Ein unförmiger Mittfünfziger in der roten Uniform der Stadtpolizei stapfte um Jesus herum und plumpste hinter dem Schreibtisch in den ergonomischen Sessel. Der Beamte schnaufte. Der Stoff der Uniform spannte.
„Jesus Jessipowitsch Christus. Aktionskünstler. Zur Zeit wohnhaft: Eintrachtstraße 1.“
Jesus nickte.
„Ihre Angaben wurden überprüft und für vorläufig wahrheitsgemäß befunden. Ich gratuliere.“
Jesus lächelte.
„Aber wozu diese seltsame Verkleidung? Sie mag ja grundsätzlich nicht verboten sein. Aber höchst verdächtig ist solch ein Erscheinungsbild allemal!“
Der Beamte zeigte mit seinem goldenen Kugelschreiber auf Jesu Lendenschurz. Jesus sah an sich hinab.
„Nun ja, das ist mein Kostüm.“
„Aber sie stehen doch noch garnicht auf der Bühne, Jesus Jessipowitsch Christus! Wieso also jetzt schon ein Kostüm?“
Jesus schwieg.
„Erst verwickeln sie sich in Widersprüche. Und dann schweigen sie! Wer sind sie wirklich, Jesus Jessipowitsch Christus?“
Jesus war verwirrt. Jesus spürte den Ernst, mit welchem der schnaufende Beamte die Frage gestellt hatte. Der goldene Kugelschreiber blitzte. Und auch Jesus schnaufte jetzt.
„Ich bin Künstler und Sohn.“
Der in seine rote Uniform hineingepferchte Beamte winkte müde ab.
„Ich habe gleich Schichtende. Lassen wir die Spielereien.“
Der Beamte erhob sich.
„Wissen sie, was mein Vorgesetzter meint?“
Jesus schwieg.
„Mein Vorgesetzter meint, sie seien irgendso ein Hampelmann von einer Verbraucher-Organisation. So einer von denen, die inkognito die Service-Qualität der staatlichen Behörden aufs Korn nimmt.“
„Ich bin Künstler. Und ich bin Sohn.“
„Mein Vorgesetzter meint, unser Revier solle die Gelegenheit nutzen, um sich von seiner besten Seite zu zeigen. Selbst Dienst nach Vorschrift reiche heutzutage ja schon aus, um von der Medienmeute zerrissen zu werden. Und das könne sich kein Vorgesetzter der Exekutivbehörden mehr leisten. Die Zeiten hätten sich geändert.“
Jesus schwieg.
„Mein Vorgesetzter meint, es wäre das Beste, ich brächte sie mit dem Wagen nach Hause. Oder wohin sie auch immer wollten in dieser Stadt. Also auf geht’s, Herr Verbraucherschützer! Ich habe gleich Schichtende.“
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Jesus saß im Fond des Polizeiwagens und überschlug das gekürzte Programm.
Jesus würde sich voll und ganz auf die Szene am Kreuz beschränken. Jesus war bereit, auf alles andere zu verzichten. Wenn er nur die Frage der vollendeten Vergangenheit, den Satz der vollkommenen Zukunft stellen würde. Denn nur um dieses dünnen Hauches willen, dieses letzten Körnchen Salzes wegen zogen die Planeten ihre ewigen Bahnen.
In solch einem Lichte betrachtet erwiesen sich Expositionen, retardierende Momente und sonstige theatrale Techniken sogar als hinderlich. Die jetztige, den Umständen geschuldete und durchaus spontan sich ereignende Verdichtung des Stoffes würde die Aufführung in einem echten Urknall zusammenpressen. Jesus sah ganz deutlich, mit welcher Vehemenz der göttliche Impuls sich in seiner kargsten, in seiner reinsten Form, in seiner ureigensten Klarheit, wie Gottvater sich aus dieser scheinbaren Notlösung heraus als absolute Anwesenheit offenbaren würde.
Nur das letzte Wort. Nichts sonst. Das letzte Wort. Am Ziel. Am Kreuz. Purster Puritanismus! Totale Konzentration auf das Wesentliche. Auf das Eine. Auf das Einzige. Auf das Allerletzte. Das Ende war an sein Ende gelangt. So wie der Anfang an seinen Anfang. Ende und Anfang verschmolzen zum einen, einzigen, letzten Wort. Zum Herrenwort.
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Jesus genoß die Fahrt unter Blaulicht.
Soviel unnötiger Ballast war in der letzten Stunde von ihm abgefallen. Geschichte hatte keinen Sinn, Geschichten keine Bedeutung mehr.
Jesus fühlte die Wahrheit, die Freiheit. Die Schönheit. Jesus fühlte sich selbst vollkommen wahr, vollkommen frei. Vollkommen schön.
Jesus hatte das Ziel erreicht. Jesus war vollkommen glücklich. Jesus begriff jetzt, daß er sich längst innerhalb des Zieles befand. Jesus begriff jetzt, daß sich alles schon immer immerhalb des Zieles befunden hatte. Allein das Durchschreiten ebendesselben, das triumphale Hinaustreten in das höchste Licht blieb noch zu tun.
Wie vergänglich erschien Jesus all jene schmachvolle Schwere.
Als ewig würde Jesus alsbald die Leichtigkeit der Erlösung erklären.
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Der unförmige Staatsbeamte gelangte mit seinem Einsatzfahrzeug zu ungeahnter Geschwindigkeit. Und auch zu überraschender Geschicklichkeit. Sie durchbrachen die ersten Absperrungen. Sie näherten sich unaufhaltsam dem goldenen Platz. Vor dem goldenen Tor. Zum goldenen Palast.
Menschen strömten ihnen entgegen, die Köpfe schüttelnd, wütend und lachend. Und ganz ohne Eile wirbelten die Gesichter um den Bug des Rettungsschiffes herum.
Jesus hatte es jetzt sehr eilig. Jesus war wirklich spät dran. Jesus realisierte das jetzt. So wie es aussah, würde Jesus auch auf das Publikum verzichten müssen.
Hauptsache, die Pressefritzen waren noch dageblieben. Jesus vertraute auf das üppige Buffet, das er unter Aufbietung aller restlichen Spendengelder gleich neben der Bühne hatte aufstellen lassen.
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Jesus und der Polizeibeamte sprangen aus dem Wagen und liefen die letzten Meter über den goldenen Platz. Die Volksmenge hatte sich bereits aufgelöst. Auch das Dach der Bühne hatten Monteure bereits entfernt. Kabel wurden zusammengerollt.
Der Polizeibeamte zog seine Dienstpistole und gab einen Warnschuß ab.
„Jeder hier unterbricht sofort seine Tätigkeit! Hände hoch, aber dalli!“
Der Polizeibeamte schnaufte. Der Polizeibeamte drehte sich einmal im Kreise.
„Niemand verläßt den goldenen Platz, verstanden!“
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Die geladenen Medienvertreter waren längst verschwunden. Das Buffet stand geplündert und deplaziert neben der Bühne. Auf dem goldenen Platz waren nur ein paar Rentner zurückgeblieben. Mißmutig beobachteten sie aus der Ferne das weitere Geschehen. Immerhin hatte wenigstens einer von ihnen eine Kamera gezückt.
Die Monteure, die mit dem Abbau der Bühne beschäftigt waren, hatten verwundert innegehalten und warteten ab. Immerhin handelte es sich um einen Polizeieinsatz.
Auch der Polizeibeamte starrte jetzt auf Jesus. Der Polizeibeamte hatte die gesamte Würde seines Amtes in diese Waagschale geworfen. Der Polizeibeamte nickte erwartungsvoll. Ja sogar fordend, wie Jesus fand. Aber der Polizeibeamte hatte natürlich recht. Jetzt war höchste Eile geboten. Und vollste Konzentration.
Jesu Ensemble war verschwunden. Jesu Christen hatten nicht mehr an sein Kommen geglaubt. Jesus mußte also auch auf seine Brüder verzichten.
Jesus hatte keine Zeit, nachzudenken.
Jesus verzichtete.
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Nur Magdalena und ein paar ihrer halbseidenen Kumpaninnen standen verloren auf der Bühne herum. Sie hatten sich vor einiger Zeit der über's Land ziehenden Christenschar angeschlossen. Die Frauen waren Jesus und seinen Mannen einfach hinterhergezogen. Und schlußendlich war auch Jesus froh um jenen Anflug von Häuslichkeit, jenen trägen Duft der Heimlichkeit geworden, der dann und wann seitdem durch das staubige Wanderlager wehte.
Jesus sprang auf die Bühne.
„Um Gottes willen, Magdalena! Wo ist das Kreuz?“
„Das Kreuz haben sie schon abgeholt.“
Jesus begann zu zittern. Magdalena hob beschwichtigend die Hände.
„Sie haben das Kreuz schon abgeholt? Aber Magda!“ Jesus schüttelte den Kopf. „Nicht auch noch das Kreuz. Ich kann doch nicht auch noch auf das Kreuz verzichten!“ Jesus war heiser. „Das Kreuz ist ein Symbol. Was sage ich da, das Kreuz ist das Symbol! Das Kreuz ist der Aufhänger der ganzen Geschichte!“ Jesus wußte nicht, was er tun sollte. Magdalena trat einen Schritt auf ihn zu. Noch immer hatte sie die Arme erhoben.
„Hör mal, Jesus. Die Sache ist gelaufen. Daß das Kreuz schon abgeholt wurde, ist doch auch irgendwie ein Symbol, oder nicht? Die Vorstellung hier und heute hat sich erledigt. Jetzt guck doch nicht so verdattert, Jesus. Es ist ja nicht deine Schuld.“
„Natürlich ist es meine Schuld!“ murmelte Jesus tonlos. „Alles ist meine Schuld.“
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„Komm schon, Jesus. Laß uns einfach wieder ein bißchen durch die Dörfer tingeln. Die Zeit da draußen war doch eigentlich ganz schön. Und nächstes Jahr ist doch auch wieder Nationalfeiertag. Nach der Show ist vor der Show. Habe ich nicht recht, Jesus? Jetzt hab' dich nicht so. Laß uns gehen!“ Magdalena reichte Jesus ihre Hand.
Jesus hob den Kopf und atmete durch. Er sah Magdalena in die Augen. Und er sank dort hinein. Es war ihm, als betrete er eine alte, vergessene Welt. Eine Höhle vielmehr, warm und weich. Jesus faßte Mut. Jesus wollte etwas sagen. Es roch nach frischgebackenem Brot. Es roch nach dunklem Parfüm. Genau das wollte er Magdalena sagen.
Magdalena hatte den Kopf schiefgelegt. Einige ihrer dicken, schweren, schwarzen Locken kullerten über das Gesicht. Magdalena lächelte. Wie die eigene Mutter. Wie das fremde Weib. Jesus lächelte. Magdalena's Brust hob sich.
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„Nichts da, Fräulein!“ platzte der unförmige Polizeibeamte mit gewaltigem Aplomb in die Szene. Er hatte die Bühne über eine von den Monteuren eilends herangebrachte Leiter erreicht. „The show must go on! Das ist ein ehernes Gesetz!“ Der unförmige Polizeibeamte schrie sich in Trance. Das Rot seiner Uniform glühte. „Dieses Gesetz besaß schon Gültigkeit, als Welten überhaupt noch nicht geschaffen waren! Dieses Gesetz besaß schon Gültigkeit, als es überhaupt noch keinen Schöpfer gab. Dieses Gesetz macht alles erst zu dem, was ist. Dieses Gesetz macht überhaupt erst, daß alles ist!“ Die Schallwellen seiner Tirade rollten über den Körper des Polizeibeamten hinweg und brachen jeden Widerstand kurz und klein hauend über die Bühne hinweg, hinweg über den goldenen Platz, und schließlich über diese goldene Welt herein. „Dieses Gesetz gilt für alle. Auch für dich, Verbraucherschützer!“
Der Polizeibeamte hatte die Augen weit aufgerissen. Der Polizeibeamte zielte mit seiner Dienstwaffe auf Jesus. Der Polizeibeamte schnaufte wie ein tollwütiges Tier.
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Jesus stand da. Völlig bewegungslos. Als sei die Zeit stehengeblieben. Als hätte sich jeder Ort zu einer einzigen Mauer um ihn zusammengefügt. Kein Muskel in Jesu Brust, kein Gedanke in Jesu Hirn regte sich.
Jesus war konsterniert. Jesus konnte noch immer nicht verstehen, warum das Kreuz nicht mehr hier war. Was für eine Liderlichkeit. Was für eine Pedanterie.
Jesus faßte sich. Jesus fügte sich.
„Los, hinlegen! Wenn das verdammte Kreuz schon weg ist, dann nagelt den Hampelmann gefälligst auf den Boden der Bühne! Holz ist Holz. Und das Ganze mal schön zackig, meine Damen und Herren! Los jetzt!“ Der Polizeibeamte gab einen Warnschuß ab. Diesmal nicht mehr in die Luft, sondern knapp über Jesu Kopf hinweg.
Jesus ließ sich wie ein Stein zu Boden fallen.
Die Monteure beeilten sich. Sie benutzten Schrauben statt Nägel und Bohrmaschinen statt Hämmer. Jesus wollte etwas sagen, doch einer der Monteure stopfte ihm geistesgegenwärtig einen herumliegenden Arbeitshandschuh in den Mund. In Sekundenschnelle war Jesus an den Bohlen des Bühnenbodens fixiert.
Die Monteure atmeten erleichtert auf. Auch der Polizeibeamte atmete erleichtert auf. Magdalena schluchzte still und trocken vor sich hin.
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„Und was jetzt?“ fragte der Polizeibeamte. Alle Anspannung schien von ihm abgefallen zu sein. Der Polizeibeamte schnaufte nicht mehr. Der Polizeibeamte atmete ruhig und tief. „War's das jetzt?“ Der Polizeibeamte sah sich fragend um. „Eigentlich habe ich seit ner Viertelstunde Feierabend. Und meine Frau wartet nur sehr ungern mit dem Essen.“ Der Polizeibeamte grinste und zielte mit seiner Dienstpistole lässig auf einen der Monteure. „Also, war's das jetzt?“
Der anvisierte Monteur hob die Hände und zuckte mit den Schultern.
„Der Typ muß noch sterben, soweit ich weiß. Vor Sonnenuntergang zumindest.“
Die anderen Monteure nickten verlegen. Auch Magdalena bekundete Zustimmung. So stand es schließlich im Script. Und Magdalena wußte sehr gut, wie wichtig Jesus dieses Script war. Dieses Script war Jesus immer heilig gewesen. Es war war Jesu ureigenstes Script. Es war seine Rolle. Seine einzige Rolle. Es war Jesu Leben.
„Na, das werden wir wohl auch noch hinbekommen. Es soll schließlich alles seine Ordnung haben. Mein Vorgesetzter möchte sich nichts nachsagen lassen. Und ich will jetzt auch endlich meine Ruhe haben.“ Der Polizeibeamte ließ den Lauf seiner Dienstpistole in Richtung Jesus schnalzen und feuerte ohne Hinzusehen.
Jesus hatte einen Bauchschuß erhalten. Etwas seitlich. Unterhalb des letzten Rippenbogens. Jesus zuckte einige Male. Nicht der leiseste Schmerzenslaut drang durch den Montage-Handschuh.
Dann war alles vorbei. Jesus war tot.
„So, Kinder. Das muß es jetzt aber wirklich gewesen sein.“
Der Polizeibeamte ließ seine Dienstpistole mit einer kunstvollen Drehung im Halfter verschwinden, deute eine Verbeugung an und verließ die Bühne.
Die Monteure applaudierten kurz und verhalten. Die Monteure wollten wieder an ihre Arbeit. Sie hatten einiges aufzuholen.
Magdalena schluchzte nicht mehr. Magdalena räusperte sich. Dann wandte sie sich ab und sah dem Polizeibeamten hinterher.
„The show must go on.“
Heft V
{Apokalypse}
In den letzten zwei Monaten war Jesus fett geworden wie ein Schwein. Mehr noch. Jesus war inzwischen so fett und aufgedunsen wie ein Schwein, in dem nicht einmal mehr die eigenen Dämonen hausen wollten.
So zumindest empfand es Jesus selbst. Doch dies Empfinden machte Jesus keine Angst mehr, noch viel weniger störte es ihn jetzt. Jetzt, da die Dinge sich unaufhaltsam aufzulösen begannen, da begann auch Jesus, unaufhaltsam, dieses Suhlen, dieses Versinken im grenzenlosen Selbstmitleide zu genießen. Es war das Letzte, was Jesus in diesem seinem Leben blieb.
Es war vorbei. Endgültig. Jesus hatte nicht einmal mehr einen Rückzug angeordnet. Alles war vorbei. Alles war dem Untergang geweiht. Auch wenn Jesus die Tragweite dieser Erkenntnis noch nicht wirklich wahrhaben wollte, schlichtweg nicht wahrhaben konnte, denn dafür waren seine Ansprüche stets zu hoch gewesen, so hatte er sich doch nunmehr in die Unausweichlichkeit gefügt. Er durfte nicht verstehen, warum es geschah. Doch er wußte, daß es geschah.
Jesus führte seinem Körper seit zwei Monaten ausschließlich und unaufhörlich Astronauten-Nahrung zu. Jesus kaute ohne Unterlaß. Und Jesus setzte die Inhaltsstoffe restlos um. Jesus hatte ein kleines Flechtkörbchen an seinem portablen Thron anbringen lassen. In diesem Flechtkörbchen vermehrte sich die verbraucherfreundlich portionierte Astronauten-Nahrung wie von selbst. Um den portablen Thron, der seit seiner Ankunft hier in der Kommandozentrale nicht mehr bewegt worden war, hatten sich Haufen von glitzerndem Verpackungsmüll erhoben. Jesus hatte die letzten Wochen hindurch diesen Anblick ganz bewußt zu genießen versucht. Er vermeinte Jesus an die kahlen, in der Sonne gleißenden Berge von Galliläa zu erinnern. Und dort hatte doch schließlich die Reise ihren Anfang genommen. Jene unsägliche Reise, die Jesus nun zuende brachte. Jenes gigantische, jenes grandiose Mißverständnis, welches Jesus nun in die Vernichtung führte. Ihn und mit ihm gemeinsam, jeder für sich, all seine Scharen, Chöre und elenden Haufen.
Jesus hatte jede körperliche Bewegung, die nicht der Nahrungsaufnahme diente, eingestellt. Jesus bewegte den rechten Arm und kaute. Sonst tat Jesus nichts. Jesus hielt die Augen geschlossen und schwieg. Schon seit etlichen Stunden war niemand mehr gekommen, um Jesu Befehle in Empfang zu nehmen. Dabei sollten sie gerade jetzt ganz besonders vonnöten sein. Immerhin befand sich die Schlacht mit dem Menschengeschlechte in der alles entscheidenden Phase. Zumindest tat jene Schlacht das noch, als irgendwer - vielleicht Andreas, Jesus erinnerte sich nicht mehr - vor einigen Stunden letzte Anweisungen von Jesus erhalten hatte. Seitdem war niemand mehr zu ihm gekommen. Und seitdem hatte Jesus auch nichts mehr befohlen.
Alles war vorbei. Die Rückkehr des Heilands, die ach so triumphal geplante Heimkehr des Messias auf die Erde war zu einem Fiasko verkommen. Die hehre Idee des Gottesgerichtes hatte sich in den geifernden Wahn des Gegenteils verwandelt.
Jesu Uniform spannte. Das Metall der Epauletten schnitt in den Wulst des Halses. Die Füße in den engen, schwarzen Stiefeln kochten. Der ledernen Brustwehr entstieg kein hohes Atmen mehr. Das arme Kind versuche gegen den Tod anzufressen, nuschelte Maria. Die Stimme der zahnlosen Greisin echote in Jesu Hinterkopf. Dieser einsame Mann sei süchtig nach Liebe, erscholl Magdalena´s rauher Gesang und ließ Jesu Schläfen vibrieren. Jesus nickte in sich hinein. Kohlenhydrate und Proteine. Liebe und Tod. Fett und Zucker. Jesu Uniform spannte zu recht. Jesus hatte so viel mehr sein wollen als immer nur Soldat.
Jener Flechtkorb, in desssen Tiefen Jesu Dasein nun fast gänzlich versank, war ein Geschenk gewesen, das ihm Petrus zu Beginn der diesjährigen Jubiläums-Parusie im Namen aller Mitglieder des 13-köpfigen ExekutivKommittees überreicht hatte. Damals waren sie ihrer Sache noch bar jeden Zweifels sicher gewesen. So wie auch Jesus nicht einmal in seinen verschwiegendsten Träumen davon geahnt hatte, daß sich die Dinge irgendwann in eine solch monströse Richtung entwickeln würden...
Petrus gehörte zu den ersten, die ihr ewiges Leben auf dem Feld der Ehre beendeten. Und gleich danach Jakobus. Es geschah alles so schnell. Und so gänzlich ohne Gnade...
Erst gestern war Jesus wieder einmal das Gerücht angetragen worden, das Flechtkörbchen sei kein Verweis auf Jesu eigene Großtaten, sondern von Beginn an als heimliche Hommage an seinen großen Widersacher gedacht gewesen. Diesmal munkelte man sogar, jener Reaktionär selbst hätte Schnitt und Verarbeitung der Weidenruten überwacht. Damit wäre natürlich der Tatbestand der Gotteslästerung hinlänglich erfüllt und Jesus hätte endlich auch auf offiziellem Wege etwas gegen diesen notorischen Nörgler unternehmen können.
Aber das war jetzt alles vollkommen bedeutungslos geworden. Jesus würde sich nimmermehr wehren. Der ewige Defätist würde für immer recht behalten.
Jesus öffnete die Augen. Und es hatte garnicht weh getan, wie er seit mehreren Stunden befürchtet hatte. Jesus kauerte noch immer auf seinem portablen Thron in der Kommandozentrale. Auch Galliläa´s glitzernde Berge ruhten noch wie eh und je um ihn herum. Jesus war allein. Die Kaugeräusche klangen wie Tritte im Schnee, wie Schritte im Sand.
Die EndzeitSpezialkräfte des Heiligen Sturmgerichts unter Führung des göttlichen Jesus Imanuel Christus III. hatten vor zwei Monaten in einem Überraschungscoup den Erdtrabanten Mond besetzt. Man wollte den Mutterplaneten und eigentliches Ziel der Aktion nicht durch ein direktes Angehen in unkontrollierbares Chaos stürzen. Doch diese sentimentale Rücksichtnahme hatte sich im Nachhinein als katastrophaler Fehler erwiesen. Jesus war sich seiner Sache zu sicher gewesen. Jesus hatte die Schlagkraft seiner Streitwagen und Bogenschützen überschätzt. Er hatte sich zu lange den Neuerungen der Rüstungsindustrie widersetzt. Und was jeden materiellen Mangel als bloße Marginalie erscheinen ließ: Jesus hatte den Fehler seiner einstigen Feinde wiederholt. Schließlich liebte er Feinde jeder couleur wie sich selbst, sie allein rechtfertigten seine Existenz, ihnen verdankte er alles. Jesus hatte den Fehler seiner früheren Feinde wiederholt und alles für bare Münze genommen, was geschrieben stand. Jesu jetzige Feinde hatten diesen Fehler nicht wiederholt. Und deshalb würde auch das Menschengeschlecht mit seinen Marschflügkörpern und Atomsprengköpfen und nicht Jesus mit seinen Riesen und Recken als Sieger aus dem jetzigen, dem allerletzten Kampfe hervorgehen.
Jesus, der göttliche Jesus Imanuel Christus III., er war in all seinen strategischen Planungen mehr oder weniger stillschweigend davon ausgegangen, in seinem Stellvertreter auf Erden einen sozusagen natürlichen Verbündeten zu besitzen. Selbstverständlich war er ohne große Worte zu verlieren davon ausgegangen! So dachte Jesus auch jetzt noch. Immerhin handelte es sich um seinen Stellvertreter.
Jesus war davon ausgegangen, einen weitläufig gesicherten Brückenkopf auf dem Boden des Vatikanstaates errichten zu können, um von dort aus in wohldurchdachten, quasi mikro-invasiven Eingriffen an zentralen Punkten des Weltgeschehens das Eschaton mittels Selbstreproduktion immanentisieren zu können. So stand es zumindest nachzulesen im „Praktischen Handbuch der taktischen Erweckungskunde“. Der Autor, er nannte sich mitunter Jahwe, aber auch Elohim oder Adonai, der Autor des Breviers galt gemeinhin als erfolgreicher, wenn auch recht roher Gewittergott und FreizeitFeldherr. Jesus war den Namen des Autors in der Vergangenheit schon des öfteren begegnet, hatte jedoch nie Zeit gefunden, etwas von ihm zu lesen. Jesus war das Bändchen während der Reha-Kur, die ihn nach der letzten Passion mithilfe fernöstlicher Heilmethoden wieder einigermaßen auf die Beine gebracht hatte, von einem dortigen Langzeit-Patienten eindringlich empfohlen worden. Dieser Jahwe sei ein ungeschliffener Diamant, hatte Buddha geschwärmt. Dieser Gott sei so ungemein praxisorientiert, ja pragmatisch. Solch eine Weltzugewandheit sei ihm selbst immer abgegangen. Und so hatte sich auch Jesus auf die Rezeption des dunklen Meisters eingelassen.
Der Stellvertreter Jesu auf Erden, ein gewisser Herr Papst, hatte nicht einmal soviel Anstand besessen, seinen Dienstherrn überhaupt zu empfangen. Aus dem irdischen Fernsehen hatte Jesus erfahren müssen, daß dieser Papst ihn, den göttlichen Jesus Imanuel Christus III., zu einem schlichten Außerirdischen erklärt, ja förmlich degradiert hatte. Zu einem außerirdischen Bandenführer, einem extraterrestrischen Terroristen, wie es im Wortlaut hieß, der mit seinen mißgestaltigen Schergen die Existenz der vom wahren Gotte gesegneten Mutter Erde zu bedrohen sich anmaße. Dieser Papst hatte Jesus sogar unter Aufbietung seltsamster Rituale exkommuniziert.
Von da an hatte sich eine Eigendynamik entwickelt, in einer derartigen Rasanz und Vehemenz, daß Jesus sich heute fragte, ob er die Dinge eigentlich jemals wirklich in der Hand gehabt hatte. Oder ob sie ihm nicht schon von jeher aus den Fingern geglitten waren und er nur einem seit aller Ewigkeit fremdbestimmten Schicksal hinterhergetrieben wurde.
Wie auch immer. Jesus bewegte sich nicht mehr. Alles war vorbei. Die zweimonatige, bis in jede Abstrusität dilettantische Belagerung der Erde durch die Seinen hatte überhaupt nur solange Bestand gehabt, weil die Belagerten nicht bereit waren, interne Konflikte während der Umzingelung mit einer Waffenruhe zu belegen. Sie hatten in den letzten zwei Monaten auch gegen sich selbst munter weitergekämpft. Vor allem gegen sich selbst. Schon nach 17 Tagen, Jesus hatte es genau notiert, rangierten Meldungen vom Verlauf der apokalyptischen Belagerung nicht mehr an oberster Stelle in der Berichterstattung der maßgeblichen Erdmedien.
Jesus, der göttliche Jesus Imanuel Christus III., hatte schließlich in all seiner Verzweiflung sogar einen Twitter-Account eingerichtet. Doch mehr als eine Handvoll Followers waren bisher nicht zusammengekommen.
Alles war vorbei. Jesus war kein Dummkopf. Jesus wußte, was Sache war. Jesu Mission war gescheitert. Jesu Lebenswerk war gescheitert. All die Mühen, all das Leiden, all das Harren waren letztendlich umsonst gewesen. Jesus war mannhaft und ehrlich genug, sich das einzugestehen.
Jesus schreckte aus seinen Gedanken empor. Eine rote Warnlampe hatte über dem Hauptbildschirm der Kommandozentrale zu blinken begonnen. Jesus schmunzelte. So ein kleines, unscheinbares Lämpchen, so ein zartes, unschuldiges Leuchten ist es also, das den Untergang der EndzeitSpezialkräfte des Heiligen Sturmgerichts unter Führung des göttlichen Jesus Imanuel Christus III. festschreibt. Unwiderruflich. Welch ein Symbol!
Der Alarm zeigte an, daß der Feind in den inneren Bereich der Kommandozentrale einzudringen sich erdreistete. Dies war der letzte Augenblick, in dem einer Flucht mit der einsitzigen Quantenkapsel noch ein Mindestmaß an Erfolg in Aussicht gestellt war.
Jesus hatte jede körperliche Bewegung auf den Vollzug der Nahrungsaufnahme reduziert. Dabei würde er es belassen, bis die Schweizer Garden auch in das Innerste der Kommandozentrale eingedrungen sein würden, um dort ihr Standgericht an Jesus zu vollziehen. Die Schweizer Garden hatten sich gleich zu Beginn der Belagerung in einem Spartenprogramm verpflichtet, nicht eher zu ruhen, bis sie den gotteslästerlichen Außerirdischen an ein überaus irdenes Holzkreuz geschlagen hätten. Zu der Zeit hatten sich bereits mehrere Djihadisten-Gruppen, einige schamanische Mönche und sogar zwei Feministinnen den Schweizer Garden angeschlossen. Mehrere Hedgefonds hatten Wetten auf ein Mißlingen des Vorhabens und eine Übernahme der Weltherrschaft durch den Templerorden gesetzt, sich aber auf Anraten des panchinesischen Führers, der momentan in Europa Residenz hielt, mit brasilianischen Kreditausfall-Versicherungen eingedeckt. Das hätte Jesus zu denken geben sollen. Wozu sonst hatte er einst Soziologie und Volkswirtschaft studiert? Wenn auch ohne Abschluß.
Jetzt war es zu spät. Jetzt war alles vorbei. Jetzt war alles verloren.
Jetzt hämmerte blanker Haß an die Türe zur innersten Kommandozentrale. Das weckte Jesus endgültig aus seiner einsamen Lethargie. Unbeholfen und mühsam rückte er die unförmige Masse seines Körpers zurecht, zog seinen Revolver aus dem Halfter und betrachtete den silbrig glänzenden Lauf. Er war so unverschämt gerade, dachte Jesus. Doch dieser Gedanke war nur ein kurzes Zögern. Jesus nahm jenen unverschämt geraden Lauf in den Mund, schmeckte silbrig bitteres Metall und ballte die Hände zu Fäusten...
Heft VI
{Achter Tag}
„Maria heißt das Weib. Sie ist Näherin. Joseph, ihr Mann, verdingt sich auf Baustellen entlang des Jordans. Seit Jahren schon ziehen die beiden mit ihren Kindern das Tal hinauf, das Tal hinab. Doch vor neun Monaten, als sie hörten, daß die Römer auf den Höhen um Nazaret eine Garnison errichten würden, wagten sie sich nach einigem Streit weit hinein ins Bergland der Heiden. Ja doch, neun Monate muß das jetzt hersein.“
Während er die letzten Worte sprach, spannte sich ein erwartungsfrohes Lächeln über das Gesicht des Zaddok.
„Vor neun Monaten also duckte sich in einer der Tagelöhnersiedlungen, die nicht nur in Nazaret wie Unrat an den Außenwänden der Stadtmauer kleben, noch ein löchriger Verschlag mehr vor der Unbarmherzigkeit der Mittagshitze in den Staub. Joseph hatte sich bereits vor Sonnenaufgang hinauf auf den Weg zu den Römern gemacht, um von ihnen Anstellung zu erbetteln.“
Wieder machte der Zaddok eine Pause, wieder zeigte er seine kleinen, grauen Zähne. Und wieder blieb der Magier ohne Regung.
„Auch Maria war aufgebrochen an jenem Tag vor neun Monaten. Freilich nicht gar so früh wie Joseph, aber doch früh genug, um mit ein paar anderen Weibern noch vormittags den Brunnen an der Straße zu Sepphoris zu erreichen. Als Krüge und Schläuche schließlich gefüllt waren, kehrte eine jede wieder heimwärts, nur Maria mit ihren Kindern blieb zurück, da sie noch Brennholz sammeln wollte an den umliegenden Hängen.“
Der Zaddok fuhr sich über die bebenden Lippen, als wollte er sie im Zaume halten, auf daß kein Wort verloren ginge davon, was er nun gleich erzählen würde.
„Maria hatte sich noch keine vierzig Schritte vom Brunnen entfernt - das jüngere der beiden Kinder quängelte im Tuch über der dürren Brust, das ältere riß sich immer wieder los, um mit beiden Händchen die beißenden Fliegen aus dem wunden Gesicht zu kratzen -, da war Maria plötzlich umringt von einer Horde römischer Söldner.“
Dem Zaddok entfuhr ein Stöhnen. Es war kein ängstliches Stöhnen, es war ein Stöhnen voll der Freude.
„Drei Tage schon hatten die Schergen des Kaisers an der Straße vor Sepphoris unermüdlich Kreuz an Kreuz gereiht und dort hinan die röchelnden Leiber der Ungeduld gehängt. Und wie die erhöhten Eiferer so waren auch sie bald keine Menschen mehr. Waren auch sie bald über und über besudelt mit schwarzem Blut.“
Mit einer unwirschen Handbewegung unterbrach der Magier des Zaddok´s Rede.
„Warum wurden die Vergewaltiger nicht bestraft? Wie es heißt, habe einer der Soldaten die Tat sogar gestanden.“
Donnerndes Gelächter ergoß sich über den Magier, ergoß sich hinein in die stickige Kammer, ergoß sich hinaus in die flimmernde Stadt, in das flimmernde Land, ergoß sich hinaus in die flimmernde Welt. Die schmalen Äuglein des Zaddok blitzten wie die Klinge eines siegreichen Dolches.
„Wie recht du hast. Einer der Soldaten hat die Tat sogar gestanden. Und dennoch hat es diese Tat niemals gegeben. Denn Maria, das Opfer, leugnet den Überfall. Streitet ihn ab mit aller Kraft. Maria schwört beim Allerheiligsten, daß nicht die Knuten betrunkener Legionäre Leib und Seele eines schwärmerischen Weibes zerbrochen hätten. Maria schwört vielmehr, daß der Herrgott selbst mit seinen allerbesten Engeln vor sie hingetreten sei, um sie durch sein Liebeswort zur reinsten aller Mütter zu erhöhen.“
Der Zaddok rieb sich genüßlich die Hände.
„Die Vergewaltigung hat ihr den Verstand geraubt. Ein Verstand, der auch schon vorher nur mühsam glimmte. Maria weiß nicht, was sie sagt. Aber Maria glaubt, was sie sagt. Mit glühendem Herzen. Sie kann ihr Glück kaum fassen. Maria glaubt so sehr, was sie sagt, daß es ihr jetzt sogar schon ein paar andere Weiber aus der Siedlung gleichtun und genauso herrlich glauben. Diese Geschöpfe feiern und lobpreisen Maria und ihre gar göttliche Salbung!“
Jetzt lächelte auch der Magier.
„Und was sagt Joseph dazu?“
Der Zaddok zuckte mit den Schultern.
„Joseph sagt garnichts dazu. Er kennt die Wahrheit. Aber die Geschenke, mit welchen die Weiber Maria ehren, lindern den ewigen Hunger. Vor allem seinen eigenen. Also läßt er läßt die Weiber gewähren. Doch Joseph ist nicht dumm. Er wird das Gold und die Spezereien, die du ihm als Kaufpreis anzubieten gedenkst, noch viel weniger ausschlagen als die Brotkrümel der Weiber. Joseph wird dein Angebot annehmen. Und als reicher Mann für immer schweigen.“
Der Magier erhob sich und ging zum Fenster hinüber. Lange sah er hinaus, sah hinweg über die Stadt, hinweg über das Land, hinaus, hinweg über diese Welt.
„Es gibt Dinge, welche wahrer sind als Wahrheit, freier als Freiheit, schöner als Schönheit. Maria ist also schwanger. Maria wird in den nächsten Tagen ein Kind gebären. Ist es ein Knabe, hat der Herr unser Vorhaben geheiligt.“
Der Zaddok besah seine Hände.
„Ist es ein Knabe, wirst Du ihn mit Dir nehmen. Ist es ein Knabe, wirst Du ihn zwölf Jahre bei Dir behalten, jedes Jahr ein ganzes Leben. Ist es ein Knabe, dann wird er einst hierher zurückkehren als der, dessen heilige Träne auf diesen verödeten Steinen die Himmelsstadt errichten wird.“
Der Magier schloß die Augen.
„Der Herr hat durch seine Propheten verlauten lassen, unmißverständlich verlauten lassen, was er verlangt, damit er einen Menschen als den Erlöser dieser Welt anerkennt. Er hat die Orte benannt, die Taten, die Leiden. Alles steht geschrieben, auf das es erfüllt werde. Durch uns erfüllt werde. An einem Menschen, den wir durch all jene Orte, all jene Taten, all jene Leiden schicken, die der Herr uns durch seine Propheten offenbart hat. Der Herr, der Gott des Schwurs, hat uns mitgeteilt, was er verlangt, damit er einen Menschen als den Erlöser dieser Welt anerkennen muß. Wer nur harrt und hofft, auf daß dieser Mensch von selbst geschehe, ist des Herrn und auch der kommenden Welt schlimmster Feind.“
Der Zaddok ballte die Hände zu Fäusten. Mit aller Kraft. Als versuchte er, deren strahlend weiße Knochen durch die alte, fleckige, viel zu enge Haut zu pressen.
„So laß uns nicht länger harren und hoffen und den geoffenbarten Willen des Herrn bespucken. Laß uns endlich den Erlöser schaffen. So wie es der Herr von uns verlangt. Mach dich auf, Hüter der Quelle Kisch, Wächter des Berges Sarumma, und nimm den unwissenden Knaben mit dir. Zwölf Jahre, zwölf Leben sind dir gegeben. Du besitzt die Macht der Großen Mutter. Du besitzt die Macht, aus diesem Knaben einen Menschen zu formen, der den Befehl des Herrn erfüllt. Ort für Ort, Tat für Tat, Leiden für Leiden. Wort für Wort, Strich für Strich.“
Der Magier nickte.
„So soll es geschehen.“
Auch der Zaddok nickte.
„So wird es geschehen.“
Heft VII
{Armageddon}
1
Jaja, es war eine Schnapsidee gewesen. Was sonst...
Jesus hatte sich spontan - wie seit einiger Zeit so oft spontan - in irgendeiner der entlegeneren Welten weitab von des Vaters in bröckelndem Glanze schimmerden Heerstraßen, weitab von jedem Selbstmitleid der Engelschöre, weitab vom Gemecker und Gezeter all der Heiligenscharen die Nacht um die Ohren geschlagen. Und nicht nur das, Jesus war natürlich auch wieder gehörig versumpft.
Die absolute Kälte des intergalaktischen Raumes linderten Jesu Kopfschmerzen ein wenig. Die Lichtblitze der vorüberjagenden Sonnen verschmierten unter seinen geschwollenen Lidern zu saurem Nebel. Jesus gähnte in der Hoffnung, der pelzig faule Geschmack überall in ihm würde dabei erfrieren und hinfortgeweht werden.
Jene Welten, in die Jesus ging, wenn Jesus meinte, mal wieder richtig die Schnauze voll zu haben, jene Welten waren noch garkeine Welten. Natürlich waren auch sie vollständig erschaffen, mit allem Drum und Dran. Immerhin hatte sich der Vater nach anfänglichen, wohl der eigenen Unerfahrenheit geschuldeten Schwierigkeiten stets um Gleichbehandlung bemüht. Und dennoch wurden sie im offiziellen Sprachgebrauch der Schwingenträger nur als Zonen gehandelt. Auch erhielten diese Zonen keine Buchstaben- sondern nur Ziffernkombinationen als Benennungen.
Die noch immer äußerst beflissene Dienerschaft des Vaters wußte nicht recht, was sie denn nun mit diesen Zonen anzufangen hatten. Dort lebten Wesen in paradiesischem Zustand. Und daran würde sich auch nichts ändern. Der Vater hatte sich ihnen noch nicht offenbart, hatte noch kein Verbot auferlegt, noch kein Bekenntnis abverlangt. Und da der Vater dareinst in einem letzten wie immer völlig unergründlichen Ratschluß entschieden hatte, seinem göttlichen Dasein, ja seinem Dasein überhaupt ein Ende zu setzen, so würde es in jenen Räumen auch niemehr zu einer Versuchung, einem Sündenfall oder gar zu einer Vertreibung kommen können.
Für Engel und Heilige und auch für all die präpotenten Propheten gestalteten sich natürlich somit dort in diesen Zonen aufgrund jener unvorhersehbaren Entwicklung die Möglichkeiten ihrer Entfaltung nur in durchaus unerwünschter Weise. Dort in diesen Zonen wurden sie nicht gebeugten Hauptes als strahlende Verkünder, dort wurden sie nicht auf dem kaiserlichen Richtplatz als bespuckte Verleumder empfangen, dort in diesen Zonen führte man sie sogleich in ein angenehm temperiertes Theater, stellte sie auf die eben modernisierte Bühne und genoß ihr exaltiertes Treiben als gar ergötzliche Gaukelei. Auch hier wurde bejubelt und gebuht, aber eben nicht im unaufhaltsamen Zuge einer undurchschaubaren Erlösungsmechanik, sondern allein aus Lust am Selbstzweck einer schöngeistigen Kunstkritik. Und so hatten die göttlichen Heerscharen recht bald entschieden, ihre Versuche auf ein statistisches Minimum zu reduzieren, in jenen abwegigen Winkeln irgendetwas Universalpolitisches in Bewegung zu setzen. Seit dem Verscheiden des Vaters hatte sich ihre kränkliche Trägheit endgültig in eine bleierne Träne verwandelt, wie es der Hl.Geist in seiner gewohnt lyrischen Art zu beschreiben pflegte. Selbstverständlich verurteilte Jesus offiziell diese greisenhafte Verweigerungshaltung, doch insgeheim – zumindest in stiller Übereinkunft mit dem Hl.Geiste – begrüßte er diese Entwicklung, denn nur so blieben seinen Rückzugsgebieten jede Art von Historizität, Eschatologie und Jurisdiktion erspart. Voller Sehnsucht nannte Jesus jene Räume die vergessenen Gefilde.
Jene nihilistische Tat des Vaters hatte auch Jesus völlig überrascht. Die väterliche Würde, dessen war sich Jesus stets so sicher gewesen, galt selbst dem Vater als unantastbar. Bis dahin war es ausschließlich in Jesu Aufgabenbereich gefallen, sich für all des Vaters aus dem Nichts erschaffene Welten hinzugeben. Und auch wenn sich Jesus einst in diese Vorgehensweise nur gefügt hatte, weil ihm schließlich sogar vertraglich – Jesus hatte auf Anraten des Hl.Geistes hin darauf bestanden – zugesichert worden war, seine Persönlichkeit je nur für eine Dreitages-Frist aufgeben zu müssen, so konnte Jesus doch trotz besten Willens keine persönliche Mitschuld anerkennen.
Sooft sich Jesus seitdem den Kopf darüber zerbrach, daß der Vater zwar wiederholt und zum Ende hin immer öfter in seinen weitschweifenden und stets dunklen Monologen von einer Tatsächlichkeit des allgemeinen Verzichts und der Wahrhaftigkeit einer speziellen Aufgabe gesprochen hatte, sooft kam Jesus zu dem Ergebnis, daß diese Sätze des Vaters, diese Sprüche am knisternden Kamin, auch seine unumwunden nach außen getragene Mißstimmung bezüglich jeder stupenden Auferstehung, jedes lügnerischen Kreisganges, wie der Vater es nannte, doch einzig und allein der hehren Theorie geschuldet waren. Dem elfenbeinernen Überbau. Der Idealität. Der Utopie. Dem Anhang.
Jesus hatte niemals erwartet, daß der Vater eines Tages mit seinem transzendenten Geschwafel ernstmachen würde.
Jesus erinnerte sich, er erfuhr davon, als er gerade wieder eine Passion durchlebte. Passionen konnten so schön sein! Jesus hatte im Laufe seiner Arbeit einige ruhige, friedliche, ja sogar fröhliche Passionen mitgemacht. Aber jene damals – nun ja, wie eigentlich die meisten, so gab Jesus sich sogleich zu bedenken - jene Passion damals, das war wie fast alle anderen kein Zuckerschlecken gewesen. Jesus erinnerte sich, man hatte ihm erst das Fleisch von den Knochen gepeitscht und ihn dann hinauf an ein morsches Holzkreuz genagelt, damit Schuld und Sühne, die ihre und vielmehr doch die seine sogar noch über das Firmament hinaus sichtbar wäre. Jesus erinnerte sich, jene Erlösungshungrigen damals hatten die zerfledderten Schriften derart eingehend studiert, daß sie bald darin und vor allem dahinter fanden, was sie wollten. Sie hatten es Jesus in ihrem törichten Eifer wirklich nicht leicht gemacht.
Und just in jenem Augenblick, dem absoluten Höhepunkt, dem totalen Tiefpunkt der Passion, als es so eminent wichtig für den erfolgreichen Fortgang gewesen wäre, daß der Vater ein wenig die Muskeln spielen ließ - Jesus hatte nun wirklich nicht viel verlangt, nur ein kurzer Sonnenstillstand, wenn möglich mit Verfinsterung, ein mittelschweres Erdbeben und vielleicht ein paar Verhaltensauffälligkeiten vierfüßiger Hausgenossen – da flüsterte ihm eine Fliege, welche das dornengekrönte Haupt umschwirrte, aufgeregt die Nachricht in sein Ohr, daß der Vater von ihnen gegangen sei. Daß der Vater beschlossen habe, sie alle für immer und ewig zu verlassen, und dieses Vorhaben von ihm bereits in die Tat umgestezt worden sei.
Noch heute empfand Jesus eine gehörige Portion Unwillen darüber, daß der Vater nicht noch hatte fünf Minuten warten können...
Und überhaupt, der Entschluß des Vaters hatte Jesu Wirken nicht gerade vereinfacht. Seit jeher war Jesus kein sonderlich großes Talent für seine Aufgaben zuerkannt worden. Ein bis in den Sklaventod erniedrigter Heiland ohne jede paternale Ewigkeit als Basis war jedoch aller Auferstehung zum Trotze sogar durch ein kerygmatisches Wunderkind kaum mehr vermittelbar. Das war auch der Grund, warum Jesus die Information über den unwiderruflichen Tod des Vaters bisher noch nicht an die von ihm seitdem aufgesuchten Welten weitergegeben hatte.
Dieser Zwiespalt, diese innere Zerissenheit, ja auch die daraus resultierende existenzielle Einsamkeit – Jesus war sich dieses Sachverhaltes sehr wohl bewußt – führte unweigerlich dazu, daß er sich immer öfters in jene Zonen, jene vergessenen Gefilde zurückzog, um ein wenig Erholung zu finden, einen Müßiggang zu pflegen, der in ihm die Kraft und vor allem die Geduld wiederzubeleben schien, welche die alltägliche Arbeit der Verkündigung einem Messias abverlangte. Eine Arbeit, die seit dem Verscheiden des Vaters tatsächlich Arbeit geworden war, mühsam und erschöpfend.
„Wahrlich, ich sage euch: Ich ziehe singend um jedes Haus der Unterstadt. Ich leere jeden Kelch bis auf den Grund. Ich zahle jeden Preis für einen nächsten Schluck. Und wahrlicher noch, ich rufe es hinaus: Ich komme wieder, auf jeden Fall!“
In jenen Zonen, in jenen paradiesischen Gefilden konnte Jesus solche Lieder singen, dort konnte Jesus seinen avantgardistischen Launen frönen, ohne befürchten zu müssen, daß sich die dortigen Wesen darüber alsbald die Köpfe zerschlugen.
Seit des Vaters durchaus tragischer Entscheidung empfand Jesus während seiner alltäglichen Arbeit, seinen Erweckungsreisen quer durch alle bekannten Universen, eine gewisse, nein, viellmehr eine ungewisse Abgespanntheit. Eine lähmende Dysphorie, eine stimmungslose, eine bestimmungslose Müdigkeit, die Jesus dazu zwang, ihr mit erzwungener Wachheit, mit krampfhafter Konzentration auf Feierlichkeit zu begegnen. Darauf war wohl auch zurückzuführen, daß Jesus den eklatanten Verlust an Authentizität seiner Person zwar als erster bemerkt, jedoch nur als letzter ernstgenommen hatte. Ohne den väterlichen Fluchtpunkt hatte sich Jesus alsbald in seine eigenen Rituale verstrickt und jede weiterführende Orientierung, jedes hinüberführende Ziel schließlich aus den Augen verloren.
Jesu Schläfen pochten. Jesu Magen grummelte. Dennoch fühlte sich Jesus nicht mehr gar so übel. Er hatte sich vorhin übergeben. Und das hatte Jesus geholfen. Das hatte Jesus überhaupt erst wieder zu Bewußtsein gebracht.
Jesus war inzwischen klar genug um einzusehen, daß in seinem jetzigen Zustand an glaubhafte Verkündigung eines Schuldenerlasses genauso wenig zu denken war wie an ein blindes Weiterfeiern. An dem einen hatte er sich überfressen, am anderen hatte er den Geschmack verloren. Jesus sah an sich herab. Der Kaftan war besudelt und zerissen wie seine Gedanken. Jesus hatte nicht nur einen schlimmen Kater. Jesus steckte in einer veritablen Krise. Jesus brauchte Abstand. Sowohl von bekehrungsfälligen Welten als auch von sündenfallresistenten Gefilden. Jesus mußte wieder zu sich selbst finden. Nur dies allein durfte jetzt oberste Priorität beanspruchen. Also beschloß Jesus – und allein das Beschließen als solches reichte schon hin, ihm neuen Mut einzuflößen – also beschloß Jesus, sich noch ein bißchen durch die ungeheuerlichen Weiten der umliegenden Universen treiben zu lassen, ein bißchen zu dösen, um schließlich auf gut Glück irgendwann irgendwo in irgendeiner von ihm bereits besuchten und durch irgendeine seiner Passionen entschuldeten Gegend haltzumachen.
Ein Wiedersehen, von beiden Seiten niemals wirklich erwünscht, allein dem Zufall geschuldet, flankiert von kaum verhehltem Desinteresse und nur mäßig vorgetäuschter Geschäftigkeit würde Jesus ausreichend Zeit und Platz verschaffen, seinen durch Passion und Party allzu heruntergekommenen Zustand wieder einigermaßen auf Vordermann zu bringen.
Jesus wollte weder Freunde um sich haben noch Feinde. Jesus wollte einfach nur chillen. Keine höllischen Pflichten. Keine himmlischen Vergnügen. Kein Segen. Kein Fluch. Einfach nur chillen. Runterkommen. Die Mitte wiederfinden. Irgendwo – vielleicht an einem kleinen Methansee – sich ins summende Gras legen und sich dem ewigen Lauf der dortigen Sonne überantworten, ein bißchen planschen, schnorcheln, ein Eis essen. Einfach nur chillen. Einfach mal nichts denken und nichts tun. Dann würden sich neue Ideen, zukunftsträchtige Visionen und zweifelsfreie Überzeugungen wieder wie von selbst einstellen. Da war sich Jesus ganz sicher.
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Es war eine Schappsidee gewesen. Eine gottverdammte Schappsidee...
Jesus war sich im Klaren darüber, daß er – wie so oft in letzter Zeit - das Denken lieber dem Hl.Geist hätte überlassen sollen. Aber der lag ja noch irgendwo dort in irgendeinem der paradiesischen Gefilde unter irgendeinem Tisch!
Dabei hatte Jesus doch einfach nur chillen wollen...
Jesus war schon in so mancher Welt so manchen Universums auf Reisen gewesen, hatte getan, was er konnte, hatte getan, was der Vater vor dessen endgültiger Abreise verfügte. Jesus hatte den Willen des Vaters kundgetan. Immer bis zum bitteren Ende.
War es Jesus anfangs noch als ein unerschütterliches Bedürfnis erschienen, jeder einzelnen der schier unerschöpflichen Weltenmengen des entrückten Vaters das Seelenheil anzutragen, so hatte sich im Laufe der wahllos verstrichenen Äonen eine Art Gewöhnung eingestellt, eine Unart, eine inzwischen gar gedankenlose, eine gefühllose Indifferenz, die nun auch schon einzelne Mitglieder aus den höheren Etagen der Engelschöre zu offenkundiger Unruhe veranlaßt hatte. Auch wenn diese Schlauberger durchaus damit einverstanden gewesen waren, die unumstößliche Abwesenheit des Vaters vor der Allgemeinheit verbogen zu halten.
Jesus hatte sich immer wieder ernsthaft vorgenommen, das Phlegma bezüglich seines Sendungsauftrages zu überwinden, endlich wieder der Heilsbringer vergangener Zeiten zu sein. Und das trotz oder vielleicht auch gerade wegen der überaus hinderlichen Entscheidung des Vaters. Doch dieses Wollen währte nurmehr kurz. Schon nach ersten, frohgemuten, schon nach den ersten, so oft getanen Schritten in eine weitere Welt überkam Jesus die alte, träge, jede Wirkung lähmende Langeweile.
Schließlich reichte es nur noch zu einer verächtlichen Handbewegung.
Und auch zu einer einstmals in jugendlichem Wahn verkündeten, als endgültig postulierten Wiederkehr in irgendeine, wenn nicht gar in alle der mit Offenbarung bedachten Welten war es niemals gekommen. Jesus hatte inzwischen in seiner erzwungenen Unabhängigkeit reichlich Erfahrung sammeln können, etliche Analogieschlüsse gezogen und dieses unüberlegte, mit viel zu viel Destruktivität verbundene Vorhaben nur wenige Äonen nach des Vaters Tod aufgegeben.
Jesus lag jede Beschwerde fern. Und doch war er der Überzeugung, daß der Rückzug des Vaters damals zu früh gekommen war. Insgeheim fand Jesus sogar, daß der Vater damals allzu sehr nach eigenem Interesse gehandelt hatte. Der Vater war all seiner Ämter satt geworden. Es war kaum etwas nach Plan verlaufen und ein unüberschaubarer und wohl vor allem auch unerwarteter Wust an alltäglichen Aufgaben hatten den Vater vorschnell mürbe gemacht. Der Vater war nun mal kein Verwalter. Der Vater war Künstler.
Jesus hatte Verständnis für den Vater.
Und darum litt Jesus so sehr an der Erkenntnis, daß er selbst sich nicht noch früher als der Vater von seinen Pflichten als Weltenherrscher lossagen durfte. Jesus würde jenen splitterigen Bottich noch viele Male mit seiner Zunge auswischen müssen. Bis auch er nicht mehr können durfte.
Und dennoch, das betonte Jesus immer wieder und auch immer öfter, ihm lag jede Beschwerde gänzlich fern.
Dabei hatte Jesus doch einfach nur chillen wollen...
Die letzte Nacht war ja dann doch trotz aller Vorsätze völlig ausgeufert. Das letzte, woran sich Jesus erinnern konnte, war der Moment, als sich die beiden Quellnymphen an seinen und des Hl.Geistes Tisch setzten und Jesus unbedingt noch eine weitere Flasche bestellen mußte. Ihnen war mal wieder der Purpurstaub ausgegangen und gegen die aufquellende Depression half nur eins: Weitersaufen. So schnell und so viel wie möglich.
Sein einstiges Auftreten hier auf dieser von seinen Bwohnern Erde genannten Welt war von Anfang bis Ende unter keinen guten Stern gestellt. Und dafür mußte es nicht einmal eine genauere Erklärung geben. Es gibt eben so Gegenden, in denen sich alles fast wie von selbst in kaum mehr zu ertragender Weise verkompliziert. Wieder quollen unschöne Bilder in Jesu Erinnerung empor.
Dabei hatte Jesus doch einfach nur chillen wollen...
Es wäre so wichtig gewesen, daß sich Jesus auch einmal von sich selbst erholt. Von seinen Pflichten. Von seinen Schwächen. Er hätte es wirklich dringend nötig gehabt. Das war auch der Grund gewesen, warum sich Jesus dem Zufall überantwortete, als es um die genauere Eingrenzung der anvisierten Örtlichkeit seiner Selbstfindungsauszeit ging. Jesus glaubte nicht an Schicksal und so hatte er auch kaum wahrgenommen, daß eben jener Zufall ihn auf des Menschengeschlechtes Erdball verbrachte.
Dabei hatte Jesus doch einfach nur chillen wollen...
Und was hatten die Idioten auf dieser Erde daraus gemacht? Als Jesus mitbekommen hatte, was sich da kurz nach seiner Ankunft um ihn auf dem Planeten zusammenbraute, war er natürlich sofort wieder abgehauen. Aber da war es schon zu spät. Die Menschen dort, diese schriftbesessenen Spießer, hatten das Armageddon bereits eingeleitet. Sie hatten mit ihren Fingern erst höhnisch auf Jesus dann feixend auf ihresgleichen gezeigt und geradezu mit Wonne ihren Planeten in Windeseile verglühen lassen.
Rein rechtlich war dagegen nichts einzuwenden. Er war der Christus auch dieser Welt. Und er war nach seinem Opfertod wiedergekommen. Sehr, sehr lange nach seinem Opfertod, wie Jesus fand. Eigentlich lange genug, sollte man meinen. Doch dieses schwerst pathologische Menschengeschlecht hatte nichts vergessen oder relativiert oder zumindest überdacht. Das Himmelreich sei nahe, hatten sie gekrächzt und sich im Namen des Endsiegs mitsamt ihres unschuldigen Planeten in einen verpuffenden Kohlehaufen verwandelt.
Jesus spürte noch die Wärme in seinem Rücken.
Jesus verstand jetzt, warum der Vater immer von Ebenbildlichkeit gefaselt hatte, wenn das Gespräch auf das Menschengeschlecht kam. Dieses Menschengeschlecht, dieser überpenible Klon war jetzt bei seinem Vater. Sollte der sich doch um sie kümmern. Jesus hatte die Schnauze gestrichen voll.
Jesus machte eine abfällige Handbewegung.
Jesus fühlte sich noch immer zerschlagen. Jesus beschloß, sich nicht weiter treiben zu lassen. Jesus beschloß, nach dem Hl.Geist zu suchen. Vielleicht hatte das Arschloch ja inzwischen ein bißchen Purpurstaub aufgetrieben...
Heft VIII
{Deutsche Synchronfassung}
Jesus hing am Kreuz.
Jesus starb. Jesus war bereit. Jetzt.
Jesu Geist sammelte alle letzte Kraft. Jesu Brustkorb hob sich. Jesu Mund öffnete sich.
"Ich verfluche euch alle, ihr gottverdammten Idioten!"
Jesu Mund schloß sich. Jesu Brustkorb senkte sich. Jesu Körper verließ alle letzte Kraft.
Jesus hing am Kreuz.
Jesus war tot.
Heft IX
{Samenkorn}
1
Jesus hatte beschlossen, noch einmal ganz von vorne zu beginnen.
Die Ärzte hatten von einem Wunder gesprochen, manche sogar den Begriff „Auferstehung“ in den Mund genommen, als Jesus nach drei Tagen entgegen all ihrer Erwartungen und Vorhersagen wieder aus dem Koma erwacht war.
Jesus hatte keinerlei Erinnerung an irgendetwas, das er während jener drei Tage erlebt haben könnte. Alles, was Jesus geblieben war, äußerte sich in dem durchdringenden Gefühl, daß es richtig, ja wichtig war, daß Jesus lebte. Selbst der Tod war wohl der Ansicht, daß Jesus nicht sterben durfte.
Jesus hatte auch keinerlei Erinnerung mehr an irgendetwas, das er während all der Zeiten vor jenen drei Tagen erlebt haben könnte. Alles, was Jesus geblieben war, äußerte sich in dem durchdringenden Gefühl, daß nicht einmal Jesus selbst die Wahrhaftigkeit seiner Person zunichte zu machen in der Lage gewesen wäre.
Das war alles, was Jesus von seinem bisherigen Leben geblieben war: Das Wissen, daß es Jesus geben mußte. Wie es dazu gekommen, wie dieses Wissen Wissen geworden war, hatte sich Jesu Existenz entzogen. Jesus wußte, daß dieses Wissen Wissen wurde. Das reichte Jesu Dasein.
Der Verlust der Vergangenheit enthob Jesus der Sorge um die Zukunft.
Jesus war bescheiden.
2
Menschen, die sich Jesus als Freunde vorstellten, blieben ihm Fremde. Menschen, welche an ihm wie Fremde vorübergingen, erkannte Jesus als Brüder. Jesus war ein anderer geworden. Das behaupteten nicht nur die Ärzte. Das behaupteten alle, die meinten, um den alten Jesus zu wissen. Manch einer erklärte sogar, dieser Jesus da sei ein tatsächlich anderer. Da sei ein ganz anderer, ein Herr Meier oder Müller im besten Falle, in den Körper des Verstorbenen hineingekehrt. Doch Banken, Versicherungen und Rententräger widersprachen dem in einem kraftvollen Formbrief.
Außerdem fühlte sich Jesus durchaus wie Jesus. Und nicht wie ein Herr Meier oder Müller.
In jenem gemeinschaftlich verfaßten und in drei Durchschlägen versandten Formbrief war auch darauf hingewiesen worden, daß das Amt der Großen Mutter in Jesu besonderem Falle eine Härte-Klausel in Anwendung zu bringen habe und hiermit Jesus all seines Vorlebens enthoben sei. Der Formbrief trug keine Unterschrift, wies jedoch auf rückwirkendes Inkrafttreten hin.
Jesus war sich keiner Besonderheiten bezüglich seines Falles bewußt. Und dennoch war Jesus froh darum, zu lesen, daß dies unerhört Neue, diese absolute Gegenwärtigkeit, welche Jesus durch seinen dreitägigen Tiefschlaf erlangt hatte, höchst offizielle Begleitung fand.
Jesus war froh, daß er seinen Namen behalten durfte. Dieser Name war jetzt ein Symbol, das auf nichts mehr verwies. Dieser Name erlangte seinen Wert nicht mehr durch Vergangenes, durch Beschlossenes und damit Fremdes. Dieser Name besaß Wert allein durch sich selbst. Dieser Name war also noch immer intakt. Aber dieser Name war jetzt vor allen Dingen frei. Und dieser freie, von allem Gewesenen, von aller Verwesung, von aller Verschlossenheit befreite Name war jetzt Jesu Name.
Jesus war jetzt frei. Jesus konnte jetzt noch einmal ganz von vorne anfangen.
3
Jesus hatte bald nach seinem Erwachen beschlossen, daß er diesen dramatischen Einschnitt in sein Leben, daß er den totalen Abbruch, das vollständige Verschwinden seines bisherigen Vorhandenseins als Chance begreifen mußte. Blickte Jesus zurück in jenes schwarze Loch, zu dem seine Vergangenheit durch den Formbrief des Amtes der Großen Mutter erklärt worden war, stocherte er gar darin herum, so würde jenes schwarze Loch selbst ihn noch einsaugen und jeden Fluchtweg aus dieser Einzelzelle beenden.
Das Übergangs-Geld, das ihm das Amt der Großen Mutter bereits überwiesen hatte, und auch die neue Stadt, in eines deren Auffanglager Jesus im Anschluß an seine Entlassung verbacht worden war, sollten Jesus bei der Umsetzung seines Entschlusses als nährender Boden dienen.
Jesus ließ die 49-tägige Quarantäne geduldig über sich ergehen. Jesus wußte, daß er nichts zu befürchten hatte. Schließlich kam er direkt aus dem Krankenhaus. Jesus war vollkommen geheilt. Die Ärtzeschaft hatte in Vertretung des Amtes der Großen Mutter alle Leiden von ihm genommen. Jesus fühlte sich blendend. Das hatte Jesus im Laufe der Befragungen durch die Stadtpolizei auch immer wieder betont. Jesus wäre sogar bereit gewesen, diese Aussage durch öffentliche Leibesübungen zu untermauern.
4
Alles, was Jesus von sich wußte, beschränkte sich darauf, daß es richtig, ja wichtig war, daß Jesus lebte. Jesus war bescheiden. Dieses Wissen verführte Jesus nicht zur Überheblichkeit. Jesus war bescheiden. Jesus entschied, sich nicht dafür zu interessieren, warum und wozu es richtig, ja wichtig war, daß Jesus lebte. Jesus entschied, daß das Wunderhafte am Wunder nicht war, wie das Wunder geschah, wodurch und wozu es sich ereignete. Das Wunderhafte am Wunder bestand für Jesus einzig und allein darin, daß das Wunder geschah. Wäre auch das Wie ein Wunder, wäre es als solches nicht erkennbar. Und damit bliebe auch Welt als solche nicht erkennbar.
Jesus war bescheiden.
Jesus hatte sich entschieden, die erste Chance, das erste Angebot anzunehmen. Jesus hatte sich entschieden, einen kleinen Kiosk zu übernehmen.
5
Jesu kleiner Kiosk stand an einem der vielen Nebeneingänge des Großen Parkes. Am Wochenende kam es denn auch tatsächlich ab und an vor, daß Jesus ein Eis verkaufte. Sonst jedoch waren es Obdachlose und sonstig unvermittelbare Existenzen, welche an Jesu kleinem Kiosk ihre immer letzten Groschen in Tabak und hochprozentigen Fusel eintauschten.
Jesus gehörte schnell zu den besten seiner Kunden.
So wie Jesus einst entschieden hatte, Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen, so war für Jesus Zukunft auch immer Zukunft geblieben. Jesus war gänzlich in der Gegenwart aufgegangen. Jesus saß auf der wackeligen Bank vor dem Kiosk. Jesus rauchte. Und Jesus trank. Wie immer.
Wie immer würde sich Jesus an keine Gesichter erinnern. Wie immer würde Jesus irgendwann, wenn es dunkel geworden war, in den Kiosk zurücktorkeln und zwischen Kräckerkartons und Schnapskisten in einen traumlosen Schlaf sinken.
6
Jesus saß auf der wackeligen Bank vor dem Kiosk. Jesus rauchte. Und Jesus trank. Wie immer. Jesus war bereits ziemlich betrunken. Würde Jesus nicht sitzen, so hätte er wohl zugeben müssen, daß er bereits sturzbetrunken war.
Jesus beschloß, den Kiosk heute früher zu schließen.
Aber vorher wollte Jesus noch einen Schluck trinken. Jesus empfand dies als schöne Geste. Aller Bescheidenheit zum Trotze sollten Außergewöhnlichkeiten gebührend begangen werden. Erst Außergewöhnlichkeiten verliehen Bescheidenheit einen Sinn. Erst Bescheidenheit verlieh Außergewöhnlichkeiten deren Bedeutung.
Jesus war bescheiden. Jesus stand nicht auf, um den Grappa zu holen, der noch neben der Rollmatratze liegen mußte. Jesus griff einfach hinter sich in einen der Aufsteller und fischte blind eines der kleinen Fläschlein heraus. Jesus wollte garnicht wissen, was für einen Schnaps er trinken würde.
Jesus war bescheiden. Jesus konzentrierte sich allein auf das Knacken des Drehverschlusses. Jesus wußte, daß allein im Knacken dieses Drehverschlusses Jesu Leben kulminierte. Dieses Knackens wegen war Jesus vor ungezählten Zeiten aus dem Koma erwacht. Dieses Knackens wegen saß Jesus auf der wackeligen Bank vor dem Kiosk. Dieses Knackens wegen schloß Jesus heute seinen Kiosk zu verfrühter Stunde.
Dieses Knacken würde die Welt verändern.
Jesus war bescheiden. Jesus dachte nicht weiter darüber nach. Jesus hielt sich das kleine Fläschlein ans Ohr, wartete ein vorbeifahrendes Auto ab und drehte den Verschluß.
7
Jesus lauschte den zerreißenden Ketten. Jesus lauschte den berstenden Himmeln. Jesus lauschte dem Anbeginn des Anbeginns.
Jesus lauschte dem Brechen der Welle. Jesus lauschte dem Wandern des Steins. Jesus lauschte dem Schweigen des Windes.
Jesus lauschte dem Schrei des Kindes. Jesus lauschte dem Röcheln der Alten. Jesus lauschte Gottes Wort.
Jesus war bescheiden. Jesus zündete sich eine Zigarette an, nahm ein paar tiefe Züge und trank das kleine Fläschlein leer.
Jesus war bescheiden. Jesus rauchte zuende, schnippte den Filter Richtung Asphalt und erhob sich. Jesus hatte getan, was zu tun gewesen war. Jesus hatte erfahren, was zu erfahren gewesen war.
Jesus stützte sich an der Wand des Kioskes ab.
Jesus nutzte seine Chance.
Jesus war zufrieden.
Heft X
{Am Kamin}
1
Der Papst hatte für den heutigen Abend den Leibhaftigen zu sich bitten lassen. Das tat der Papst wahrlich nicht oft. Aber diesmal wäre es völlig undenkbar gewesen, den Teufel aus dem Spiel zu lassen. Der Papst war in dieser ganz speziellen causa auf des Teufels Zustimmung und vielmehr noch auf dessen Mithilfe angewiesen.
Jesus war ein unschätzbarer Pfand des Friedens. Dieser Pfand durfte nicht zerstört werden. Und er durfte auch nicht in falsche Hände geraten.
Der Papst war nervös. Und das war nicht gut. Denn der Papst war krank. Der Papst war alt. Der Papst war sehr krank. Der Papst war uralt und totkrank. Der Papst durfte nicht nervös sein, denn das raubte ihm auch noch sein letztes Fünkchen Kraft.
2
Inzwischen war es Abend geworden. Der Papst rückte sich umständlich und doch kaum gewinnbringend in seinem Bett zurecht. Der Papst lag auf dem Rücken. Die Arme waren unter der Decke an den Körper gelegt. Das weiße Laken spannte sich fast faltenfrei um den dürren Körper. Der Papst fühlte sich wie eine Mumie. Nur der Kopf des Papstes lebte noch. Der Kopf lag in dem ebenso weißen Kissen und ließ seinen Blick als letzte, dünne Rauchfäden in den großen Schatten hinaufsteigen.
Natürlich atmete der Papst schwer. Denn es waren schwere Zeiten. Für die Welt. Und für den Papst. Und das nicht nur, weil die Fäulnis nun schließlich auch seinen Kiefer gelähmt hatte.
Des Papstes Zunge fühlte den zähen Moder des träge vor sich hindümpelnden Todesflusses. Die ersten, stillen Wogen der Urflut waren gerade über die Unterlippe geschwappt. Die linnenen Fesseln, welche man dem Papst umgelegt hatte, zwangen den inneren Brodem, das innere Miasma, würden den stinkenden Schlamm hinaufzusteigen zwingen bis an den höchsten Punkt des Scheitels. Der Papst versuchte mit der Zunge an seinen Zähnen entlangzufahren. Der Papst versuchte, den zähen Moder zu schmecken. Der Papst versuchte, mit seiner Zunge im träge vor sich hindümpelnden Styx nach Erinnerungen zu fischen. Doch die Erinnerungen waren hinabgesunken in die endlose Trübe. Da und dort funkelte etwas auf. Und war doch schon verschwunden. Und auch des Papstes Zunge bewegte sich kaum. Zuckend nur war sie festgeklebt am Rande des Gaumenknochens.
3
Inzwischen hatte sich auch der Leibhaftige durch seine Karte avisieren lassen, hatte den kleinen, schmucken Kranz mit dem schwarz-roten Bändchen der marxistischen Anarchisten gut sichtbar auf dem Bettkasten drapiert und saß nun in einem bequemen Ledersessel, welchen er sich vom Kamin an des Papstes Sterbelager herangerückt hatte.
Der Kranz machte sich gut auf dem Bettkasten. Dieses Ding mit dem schwarz-roten Schleifchen war das Beste, was der Teufel auf die Schnelle hatte auftreiben können. Rot und Schwarz, waren das nicht die Lieblingsfarben des Teufels?
Der Papst war eben etliche Minuten seines nur noch so unerhört kurzen Lebens damit beschäftigt gewesen, den Teufel mit dem Nötigsten vertraut zu machen. Der Teufel unterdrückte ein Gähnen, hob entschuldigend die Hand und zog einen seiner Mundwinkel nach hinten zu einem schmalen, schalen, halben Grinsen.
„Sorry, Digga! Für dich is das ja echt ne scheißharte Zeit zur Zeit. Da bin ich ganz bei dir, Mann! Die Arschgeigen in deiner Welt führen sich auf wie die Irren. Echt abgefuckt, Mann! Ganz dein Ebenbild.“ Der Teufel lächelte. Und es glitzerte aus des Teufels Mund hervor. Der Teufel besaß geschliffene Diamanten als Zähne. „Und ganz und garnicht im Sinne des Erstbenutzers dieser Metapher. Irgendwer hab´ Ihn selig, den alten, blinden Sack.“
Der Teufel kam ins Reden. Der Teufel kam gerne und schnell ins Reden. Der Teufel liebte es, seine Zähne funkeln zu lassen. Vor allem wenn er so bequem, so nett und gemütlich beisammensaß. Wie Blitze zuckten dann die Regenbogen aus dem Schlund der Unterwelt, durchbohrten Himmel und Erde. Banden sie aneinander.
Der Teufel würde der Schwester klingen müssen, damit die mal den Scheißkamin anwarf. Und ein Whisky wäre auch nicht schlecht. Irgendein SingleMalt. Schade, daß er nicht mehr rauchte, befand der Teufel.
4
Als Jesus damals nach dessen Tod am Kreuz zu ihm, dem Teufel, in die Unterwelt hinabgestiegen kam – voller Hoffnung war dieser arme, dumme Junge damals noch, drei Tage sprang das unbedarfte Seelchen in Luzifers glühenden Gärten herum -, als Jesus damals zum Teufel in die Unterwelt kam, hatte der Teufel wie so oft grandiose Weitsicht bewiesen. Der Teufel hatte entschieden, den Fehler fast aller Alleinherrscher nicht zu wiederholen. Der Teufel wollte nicht bis zum bitteren, bis zum womöglich eigenen Ende an seiner Position festhalten. Der Teufel fühlte sich noch fit nach all den anstrengenden Regentschafts-Jahren. Er wollte die ihm verbliebenen Kräfte nicht in einem aufreibenden, letztendlich sinnlosen Abstiegskampfe vergeuden.
Der Teufel sah sich mehr als Genießer denn als Machtmensch. Der Teufel war nicht so wie diese überschätzten Ebenbilder. Der Teufel hatte noch nie etwas von jenem New Deal gehalten, den der alte, blinde Sack da einst mit sich und seinesgleichen ausbaldowert hatte. Der Teufel war von Anfang an gegen diese einst unter Pauken- und Trompetenklängen verkündete Politik der Real-Duplifizierung. Darum war es ja auch eskaliert im Streit zwischen ihm, dem ersten und bis dahin einzigen Sohn, und dem Vater, dem seit jeher alten, blinden Sack. Der Teufel hatte sich derart echauffiert über des Vaters Realismus-Versessenheit, daß der ihn schließlich der Himmelstore verwies. Tja, so war es einst zum Bruch mit dem Vater gekommen. So schnell konnte es gehen...
Aber der Teufel war eben derart grandios einsichtig gewesen, augenblicklich zu wissen, daß er dieser neuen, jungen, unverbrauchten Strömung, die da über ihn hereinzubrechen begann, nur altes, wurmstichiges Bollwerk entgegenzusetzen hatte. Naturkräfte, Geister, Dämonen, beseelte Dinge und solch antiquierten Kram. Aber der Mensch war aus viel zu rohem Fleisch gehauen, aus viel zu kaltem Blute gegossen, um diese Feinsinnigkeiten noch an sich herankommen zu lassen. Sehr schnell hatte der Mensch sich von diesen wahren Wundern abgewandt. Viel zu schnell hatte der begnadete Realist die freie Wirklichkeit totgeschlagen und unter das Mikroskop gespannt. Dieser Mensch war das exakte Ebenbild des alten, blinden Sackes. Auch der alte, blinde Sack hatte versucht, Realität mittels ihrer eigenen, angewandten und abermals angewandten Realität zu übersteigen. Völlig ohne Ideal. Völlig ohne Kunst. Völlig ohne Schönheit. Nur mit dem Verstande des Stoffes. Authentizität sollte durch Fortpflanzung prästabiliert sein. Auch der alte, blinde Sack wollte Emergenz erzwingen. Rationalisieren. Kategorisieren. Reduktionieren. Und schließlich als inexistent definieren. So gesehen war dem alten, blinden Sack da tatsächlich sein eigenes Meisterstück geglückt.
5
Als Jesus in voller Kampfesmontur in der Unterwelt erschien, empfing ihn der Teufel mit offenen Armen. Jesus war zuerst verstört. Jesus hatte sich auf einen noch viel schlimmeren Kampf eingestellt als den, welchen er kurz zuvor bis zum Kreuze auszufechten gehabt hatte. Doch Jesus wartete nicht ab. Jesus war sofort begeistert. Noch am Styx überreichte der Teufel das Herrschaftssymbol an Jesus. Der war überglücklich, hängte sich den Schlüsselbund um den Hals und fühlte sich alsbald ganz wie zuhause.
Der Teufel hatte unterdessen alle wichtigen Werte in Sicherheit gebracht. Auf diese galante Art und Weise des Eigentümerwechsels sparte sich der Teufel erhebliche Entrümpelungs- und Sanierungskosten.
Dieser Jesus war ja fast noch ein Kind. Ein Revoluzzer, der nicht wußte, wohin mit seiner ungestümen Kraft. Und dann dieser zuckersüße Idealismus! Der Teufel hatte Jesus schon im Vorhinein mehrere Koalitionsangebote unterbreitet. Doch die hatte Jesus noch brüsk abgelehnt. Und jetzt war dieser Dummkopf auch noch freiwillig und schnurstraks eilend in die Immobilienfalle getappt.
Der Teufel war stolz auf sich. Der Teufel hatte vor, ins Exil zu gehen. Er wollte sein Dasein als Frührentner und Privatier genießen. Die Schweiz hatte ihm ein zwar aufdringliches, aber doch für beide Seiten sehr lukratives Einbürgerungs-Angebot unterbreitet.
6
Daß Jakobus und der Apostelkreis um Petrus ihren Meisterbruder Jesus in einer Nacht- und Nebelaktion in Ketten legten, als dieser ihnen das Ende seiner 40-tägigen Rückkehr ankündigte, hatte nun wirklich niemand vorraussehen können. Da mußte der Teufel sogar den alten, blinden Sack in Schutz nehmen. Daß Jakobus und die Apostel um Petrus dem Hl.Geist so sehr mißtrauen könnten, galt bis dahin allgemein als Widerspruch in sich. Als Jesus vom Teufel mit allen Ehren und zwölf Böllerschüssen aus der Unterwelt verabschiedet worden war, hatte der Teufel ihn noch gewarnt: Wenn Jesus schon diesen Unfug betreiben müsse und nach seiner Kreuzigung, dem Tod und Abstieg in die Unterwelt unbedingt noch einmal zurückwolle zu seinen Leuten, dann solle er das auf garkeinen Fall in fleischlichem Zustande tun. Doch Jesus war wie der alte, blinde Sack ein von Originalität besessener Perfektionist. Das hatte der Trottel nun davon!
Der Teufel entschied, den betont flappsigen Ton beizubehalten. Er schien dem Teufel der Situation angemessen. Immerhin handelte es sich um einen durchaus alltäglichen Sterbevorgang. Papst hin oder her.
„Is ja auch echt ne verdammt fiese Nummer. So insgesamt und so. Der alte, blinde Sack is nun schon fast genau so lange tot wie sein dämlicher Sohnemann in euren Verließen rumgammelt. Wie lange haltet ihr den armen Kerl denn nun schon unter stengster Isolationshaft?“
Der Papst atmete schwer. Der Papst keuchte. Der Papst wollte unbedingt antworten. Er wollte dies auf garkeinen Fall dem schwatzsüchtigen Fliegenmelker überlassen.
„2012...“
Jetzt zog der Teufel beide Mundwinkel nach unten. Und um seine Bewunderung zu unterstreichen, nickte der Teufel in der Art, wie ein kleines Fischlein im Netze zappelt. Der Teufel hielt auch dies den Umständen des heutigen Abends für durchaus angemessen.
„Scheißlange Zeit, Digga. Ich möcht nich so lang im Kirchenknast abhängen. So weit ich weiß, haltet ihr ihn unter Original-Bedingungen. Also mal ganz ehrlich, Alter!“ Der Teufel eschauffierte sich ein wenig. „Wenn dein Scheißpalast hier nicht extramundanes Territorium wäre – und somit auch das verdammte Verließ hinter dem roten Brokat-Vorhang da hinten -, dann hätte ich dem armen Kerl schon längst die Kehle durchgeschnitten. Oder ihn verhungern lassen. Einfach aus Mitleid. Echt wahr, Digga! Du bist ne seelenlose Drecksau. Jetzt echt, hey!“
Der Teufel beugte sich nach vorne, verschob die Mundwinkel zu eine angestrengten Grimasse und boxte dem Papst gegen den Oberarm. Es funkelte und blitzte im ganzen Raume. Farbige Schatten hüpften über des Papstes Gesicht und Laken. Der Papst röchelte. Der Papst begann zu husten. Speichelblasen wölbten sich über des Papstes dürre Lippen und zerplatzten. In Zeitlupe.
Der Teufel legte den Kopf schief und boxte dem Papst ein zweites Mal gegen den Oberarm unter dem Laken. Diesmal jedoch noch etwas fester. Und auch der Papst röchelte diesmal noch etwas lauter. Der Teufel schüttelte amüsiert den Kopf und holte theatralisch zu einem dritten, gewaltigen Faustschlag aus. Der Papst zuckte aufgeregt unter seinem Laken, strampelte sogar mit den Beinchen und grunzte. Laut und vernehmlich.
Des Teufel Mundwinkel klappten ineinander zu einem Strich, während er die Faust behäbig sinken ließ.
7
„Zum Glück weiß ich schon längst, daß du nocht nicht sterben wirst. Da könnte ich jetzt eindreschen auf dich, wie ich wollte. Das liebe Fräulein Schicksal hat´s mir verraten. Ne Frau als Beichtvater! Und dann auch noch in so nem paganen Tunika-Dingens. Ey, Digga, soviel Sarkasmus steht dir blendend. Maximum respect. Echt jetzt! Hey, du wirst noch nicht sterben. Zumindest jetzt gleich noch nicht. Aber trotzdem! Was uns beide angeht: Ich bin raus aus deinem Scheißspiel, hast du gehört?“ Die letzten Worte hatte der Teufel voller Haß hinausgezischt. Es stank auf einmal wie hinter einer Würschtlbude. Der Teufel sprang auf. Wurde aber sofort wieder ganz weich.
„Ach, Digga! Was soll ich sagen. Schau dich an. Du bist fertig, Mann. Du bist n Zombie, ey! Und Zombies sollten ja wohl echt nix mehr zu melden haben. Weißt du, ich konnte Zombie-Filme und so noch nie leiden. Hab nie gecheckt, warum Untote Lebende quälen sollen. Wie unromantisch! Gib dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt oder so. Echt geiler Spruch übrigens. Und noch ne viel geilere Interpolation, nich wahr, Digga? Wir verstehen uns, verstanden!“
8
Der Teufel hatte keine Lust mehr.
„Laß die Lebenden die Lebenden quälen. Die Arschgeigen sollen ihren Mist alleine machen. Könnens eh am besten, wie man sieht. Was hab ich damit zu tun! Ich bin raus aus der Nummer. Warum sollte ich mir das antun, ey? Dafür sorgen, daß dein Jesus in dem EinMann-Verließ bleibt! Bin ich n Arschloch oder was? Aber wen frag ich! Räumt euern Dreck gefälligst selber auf. Ihr habt Jesus damals in Ketten gelegt, um das Armageddon zu verhindern. Ihr wolltet jeder Macht der Welt mit dieser Superwaffe drohen können. Und das habt ihr auch getan. Zweimal tausend Jahre lang. Selbst dem Leibhaftigen seit ihr damit auf den Pelz gerückt...“
Der Teufel holte sein Handy aus der Jackett-Tasche, besah die Uhrzeit und begann, die neuesten Eingänge zu checken.
9
„Wenn ich dein Genuschel vorhin richtig verstanden habe, Digga, dann hälst du deinen Nachfolger für einen Nyhilisten? Du glaubst allen Ernstes, daß dein Nachfolger vorhat, all eure Reichtümer zu verschenken? Und er möchte selbst wirklich als Bettelmönch durch die Lande ziehen und das Himmelreich predigen? Und dein Nachfolger möchte alle Archive öffnen und alle Verließe? Wahrlich, ein Nyhilist, dieser dein Nachfolger! Habeamus papam, Digga!“
Der Teufel pfiff bewundernd durch seine diamantenen Zähne. Dann trat er mit zwei forschen Schritten an des Papstes Bett heran, schob den wehrlosen Greis zur Seite und ließ sich betont lässig auf der unteren Hälfte nieder. Der Kopf des Papstes war durch den ungestümen Schubs in Schieflage geraten und vom Kissen hinunter auf den Rand der Matraze gekippt. Des Papstes schwarzer Mund war jetzt ganz weit aufgerissen. Das Röcheln erstarb. Der Teufel wandte sich ab. Er strich sich die Falten aus dem Jackett und betrachtete die Spitzen seiner Lacklederschuhe.
„Ihr alle immer mit eurer Scheißwahrheit! Ihr lügt euch mit eurer Scheißwahrheit die Hucke voll. Und seit auch noch stolz drauf! Da seit ihr echt alle gleich. Der alte, blinde Sack, sein abgefuckter Sohn und natürlich auch du, Digga. Alles dieselbe Meschpoke!“
10
Der Teufel atmete tief durch. Dann kehrte er sich wieder dem Papste zu, griff nach dem Knauf, der an einer Schnur über des Papstes Brust hing, und klingelte ungeduldig nach der Schwester. Die Schwester erschien auch sofort.
„Schatz, wenn du doch bitte das Kaminfeuer besorgen möchtest. Es ist kalt hier drinnen, findest du nicht? Auch ein Schluck Whisky sei in solchen Fällen angeraten, heißt es doch in Fachkreisen der Hauskultur. Und natürlich eine dicke Zigarre. Die dickste Zigarre, die du finden kannst, mein Schatz. Beeile dich. Ach und zieh dir gefälligst was Anständiges an. Das ist hier doch kein Krankenhaus! Dieser hochverdiente Mann da hat sich nicht unter das Laken verkrochen, weil es ihn nach medizinischer Labsal dürstet. Dieser allseits gefürchtete Mann da hat sich nicht unter das Laken geflüchtet, um sich noch einmal daraus zu erheben.“
Die Schwester näherte sich dem Bett des Papstes. Offensichtlich wollte sie die unnatürliche Haltung des Schädels in Ordnung bringen.
„Faß ihn ja nicht an!“ Die Stimme des Teufels überschlug sich. Der Teufel war in einem wilden Satze aufgesprungen und hatte sich zitternd zwischen des Papstes Lager und der Schwester aufgebaut. Grelles Blitzgewitter tilgte jeden Schatten. Tobende Donnerschläge ließen des Teufels Geschrei fast untergehen. „Das da ist der Papst! Den faßt kein verfluchtes Weibsbild an, klar?“ Der Geruch der Würschtlbude wurde überlagert vom Gestank einer Kläranlage. „Ich dulde keine Lästerlichkeiten! Im Gegensatz zum alten, blinden Sack habe ich stets versucht, Anstand zu bewahren. Gerade in der Unterwelt damals war Anstand die einzig tragfähige Überlebensstrategie. Manche Regeln, und seien sie auch noch so uneinsichtig, hat man zu respektieren. Und damit basta!“
11
Der Teufel lockerte sich die Kravatte und atmete mehrmals tief durch. Dann hielt der Teufel ganz bewußt inne. Und um dies noch zu unterstreichen, schwenkte er den gestreckten Zeigefinger seiner rechten Hand wie einen Pinsel, wie einen Dirigentenstab in seinem Blickfeld umher.
„Allein die Kunst hätte jetzt noch die Kraft, auch diese ehernen Regeln zu brechen. Doch was hätte die Kunst jetzt und hier zu suchen? Das hier ist schließlich kein Museum.“
Der Teufel machte eine Pause, um die Schwester, die sich in eine schwarzgewandete Hausdame verwandelt hatte, dabei zu beobachten, wie sie mit einem Schürhaken das Feuer im Kamin anfachte. Der Teufel ließ sich faszinieren von der ruhigen, sicheren Art, mit welcher die Hausdame das Urelement Feuer handhabte. Der alte, blinde Sack hatte stellenweise durchaus Talent bewiesen. Der Teufel nahm einen Schluck Whisky. Die Zigarre, eine wirklich dicke Zigarre, rührte der Teufel dann doch nicht an. Der Teufel wandte sich wieder an den Papst.
„Wo waren wir stehengeblieben, Digga? Ach ja. Ihr könnt mich alle Mal. Diesen Jesus binde ich mir nicht ans Bein! Und diese schweizerische Schluchtenscheißerei langweilt mich inzwischen übrigens auch. Ich hab die Nase voll von diesen selbstverliebten Krisen- und Kriegsgewinnlern! Diese Freaks haben inzwischen selbst mich an den Rand des finanziellen Ruins getrieben.“
Der Teufel ließ sich wieder auf das Bett des Papstes fallen. Der Papst gab ein kaum hörbares, trockenes Kratzen von sich.
„Ganz ruhig, Digga. Du sollst dich nicht anstrengen. Da sind wir uns doch alle von Anfang an einig gewesen.“
Der Teufel beugte sich nach vorne und zog Papst und Laken mit einem schnellen, kräftigen Ruck wieder in die Mitte des Bettes zurück. Das Kissen war zu Boden gefallen. Doch der Kopf des Papstes lag jetzt wieder zwischen den nackten Schultern.
12
„Hör mir gefälligst zu! Das ist jetzt echt wichtig, Digga. Das wird die schönste Nachricht in deinem Leben werden. Dein ureigenster Lebenstraum geht in Erfüllung, Alter. Ich, der Teufel, ich haue ab von diesem Planeten. Ich habe die Schnauze gestrichen voll! Ich verschwinde.“
Der Teufel sah auf den Papst hinunter. Es war ganz still im Zimmer. Die Hausdame war verschwunden. Nur das Kaminfeuer knackte dann und wann. Der Kamin zog schlecht. Aber vielleicht hatte auch die Hausdame trotz aller Behändigkeit gänzlich vergessen, den Kaminschacht zu öffnen. Der Raum füllte sich mit Qualm.
„Freust du dich denn garnicht, Digga? Der Teufel verschwindet aus dieser Welt. Freiwillig! Damit sind doch alle eure Probleme gelöst. Und ihr bekommt das alles sogar geschenkt. Kein Armageddon. Kein Weltuntergang. Ihr macht einfach weiter wie bisher. Komm schon, Digga! Du könntest wenigstens Danke sagen.“
Der Teufel wartete einen Moment. Doch der Papst schwieg. Der Papst rührte sich nicht. Heiße Rauchschwaden durchzogen das Zimmer.
13
Der Teufel schnupperte durch den Nebel.
„Dein Holz ist schon ein bißchen zu alt, Digga. Dein Holz hat schon sehr an Aroma verloren. Wir hätten viel früher mit alledem beginnen sollen.“
Hinter dem roten Brokat-Vorhang drang ein Pochen hervor. Ein aufgeregtes, ein immer aufgeregteres Pochen. Fast ein verzweifeltes Hämmern. Wahrscheinlich drang der Qualm in das Verließ ein und verschlang auch dort den Sauerstoff. So mußte es wohl sein, denn das Pochen wurde bald schon wieder schwächer.
Der Teufel erhob sich, ging zum Kamin herüber und legte ein paar Scheite nach. Dann drehte er sich noch einmal um. Durch die dicken Schwaden war das Bett des Papstes kaum mehr zu sehen. Der Teufel hob die Hand.
„Machs gut, Digga. Ich hau ab!“
Heft XI
{Absolution}
1
Jesus war pleite.
Ja natürlich war Jesus pleite. Das war für Jesus nichts Neues. Jesus war schließlich immer schon pleite gewesen. Seitdem er vor seiner trunksüchtigen Mutter und ihren noch viel schmutzigeren Bekanntschaften geflüchtet war – und das lag ja immerhin schon 15 Jahre zurück -, befand sich Jesus im permanenten Minus. Jesu Dispo-Kredit war seit jeher zur Gänze ausgeschöpft. Anfangs war es ihm egal. Darauf folgte eine Phase, da fand Jesus es richtig cool. Und schlußendlich war es schlicht und ergreifend normal.
Normalität erlaubte es Jesus, durchaus leicht von all dem Normalen um ihn herum Abstand zu gewinnen. Natürlich nahm er noch - wenn auch in losen Intervallen und strikt postalisch - Anteil an seinen Kontobewegungen. Auch fügte sich Jesus des lieben Friedens willen und dennoch weiterhin strikt postalisch in routinemäßige Umschuldungs-Angebote des Bankberaters.
2
Jesus war auf dem Lande aufgewachsen. Einem Land voller Hügel. In deren Schatten Hexen hausten. Jesu Vater war ein kleiner, selbständiger Handwerker gewesen, der um jeden seiner Aufträge hatte betteln müssen. Wie oft kehrte der Vater schon mittags mit noch immer sauberen und leeren Händen heim. Und hatte der Vater doch einen Auftrag ergattert, so mußte er nach dessen Erledigung darum betteln, daß ihm seine Arbeit auch bezahlt wurde. Wie oft kam der Vater dann abends mit schmutzigen und noch immer leeren Händen heim.
Und manchmal, wenn die Nacht wieder schwerer war als sonst, wenn sie wieder tiefer und schwärzer war als je, wenn sie dann war wie des Vaters Gemüt, kehrte der Vater garnicht heim.
Wenn die Schatten am längsten waren, schickte die Mutter ihre Kinder aus, um in den Nachbardörfern Brot und Eier zu stehlen.
Selbst als es ans Sterben ging – eine jener Nächte war tatsächlich dunkler als alle anderen gewesen, derart dunkel, derart voller Schatten, daß des Vaters Seele sich auf ewig darin verlor – selbst als es ans Sterben ging, mußte die Mutter zwischen den dürren Beinen des Gemeindevorstehers um eine Stundung der Begräbniskosten nachsuchen.
3
Der Armut, welche Jesus in seiner Kindheit und während seiner Jugend durchlebte, gedachte Jesus heute mit Wohlwollen. Jesus konnte sich Selbstvorwürfe ersparen. Jesus hielt jeden für einen Dieb, der mehr besaß, als er kurzfristig benötigte. Jesus hielt jeden für einen Schänder, der mehr besaß, als er mittelfristig benötigte. Jesus hielt jeden für einen Mörder, der mehr besaß, als er langfristig benötigte. Jesus machte kein großes Aufhebens um seine Ansichten. Es sei selbstverständlich, so zu denken. Seine Ansichten seien ein Teil der Normalität, befand Jesus in ungezwungen heiterem Tonfall.
Der Verwahrlosung, welcher er dareinst jeden Tag ausgesetzt war, den Dieben, Schändern und Mördern war Jesus schon als Knabe mit stummer Verachtung begegnet.
Bereits in jener frühen Zeit galt Jesu Sinn für Sauberkeit als ausgeprägt. Wenn nicht sogar als anstrengend, wie Maria jedesmal, wenn Jesus sie an Weihnachten im Plegeheim besuchte, mit der dementen Überheblichkeit unaufhörlicher Wiederholung vor sich hinnuschelte. Jesus hatte den Blick dann längst zum Fenster gewandt und beobachtete die Regentropfen, die wie Schweiß an der Scheibe hinabrannen.
Jesus rümpfte dann meist die Nase.
4
Jesus lebte allein.
Jesus lebte in einem kleinen Zimmer. Das Zimmer war heruntergekommen. Aber Jesus hielt es stets sauber. Jesus besaß nur wenige Möbel. Jesus besaß einen Tisch. Zwei Stühle. Und einen Kleiderständer. Jesus besaß kein Bett. Jesus schlief auf dem Boden. Jesus bestand darauf, noch niemals mit Rückenproblemen konfrontiert gewesen zu sein.
Neben der Kochnische befand sich eine Duschkabine. Jesus duschte regelmäßig. Hatte er gerade Arbeit, duschte Jesus drei- bis viermal am Tag. Hatte Jesus keine Arbeit, so duschte er sieben- bis achtmal am Tag. Auch nachts unterbrach er gerne den Schlaf, um sich den Staub der Vergangenheit aus den Poren spülen zu lassen.
Jesus besaß drei Regale voller Bücher. Jesus liebte Bücher. Vor allem Sachbücher. Erfundene Geschichten interessierten Jesus nicht. Erfundene Geschichten berührten Jesus nicht. Erfundene Geschichten verstand Jesus nicht. Jesus verabscheute diese weltliche Neugier. Jesus verabscheute diese schmutzige Schaulust.
Jesus besaß nur Bücher, die sich so sehr der Wahrheit verschrieben hatten, daß trübende Subjektivitäten schon im Anbeginn wie totes Sediment hinabgesunken waren auf den faltenlosen Meeresgrund.
Jedes einzelne dieser Bücher dort in den drei bis zur Decke reichenden Regalen hatte Jesus sich vom Munde abgespart. Jedes einzelne dieser Bücher dort in den drei bis zur Decke langenden Regalen hatte Jesus mehr als einmal verschlungen.
Jedes einzelne dieser Bücher dort in den drei bis an die Decke stoßenden Regalen hatte Jesus kaum aufgeschlagen, um die Falz nicht zu beschädigen.
Jesus verstand sehr gut, daß nur haltlose, ernsthaft verwahrloste, ja nachgeradezu fatalistische Frauen an solch einem Manne wie Jesus interessiert waren. Jesus war auch sehr froh darum, denn Jesus lebte sehr gerne allein.
5
Jesus war nicht geschaffen für eine Beziehung. Jesus war nicht in dieser Welt, um jemanden glücklich zu machen. Überhaupt war Jesus der Ansicht, gerade er sei nicht in dieser Welt, um glücklich zu sein. Vielmehr sei er der, welcher er war, um glücklich zu werden.
Jesus hatte eine Aufgabe. Darum war er in dieses Leben getreten und hatte es zu dem seinen erklärt. Jene Aufgabe zu erfüllen war zwar nicht Jesu Pflicht. Doch nur in der Erfüllung ebendieser Pflicht kam sich Jesus am nächsten. Alles andere, auch das Weib, vielleicht sogar gerade das Weib, war Luxus, Müßiggang, der Jesus von sich selbst entfernte.
Auch Jesus hatte sich dereinst nach einem still und ewig funkelnden Kleinod gesehnt, einem glitzernden Diamant, geborgen und sicher, daheim, bergend und sichernd auch ihn, Jesus selbst, als sein, als ein gemeinsames Heim.
Doch Jesus, das gestand er sich inzwischen unumwunden ein, fehlte sogar schlichtweg jede auch nur durchnittliche Begabung, eine Beziehung überhaupt erst in die Wege zu leiten. Jesus tat grundsätzlich das Falsche: War Geduld und Zurückhaltung vonnöten, warf er sich so richtig ins Zeug. War Eile geboten, mahnte sich Jesus, niemanden zu bedrängen.
6
Jesu letzte Freundin äußerte, als er sie verließ, er solle sich so schnell doch bitte keiner Frau mehr antun. Jesus mußte ihr rechtgeben. Sich nun schon seit einigen Jahren an jenen Ratschlag zu halten, erzeugte in Jesus ein Gefühl der Zufriedenheit, ein Gefühl der Richtigkeit.
Jesus traf seine letzte Freundin noch ab und an auf einen Kaffee. Mit einem Schmunzeln las er dann in ihren Augen das Unverständnis darüber, jemals mit so jemanden liiert gewesen zu sein.
Jesus führe jene allseits ersehnte, harmonische Beziehung eben mit sich selbst, gab er dann ungefragt als Antwort.
7
Jesus hatte keinen Schulabschluß. Jesus hatte sich schon in allen erdenklichen Jobs als Ungelernter betätigt. Seit seinem 16. Lebensjahr pendelte er zwischen Arbeitslosigkeit und Hilfsjob. Er hatte sich daran gewöhnt. Hatte sich auch an die dazwischenliegenden Amtsgänge gewöhnt.
Jesus hatte seinen Körper daran gewöhnt. Jesu Körper pendelte seit seinem 16. Lebensjahr zwischen Arbeitslosigkeit und Hilfsjob hin und her. Jesu Körper hatte sich an die dazwischenliegenden Amtsgänge gewöhnt. Jesu Körper hatte sich sogar an regelmäßige Sporteinheiten in einem nahegelegenen Fitneßstudio gewöhnt.
Jesus selbst lebte schon immer in seinem kleinen, heruntergekommenen, aber sauberen Zimmer und erfüllte seine Pflicht. Jesus selbst nahm kaum noch wahr, wenn Jesu Körper das Zimmer verließ.
8
Jesus saß in seinem Zimmer und kiffte. Jesus war Realist und vertrat die Ansicht, in einem halben Jahr mehr zu rauchen als Bob Marley in dessen gesamten Leben. Wenn Jesus kiffte, konnte er sich intensiver auf die Erfüllung seiner Pflicht konzentrieren. Wenn Jesus kiffte, konnte er sich in sich selbst versenken. Er konnte auch von sich selbst als zu der ihn umgebenden Normalität Gehörender Abstand nehmen. Nach innen hinein Abstand nehmen. Es war ein Forttauchen ins Bodenlose, ins Unendliche, ins Apeiron.
Aber es war ja stets das eigene Bodenlose, das eigene Unendliche, das sich da deckte mit dem des Anderen, des Fremden, des Fernsten, des Nächsten. Es war ja stets das eigene Ich, das sich da vermählte mit dem Apeiron des Universums.
Jesus saß in seinem Zimmer und kiffte. Jesus ließ sich von seinen Gedanken hineinziehen in sich selbst. Dies war kein Untergang. Dies war das Auffinden der einzigen Mitte. Die Mitte aller anderen, fremden, fernsten, nächsten Mitten.
9
Jesus hatte heute Geburtstag. Jesus wurde heute 30 Jahre alt.
Jesus hatte entschieden, sich seiner Aufgabe, der Erfüllung seiner Pflicht restlos zu überantworten. Jesus hatte entschieden, eine neue Religion zu begründen. Jesus wollte den Menschen zum Gotte erheben, auf daß sich dieser Mensch auch endlich wie ein Gott verhalte. Jesus wollte dem Menschen offenbaren, daß auch der erbärmlichste Tor, ja gerade der erbärmlichste Tor zum Gottesamte berufen sei.
Jesus hatte sich etliche Joints vorgerollt.
Jesus hatte ein Problem: Der Mensch konnte nur dann zum Gottesamte berufen sein, wenn er in der Lage war, ebendieses auch zu erlangen. Sonst wäre die Berufung noch weniger als eine Farce. Die Besteigung war jedoch nur dann gewährleistet, wenn der ursprüngliche Throninhaber, also Gottvater, von jenem Thron entfernt worden war. Nur dann machte es überhaupt Sinn, vom Menschen die Erfüllung der Vakanz durch ebenbildliches Verhalten zu fordern.
Jesus war sich im Klaren darüber, daß ein Throninhaber seine Machtposition niemals freiwillig aufgeben würde. Und selbst wenn Gottvater gezwungen werden konnte abzudanken, so stellte allein die Tasache Gottvaters fortdauernder Existenz an sich ein unkalkulierbares Risiko für den Nachfolger dar.
Jesus saß in seinem Zimmer und kiffte.
Jesus hatte sich entschieden: Gottvater mußte sterben. Nur dann hatte es Bedeutung, dem Menschen des Menschen Gesicht kundzutun. Jedoch wie jeder andere Gott war auch Gottvater unsterblich.
Aber eben nur als Gott. Nicht als Mensch. Als Mensch würde Gottvater ebenso sterblich sein wie jeder andere dieses Geschlechtes.
10
Jesus saß in seinem Zimmer und kiffte. Jesus bereitete sich darauf vor, in sich hinabzutauchen und Gottvater davon zu überzeugen, ein Mensch zu werden.
Jesus plante, darauf zu beharren, daß Gottvater den Menschen über alles hinaus liebe, da ja Gottvater die Liebe selbst sei. Wer die totale Liebe sei, der liebe den Menschen total. Wer den Menschen total liebe, müsse Mensch werden, um den Menschen überhaupt total lieben zu können. Geliebt wird das Ebenbild. Dem Abbild gilt nur Sorge. Aus Liebe zum Menschen sei Gottvater dazu verpflichtet, Mensch zu werden. Und natürlich auch aus Sorge, doch das entschied Jesus besser unerwähnt zu lassen.
Jesus war aufgeregt.
Jesus wollte soweit gehen, in einem unscheinbaren Nebensatze anzumerken, daß echte Liebe die Bereitschaft zur völligen Selbstaufgabe voraussetze. Wenn Gottvater also tatsächlich der war, welcher Gottvater vorgab zu sein, ja dann müsse Gottvater ohne jede Alternative Mensch werden. Unbedingt. In Gänze. Und vor allem in Bälde. Da keiner sonst in irgendeiner Weise mehr Gottvaters Glaubwürdigkeit garantieren könne.
Jesus saß in seinem Zimmer und kiffte. Jesus genoß die Vorfreude auf Gottvaters Menschentum. Jesus kannte Gottvater. Gottvater würde sich Jesu Argumentation nicht verschließen können. Gottvaters Schicksal war besiegelt.
11
Jesus saß in einem kleinen Zimmer irgendwo innerhalb des Gebäudekomplexes seiner Bank. Das Zimmer wirkte heruntergekommen. Aber es war sauber. Das Zimmer war spärlich eingerichtet. Ein Tisch. Zwei Stühle. Eine Pflanze.
Jesus sei pleite, sagte der Bankberater. Jesus habe allzulange über seine Verhältnisse gelebt. Der Bankberater war in Jesu Alter. Der Bankberater trug eine pastell-rosa Kravatte zu seinem dunkelblauen Anzug. Es sei für Jesus nun ein unumgängliches Gebot der Stunde, seine Schuld zu begleichen. Der Bankberater zuckte kurz mit den Schultern, als wollte er damit andeuten, daß auch er die ganze Aufregung nicht begreife, im Grunde für ausgesprochen überflüssig halte. Aber es sei nun mal so Vorschrift. Und Vorschriften seien doch absolut normal.
Er verstünde nichts von diesen Dingen, er selbst sei bis jetzt niemals pleite gewesen, sagte der Bankberater und zuckte abermals mit den Schultern. Doch die vorliegenden Zahlen sprächen gottlob für sich. Die Anwendung der Vorschriften ergäbe sich somit von selbst. Vollkommen automatisch. Sozusagen intuitiv. Jesus sei mitnichten ein hoffnungsloser Fall! Im Gegenteil: Jesus würde in den Ereignissen vielmehr Modell-Charakter erkennen lassen. Der Bankberater strahlte über das ganze Gesicht. Jesus begriff jetzt, warum der Bankberater eine pastell-rosa Kravatte zu seinem dunkelblauen Anzug trug.
Der Bankberater strahlte noch immer, als er sich ein Paar beinahe durchsichtige Einweg-Handschuhe überziehend erhob, um den Tisch herumging und Jesus freundschaftlich-bestimmt an dessen Oberarm zu Türe geleitete.
Die Handschuhe seien Vorschrift, das sei absolut normal, sagte der Bankberater und zuckte mit den Schultern.
12
Am Ende des Ganges stand ein Kreuz. Das Kreuz war tatsächlich das Ende des Ganges. Weder nach rechts noch nach links, weder nach oben noch nach unten führte der Gang fort. Der Gang endete am Kreuz. Dort an diesem Kreuz - es mochte wohl Fichte sein, dachte Jesus, denn das Holz war hell und schien nicht wirklich fest, außerdem war Jesus ja nur ein Allerwelts-Kunde - dort an diesem Kreuz wartete ein zweiter Bankberater. Er trug keine Kravatte, aber ebenso Einweg-Handschuhe.
Eine Rolle schwarzer Müllsäcke und einen verbeulten Werkzeugkasten entdeckte Jesus am Fuße des Kreuzes.
Der Bankberater ohne Kravatte begrüßte seinen Kollegen mit einem Schulterzucken. Ob der Schuldner angezogen oder nackt gekreuzigt werden solle, fragte er. Auch der Kollege zuckte die Schultern. Da die Vorschriften im vorliegenden Falle keine Geißelung vorsähen, könne man wohl von einer angezogenen Kreuzigung ausgehen, sagte der Bankberater ohne Kravatte. Zuerst sein Kollege, dann strahlten sie beide über jedes ihrer Gesichter.
Jesus verstand noch immer nicht, warum der Bankberater keine Kravatte trug. Jesus sehnte sich zurück in sein kleines, sauberes Zimmer. Jesus wollte kiffen und in sich selbst versinken. Schließlch hatte Jesus eine Aufgabe, eine Pflicht zu erfüllen.
Aber Jesus war pleite.
- TEIL B -
Heft XII
{Trümmerharfe}
Für Barbara,
Mutter meiner Worte
{Prolog}
Einstmals, als der letzte Affe auf seiner letzten Flucht den krummgeflohenen Rücken streckte, schicksalssprengend in seinem Übersprung den Blick vom bodenlosen Abgrund löste, als er die Freiheit des Schwebens entdeckte, da begann mit erhobenen Gesichte die Geschichte des Menschen.
Der erste Mensch, er sah hinauf zum Himmelsdiamant, warf dort sein Augenlicht hinein, voller Gier entzückt von des Spiegels Kostbarkeit, voller Scham entrückt von des Widerbildes Farbenpracht, vor der Wahrheit Schweben die Knie beugend, sank er zurück ins Schattenreich der Erde, immer kleiner, immer ferner.
Der mittlere Mensch, den Kopfe neigend, den Kopfe wendend hin zur Brust grub er sich ein ins Schattenreich der Erde, schlug mit seiner Hände Kraft eine Herzenshöhle dort heraus, heiß mühend, noch weißer glühend, Schönheit des Schwebens, bebte, lebte, selbst ganz allein und sich ganz nahe.
Der letzte Mensch, den Kopfe zeigend als wär´ er erst geboren, den Kopfe schwendend fort in ein neues Reich, er steigt dem freien Klange nach, dem wahren Licht, dem schönen Wort. Noch steigt er, doch der Atem wird schon ruhiger...
Erster Teil: Aufbruch
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Seit mehr als zwei Stunden saß Simon nun schon auf jener Bank eines kleinen, verwunschenen Münchener Stadtparks und sah gesenkten Hauptes vor sich hin.
Noch immer die Gewalt der Erkenntnis fühlend, die ihn vor drei Tagen wie ein Gewitterblitz überkommen, noch immer das Gewicht der Entscheidung spürend, die er in eben jenem Moment einem Donnerschlage gleich getroffen hatte, schwand Simon nach einem weiteren, kräftigen Zug am Joint bald um so tiefer in die Bank, auf der er saß.
Und obwohl es sich um eine Parkbank handelte, so blieb sie dennoch sehr bequem. Es war ein sehr alter Park und eine sehr alte Bank. Lehne und Sitzfläche standen sich nicht in modernistisch harten, ängstlich funktionalen Winkeln entgegen, in einer geschwungenen, ungebrochenen Linie gingen sie ineinander über, ihre Enden flossen in verschwiegenen Halbkreisen aus. Breite, verwitterte Querleisten, längst ausgebleichte und wieder gedunkelte, weiche, farblose Maserung, gesplittert an manchen Stellen und dennoch auf ewig getragen von schweren, gußeisernen, gräulich-schwarzen Füßen, Tatzen, die mit Ader und Sehne verziert hinauf in den Rahmen zur Lehne schwangen.
Ein sehnsüchtiges Lächeln zog über Simons Gesicht. Nur das ganz Alte, das wirklich Alte konnte das ganz Neue, das wirklich Neue tragen.
Simon hatte in jenem Augenblicke beschlossen, sein Leben von Grund auf zu ändern. Und das durfte nicht geschehen, so sagte er sich seitdem in einem fort, das konnte nicht geschehen, indem er vor seinem bisherigen Leben still und heimlich und voller Kompromiß davonschlich. Versuchte er dies, würde sein bisheriges Leben ja nur ihm hinterherschleichen, stiller und heimlicher noch, und auf diese Weise doch immer weiter gänzlich kompromißlos seines bleiben.
Simon hatte in jenem Augenblicke beschlossen, sein bisheriges Leben durch totale Zuspitzung seines bisherigen Lebens von Grund auf zu ändern. Ein dauerhafter, tragfähiger Sieg, so wiederholte er sich seit drei Tagen immer wieder, blieb erst errungen, wenn der erkannte Feind mit dessen eigenen Waffen und mit dessen eigener Kraft überwunden war.
Simon hatte in jenem Augenblicke beschlossen, Peters Angebot anzunehmen und den golow-contest in den Bergen Tschetscheniens mitzuspringen, ein Wettbewerb, der Alles bisher Dagewesene an Illegalität, Verkommenheit, aber auch an Preisgeld in schier unglaublichem Auswuchse übertreffen würde. Ein grandioses Ende der Lüge, so versprach er sich fest und fester, für den Beginn einer unendlich grandioseren Wahrheit.
Simon hatte in jenem Augenblicke beschlossen, ein letztes Mal seinen Fallschirm so tief als möglich, so nah und knapp als irgendmöglich, tiefer, näher, knapper als jeder Kontrahent, so beschwor er sich nun ohne Unterlaß, über dem Erdboden zu öffnen. Er tat das nicht zum ersten Mal. Simon galt noch immer als einer der Besten der Szene, er gehörte zu jenen, welche die meisten Siege aller noch lebenden Tiefgänger im Kreuze hatten. Er würde diesen contest gewinnen, es mußte so sein, da war Simon vom ersten Moment seiner Entscheidung an in unerhörter, bis jetzt nie dagewesener Weise sicher. Denn niemals barg ein Sieg mehr Sinn, mehr Zukunft, mehr Liebe in sich.
Simon hatte in jenem Augenblicke beschlossen, mit dem Preisgeld in der Tasche – und diesmal wurde nicht wie bisher nur um Transfer und Butterbrot gesprungen sondern um eine sagenhafte Million – mit jenem Preisgeld in der Tasche plante Simon, dann endlich schuldenfrei, in einem schwarzen Anzug und mit einem Strauß rotglühender Rosen, unbändig freute sich Simon auf diesen Tag, nach Moskau zu pilgern und zu Füßen der Frau seiner Träume, zu Füßen der einzigen Frau aller Universen hinzuknien und um ihre zarte, verzeihende Hand und ein neues, jede seiner Dummheiten vergessen machendes, nunmehr endlos glückliches Leben zu bitten.
Das Bild jener Frau schnellte in Simon empor, aus der Finsternis seiner verblendeten Vergangenheit hinein ins gleißende Verheißen einer paradiesischen Zukunft. Geflochtene Sommersonnenstrahlen ihr Haar, ihre Haut unaufhörlich weißer, reinster Mondsandstrand, ihre Augen tiefster Quell der Himmelsozeane und wolkenweich ihr Regenbogenmund. Ihre Seele war die des letzten Kindes jeder Welt, ihr Leib war der der ersten Mutter dieser Erde.
Pausbäckchen, stets so fein gerötet, die flachen Grübchen darin, der hohe, samtene Busen, das vorsichtige Spiel der Hände - ihr Herz verlängernd, nicht ein Hirn - das unbedarfte Wiegen ihrer warmen Hüften, während sie mit der frohgemuten Stimme eines klitzekleinen Vögleins zwitscherte, ihr balsamsüßer Nektarduft, Simon drängte es, ganz rund und gesund zu werden und sich heranzuschmiegen an diesen blumenwieseweichen Leib, hineinzukriechen und aufzugehen in dieser Wunder über Wunder vollen Seele.
Das Bild jener Frau erfüllte Simons Gedanken mit unsagbarer Freude, mit unsäglichem Verlangen.
Das Bild jener Frau überspülte Simons Gefühle mit unerträglicher Scham, mit haltloser Verzweiflung.
Das Bild seiner Ex-Freundin.
Simon hatte sich vor fast zwei Jahren aufgrund ins Uferlose gestiegener Schuldenlast und ins Wahnwitzige entfesselter Sucht nach Verantwortungsloskeit von der Liebe seines Lebens, von der einzigen Liebe seines einzigen Lebens getrennt. Simon hatte seine Freundin weggestoßen, war von ihr fortgelaufen, hatte sie zurückgelassen, er war auf und davon.
Simon benötigte damals alles Geld, das er sich erst von belogenen Freunden, dann von gernegläubigen Banken und schließlich von zwielichtigen Kredithaien lieh, um in der Welt herumzureisen und dem allertiefsten Fall zu frönen.
Simon hatte jene Frau seitdem nicht mehr gesehen.
Seit drei Tagen wußte Simon, er hatte sich damals von sich selbst getrennt, hatte sich von sich selbst weggestoßen, er war vor sich selbst fortgelaufen, hatte sich selbst zurückgelassen. Er war vor sich selbst auf und davon.
Simon hatte auch sich seitdem nicht mehr gesehen.
Schulden und golow, immer mehr golow, immer mehr Schulden hatten ihn blind gemacht.
Sie würde ihm verzeihen. Sie war ein Engel.
Sie würde wieder für ihn singen, bis er einschlief.
Sie würde wieder seinen Kopf in ihrem Schoße bergen und ihm durch die Haare streichen, bis er erwachte.
Sie mußte ihm verzeihen. Sie war sein Engel.
Simon spürte immer mehr das Ausmaß der Erkenntnis, die Tragweite der Entscheidung – ein letzter, ein allerletzter, siegreicher Abschluß des anstehenden contests würde ihn aus seinen Schulden und seiner Einsamkeit rückfalllos herauskatapultieren - und so sank Simon nach einem neuerlichen Zug am Joint noch ein paar Fäden tiefer in die Bank, auf der er saß.
Es war früher Sommernachmittag. Die Bank befand sich an einem Kiesweg, welcher auf wiegenden Wegen durch die weitläufigen Wiesen des Stadtparks wellte. In Simons Rücken verliefen sich ein paar Kastanien, flüsterten verspielt, rauschten mit dem Bach, in den fern dort immer wieder aufgefordert Hunde sprangen.
Ein paar Farbige ließen träge einen Fußball kreisen, über die grünen Flächen verteilt lagen Einzelne und Grüppchen, den Tag genießend, den Tag vertreibend, den Tag verzierend. Ab und an schwabbte Blasmusik herüber aus dem nahegelegenen Biergarten.
Und der laue Wind trieb in aller Ruhe ein paar strahlend weiße Werbewolken durch das Blau aller sieben Himmel.
Simon wußte, wie rasend schnell dieses Blau verschwand, wenn er hell wie Licht und laut wie Schall, wenn er einzig und allein auf den Urgrund zuschoß, wie haltlos wenig, wie wortlos leer, wie wertlos dann doch jenes Blau in Wirklichkeit war.
Simon wußte, er mußte durch Alles hindurch. Er wußte, er wollte durch Alles hindurch. Ein letztes, ein allerletztes, ein Alles überwindendes Mal.
Simon ahnte, wie rasend schneller dieses Blau verschwand, wenn sie beide heller als Licht und lauter als Schall, wenn sie beide gemeinsam, eng umschlungen, selbst den obersten, siebenten Himmel durchbrachen, hinein in die Unbeschreiblichkeit des Paradieses, welch schamlos Kreisen, welch wehrlos Kreischen, welch ehrlos Weichen bald doch jenes Blau in Wirklichkeit war.
Simons Hirn, es bebte.
Simon nahm noch einen kräftigen Zug am Joint, sog den Rauch tief in die Lungenflügel hinein, hielt einen Moment inne, um sich auf die sedierende Wirkung zu konzentrieren und atmete schließlich zufrieden aus.
Für heute hatte Simon genug getan. Er war früh aufgestanden, um ausgiebig in den Isarauen zu laufen, hatte danach das Gras für den Bruder aufgetrieben, den Flug in den Süden Rußlands bestätigt und schließlich seinen neuen Fallschirm abgeholt.
Keine Pflicht mehr bis Schlafen. Sein Bruder würde später noch vorbeikommen, das dope abholen und dadurch die fast leere Reisekasse zumindest etwas aufstocken.
Alles, was sein Bruder und Simon aneinander interessierte, wußten sie beide schon. Und was sie beide nicht von einander wußten, das interessierte nicht sonderlich.
Daherlabern, dahinrauchen und dann endgültig ablegen.
Simons Herz, es lebte.
Der Parkbank gegenüber, in die Simon mit all seinen Gedanken versunken war, auf einem frisch gemähten Wiesenareal, packte gerade eine Familie zusammen. Eine junge Familie, Mutter und Vater, fehlerfrei und erfolgreich, eingepaßt und erhaben, gescheitelt, gekämmt, Symbol und Stütze des Systems. Fest gefügt, mit all ihren Sinnen von Beginn an stets auf dem Erdboden bleibend, niemals darüber, niemals darunter und auch am Ende nur darinnen, eingeweiht, für ewig und immer. Ihre Gesichter waren glatt und wohlgenährt, voller Ebenmaß, voller Geradlinigkeit, Sicherheit, voller Klarheit und Rendite. Und doch nur Farben der Wüste. Schattenlos und voller Leere.
Und ein ebensolches Kind, höchstens zweijährig und mindestens ebenso sandfarben, ebenso unermüdlich strebsam, ebenso durstig. Und mit dem golddurchwirkten Krönchen einer Fastfood-Kette auf dem Kopf.
Schmunzelnd erholte sich Simon von seiner drückenden Abwesendheit.
Das gekrönte Kind hatte das edle Holz-Spielzeug, das die Eltern so stolz sich neckend, so stolz sich darbietend, gerade zusammensammelten, unbemerkt hinter sich gelassen und robbte voller Ziel und ohne Sinn über den Kiesweg, der die Wiese trennte von Simons Bank.
Die Münze befand sich im Fluge, Applaus und innere Ruhe suchend, die Münze drehte sich, kreiselte, Rand dehnte sich, Seiten füllten sicSimon Wertsteigerung und Selbstverwirklichung.
Rechts neben der Bank war ein Abfalleimer aufgestellt.
Simon fand, das kleine, gekrönte Kind mußte nicht aufpassen, wenn es weiter darauf zukroch.
Der Abfalleimer war unbenutzt. Also auch keine Wespen. Simon hätte es längst bemerkt.
Simon konzentrierte sich auf das Gesicht des Kindes. Kniff die Augen zusammen. Preßte die Lippen aneinander. Die Farben des ewig gleichen Sandes erwachten, erkannten, befruchteten sich und verwuchsen mit dem Krönchen zu einer einzig feinsten, rosa Blüte.
Und keine Wespen.
Dafür ein Schmetterling.
Alle Welt hielt den Atem an.
Die Kastanien beugten sich leicht herüber, Blätter Hand in Hand, der Bach hatte sich ganz glatt gemacht und die Hunde schnüffelten verlegen.
Ein blauer Schmetterling.
Direkt vor des gekrönten Kindes rosa Bäckchen.
Ein himmelblauer Schmetterling.
So klein. So filigran. So kostbar. Kein Ding, ein Hauch von Geist und Tau und Sphäre.
In Simons Inneren weitete sich etwas, eine Woge kribbelnden Frohsinns durchflutete seine Brust, füllte sie tief und lief über in Arme und Beine. Klatschte in einer frischen Brise die Schädeldecke entlang, umspülte Schlund und Augen.
Der Schmetterling, da flog er, so blau, so hell, so rein, in sanftem, schwebendem Zickzack, seiner Bahn entrückt, so frei, so schön, so wahr, ohne Ziel und doch voll Sinn.
Und Newton hatte sich mit Flugbahnen von faulenden Äpfeln beschäftigt.
Jenes dort, rosa Kind und goldenes Krönchen, dickbäuchig krabbelnd, den Erdboden entlang, ungeniert, fasziniert vom himmelblauen Wunder, sammelnd, jagend, Eindrücke, Ausdrücke, Quieken, Quaken, Wunder über Wunder, begeistert darauf zeigend, danach haschend, Schmetterling, Schmetterling, wieder und wieder, blau, so blau, so himmelblau. Und nocheinmal greifend, nocheinmal langend, quiekend und quakend. Dies Leben, es war ein Spiel. Wirbelwunder, Wunderwirbel.
Rosarot und himmelblau.
Den Schmetterling störte das alles nicht.
Zickzack.
Es war sein Spiel. Es war seine Wirklichkeit. Flog um das rosa Köpfchen, wie wahr, flog um das rosa Händchen, wie frei sein Leben stieb. Voller Hauch, lautlos und leicht. Das Spiel gefiel dem Schmetterling. Flog herum, voller Kraft, so schön sein Leben blieb.
Zickzack.
Nichts zu verlieren, er selbst war der Gewinn. Schweben, Leben, Blütenpracht. Himmelblauer Schmetterling. Es war sein Spiel.
Zickzack.
Quiekquak. Voller Wunder, lautlos und leicht.
Kind und Krone, mit seinen rosa Bäckchen schmatzend, mit seinen rosa Händchen tappsend, immer den Boden entlang, jauchzend nach dem kleinen, himmelblauen Schmetterling.
Zickzack.
Freundschaftsspiel. Nocheinmal langte das Händchen. Voller Leben, voller Wunder. Voller Wirbel, voller Kraft. Und wieder.
Quiekquak.
Zickzack.
Und wieder und wieder.
Voller Freude, voller Lust, voller Sehnsucht, voller Gier.
Und voller Macht.
Blutrot.
Pflichtspiel. Schicksalsspiel.
Zickzack.
Quiekquak.
Und nocheinmal.
Und den Schmetterling tatsächlich treffend.
Niemand außer Simon hatte es bemerkt.
Vater faltete die Decke zusammen, Mutter war losgegangen, pflückte Kind und Krone und trug das Blümchen zurück zu den beiden Rädern.
Zickzack.
Quiekquak.
Ahnungslose.
Die schwingende Kinderhand hatte den Schmetterling seitlich getroffen, er war in flachem Bogen quer aus seiner Flugbahn geworfen, erst geradlinig, dann taumelte das Wesen auf Simon zu und schlug einen halben Meter vor ihm auf den Kiesweg. Der Aufschlag war zu deutlich spüren.
Ein paar entgeisterte Flügelschläge noch hüpfte der Schmetterling über den Schotter, dann blieb er zuckend vor Simons Füßen liegen.
Simon benötigte einen Augenblick. Derber Absturz.
Simon beugte sich zum Schmetterling hinunter.
Auf den ersten Blick waren keine schlimmeren Verletzungen zu sehen. Der rechte Flügel war etwas verdreht und an den Körper gedrückt, zeigte aber keinen offensichtlichen Schaden.
Der Schmetterling stand unter Schock. Er hatte die Orientierung verloren. Klar, nach solch einem Niederschlag.
Der Schmetterling versuchte, fortzufliegen. Aber er rutschte nur unkontrolliert über den Kies.
Ganz vorsichtig, um die zarten Beinchen nicht zu verletzen, nahm Simon den Schmetterling mit dem Mittelfinger auf. Ein sticheliges, ein lustiges Kitzeln. Simon spürte genau die Punkte, auf denen der Schmetterling aufsaß.
Das Zucken des Schmetterlings wurde ein langsames, tiefes Atmen. Auch die Stellung seines Flügels begann sich zu normalisieren.
Mit der anderen Hand formte Simon einen Luftschutz, während er den Schmetterling neben der Bank im Gras absetzte. Beschattet, unter einem jungen Löwenzahn, würde er sich dort prächtig erholen.
Dort unten hatte der Schmetterling seine Ruhe. Kräfte sammeln, Sehnsüchte ordnen, Entscheidungen treffen, ein wenig Ambrosia schlürfen aus dem Kelch des neuen Lebens und endlich erwachsen und ernst die Bahnen seiner Zukunft um einiges gerader ziehen.
Simon beobachtete den Schmetterling.
In ihnen beiden pulsierte es jetzt gleichmäßig.
Sie beide pumpten Kraft in sich hinein, ohne Eile, ohne Hast. So war es gut.
Simon fühlte sich wohl. Er genoß den Augenblick.
Simon hatte den Schmetterling in Sicherheit gebracht. So, wie er auch sich und seine Liebe in Sicherheit bringen würde. Simon hatte den Schmetterling gerettet. So, wie er auch sich und seine Liebe retten würde.
Simon war glücklich.
Simon wollte den Schmetterling nicht länger durch seine neugierigen Blicke stören, außerdem schoß ihm das Blut in den Kopf, also richtete Simon sich auf und zelebrierte den nächsten Zug am Joint.
Simon ließ seinen Blick über die Wiese schweifen. Die Familie war fort.
Simon summte ein Kinderlied.
Simon fühlte sich gut, unbeschreiblich gut. Was ihm fehlte, würde er unbedingt bekommen. Alle Schuld war bald beglichen. Er fühlte sich unbeschreiblich stark. Die schmachvolle Sehnsucht in seinem Herzen, in seinem Hirn hatte sich in pure Wonne gewandelt.
Simon fühlte sich seines kommenden Sieges gewiß.
Das Schicksal stand auf des Schmetterlings Seite. Das Schicksal stand auf Simons Seite.
Alles war in bester Ordnung und so war es nun an der Zeit, voneinander Abschied zu nehmen.
Simon beugte sich zum Schmetterling hinab.
Simon begriff nicht, was er saSimon
Simon stierte auf den Schmetterling. Simon begriff nicht.
Der Schmetterling war nicht fortgeflogen. Der Schmetterling war noch da.
Aber Simon sah den Schmetterling kaum.
Er bewegte sicSimon Es bewegte sicSimon Kreuz und quer. Die Konturen verschwammen. Blubbernd und längst verloren.
Der Schmetterling war übersäht von Ameisen. Überall Ameisen. Fieber und Frost. Ameisen über Ameisen. Schwärze über Schwärze.
Stille.
Leere.
Finsternis.
Simon erhob sich, völlig benommen. Der Joint fiel ihm aus der Hand. Ein Ekelschauer spannte seinen Nacken. Simon konnte kaum atmen.
Dann trat Simon auf Ameisen und Schmetterling. Drehte den SchuSimon Einmal knirschend hin. Einmal knirschend her.
Herz und Hirn.
Und Simon stürzte hinaus aus dem Park, so schnell er nur konnte, zurück in das blinde Treiben der Stadt.
2.Teil: Anflug
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Durch das kleine, dicke, runde Glas des Helikopterfensters wand sich ernst und schwer der Fluß, fern nun schon und selbst fast Horizont. In glitzerndem Türkis und dunklem Oliv wogten seine Wasser, Simon hatte es mit offenem Munde vorhin während des Überflugs bestaunt, so wie er sich auch kaum am gleichmütig schweigenden, seiner stolzen, unbefleckten Wiederkehr auf ewig sicheren Gold der Sonne sattsehen konnte, die ihr Wissen um sich selbst inzwischen tief im Westen ehrte.
Voller Kraft und Breite, ebenbürtig der Sonne Macht und Weite zog der Fluß durch die farblosen Flächen der Steppe dahin.
Der Fluß war die Grenze.
Bald schon würde das Ziel der Reise, Skotonovs Plateau – MilitärFlughafen, Warenumschlagplatz und nunmehr Austragungsort des aufwendigsten golow-contests aller Zeiten -, erreicht sein.
Peter öffnete gerade das kleine Briefchen in seiner Hand, leidlich noch gefüllt mit etlichen Klümpchen Koks, kratzte, schabte, drückte mit einem Strohhalm darin herum und positionierte Papier und Rohr in höchster Konzentration unter seiner Nase. Das Schütteln und Rütteln der Mi8 machte den Vorgang schwierig, doch schon hatte Peter das Pulver in sich hineingesogen, ein kurzer, starker, heftiger Zug, und hielt sogleich inne, heißes Salzwasser machte seine aufschnellenden Pupillen feucht und weiß. Peter faßte, knetete die brennenden, beißenden Flügel, atmete stöhnend aus, als sei ihm der glühende Lavahauch so gänzlich neu, und rotzte sich schließlich den Schleim, den die auch jetzt wieder schockierte Nase in die Höhlen pumpte, trotzig und endgültig in die Hirnrinde hinauf.
Dann gab er das Pulver mit angestrengtem Ernst und geschäftiger Ruhe weiter an Ben.
Ben erwachte aus seiner Lethargie, lächelte flach und schloß sich dem Prozedere an. Zog einfach was weg. Ben machte sich kaum Mühe, die rocks zu zerkleinern. Oder was die Menge anbetraf. Das alles war ja doch nur langweilige, verlogene, kaputte Realität. Wenn auch nicht faul und abweisend, so blieb Ben dennoch immer dort, von wo er aufgebrochen war. In seinem Kopf braute sich bereits eine weitaus wahrere, freiere, schönere Geschichte zusammen. All das, was sie hier gerade erlebten, war nur Ausgangspunkt, Stoffsammlung, Rudiment einer bedingten Möglichkeit, die erst in den Armen seiner Schwester zur absoluten Wirklichkeit emporwachsen würde.
Simon kannte Ben gut genug und wußte, daß die Wahrheit, die er seiner Schwester zu erzählen gedachte, wenn er wieder zu ihr heimgekehrt war, ihre ganz eigene Schönheit sein würde, erst sie war für die beiden mitreißende, echte, vollständige Freiheit.
Der MilitärHubschrauber hatte quer zum Flußverlauf geschwenkt. Er folgte nun erst einzelnen, nackt und starr in der Steppe verstreuten, dann immer näher aneinanderrückenden, sich immer höher aufrichtenden Felsblöcken, die schließlich zu einer von langen Schatten überzogenen Hügelkette zusammenfanden, um einen der spärlichen Ausläufer des Gebirges zu bilden, welches der endlos weiten, kargen Ebene, die der Fluß als einzige Lebensader durchzog, dann doch noch ein Ende gewährte.
Simon schloß die Augen.
Wer tiefer als jeder andere Kontrahent seinen Fallschirm öffnet, der gewinnt.
Zum ersten Mal in der Geschichte des golow war ein exorbitantes Preisgeld ausgeschrieben.
Zum ersten Mal in der Geschichte des golow wurden auf die teilnehmenden Springer Wetten gesetzt.
Die hohe Zeit der einfachen, spielerischen Weltvergessenheit, die köstliche Zeit des kindlich-unbedarften Um-sich-selber-Kreiselns war nun endgültig vorbei. Eine Million Preisgeld, ein Pomp in solch ungeahntem Ausmaße, ein Zirkel dieser Verdammnis, all diese Explosion verachtenswerter Dekadenz schrieb das Ende jenen Äons wahrer, freier und schöner golowGuerilla unwiederbringlich fest.
Auch schon das letzte Mal hier unten im Kaukasus, das erste Mal hier unten, vor einem Jahr, war jene hohe, köstliche Zeit vorbei gewesen. Doch damals hatte Simon es nicht bemerkt, hielt sich ja auch die Veränderung damals ganz bewußt noch versteckt.
Damals, als auch Simon noch ein ganz anderer war, ohne Leben, ohne Liebe und ohne Ziel.
Peter hatte Simon erst vorhin über die Zusammenhänge aufgeklärt, darüber, daß bereits der erste golow-contest auf Skotonovs Flugplatz mit der Eminenz und seinem Zirkel in Verbindung gestanden hatte.
Simon verachtete diese Entwicklung.
Und dennoch, Simons Verachtung war belanglos im Vergleich zur der Dankbarkeit, die er dem Schicksal gegenüber empfand für diese Entwicklung. Jene verachtenswerte Dekadenz, nur sie allein, ermöglichte es Simon, das selbstgesteckte Ziel absoluter Wandlung mit einem einzigen Schlag, mit einem einzigen, letzten Sieg in die Tat umzusetzen.
Simon hatte beschlossen, in dieses so befremdliche erste Mal einzutauchen, dieses Ende eines Traums, es auszukosten bis auf den Grund, und es dadurch zu seinem eigenen, triumphalen, letzten Mal zu machen.
Simon wollte seinen Engel zurückgewinnen, Simon wollte mit seinem Engel ein neues Leben beginnen. Unbedingt. Bedingungslos. Nichts anderes hatte mehr Bedeutung für Simon Doch das konnte niemals gelingen, wenn er weiterhin am Rande des Ruins, am Rande der Selbstzerstörung dahinvegetierte.
Dieser eine contest, gerade dieser eine contest noch, und dann war Schluß.
Jede Wahrheit wächst und so wird jede Wahrheit, die man irgendwann einmal für sich gefunden hat, auch irgendwann einmal zur Lüge, zum Selbstbetrug, wenn man sich weigert, erwachsen zu werden.
Peter hielt das Koks zu Simon herüber.
Simon dachte nach, dachte an seinen Engel und lehnte ab, voller Genugtuung, voller Verachtung, voller Vergangenheit, voller Zukunft. Simon würde ihr bald auch ohne Koks genug zu erzählen haben. Ihr und den Kindern, die er mit ihr zeugen wollte.
Peter zog seine Hand zurück, zuckte mit den Schultern und beglückte aufs Neue seine Nasenlöcher.
Simon wandte den Blick ab und schwor seinem Engel, daß er auch das Kiffen seinlassen werde, sobald er sie in seinen Armen hielt.
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Auf alle acht Teilnehmer dieses golow-contests konnten Wetten gesetzt werden. Von einem knappen Dutzend erlesener Landesschänder und Blutsäufer der ersten, der letzten Generation.
Jene erste, letzte Generation, welche in den unerträglich lebensfeindlichen, aber an natürlichen Ressourcen und widernatürlichen Industrien so maßlos durchsetzten Rändern des russischen Riesenreiches, jenen weltvergessenen PermaHöllen, von verjagten und verlachten und haltlos hilflos ausgesetzten Schergen ans Dämmerlicht geschaufelt worden war. Jene allererste, jene allerletzte Generation, welche ihren als todesgleich erkannten Zustand jedoch nicht wie die meisten Menschen dort in Systemtreue, Religiosität oder doch nur Alkohol ertränkte, sondern ihre abgründige Verzweiflung, ihren abgründigen Selbsthaß auf alles verkehrte, das ihr einen letzten Hauch an Menschlichkeit, Moral oder gar Liebe zu atmen schien.
Jene erste Generation, welche eigenem Nichts entspringend das alte Nichts verlachend einem neuen Nichts entgegenjagte, nach Nichts als Gier begierig und diese Gier mit Nichts als Gier befriedigend, jene allererste Generation, welche lügend und trügend, raffend und mordend das tote Nichts ihres Seins mit dem fahlen Nichts ihrer Träume verschmolz und daraus Nichts als buntes Geld machte, immer mehr Geld, immer mehr Nichts, immer mehr Gier.
In der Hauptstadt des Geldes. In der Hauptstadt des Nichts. In der Hauptstadt der Gier, in der Hauptstadt der Landesschänder und Blutsäufer, in der Hauptstadt der Sieger, der Führer, dort, in dieser Stadt, unter den Siegern der Sieger, unter den Führern der Führer hatte sich eine Interessengemeinschaft gebildet. Ein kleiner, verschworener Zirkel, der sich als Freizeitgestaltung Wetten anbot. Je ausgefallener, desto besser.
Und der Sieger der Sieger der Sieger, der Führer der Führer der Führer, die Eminenz hatte unlängst beschlossen, auch die Freizeitgestaltung des Zirkels auf sein eigenes, auf allerhöchstes Niveau zu steigern.
Russisches Roulette hatten sie schon gehabt. Saßen dabei, hinter Panzerglas, darauf wettend, wer dieser dämlichen Junkies, während die sich reihum die Köpfe wegpusteten - einer dem anderen, als kleiner Gag -, wer in diesem Reigen als Letzter stehen blieb. Doch dämliche Junkies blieben dämliche Junkies. Sie waren niemals Helden und sie wurden niemals Helden. Sie blieben immer nur Müll. Tot oder überlebend. Sie waren immer nur zum Kotzen. Die erwartete Eindrücklichkeit, die erhoffte Vehemenz des Vorgangs kam mit diesen Lumpen nicht zum Vorschein, drang nicht ein in die Seelentiefe eines großen Mannes, erhöhte diesen nicht. Und so verlor dieses Wettspiel sehr schnell an Spannung.
Die Mitglieder des Zirkels langweilten sicSimon Sie saßen nur dabei und sahen zu, machtlos und ohne persönlichen Bezug. Sie wollten wirkliche, echte Menschen, welchen da trotz unbändig letztem, wütendem Willen das geliebte Leben zerbrochen wurde. Sie wollten einen in höchstem Klirren aufsirrenden Lebensstrang, der da zerrissen, eine göttliche Kraft, die da geraubt wurde und das eigene Übermenschentum vervielfachte. Doch das russische Roulette bot ihnen bloß hilfloses Gesocks, längst schon gescheiterte Schattenwesen, nutzlose, hoffnungslose Versager, stinkende Penner, um die nicht einmal mehr deren Mütter eine Träne vergossen. Das Roulette war viel zu armselig, zu mickrig, viel zu erbärmlicSimon Geradezu unwürdig für den Zirkel.
Es half auch nicht, wenn sie jenen Junkies eigenhändig die verlausten Schädel wegballerten.
Sie wünschten etwas Sinnvolleres, Anspruchvolleres zu tun.
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Inzwischen hatten sich die Eminenz und drei weitere Mitglieder des Zirkels eigene Springer herangezüchtet. Und sie alle hatten nach der ersten kleinen Sause, eine intime Probe, die alle begeisterte - immerhin gab es drei Tote und sie hatten um die Kontrolle des Lotteriegeschäftes gespielt - sie alle hatten unbändige Lust auf mehr.
Aber sie hatten keine Lust, nur untereinander, und nach der zweiten Runde – natürlich gab es wieder herrlichste Einschläge von Menschenkörpern und sie spielten diesmal um die Kontrolle des Müllgeschäfts – sie hatten keine Lust, ihre Züchtungen weiterhin nur gegen Einmaltäter, zweitklassige Psychopathen und verrückte Glücksritter springen zu lassen. Sie wünschten, daß ihre Züchtungen gegen kühle Profis, deren Lebensinhalt, deren Berufung diese Art der Daseinsbewältigung war, sie wünschten, daß ihre Züchtungen gegen die Besten der Besten der golow-Szene antraten.
Die Eminenz hatte diese Leute gesehen, die sie wollten, die Besten der Szene, damals, vor einem Jahr, auf Skotonovs Flugplatz.
Jene Geschöpfe dort, die Eminenz hatte sie nur aus der Ferne gesehen, erinnerte sich nur vage an Gesichter, doch eines war ihm damals sofort aufgefallen: jene Gestalten hatten etwas aufreizend Hohes, Aufgerichtetes, ja fast schon obszön Kräftiges an sicSimon Die Eminenz verspürte in jenem Moment ein Kribbeln im Hinterkopf, eine altbekannte Reizung, eine tiefsitzende Freude. Er kannte dieses Gefühl, es begleitete ihn schon sein Leben lang. Es hatte ihn noch nie enttäuscht und immer hohen Gewinn eingebracht. Auf allen Gebieten. Die Eminenz war sehr stolz auf dieses Gefühl, dieses Gespür. Es hatte ihn schließlich zu dem gemacht, was er jetzt war.
Und auch jetzt war dieses Gespür wieder da, die Reise hinunter an den Rand der tschetschenischen Berge, sie hatte sich gelohnt. In jeder Hinsicht. Die Eminenz wußte, daß diese Wesen, die er dort gesehen hatte, etwas unbedingt Benutzenswertes, etwas unbedingt Bekämpfenswertes, Schlagenswertes waren.
Etwas unbedingt Vernichtenswertes.
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Auf dem Weg von jenem einen Wahnsinn, dem Wahnsinn des Eigenen, sich in all den Jahren als immer dickere Schlieren vor den zuckenden Augapfel geschoben, kaschiert und verdrängt und schemenhaft eingebettet in die Umgebung, von irgendwo dort hinein in den Wahnsinn des Anderen, dem klaren, deutlich bezeigbaren, beschreibbaren, mit rascher Verachtung belegbaren, Umgebung gänzlich eingebettet in ihn, auf dem Weg von jenem Wahnsinn des Eigenen hinein in den Wahnsinn des Anderen und dann über sie beide endgültig hinaus, unendlich hinaus, hinüber in Leben und Liebe, dies war Simons Ziel.
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Soweit Peter erzählt hatte, sollte auch diesmal trotz allem der Wettbewerb im Vordergrund stehen. Die Eminenz und sein Zirkel spielten zwar mit den beiden wichtigsten Clanführern des Distriktes um zehn Lastwagenladungen Benzin, zwanzig Kisten verschiedener Typen von Handfeuerwaffen, Munition, Winterbekleidung, eine Tonne Sprengstoff und nicht näher spezifizierte Omon-Beute eines Monats, doch das war ein symbolischer Preis. Eine Geste, um örtlichen Gepflogenheiten Genüge zu tun. Der Spieleinsatz galt von vornherein als Geschenk an die beiden einflußreichen Einheimischen.
Die Clanchefs wiederum hatten zur Besiegelung der neu strukturierten Geschäftsbeziehungen den Kundschafter eines konkurrierenden Kartells, der durch seine Sondierungen in diesem Distrikt etlichen Sand ins Getriebe gestreut und noch vor Kurzem zu einigen Mißverständnissen Anlaß auch in Moskau gegeben hatte, an die Eminenz und seinen Zirkel übergeben.
Alles in allem sollte das Ganze aber privaten Charakter tragen. Die Eigengewächse des Zirkels sollten gegen die besten Tiefgänger der Welt antreten. Alles andere war Beiwerk.
Wer den Fallschirm am tiefsten öffnet, der gewinnt.
Eine Million.
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Es faszinierte Simon, wie offenkundig, wie unverblümt dieser golow-contest stattfand. Letztes Mal, das erste Mal hier auf dem Plateau, da waren sie auch in einer Mi8 hergebracht worden, aber das doch hoch inoffiziell, zwischen die eigentliche Ladung gepfercht, durchaus versteckt und kaum beachtet. Und das war schon unerhörter Luxus gewesen. Dieses Mal flog der Hubschrauber nur mit und wegen ihnen. Sie waren zu einer veritablen Reisegruppe avanciert. Der Aufwand, der jetzt um sie betrieben wurde, auch die Unterwürfigkeit, mit der die Soldaten sie behandelten, war mehr als erstaunlich, ja fast erschreckend. Peter, der Zeremonienmeister des Zirkels, hatte wirklich ganze Arbeit geleistet.
Revolution läuft eben gerne in Groteske aus.
Simon war im Laufe der letzten Jahre oft gegen Russen gesprungen. Wenn Russen low gingen, noch dazu, wenn es dort geschah, wo Russen das Sagen hatten, gab es nie Probleme und immer die meisten Toten.
Alle sind verrückt. Voneinander. Alle sind verrückt. Zueinander. Und alle verrücken. Einander.
In Simons Gedankenstrom schaufelten sich die Rotoren der Mi8 hinein, sie schlugen und sie pumpten, aber sie brachten keine frische Luft, verquirlten bloß, rissen mit sich und im Kreise. Simon sank hinein in den großen Wirbel.
Das Nachschenken der Gläser hatte er vergessen.
Unter der Mi8 lief die Hügelkette hin, sie flogen tief, farblose, harte, nicht selten hüfthohe Grasflächen, vereinzelt Sträucher und gedrungene, trockene Baumgruppen. U nd überall lange Schatten.
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Simon war gespannt, was Skotonov wohl zu all den Ausuferungen sagen würde, die ihr beider Leben nun auf ein Neues zusammenführten. Preisgeld und Zirkel, Wettspiel und Pomp.
Wahrscheinlich würde Skotonov einfach nur abwinken, nach der Wodkaflasche greifen und das Gespräch prostend auf sein nunmehriges Rentnerdasein lenken.
Wahrscheinlich würde Skotonov dann auch noch ein zweites Mal abwinken, wieder nach der Wodkaflasche greifen und neuerlich prostend zur eigentlichen Frage zurückkehren und mit gedrängter Standhaftigkeit erklären, im großen, geschäftlichen Rahmen seinem Gewissen abgeschworen zu haben. Es interessiere ihn längst nicht mehr, womit er sein Geld verdiene, nicht nur, weil er Soldat sei, sondern vor allem, da er festgestellt habe, daß er umso mehr bekäme, je weniger es ihn interessierte. Außerdem sei auch eine solche Party, die da in Kürze auf seinem Flugplatz stattfände, nur eine weitere, wenn auch diesmal durchaus skurrile Form der Inanspruchnahme dessen, was er, Skotonov, im Namen seiner höchsten Vorgesetzten seit Jahren potenten Geschäftsleuten zur freien Nutzung angeboten hätte.
Skotonovs persönliche Maxime lautete Reibungslosigkeit. Verlief etwas reibungslos, so war dieses Etwas gut. Was auch immer es sein möge.
Und schließlich würde Skotonov auch ein letztes Mal abwinken, die Wodkaflasche wiederholt verfehlen und in verbitterter Selbsterkenntnis gestehen, daß ihn der Alkohol und die Angst um das nicht wenige Geld, das er inzwischen zusammengetragen und an einem geheimen Ort auf dem Flugplatzgelände versteckt hatte, sogar von einer echten Zukunft träumen ließ. Gerade er, der dekorierte Afghanistan-Veteran, der Zukunft immer gehaßt und für den Selbstbetrug eines Feiglings, den das Leben links liegen ließ, gehalten hatte.
Doch immer wenn Skotonov diese letzten Sätze murmelte, war er schon derart betrunken, daß er sich schon Augenblicke später, am nächsten Tag und auch sonst nicht mehr daran erinnerte.
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Skotonovs Ersetzung durch einen jungen Neuen, der erste junge Neue seit langem hier oben auf dem Plateau, war ebenso reibungslos verlaufen.
Vor einem Monat war dem nunmehrigen Frührentner Skotonov von seinen Vorgesetzten schriftlich mitgeteilt worden, daß er den Flugplatz binnen Wochenfrist zu verlassen habe. Um einen reibungslosen Übergang nicht zu gefährden, wie es hieß.
Niemand fragte. Niemand klagte. Auch nicht Skotonov.
Es war gut so.
Skotonov wollte es verstehen.
Der Neue hatte es ihm während einer der wenigen Gespräche zwischen ihnen beiden erklärt.
Skotonov gab sich alle Mühe, den Worten des Neuen zu folgen.
Das oberste Militär in Moskau hatte den Beschluß gefaßt, durch eine Begrenzung der Geschäftsbeziehungen auf Oligarchie und wirklich einflußreiche, einheimische Clanführer die Exploration nicht nur dieses Distriktes in höchstem Maße zu professionalisieren. Man wollte die bisher zu oft sich selbst behindernde Schattenwirtschaft abschaffen und die Schlagkraft eines Großkonzerns entwickeln. So wurde nicht nur der Gewinn beträchtlich gesteigert, sondern vor allem endlich auch Ruhe vor der bisher nicht unbeträchtlichen Kritik durch die politische Führung erreicht. Die Generalität war durch diese neue Vorgehensweise in der Lage, dem russischen Präsidenten eine bisher ungekannte Stabilität – manche Berater sprachen von Frieden - in diesem unruhigsten aller Randgebiete zu garantieren und ihm dadurch zu einer unschätzbaren Steigerung seines Ansehens beim Wahlvolk zu verhelfen. Eine Tatsache, welche wiederum das Militär jeder weiteren Kompromittierung oder gar Einflußnahme von außen entzog.
Aber wirklich begreifen wollte Skotonov seine Absetzung nicht.
Die Generalität hatte inzwischen Nutzungsrechte an einzelnen Sektoren des Distriktes in verschiedenen Intensitätsklassen an die Eminenz verpachtet, vermittelte dessen Zirkel Schutz vor und Kontakte zu einheimischen Clanführern und stellte Infrastruktur zur Verfügung.
Die Hauptaufgabe des Flugplatzes blieb auch weiterhin der Transport von Waren aller Art.
Treibstoffe, Kriegsgerät, Industrie- und Konsumgüter, Edelmetalle, Falschgeld, Kunstgegenstände, Geiseln, menschliche Organe, Drogen. Dem Unternehmergeist waren hier kaum Grenzen gesetzt.
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Peter hatte sich verändert. Peter kokste viel, sprach dauernd von seinen Geschäften und darüber, daß er davon nicht sprechen dürfe.
Peter war zum Zeremonienmeister der Eminenz aufgestiegen. Inzwischen hatte man ihm als Grundsalaire ein 15%igen Anteil an einer kleinen exklusiven Firma überschrieben, die sich mit Tierkadaver-Beseitigung befaßte.
Peter organisierte für die Eminenz und seinen Zirkel nun bereits das dritte private golow.
Für die Damen hatte er unlängst ein seit golow bei den Herren aus der Mode gekommenes Russisches Roulette veranstaltet. Peter fand es auch diesmal idiotisch, doch die Damen amüsierten sich köstlich, während nackte Männer sich die vor Hoffnung berstenden Schädel wegpusteten. Diesmal waren es keine dreckigen Junkies gewesen – die Gelegenheit war günstig, denn auch die Eminenz schätzte die altrussische Maxime des schlichten Terrors -, sondern durch den Zirkel wegen vermeintlicher Untreue zum Tode verurteilte Handlanger vor allem aus mittleren Positionen des eigenen Apparates. Gottlose Wesen, denen Peter bei Überleben Absolution ihrer Schuld und Rückkehr in alte Positionen verspracSimon
Doch das sexuelle Moment kam zu stark zum Tragen, die Mänaden des Zirkels gerieten in ungeahnte Verzückung, der Hunger der Frauen war unersättlich, was sich vor allem an der Beglückwünschung des Siegers manifestierte, die dieser bis auf ein paar abgenagte Knochen nicht überlebte.
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Zuerst hatte sich Simon gegen Peters Werben gewehrt. Dessen Vorwurf, Simons Weigerung geschehe bestimmt nur aus überkommener Reminiszenz, aus eitlem Traditionalismus, Simon könne den Ausuferungen der Postmoderne nicht entgehen, verpuffte ohne Antwort. Auch Peters Ermahnung, er dürfe diese Gelegenheit schon wegen der anstehenden Lohnpfändung durch das Finanzamt und der drohenden Klage einer Münchener Bank nicht ausschlagen, zeigte kaum Wirkung.
Peter gab auf, wechselte das Thema und begann beiläufig, von Simons Exfreundin in Moskau zu sprechen. Daß sie noch immer nicht verheiratet sei, noch immer kein Kind geboren habe. Und soweit Peter informiert war, lebte sie noch immer allein.
Als Simon dies hörte, wurde ihm in einer einzigen, in einer einzigartigen Explosion voller Klarheit, voller Ernst und voller Ewigkeit, wurde ihm aus ganzem Herzen bewußt - Peter hatte noch nicht einmal zuende gesprochen -, daß er durch diesen jenseits von allem bisher Dagewesenen contest Gold und Geist, Leben und Liebe wiedererlangen würde.
Simon stöhnte laut auf vor heller Erleichterung, vor lauter Glückseligkeit, die ihm diese Erkenntnis vermittelte, unterbrach Peter ungestüm, sprach davon, daß er sich nur einen dummen Scherz erlaubt habe, das Gras, welches er gerade rauche, einfach höllisch gut sei, und daß er diesen contest selbstverständlich mitspringen werde.
Diesmal wurde also um mehr als nur Passage und Besäufnis gesprungen. Diesmal ging es um richtig viel Geld. Eine Million.
Soweit war es nun gekommen.
Die vier weltbesten lowpull-contesters traten an gegen die vier Eigengewächse einer wettkranken Milliardärs-Ägide.
Simon fand den Gedanken noch immer schrecklicSimon Doch es war Simons einzige Chance. Er hatte beschlossen, das Beste, das Allerbeste, ein Wunder daraus zu machen. Sein Wunder.
Simon hatte die ganze Zeit mit vergessenem Blick durch das Bullauge des Hubschraubers gestarrt. Jetzt kehrte er in den stampfenden Lärm und das tosende Vibrieren der Motoren zurück.
Simon füllte die Gläser. Ben, Peter und Simon stießen an und tranken. Auf das Schwarze LocSimon
Der schweißwarme Wodka rann Simons Kehle hinunter in den Magen. Brannte nicht. Kühlte nicht. Sein Engel beschützte ihn.
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Über die TierkadaverBeseitigungs-Firma, zu deren verantwortlichen Mitunterzeichner die Eminenz ihn unlängst hatte machen lassen, entsorgte Peter all die Leichen, die dem Zirkel im Zuge von Geschäftsverhandlung, Umstrukturierung oder Freizeitgestaltung immer wieder anfielen. Leichen, die nicht gefunden wurden, interessierten kein Morddezernat.
Peter verdiente gut. Er besaß inzwischen zwei Luxuswohnungen im Zentrum Moskaus, eine Datscha, drei Autos, einen Fahrer und sogar eine ernsthafte Freundin. Derart ernsthaft, daß er sie bald heiraten werde, wie er mit einem fernen, zutiefst zufriedenen Blick in Simons Augen anfügt hatte. Eine Freundin aus einem früheren, längst zurückgelassenen Leben. Eine alte Bekannte, der das Leben übel mitgespielt und die seinem Werben nun endlich ihr Herz geöffnet habe. Er könne es kaum noch erwarten, daß Simon sie zu Gesicht bekomme. Sie gefalle Simon ganz bestimmt.
Peter saß Simon am Boden gegenüber, auf den Fersen hockend, mit dem Rücken an eine der Bänke gelehnt, welche die Rumpfseiten des Hubschraubers entlanglief.
Peter beugte sich mit einem sanften Ruck zu Ben hinüber, kniete jetzt vor ihm, der auf seiner Reisetasche kauerte, im Gang zwischen den Bänken, auf denen sich Simon und Peter gegenübersaßen, und stellte sein Glas zu dessen Füßen. Dann legte Peter die Hände vor dem eigenen Gesicht zusammen, die Kuppen seiner Mittelfinger berührten die Nasenspitze. So als betete da ein Pilger.
Zwei blitzende, schwarze Vollmonde, umfaßt von schmalen, dichten Brauen, eine fast ohne Flügel breite, etwas schief geratene Nase und Wangen wie flache Inseln, umspült von den Wassern seiner Heimat, der mittleren Wolga.
Peters verklärtes Lächeln verzog sich zu einem breiten Grinsen, immer breiter, als sei es ein Genuß, derart schlechte Zähne zu zeigen. Unterschiedlich gedunkelt prangten sie, schmaler, länger als gewohnt, aber tatsächlich nicht ernsthaft abstoßend.
Seine Augenmonde, Peter konnte einen, wenn er wollte, terrorisieren mit seinem Blick, sie waren jetzt versunken in einem Meer von Fältchen. Die Haut war dunkle, chonchierende Gaze, über strahlend weißen Grund geworfen, Quarzsand und Olive. Die Wangen waren jetzt Felsen in der Brandung, Charybdis und Skylla. Und Peter Odysseus. Und Ben sein Feigenbaum. Die schattigen Winkel des Mundes zog Hochmut unmerklich nach hinten, ein Hochmut, der früher einmal auch gegen Peter selbst gerichtet war.
Es war jetzt an Ben, die Gläser zu füllen.
Ben war dicklich, nicht groß, trug kurze rote Haare und hatte lustig-seltsame graublaue Äuglein mit farbigen Streifen. Äuglein, deren Wimpern oft zu schlagen vergaßen, weil er in Gedanken war, irgendwo tief inmitten seiner Geschichten von seiner Freiheit, von seiner Wahrheit und von seiner Schönheit.
Der untere Teil seines Gesichtes war so breit wie der obere, mit einem hervorspringenden, dennoch schmalen Mund und kleinen, flaumig behaarten, leicht abstehenden Ohren. Wie ein Bär. Ohne Mimik.
Ben lebte mit seiner Schwester zusammen.
Die Schwester kuschelte sich zwischen Bens Tatzen auf den großen, warmen BaucSimon Hier war das Fell viel weicher und so konnte die Schwester Bens Herzschlag fühlen, während sie seinen Geschichten lauschte.
Bens Schwester galt als behindert.
Ihr Geist sei immer klein geblieben, hieß es, ihre Augen aber waren schnell gewachsen und bald voll von Frau und Mutter, berstend vor Sehnsucht und Liebe. Den Helden ehrend. Bruder und Mann. Alles andere verstand sie nicht. Kannte sie nicht. Wollte sie nicht. Wollte auch Ben nicht.
Fluch und Tränen verbat sie seinen Geschichten. Fluch und Tränen gab es nicht in ihrer gemeinsamen Welt, in ihrem gemeinsamen Paradies. Gott und Göttin erfreuten sich am Apfelbaum, genossen ihn und sich, liebten ihn und sich im Nebel seiner flirrenden Blüten. Die Frucht fiel, überall wuchsen Apfelbäume um sie herum, überall fielen Früchte und noch mehr Apfelbäume schossen empor, noch mehr Freude, noch mehr Genuß, noch mehr Liebe.
Bens Bauch hatte einiges zugelegt in letzter Zeit. Wie auch der Bauch der Schwester.
Simon mochte Ben schon immer sehr, doch jetzt, seitdem auch Simon wußte, an wessen Seite er gehörte, beneidete er Ben sogar. Denn Ben war schon am Ziel.
Und auch Peter beneidete er. Simon nahm das Glück seiner Freunde als ein gutes Omen. Sehr bald schon würde Simon ebenfalls soweit sein.
Sie tranken.
Auf das Loch in ihren Köpfen.
Und schon setzte sich Ben wieder die Sonnenbrille auf, grüßte militärisch, drehte sich zur Seite und nahm Embryo-Stellung ein.
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Simon sah aufs Neue durch das kleine, dicke, runde Helikopterfenster, doch sein Blick zerschnitt sich an dem unstet scharfen Grat der Hügelkette.
Simon dachte an das Kind. Wie es neben dem verstümmelten, krächzenden Alten saß, so mürrisch und stolz in ihrem Blumenkleid. Und doch einfach nur traurig.
Jener von einem russischen Panzer zu einem Klumpen Fleisch zusammengeschossene Alte war ihr Schatz. Und sie hegte und sie pflegte ihren Schatz.
Das feuchte Erdloch, in dem Simon mit den beiden damals, vor einem Jahr hockte, der Gestank der dösenden Gänse, das faule, verschmutzte Stroh, es hatte ihn angewidert. Auch wenn Simon sich deshalb schämte und sich hinter einem falschen Lächeln verbarg. Der Alte quakte und quakte, es stank nach Schweiß und Scheiße, und das Kind war abweisend und satt und zufrieden. Und doch einfach nur unermeßlich traurig. Simon war heilfroh damals und konnte es kaum erwarten, daß es um Mitternacht wieder zurückging in seine eigene, fallende Welt.
Damals, als sie alle drei hier noch schlicht um ihr eigenes, fallendes Leben gesprungen waren. Das Preisgeld hatte lächerliche 1000 Dollar betragen. Damals.
Diesmal sprang von ihnen drei nur Simon
Die Mutter des Kindes, letztes Mal, in der Hütte am Fluß, neben dem Erdloch, hatte kein Lied gesungen, sie hatte Simon auch nicht sanft mit den Fingerkuppen über dessen schweißnasse Stirn gestrichen. Durch sein Haar zum Scheitel hinauf und an den heißen Ohren entlang über Kinn und Wangen zurück zur pochenden Stirn. Simon liebte es, in den Schlaf gesungen und aus ihm herausgestreichelt zu werden. Er hatte es sich so gewünscht.
Der Großvater des Kindes hatte während einer Panzerattacke auf das Dorf, in dem er von Geburt an lebte, beide Beine, einen halben Arm und ein halbes Hirn verloren.
Er saß auf seinem Ochsenkarren, vom Markte kommend, vielleicht noch hundert Meter vom Dorfeingang entfernt, und döste wie immer, als hinter einer Baumgruppe zwei Panzer auftauchten, mit Höchstgeschwindigkeit auf ihn zuhielten und die Rohre ihrer Kanonen und Maschinengewehre glühend feuerten. Um den Alten herum explodierte die Welt.
Und auch unter ihm.
Der Alte nahm noch wahr, daß die Panzer ins Dorf fuhren, dann wurde ihm kalt und er verlor das Bewußtsein.
Später erzählten die Weiber voller Stolz in den Nachbardörfern herum, daß einer der Panzer kurz hinter dem Gemeindeschober liegengeblieben sei, KettenbrucSimon Und dann habe das gesamte Dorf die fast bis zur Besinnungslosigkeit vollgesoffene Panzerbesatzung unter johlendem Beifall gelyncht.
Als sie totgeschlagen wurden, seien die Soldaten allerdings ganz nüchtern gewesen vor Angst.
Die russische Generalität ließ es bei einer recht bald im gar so ölreichen Sande der Gegend versickernden Untersuchung bewenden – zu wichtig war die private Geschäftsbeziehung – und entschied, die klaffenden Risse und Löcher im verbliebenen Torso des Alten trotz des nicht unerheblichen Aufwandes wieder stopfen zu lassen. Die fürstlich entlohnten Ärzte setzten den Alten auf eine Kreuzung zwischen Rollstuhl und Klo und leer ausgegangene Schwestern schubsten ihn fluchend aus dem Krankenhaus.
Die Zentralorgane des Alten funktionierten fast besser als vor jenem Unfall und seitdem lag der Alte mit leeren Augenhöhlen, halbem Arm und halbem Hirn in jenem Erdloch auf einer modernden Pritsche. Der Alte quasselte seit seiner Rettung ohne Unterlaß. Murmelte und murmelte wie jene Brunnenfigur aus Stein auf dem Hofplatz des Waisenhauses, für das die Mutter gearbeitet hatte. Bevor sie hier in die Hütte am Fluß flüchteten, in die Nähe zu des Alten Dorf, hinaus aufs Land. In Sicherheit.
Auch die Brunnenfigur, Rumpf und Kopf eines wasserspeienden Neptun, war während des ersten zweiwöchigen Dauerbeschusses der Stadt in Mitleidenschaft gezogen worden. Während der Evakuierung des Waisenhauses schlug im Hof eine Granate ein, die Explosion drückte die Figur schräg aus der Verankerung, sie kippte zur Seite, die steinernen Arme brachen weg, während das Vollbartgesicht fast diagonal in zwei Hälften zerbarst. Die eine Hälfte blieb, die andere schlug in die Brunnenwanne und zerschellte. Das Kind konnte nun das Bleirohr sehen, durch welches früher das Wasser in hohem, geschwungenem Regenbogen aus des Meereskönigs Mund geschossen war. Früher, als hier im Hof noch Blumen wuchsen, als hier Wege und Wiesen waren, als das Kind mit anderen Kindern spielte, Kinder, die die Mutter hegte und pflegte wie sie selbst. Jetzt rann da nur noch ein Rinnsal aus dem schiefen, halben Mund. Ein unscheinbares, schmutziges Glimmen, das über den grauen Stein zu Boden tröpfelte und die stöhnende Erde nur notdürftig stillte.
Das Kind hegte und pflegte den Alten. Er war ihr Schatz. Vergraben in jenem Erdloch neben der Hütte.
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Peter erhob sich, streckte die Knie durch und hielt sich leicht gebückt am Seil, das vom Heck der Mi8 die Decke entlang bis an den Durchgang zur Pilotenkanzel lief. In der anderen Hand hielt Peter einen Kopfhörer, mal in dessen Mundstück sprechend, mal sich ihn an eines seiner Ohren pressend.
Der Anflug auf Skotonovs Flugplatz hatte begonnen.
Peter stöpselte den Kopfhörer aus, nahm die Wodkaflasche und bedeutete Simon mitzukommen.
Peter stieg am regungslosen Ben vorbei nach vorne zu den beiden Piloten. Simon folgte ihm. An eine Buchse im Durchgang zur Kanzel schloß Peter den Kopfhörer wieder an und sprach in das Mundstück. Einer der Piloten hob den Daumen und öffnete die Hand. Er saß rechts und war dick. Dicker Bauch, dicker Hals, dicke Wangen, dicke, verquollene Nase, dicke, verquollene Augen.
Zu Beginn des Fluges hatte er alle mit einem feuchten Handschlag begrüßt.
Um die 50 wohl, silbrig-fahler, wirre sich verlierender Haarkranz, die Platte gräulich glänzend. Sancho Pansa.
Der Tarnoverall, den Sancho trug, der Reißverschluß offen über der Brust, ab der Bauchfalte geschlossen die riesige Kugel des Bauches in sich quetschend, war abgetragen, gescheuert, verblichen. Ohne Abzeichen, dafür mit Flecken. Der Kragenrand war schwarz, Sancho schwitzte stark, am ganzen Körper. Sancho trug die gleichen Köpfhörer wie Peter.
Sancho sah nach vorne und ließ sich die Wodkaflasche in die offene, fleischige Hand reichen.
Und Sancho trank. Genüßlich, aber doch zügig.
Hier vorne spürte Simon viel deutlicher die rhythmisch schlagenden Umläufe der Rotoren.
Es war ein Dampfschiff, farblose Wellen durchstampfend, riesige Kolben jagten auf und nieder. Sturmwarnung, auf, hinaus aufs Meer! Auf zu den fliegenden Fischen, laßt euch auf schäumenden Wogen gen Himmel tragen!
Engel schlafen nicht, sie harren, stets gerüstet für den erlösenden Empfang.
Draußen dunkelte es. Nur wenige Sterne kamen heraus.
Sancho hatte ein zweitesmal getrunken. Die blass schimmernde Schwere des großporig aufgesoffenen Gesichtes, das bracke Wasser, das ihm der Wodka in die Augen getrieben hatte, es funkelte und glänzte im Armaturenlicht. Sancho, Knecht seiner selbst, suchte einen Herren. Am Ende. Am Ende der Welt.
Simon bekam die Flasche, nippte ohne zu trinken und gab sie weiter an Peter.
Sancho wies mit schwerer Hand nach vorn. Dunkle Finger, goldene Ringe, dunkle Nägel, goldene Zähne.
Die Mi8 flog auf den höchsten der Hügel zu, auf dessen Plateau. Er war ein Vorläufer des rauhen, unnahbaren Gebirges im Hintergrund, er war der Schlüssel zu Simons wiederentdeckter Zukunft. Umrahmt von den bunten Leuchten im Cockpit, grün und rot und gelb, den pumpenden Rotoren und der noch immer nicht sich abkühlenden Luft.
Peter und Simon kehrten in den Laderaum zu Ben zurück.
In ein paar Minuten würden sie dasein.
{14}
Peter hatte neu eingeschenkt. Man nickte sich zu und trank. Auf alle Löcher dieser Welt.
Es waren elegante, kräftige Gläser. Ringfingerhoch mit dicken, kantenlos abgerundeten Rändern und schwerem Fuß. Klein und handlicSimon Mit Gewicht.
Mondwasser. Simon fühlte sich gut. Kräftig, agil.
Nur jene überschwengliche Fröhlichkeit, jene unbekümmerte Bewußtlosigkeit, die ihn sonst immer überkommen hatte, wenn Simon sich auf der Anreise zu einem golow-contest befand, die Ungeduld, die Leichtigkeit der absoluten Gegenwart, sie blieb diesmal aus.
Stattdessen fühlte Simon einen Druck an den Schläfen, eine Schwere in Armen und Beinen, und das kam nicht von dem bißchen Alkohol, denn Simon war völlig klar im Kopf. Dieser Druck, diese Schwere, das war keine Lähmung, im Gegenteil, er fühlte darin den ganzen Ernst seiner verwehenden Vergangenheit. In diesem Druck, in dieser Schwere fühlte Simon die Kraft und die Macht und das Wissen einer hehren, ewigen Zukunft. Das weltfremde Spiel eines lässigen, eines allzu lässigen Lebens war vorbei. Die Initiation, das Erwachsenwerden, Simons Wirklichkeit stand kurz bevor.
Der Druck und die Schwere gaben Simon Genugtuung.
Der Druck und die Schwere gaben Simon Bestätigung.
Natürlich war da auch Befremdnis, ja sogar Angst.
Doch noch vielmehr fühlte Simon, daß diese Befremdnis, diese Angst ihm Wahrhaftigkeit verlieh, Unumstößlichkeit, vollkommene Sicherheit.
Es war richtig, was er tat. Es war richtig, daß er die Million gewann. Es war richtig, daß sein Engel ihm verzieSimon
Es war ganz und gar richtig. Und darum würde es auch geschehen.
Es wäre ihm lieber gewesen, sie kifften statt jetzt schon zu trinken. Aber es gehörte sich so. Den Flußgeistern den gebührenden Respekt erweisen. Die Flußgeister sprachen mit dem Wind. Und der Wind war ein Kind der Berge.
Wie die Piloten lachend erzählt hatten, war es Skotonov noch immer nicht gelungen, den gehörigen Abschieds-Sapoi zu beenden und so hoffte Simon, daß Skotonov heute Abend schon unter den Tisch gesunken war und sie so vielleicht doch um die eine und andere Flasche herumkommen würden. Simon wollte trotz aller Widersehensfreude früh ins Bett und den morgigen Tag, den Tag der Befreiung, den Tag des Sieges, mit klarem Kopfe beginnen.
Und dennoch, Simon gestand es sich jetzt ein, er sehnte sich doch auch danach, nocheinmal einzutauchen in jene Welt, hinunter bis an den Grund, seinen Kelch auszutrinken und dann satt und gesundet diese Hölle als Held einer neuen Welt zu verlassen.
Nur so war es richtig. Zöge er sich schon jetzt, schon vor dem Sieg aus seiner Unterwelt zurück, würde er den Sieg niemals erringen und sein Leben immer weiter sinnlos kindisch, schuldbeladen und schrecklich einsam bleiben.
Das klaffende Maul stank Simon entgegen. Und so stellte sich Simon an den Rand des Bitterbechers, lächelte verlegen und sprang hinein.
{15}
Sein Engel hatte golow gehaßt.
Sein Engel hatte jedesmal zu weinen begonnen, wenn Simon während seiner Besuche in Moskau davon sprach.
Der Engel hatte längst keine Kraft mehr für Tränen, als Simon schließlich, fernmündlich von München aus, in seiner runtergekommenen Bude sitzend, sich von ihr trennte.
Schulden, sprach Simon.
Golow, fragte der Engel trocken.
Beides, antwortete Simon.
Ich komme zu Dir, sprach der Engel leise.
Nein, antwortete Simon.
Liebst Du mich, fragte der Engel müde.
Simon legte auf.
Seitdem hatte er nie wieder von ihr gehört.
{16}
Simon entstammte einem reichen Elternhaus. Und so reich die Eltern waren, so sehr verachteten sie sich. Der Vater, ein Makler, hatte sich einst von der Schönheit der Mutter, sie wiederum, ein Flüchtling, hatte sich einst vom Wohlstand des Vaters blenden lassen.
Und so buhlten sie um die Kinder. Aus Haß, nicht aus Liebe. Jeder der beiden wollte die Kinder an sich ziehen, um sie dem anderen zu nehmen.
Der Vater bezahlte jeden Wunsch der Kinder, die Mutter verzieh jeden Wunsch der Kinder.
Und so brach Simon jede Schule ab, brach jede Ausbildung ab, brach jeden Kontakt zur realen Welt ab. Er nahm Drogen. Alle Drogen dieser Welt.
Doch Simon hatte Glück. Während der zweiten, richtig harten Therapie organisierte einer der Betreuer für seine Schützlinge Tandemsprünge auf einem kleinen Flugplatz, der von Fallchirmspringern betrieben wurde.
Fallschirmspringen wurde Simons neue Droge. So sehr, daß er bald auch den Kontakt zu den Eltern abbrach. Doch der Vater bezahlte auch weiterhin, so wie auch die Mutter weiterhin verzieh.
Simon kiffte noch immer viel und kokste ab und an. Aber er junkte nicht mehr. Simon galt als erfolgreich therapiert.
Doch urplötzlich, mit einem Mal, auf einen Schlag, war der Vater pleite. Er hatte in großem Stile Steuern hinterzogen und sich in noch größerem Stile an der Börse verspekuliert. Kurz vor der Verurteilung zu einer langen Haftstrafe, auch jetzt bezahlte der Vater seine Schuld, erhängte er sich. Die Mutter, nun in einem heruntergekommenen Apartment von Sozialhilfe lebend, erkrankte bald an Krebs. Und auch sie verzieh sich ihre Schuld. Sie starb noch innerhalb einer Jahresfrist ohne jegliche Gegenwehr.
Simon nahm das alles kaum wahr. Er hatte sich inzwischen, nachdem er von Peter in diese Spezialdisziplinen eingeführt worden war, ausschließlich auf base-jumping und golow konzentriert. Er nahm auch kaum wahr, daß er sich nunmehr mit immer schneller wechselnden Hilfsjobs durchs Leben schlug. Und er nahm noch weniger wahr, daß er sich seit dem Tod seiner Eltern unaufhörlich Geld lieh, um die nicht unerheblichen Kosten seiner Springerreisen zu aufzubringen. Erst bei Freunden, dann bei Banken, schließlich bei Kredithaien.
Auf einer dieser Reisen, und es waren nicht wie sonst skandinavische Fjorde, patagonische Schluchten, El Capitan oder Verdun, die er besuchte, auf einer kleinen, spontan angesetzten Fahrt durch die Küstenregion Deutschlands lernte er seinen Engel kennen. Sie lebte in Moskau, studierte Deutsch an einem Dolmetscherinstitut und verbrachte gerade die letzten Tage ihres Auslandssemesters in einer norddeutschen Kleinstadt.
Von da an brauchte Simon noch mehr Geld, um auch die Aufenthalte bei seinem Engel in Moskau zu finanzieren.
Simons Schuldenstand explodierte.
Simons Hirn implodierte.
Simons Herz stagnierte.
Und dann legte Simon den Hörer auf.
{17}
Von den letzten zwolf golow-contests hatte Simon sechs gewonnen.
Seinen achten contest und fünften Sieg sprang Simon vor einem Jahr auf Skotonovs Flugplatz.
Ein weiterer Sieg schien sicher, sein vierter jumprun, aber Simon hatte sich damals auf jenem Acker in der Nähe PanamaCitys einen Unterschenkelbruch eingelandet und konnte nur mit fremder Hilfe aufstehen. Das widersprach den Regeln.
Damals war Peter der Sieg zuerkannt worden.
Doch Peter wollte wirklich siegen. Wirklich gegen Simon gewinnen. Schon seit dem ersten gemeinsamen golow-contest wollte Peter gegen Simon gewinnen, schon immer und dann besonders seit Panama. Doch es war Peter nie gelungen.
Tiefgänger waren keine Selbstmörder. Selbstmörder starben bei diesem Spiel viel zu schnell für Selbstmörder. Sie konnten es nicht immer wieder probieren. Das war das Schöne daran. Kein Kokettieren. Selbstmörder sprangen selten ein zweites Mal. Sie waren tot oder sie ließen es bleiben. Die Todesangst war zu groß. Starben in jedem Falle. Nur eben anderswo, auf andere Art und Weise. Denn auch sie wollten ja trotz allem endlich einmal gewinnen.
Bald nachdem er seine Karriere als Zeremonienmeister begonnen hatte, erklärte Peter, daß er nicht noch einmal gegen Simon antreten werde. Daß er überhaupt nicht mehr antreten und springen werde. Die Zeit für diesen Kinderkram, für diese Geisteskrankheit sei vorbei, endgültig vorbei. Er habe beschlossen, erwachsen zu werden. Die Zeit für größere Siege, echte Siege sei nun angebrochen.
Heute verstand ihn Simon.
Drei Jahre – und es waren wirklich drei gute Jahre gewesen - waren Peter und Simon, nur getrennt durch möglichst kurz gestaltete Arbeitsaufenthalte in ihrer jeweiligen Heimat, von golow-contest zu golow-contest gereist.
Sie hatten sich während eines ganz normalen Fallschirm-boogies kennengelernt, waren, als sie sich miteinander angefreundet hatten, recht bald auf base-jumping umgestiegen, um schließlich – Peter hatte den Kontakt hergestellt – ihren ersten gemeinsamen golow-contest zu absolvieren.
Und nun wollte Peter nicht mehr gegen Simon antreten. Simon verstand das. Aber Peter wollte noch immer gegen Simon gewinnen. Das fühlte Simon.
Ben sprang im Mittelfeld.
So, wie die Selbstmörder zum fluktuierenden Mittelfeld gehörten, so gab es auch ein festes Mittelfeld. Typen, die die Basis bildeten. In manchem Falle hatten sie Geld und finanzierten auch mal die Reise des ein oder anderen aufstrebenden golow-Talents. Wenn überhaupt, dann träumten sie nur ganz heimlich, in ihren eigenen, heimeligen Geschichten vom großen Sieg gegen die Besten der Szene.
Die Mitglieder des festen Mittelfeldes wußten um ihre Wichtigkeit und genossen umso mehr die relative Sicherheit.
{18}
Ein Oberst der Luftlandetruppen, ein aufstrebender und selbstverliebter Lakai des Zirkels, hatte im Beisein der Eminenz erzählt, der vorläufige Bericht einer internen Untersuchung habe kürzlich darauf hingewiesen, daß einige Untergebene in eine bizarre Form des Fallschirmsports verwickelt waren. Der Oberst selbst hatte im Laufe seiner vielen Jahre immer wieder davon gehört, es jedoch stets als typisches Militärmärchen abgetan.
Wer am tiefsten zieht, gewinnt.
Der Oberst hatte nur beiläufig, als kleine Ablenkung vom tiefen Ernst des Gespräches davon erzählt. Doch da er unverhofft auf offene Ohren stieß, und er hatte das Wohlwollen der Eminenz damals wirklich dringend nötig, schließlich war er der Untreue bezichtigt und das nicht ganz unbegründet, ließ der Oberst sofort all seine Beziehungen spielen, beendete die Untersuchung und hatte bald in Erfahrung gebracht, wann und wo er selbst einen kleinen golow contest anregen konnte.
Im tiefsten Süden. Auf Skotonovs Flugplatz.
Die Eminenz lächelte hoffnungsfroh. Und auch der Oberst lächelte hoffnungsfroh. Und wurde kurz darauf dann doch zu den Mänaden verbracht. Der Oberst galt seitdem als verschollen.
Die Eminenz hatte sich im Hintergrund gehalten während des Probe-contestes vor einem Jahr. Auf dem Plateau am Rande der tschetschenischen Berge.
Die Eminenz war zufrieden. Das Potential war beachtlich. Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. Die Eminenz liebte Phantasie. Wenn er den Kessel des Wahnsinns nur ein wenig anheizte, Zaster und Zunder, dann würde es aufbrodeln und schäumen.
Die Eminenz meinte, einen Anflug von jugendlichem Übermut in seinen Adern gespürt zu haben, als er aus der Ferne jene Kerle auf den Erdboden zurasen sah. Es war ein Gefühl wie in seinen eigenen Anfängen gewesen. Die Eminenz konzentrierte sich darauf, wollte dieses Gefühl genießen. Doch es entglitt ihm gleich, entzog sich und zurück blieb die Leere, die Gier, das Nichts, wohinein sogleich sein Haß zu tröpfeln begann.
Und der Verstand der Eminenz vermählte sich mit seinem Haß.
Und machte die ganze Sache umso attraktiver. Wie damals in den Anfängen.
Peters Cousin, der die Eminenz als Sekretär begleitete, auch er besaß längst Anteile an der Tierkadaver-Beseitigungsfirma, der Cousin jedoch erkannte Peter und unterließ es nicht, die Eminenz während des Rückfluges in aller Beiläufigkeit darauf hinzuweisen.
{19}
Es war ein Freitag gewesen, an dem Peter und Simon den Kirchturm entdeckten.
Mitten in einer norddeutschen Kleinstadt.
Auf einer Anhöhe.
Und es war eben dieser Freitag gewesen, an dem Simon die Liebe seines Lebens traf.
Der Portier der Pension, in der Peter und Simon untergekommen waren, nachdem sie wieder einmal landeinwärts gefahren waren, ein Russe wie Peter, hatte ihnen eine Wäscherei empfohlen. Etwas weiter zwar, im Zentrum der Stadt, aber eine junge Landsmännin arbeitete dort, um sich ihr Auslandssemester zu finanzieren, ein wahrer Engel. Außerdem würden Peter und Simon auf diese Weise etwas von der Stadt sehen. Am Wochenende würde hier Jubiläum gefeiert, wie alt die Stadt, wie alt auch er nun schon war. Diese Jahre, all diese Jahre, vergangen und verloren, weder Heimat noch Fremde. Und die Straßen und Gebäude dort im Zentrum waren schon wieder geschmückt.
Peter und Simon kamen gerade aus Belgien, von ihrem dritten golow-contest - auch er, wie im Westen allgemein üblich, als ganz normale Fallschirmsprung-Veranstaltung getarnt – und hatten noch etwas Zeit und Geld übrig, Simons zweiten Sieg mit ein paar entspannten base-jumps zu feiern. Sie hatten bereits eine Brücke und einen Hochspannungsmasten hinter sich, doch sie fühlten sich nicht recht befriedigt. Und so hingen sie noch das Wochenende dran und fuhren auf gut Glück durch die Gegend.
Und stießen auf den Kirchturm.
Mitten in einer norddeutschen Kleinstadt.
Auf einer Anhöhe.
Kerzengerade ragte der Kirchturm empor.
Roter, massiver Backstein und obenauf dunkelgraue Betonstreben, eine offene, dachlose Spitze bildend, aus der schließlich unübersteigbar endgültig ein stählernes Kreuz hinaufragte. Die Zwischenräume der Streben füllten runde, durchstochene Ornamente, ebenfalls dickes Metall, die ihre euklidischen Muster in den Marmorhimmel stanzten.
Es war ein heißer und drückender Nachmittag, die Sonne verschwand gerade hinter dem Turm und bog ihr schweres, milchiges Licht nur noch mit Mühe um die Kirche herum.
Der Kirchplatz war voller hölzener Kirmesbuden. Ein Karussell stand irgendwo dazwischen. Die Kuppel eines kleinen Zirkuszeltes lugte irgendwo hervor. Die Buden, zwischen Bäume und Laternenmasten gedrängt, waren verschlossen, die Bretter heruntergeklappt und verriegelt. Ganz hinten hievten ein paar Gestalten große Gasflaschen in den Nachbau eines Leuchtturms.
Der gesamte Kirchplatz war mit elektrischen Girlanden und Reklamen geschmückt.
Nur der Weg, der zum Hauptportal der Kirche führte, war frei von irgendwelchen Hindernissen.
Zur Eröffnung des Stadtfestes würde wohl eine Wimpel an langen Stangen tragende Prozession diesen Weg in die Kirche marschieren.
Und auch Peter und Simon würden diesen Weg nehmen. Allerdings in umgekehrter Richtung.
Und so erhaben und stolz der Kirchturm dort auch emporstieg, selbst die Sonne verdeckend, Peter und Simon spürten dessen verstohlenen Blick, der über ihre Scheitel strich. Der Turm hatte sie wahrgenommen. Wuchs noch höher und breiter mit seiner aufquellenden Angst.
Es würde geschehen. Sehr bald sogar würde es geschehen. Es mußte geschehen.
Der Turm läutete seine Glocken. Er war entdeckt worden. Der Fall war nur noch eine Frage der Zeit.
Der Turm rief nach den schwarzen Wolken, die er sonst immer jauchzend und johlend vertrieben. Dieses eine Mal, diese Nacht nur, sollten sie ihn schützen. Er schenkte ihnen das Fest zu seinen Füßen.
Das Geläut verklang. Zwei Nachschläge, schon leiser. Dann keiner mehr. Nein, keiner mehr.
Jetzt konnte der Turm nichts weiter tun als warten.
Peter und Simon standen auf dem freien Torweg und starrten den Turm empor. Die Scharten waren fast so groß wie Fenster.
Der breite, marmorne Bogen um die Flügel des Kirchentores herum war von einem Baugerüst verdeckt, das fast das gesamte untere Viertel des Turmes hinauflangte. Am Baugerüst waren dicke, staubig-weiße Plastikplanen angebracht. Der ideale Weg, um über eine jener Scharten, die sich oberhalb des Eingangs, und da war bestimmt noch mindestens eine erste Scharte hinter den Planen, in den Turm zu gelangen.
Ein böiger Wind hob an. In den Himmel kam Bewegung. Doch Kühlung verschaffte dies nicht.
In der Wäscherei, eines der Arkadengeschäfte, die sich gegenüber der Kreisstraße um den Kirchplatz aneinanderreihten, hatte der Engel davon gesprochen, daß die Meteorologen für die Nacht ein Gewitter erwarteten. Simon war verstört. Der Portier der Pension hatte vollkommen recht, dieses Mädchen war tatsächlich ein Engel.
Sie war klein, reichte Simon gerade bis zu dessen Brust, sie war sehr jung, zehn Jahre lagen zwischen ihnen, wie sich bald herausstellte, und sie war unendlich weicSimon Sie trug ihr volles, goldblond schimmerndes Haar in mehreren sanften Zöpfen, die sie wie ein Krönchen um ihren Scheitel geflochten hatte. Ihre himmelblau strahlenden Augen, und es war das sonnendurchwirkte, hehre, helle, frische, reine Blau eines Himmels im Mai, nicht das tiefe, schwere, voller Monde undurchsichtig, salzig unberechenbare Grau der Weltenozeane, so flink huschten diese Augen und waren doch ohne jede List.
Simon war gänzlich verstört. Er fühlte sich mit einem Male so falsch, so wirr und irre, so müde und kaputt.
Der Engel hatte Peters und Simons Interesse für die Kirche bemerkt und ein Gespräch über Religion begonnen. Gab es Gott, dann war dieser Gott ein Arschloch, fauchte Simon hilflos errötend und viel zu laut. Gab es Gott nicht, war der Mensch verloren, flüsterte der Engel. Peter nickte. Sie wisse nicht, ob es Gott gebe, doch sie glaube an ihn, fügte sie verschämt hinzu. Wieder nickte Peter und starrte sie an. Der Engel hatte Peter und Simon ungefragt einen Kaffee gebracht und lächelte dabei, soviel sie konnte. Er wisse, daß es Gott gebe, doch glaube er nicht an ihn, gab Simon trotzig zurück. Kein Gewitter dauere ewig, fügte sie, tief in Simons Augen blickend, hinzu und lächelte sogar noch etwas mehr. Peter wandte sich ab.
Simon erfaßte ein Schwindel, es erschien ihm, als verschwände der Boden unter seinen Füßen. Oder begann er zu schweben? Simon verlor sich immer mehr in seiner Verwirrung. Er mußte fort von hier, fort von diesem göttlichen Wesen, fort, nur fort. Er zwang Peter zur Eile, Peter widerstrebte, doch Simon stopfte schon die noch feuchte Wäsche in ihre Rucksäcke, warf dem Engel einen gehetzten, verständnislosen Blick entgegen und flüchtete hinaus auf den Kirchplatz, zwang sich hinein in das Vergessen, zurück in seine mit einem Male so enge, leere Welt.
Kinderkram, stammelte Simon
Peter schüttelte den Kopf. Diese Frau sei die Tochter des Himmelskönig.
Der Angriff auf den Turm war beschlossene Sache.
Kinderspiel, raunte Simon.
Abermals schüttelte Peter den Kopf. Und schwieg.
Der Platz und die Straßen waren nicht sonderlich belebt. Das Jubiläum begann morgen Mittag. Die Einheimischen sparten ihre Kräfte und Touristen waren noch nicht angereist. In den Arkaden, in den Erdgeschossen befanden sich ein Supermarkt, die Wäscherei, eine Drogerie, eine Bank, ein Frisör, ein Kiosk, ein Blumenladen und ein Stempelspezialgeschäft. Nichts für Nachtschwärmer. In der näheren Umgebung war keine Polizeistation oder ähnliches auszumachen.
Nachts war die Kirche mit Sicherheit angestrahlt, sie sollten sich also beeilen beim Einstieg über den Bauzaun hinter das verhüllte Gerüst. Peter und Simon wollten hoch bis zu den Glocken. Aus dem Glockenturm springen. Wenn diese gerade begannen zu läuten.
Peter und Simon standen am Bauzaun vor dem Gerüst. Weder der eine noch das andere würde ernstzunehmende Probleme bereiten. Im Gegenteil, der Einstieg schien so einfach, daß es fast einer Einladung gleichkam. Peter und Simon mußten nur den grobmaschigen, nicht einmal schulterhohen Bauzaun übersteigen, dann führte eine Leiter direkt hinauf auf das Gerüst hinter die Planen.
Sie mußten nur schnell sein. Schlaflos umherstreunende Rentner hatten ein Gespür für Selbstmörder und Terroristen.
Sobald Peter und Simon hinter den Planen waren, konnten sie in aller Ruhe weitermachen.
Sie fuhren zurück zur Pension, dankten dem Portier für seinen Tipp, aßen ausgiebig zu Abend und legten sich alsbald schlafen.
Um Mitternacht läutete der Wecker.
Das limbische System hatte nur darauf gewartet. Mit dem ersten Schlag waren Peter und Simon hellwach.
Ohne unnötigen Lärm zu erzeugen, verließen sie die Pension. Es war eine Vollmondnacht, noch immer regte sich kaum ein Lüftchen, noch immer war es warm, aber diese Wärme war die des vergangenen Tages, war alt und verbraucht, eine leichte Beute für das Gewitter, das sich allmählich aus den Weiten der norddeutschen Felder und Fluren zusammenschob und lüstern auf die Stadt zuzog.
Als die Uhr des Kirchturms ein Uhr schlug, verschwanden Peter und Simon hinter den Planen des Baugerüstes.
Sie kamen schnell und leise voran. Über dem Kirchenportal trug das Baugerüst die erste durchgehende Standfläche für die Arbeiter. Man renovierte gerade die Marmorplatten mit ihren strömenden Verzierungen, die sich wulstig und weich, Lippen eines Höllenschlundes, an den Torrahmen entlang bis weit in das untere Viertel des Turmes hineinrankten.
Anhand der erkennbaren Durchstiegsluken schloß Simon auf noch mindestens vier weitere horizontale Ebenen.
Es waren noch fünf weitere Ebenen. Aber schon auf der dritten bekamen Peter und Simon ihre Scharte. Es war still geblieben. Ab und an war ein wenig Verkehrslärm zu hören gewesen, zweimal verklangen Polizeisirenen irgendwo in der Ferne.
Ein unmerklicher Windhauch ließ die Planen knackend und knarzend gegen die Streben des Gerüstes klacken.
Peter und Simon befanden sich jetzt über den Dächern der den Kirchplatz umgebenden Häuser.
Die Scharte war außen mehr als schulterbreit und verengte sich einwärts um jeweils eine Handbreit.
Die Scharte war auf der Innenseite durch ein Gitter verschlossen.
Die Arbeiter hatten nur oberflächlich saubergemacht, überall klebte noch Vogelmist. Peter leuchtete mit der Taschenlampe in die Scharte und zwängte sich auf Händen und Knien hinterher.
Simon knipste seine Taschenlampe an, klemmte sie sich unter eine Achsel, richtete den Lichtkegel aus und filmte mit der Helmkamera Peters Hintern. Die Backen zuckten, während Peter eine Schnur an dem Gitter befestigte. Dadurch wurde vermieden, daß das Gitter laut polternd irgendwohin fiel, nachdem es durchgetreten war.
Simon zoomte heran.
Peter drückte sich rückwärts aus der Scharte. Er war von Kopf bis Fuß mit Staub und Kot verdreckt.
Nur sein Hintern war noch sauber.
Nicht mehr lange, raunte Peter. Simon solle das gear nachreichen. Und schon stieg er wieder in die Scharte, diesmal auf dem Hosenboden, mit den Füßen voran. Nach einigem Rutschen, Winden, Treten und Stöhnen war Peter verschwunden. Simon kroch hinterher.
Peter stand unter der Scharte, ungewöhnlich tief und leuchtete in den Raum hinein.
Der Raum hinter der Scharte war groß, er umfaßte den gesamten Querschnitt des Turms, und reichte bis über die nächste Scharte hinauf. Eine schmale Holztreppe langte im linken, hinteren Teil des Raumes an und führte nach rechts vorne versetzt weiter in die höheren Stockwerke. In der Mitte des Raumes befand sich ein mannshoher Wellblechverschlag, aus dem mehrere armdicke Drahtseile vertikal nach oben hinauf durch eine schmale Öffnung liefen. Ein Schild warnte vor Starkstrom.
Peter stellte sich unter die Scharte, den Kopf im Nacken und die Hände nach oben gereckt. Simon reichte die Ausrüstung herunter und kletterte nach.
Auf diesem Weg würden sie die Kirche nicht mehr verlassen, dachte Simon, als er an ausgestreckten Armen am Sims der Scharte hing und noch immer keinen Boden unter den Füßen hatte.
An der Hinterwand des Raumes, gleich neben der ankommenden Treppe entdeckte Simon einen niedrigen Durchlaß. Simon ging darauf zu, bückte sich, zog eine kleine Holztüre auf und stieg hindurcSimon
Der Lichtkegel der Taschenlampe fand keine Rückwand. Fand überhaupt keine Wand. Der Durchstieg führte auf eine kleine Rampe, die nach einigen Schritten abbrach.
Ein dunkler, unauslotbar weiter Raum tat sich vor Simon auf.
Weich und träge funkelnd schwebte ein Wolkenmeer von Staub um Simon herum und hatte das Licht der Taschenlampe schon nach ein paar Metern restlos eingefangen. Als hätte der Geist dieser Himmelshöhle auf Simons Pupillen gehaucht.
Auch wenn er sie nicht sah, Simon spürte die Unermeßlichkeit dieses Ozeans.
Simon befand sich auf dem Kirchenschiff.
Auf der Decke des Kirchenschiffs.
Am Ende der Rampe.
Die Staubschicht auf dem Gewölbe des Kirchenschiffes war fleckenlos grau und vollkommen unberührt. Sie mußte um vieles dicker und dichter sein als die auf den Bohlen der Rampe. Ihr fehlte jegliche Kontur.
Simons Stiefel versanken im Staub, als er auf das Kirchenschiff trat.
Die Schicht mußte über fünfzehn Zentimeter dick sein.
Simon stapfte vorsichtig über das Gewölbe.
Simons Augen brannten. Immer mehr Staub stieg um ihn auf.
Simon sah nichts mehr. Er schaltete seine Taschenlampe ab und stolperte hustend zurück auf díe Rampe zu Peter.
Mit einem Male begann es zu poltern.
Im Turmzimmer mit Treppen und Blechverschlag, in das sie vorhin durch die Scharte eingestiegen waren, durch das kleine Türchen hindurch, wurde es unruhig.
Irgendetwas schlug dort gegeneinander, irgendetwas lief dort um. Irgendetwas geriet dort in Bewegung.
Die Rampe unter Peter und Simon begannen zu vibrieren. Starr vor Schreck glotzten sie auf das geöffnete Türchen.
Simons Füße glühten. Und schon das Rückgrat emporgeschossen, entgleißte der Brand in seinem Schädel. Tausend Blitze donnerten durch Simons Hirn.
Sie waren entdeckt.
Gleich würden Peter und Simon die Lichtkegel der Verfolger sehen. Also doch, irgendjemand mußte sie beim Einstieg unten am Bauzaun beobachtet und die Polizei alarmiert haben.
Peter und Simon standen wie gelähmt und glotzten zum Türchen. Wohin sollten sie fliehen? Wo konnten sie sich verstecken? Simon überkam unbändige Wut. Am liebsten hätte er sich geohrfeigt. Und auch Peter. Sie konnten sich nirgendwo verstecken, sie konnten nirgendwohin fliehen, ihre Fußspuren würden sie verraten, noch bevor sie in dem Staubmeer erstickt waren. Sie hatten sich selbst gefangen. Was für Idioten waren sie bloß!
Vor dem Türchen rumorte es immer lauter.
In einer Randnotiz des Stadtanzeigers würde man sich kurz über sie lustig machen.
Alle würden sich über sie lustig machen.
Peter und Simon hatten es nicht anders verdient.
Irgendwo oben, garnicht mehr so fern, schlug es zwei Uhr.
Laut, klar und hart.
Zwei langsame, dunkle Schläge.
Danach wurde es still.
Und es blieb still.
Niemand hatte sie entdeckt.
Die Geräusche mußten aus dem Motorenhäuschen im Turmzimmer gekommen sein. Der Antrieb des Glockenwerkes.
Vor lauter Schreck hatte Peter nicht einmal seine Taschenlampe ausgeschaltet.
Sie waren beide überzogen von Dreck und Staub, der nicht mehr abzuschütteln war. Ihre Augen hatten getränt und der wüsten Haut rote Wadis eingebrannt. Die Lider klebten.
Simon rieb sich über die Stirn, während sie beschämt am Motorenhäuschen vorbei die Treppe nach oben stiegen. Verlegenheit trieb sie zur Eile.
Die Treppe durchlief nun merklich kleinere, schmalere Etagen. Umlief an der Innenseite ein Gitterrohr, das die Drahtseile nach oben zu den Glocken führte. An den Außenseiten gingen immer wieder Räume ab. Je höher Peter und Simon die Etagen des Turmes kamen, um so mehr wandelten sich diese Räume in Verschläge. Nur einfache, numerierte Lattenroste schließlich noch, die im Licht der Taschenlampen wie Käfige wirkten. Manche Käfige waren leer.
Manche Käfige waren vollgestellt bis an den Rand mit gähnenden Putten, greinenden Chimären, flehenden Fratzen und heiligen Stöhnern, Chorstühlen, Fahnen und Stangen, bunten Kreuzen, Kandelabern, blanken Rahmen und Stapeln von Schalbrettern.
Peter und Simon waren ins Schwitzen geraten. Die trockenen Lippen schmeckten nach Moder. Bald stapften sie stur nach oben, ohne sich weiter nach rechts oder nach links umzusehen.
Himmelwärts, streng gebeugten Hauptes.
Sie seien auf dem Weg in die Hölle, schnaufte Peter.
Sie seien auf dem Weg, die Hölle zu löschen, erinnerte Simon.
Der Raum, in dem sich laut Schild an der Türe das Uhrwerk befand, sah von außen aus wie die Front eines Apartments. Zwei kleine, dunkle Fenster rechts und links, die lackierte Türe dazwischen besaß einen Knauf und ein Sicherheitsschloß. Peter und Simon gingen auch hier gleich weiter, denn nun wußten sie, daß sie bald dasein würden.
Noch ein paar Stufen, schließlich traten sie durch eine schwere, quitschende Gittertüre.
Peter und Simon standen im Glockenzimmer.
Ein Raum, der mehrere Etagen des Turmes einnahm.
Und inmitten dieses Raumes hingen die Glocken.
Fünf konnte Simon ausmachen. Drei kleinere unten und zwei große darüber. Drei Stockwerke hocSimon
Peter und Simon hatten ihre Taschenlampen ausgeschaltet, sie waren jetzt nicht mehr vonnöten.
Zwei mannshohe, glaslose Doppelfenster lagen übereinander auf jeder der vier Turmseiten, mit eisernen Lamellen vor der Wetter Unbill schützend. Der hohe Nachtwind zog pfeifend herein, stimmte an zum großen Schlag. Die Brise erfrischte Simon Die Kohorten des Gewitters hatten begonnen, an die Stadt heranzurücken.
Es war kein Mondlicht, das da in den Turm hereintröpfelte und den Raum und seine Glocken in Zwielicht tauchte. Es waren die Strahler, die draußen von den Ecken des Kirchplatzes herauf ihr Licht in gelblichen Streifen unter den Lamellen hindurchpusteten.
Das Schwarz der Glocken schimmerte, als seien sie vom Goldhauch einer Sonne überzogen, einer Sonne, deren Lauf die Glocken niemals sahen und doch tagaus, tagein so stolz und erhaben besangen.
Die weiterführende Treppe war nur noch ein schmaler, ungehobelter Zimmermannsteig, der über die Glocken hinaus zu einer Luke in der Decke des Raumes führte.
Simon zog den Riegel zurück und stieg hindurch. Peter folgte ihm.
Sie waren in die letzte, höchste Ebene des Turmes gelangt.
Direkt über ihnen, über der Decke aus rohen Holzbohlen - Simon erinnerte sich, wie er mit Peter irgendwann einmal ganz unten am Fuße des Turmes gestanden war - über ihnen mußten schließlich und endgültig die Betonstreben der Spitzenkonstruktion, zum stählernen Kreuze sich verwindend, in die Himmel ragen.
Mit dem letzten Anstieg hatten Peter und Simon maximale Lageenergie erreicht.
Die Decke war niedrig, nur gebückt konnten sie stehen. Peter und Simon befanden sich im Freien, ein aufkommender, kalter Wind zog ihnen den Staub aus Gesicht und Kleidung. Simon begann, ein wenig zu frieren. Was ihm wohltat nach all der Hitze unter ihnen. Die letzte Ebene besaß keine Wände mehr, nur noch massive, gedrungene Streben, eckige Pfeiler, auf denen das ornamentierte Dach der Kreuzkonstruktion aufsaß.
Und wieder überall Vogelmist, als Peter und Simon auf ihren Knien an den vorderen Rand des Betonbodens rutschten.
Ein grandioser Ausblick.
So viel Nacht. So viel schwarzes Licht und weiße Schatten.
Der Vollmond überzog die Stadt mit einem gräulichen Schimmer, die wenigen Lichter flossen silbrig flimmernd ineinander. Schwere, dichte Düsternis, im noch stumm polternden Wetterleuchten schlagartig sich aufreißend zu unzähligen Flächen gespenstisch harter, labyrinthisch verwinkelter Konturen.
Kalte, feuchte Windböen fielen durch dicke und doch schnelle und noch schneller sich ballende Wolkenfetzen. Es roch nach schwerem Gewitterregen.
Peter und Simon spürten die Eile. Die Luft war elektrisiert. Auch Peter und Simon waren elektrisiert.
Sie trugen bereits ihre Brillen und Helmkameras, als sie sich vom Hohlraumglimmen der Welt vor ihnen abwandten und einer dem anderen half, den Fallschirm anzulegen.
Simon war wach und ruhig.
Ein fernes Donnern rollte heran. Grummelnd. Pochend. Wirbelnd. Fordernd.
Peter und Simon hatten sich die Stiefel noch einmal neu gebunden, die Sweatshirts sorgfältig in ihren Hosen verstaut, Bein- und Brustgurte strammgezogen. Die Taschenlampen steckten in den Schäften der Schuhe.
Noch fünf Minuten. Dann würde es drei Uhr schlagen. Dann wollten Peter und Simon springen.
Blitze und Donner kamen sich, kamen der Stadt immer näher. In Kürze würden sie Vereinigung feiern, sich ineinanderwinden und eine reinigende Flut durch die flimmernde Finsternis der Stadt peitschten.
Simon konnte es kaum noch erwarten, es zog ihn hinter dem Pfeiler hervor, sie riefen nach ihm, der Blitz, der Donner, die Stadt, der Wind, die Wolken, der Himmel, die Leere riefen ihn hinein, hinab in die zu strafende Welt.
Peter klappte seinen Ledermann auf und ritzte ihr Springerzeichen, ein Halbkreis auf einem nach unten weisenden Dreieck, und das Datum in den Stein des Pfeilers.
Simon war so groß wie der Turm und es war nur ein kleiner Schritt.
Peter zauberte einen kleinen Joint hervor, entzündete an einem der Pfeiler ein Sturmstreichholz und damit den Joint. Er schnippte den glühenden Splitter mit einem fahrigen Lächeln hinaus in die weite Welt, tat ein paar schnelle, nervöse Züge und gab den Joint weiter an Simon.
Peter kniete sich an den offenen Rand zwischen die Pfeiler und sah hinaus über die Stadt. Peter würde als erster springen, das Los hatte so entschieden.
Auch wollte Peter als erster springen. Unbedingt. Peter spürte, seit Simons zweitem golow-Erfolg vor Kurzem in Belgien - Peter war wieder nur im Mittelfeld gelandet - Peter spürte es ganz deutlich und auch Simon spürte es, von nun an würde Peter für immer hinter Simon zurückbleiben.
Simon stand hinter dem Pfeiler. Der Joint war zur Hälfte geraucht, Simon drückte ihn vorsichtig aus und klemmte ihn samt frischem Streichholz in das eingeritzte Springerzeichen. Für die nächsten, die da kommen würden.
Es gewitterte inzwischen im Sekundentakt, die ersten dicken Tropfen schlugen auf Peters Helm.
Der Wind sei doch inzwischen viel zu stark geworden, flüsterte Peter. Er zitterte am ganzen Körper, kalter Schweiß rann die Schläfen herunter. Peters Augen waren aufgerissen, die Lippen ineinandergepreßt.
Simon winkte nur ab.
Gleich war es soweit.
Peter und Simon hielten bereits die pilotchutes in ihren Händen.
Gleich mußte es soweit sein.
Der viel zu starke Wind würde sie nach der Schirmöffnung an die Turmwand drücken oder über die Kirmesbuden schieben, wiederholte Peter.
Eine weißglühende Feuersäule explodierte über der Stadt, das gleißende Licht löschte den Blick hinein in die innersten Windungen des Hirns. Der Donnerschlag war schon da, zerbarst in den Gewölben des Herzens, ein einziger, brachialer Hieb zerschmetterte alle Blindheit.
Der Turm begann zu erbeben.
Die armdicken Drahtseile spannten sich, die größte der Glocken wurde angehoben, höher, immer höher, der mannshohe Klöppel klappte an den gewaltigen Klangkörper, rutschte rasselnd daran herum. Noch höher drehte sich die Glocke, drehte sich hinauf gen Himmel, ein letztes Hoffen, ein letztes Verharren, ein letztes Widerstreben.
Auf einmal herrschte völlige Stille. Kein Blitz, kein Donner, kein Wind, kein Atmer, keine Stadt und keine Welt. Völliges Nichts.
Dann fiel die große Glocke.
Peter hockte zwischen den Pfeilern, mit den Füßen scharrend, drehte den Kopf kurz zu Simon, nickte scharf und voller Abscheu, blickte abwärts, vorwärts. Und schnellte hinaus.
Ein ohrenbetäubender Glockenschlag erklang.
Draußen bog Peter Arme und Beine durch. Und versank.
Die ungeahnte Lautstärke, die Druckwelle des Glockenschlags ließ Simon taumeln. Er sank in die Knie, fand das Gleichgewicht nicht, fast fiel er vornüber. Gerade noch gelang es Simon, sich mit seitlich ausgestreckten Armen an den Pfeilern festzuhalten. Simon begann zu lachen, er fühlte sich herrlich, er fühlte sich unverwundbar, Simon lachte hinaus, hinweg über jene so erbärmlich kleine, bedeutungslose Welt unter ihm. Simon fühlte sich vollkommen wahr.
Simons Fußballen wölbten sich über die Turmkante, Simon wollte sich konzentrieren, wollte noch einmal tief durchatmen.
Doch die Hände hatten die Pfeiler schon losgelassen, schnellten nach hinten, holten Schwung, hielten, verharrten, Oberschenkel hatten sich an Unterschenkel gepreßt, auch sie verharrten für einen kurzen Moment.
Simon lachte noch immer und kippte unendlich langsam nach vorne.
Eine Regenböe wischte ihm ins Gesicht. Ihr Wasser schmeckte warm und weich und süß. Wie frisches Blut. Simon fühlte sich vollendet schön.
Lachend katapultierte Simon sich hinaus.
Die Turmkante, deren Knick noch in den Füßen drückte, lag irgendwo hinter Simon, unendlich weit weg.
Simon lachte noch immer. Simon fühlte sich völlig frei.
Die große Glocke schlug ein zweites Mal.
Die tonnenschwere Klangwelle pulste gegen Simons Rücken, trug ihn noch ein weiteres Stück hinaus in die Nacht.
Die Regentropfen um ihn herum schimmerten wie Sterne. Funkelten wie Diamant. Simon befand sich im Zentrum des Universums. Freiheit, Wahrheit und Schönheit hatten sich vereinigt.
Simon kippte auf den BaucSimon Simon begann zu fallen.
Simon versuchte, sich zu konzentrieren.
Unter Simon entfaltete sich Peters Schirm.
Schnurgerade Öffnung nach vorne. Kein Schlenkern, kein Schlingern. Peter traf den Weg zwischen die Buden optimal.
Simon nahm eine Silhuette wahr durch die Bäume auf dem Gehweg an der Straße.
Simon nahm den Wind wahr, der ihn schob und zerrte und ihn vom Torweg abkommen und zu weit über die Buden driften ließ.
Und wieder begann Simon zu lachen.
Der Gedanke des Zerschmetterns gefiel Simon
Und es gefiel Simon, daß ihm dieser Gedanke gefiel.
Simon gefiel die Wahrheit, die Freiheit, die Schönheit dieses Gedankens. Simon stürzte ins Nichts. Ins vollkommene Nichts. So vollkommen war dieses Nichts, daß nicht einmal dieses Nichts war. Und wenn dieses Nichts so vollkommen war, daß nicht einmal dieses Nichts war, dann mußte im gleichen Augenblick Alles anfangen zu existieren. Um das Loch zu füllen, das dieses Nichts, das so vollkommen war, daß nicht einmal dieses Nichts war, hinterließ. Dort, wo Nichts so Nichts war, daß es nicht war, genau dort mußte Alles entstehen. Und das war der Grund, der Boden, der Weg, das letzte Ende, die Bude, an der er platzend zerkrachen würde.
Simon erkannte das vollkommene Nichts, das sich selbst nichtete, vor jeder Zeit, vor jedem Ort, vor jedem Beginn. Vor jedem Wort, vor jedem Gott. Simon erkannte Alles ganz genau. Simon erkannte jede Faser des Budenholzes ganz genau. Simon erkannte, daß Alles war, was es war, einzig und allein deshalb, weil Nichts war, was es war. Nichts ist Nichts, indem es nicht Nichts ist. Niemals und nirgendwo. Hier und jetzt.
In einem Gefühl völliger Erlösung, völliger Erkenntnis öffnete Simon die Hand, in der sich der pilotchute befand. Der kleine Hilfsschirm zischte nach oben, um die Öffnung des Hauptschirms einzuleiten.
Die Wucht der Schirmöffnung schleuderte Simon hinein in die Senkrechte, schleuderte Simon zurück in das schnöde Etwas der Realität. Kein Alles. Kein Nichts. Nur noch Etwas. Nur noch todbringendes Etwas.
Simon war viel zu weit links. Und er war viel zu tief.
Simon würde tatsächlich mitten in die Buden klatschen.
Simon riß an der rechten Lenkschnur. Simon kippte hinüber, hinunter, drehte quer zum Weg. Simon verlor durch das Manöver drastisch an Höhe. Simon wurde durch das Manöver schneller, immer schneller. Simon korrigierte, riß an der linken Lenkschnur, geriet noch tiefer, wurde nochmals schneller und schneller. Aber nun flog er immerhin wieder gerade und genau über dem Torweg. Schwarz glitzernder Asphalt jagte auf ihn zu.
Simon würde nicht in die Buden hineinplatzen. Simon schoß auf den Boden des Torweges zu. Der Boden des Torweges war längst da. Simon zog beide Lenkschnüre mit aller Gewalt nach unten, um zu bremsen, um die Landung einzuleiten. Simon wippte noch leicht nach vorne und schon schlugen seine Füße auf den Asphalt.
Aber Simon war noch immer viel zu schnell.
Simons versuchte, die Landung auszulaufen, doch schon mit dem ersten Schritt knickten seine Knie ein, knickten sie seitlich weg. Und schon schlugen auch die Knie in den Asphalt.
Simon wurde von der Gewalt des Aufpralls zusammengedrückt, verlor alle Spannung, alle Kraft. Simons Hüfte schlug in den Asphalt, Simons Hände, Simons Ellebogen schlugen in den Asphalt. Simons Schulter, Simons Helm schlug in den Asphalt. Krachend wurde jede Luft aus seiner Brust, stöhnend jeder Gedanke aus seinem Schädel gepreßt.
Simon überschlug sich, den Asphalt entlangschlitternd. Blitze und Donner zerschmierten zu Spiralen. Simon überschlug sich immer wieder. Immer tiefer und tiefer.
Und plötzlich war es vorbei.
Simon lag da. Ganz ruhig und still. Ewigkeit breitete sich über ihn aus.
Simon wartete.
Es wurde nicht schwarz um ihn.
Simon war nicht tot, dessen war er sich sicher. Und er befand sich noch immer irgendwo innerhalb der Welt, in die er einst hineingeboren worden war.
Doch Simon war zu schwach, um sich zu rühren.
Auch wollte Simon sich nicht rühren. Simon hatte Angst, daß er es nicht konnte.
Zeit und Ort prasselten hernieder. Es goß in Strömen.
Simon begann vorsichtig zu atmen.
Nichts geschah. Alles passierte. Etwas war da.
Auch wenn Simon seinen Körper nicht spürte, er konnte ihn bewegen.
Simon richtete sich langsam auf. Simon fuhr mit der Zunge über die Zähne. Er schmeckte kein Blut. Fühlte keine Lücken.
Simon mußte weg hier.
Simon erhob sich taumelnd.
Simon sah um sich.
Peter stand an der Ladefläche des Pickups und entledigte sich gerade hektisch seines Fallschirms. Und da war wieder diese Gestalt, die er schon während des Fallens bemerkt hatte.
Und Simon erkannte die Gestalt.
Es war der Engel aus der Wäscherei.
Der Engel sah ihn an, scheu und ernst. Der Engel winkte. Simon war verwirrt. War das eine Begrüßung oder ein Abschied. Simon zweifelte. War Simon im Himmel oder auf dem Weg in die Hölle?
Peter rief ihm aufgeregt zu, er solle sich beeilen.
Simon versuchte, sich aus den Schnüren des Schirms zu befreien. Simons Hände brannten jetzt wie Feuer. Der Stoff der Handschuhe, die Haut der Innenflächen war durchlöchert, abgeschliffen, fortgerissen.
Simons Kopf begann zu brummen.
Simons Körper begann zu zittern.
Simon starrte auf den Engel.
Der Engel lächelte.
Simons Herz begann zu schlagen.
Es donnerte fern. Simon war plötzlich glücklicSimon Der Engel machte nicht kehrt und ging. Der Engel wartete. Der Engel wartete auf ihn.
Der Engel lächelte. Der Engel lächelte, soviel sie konnte.
Simon fühlte sich unendlich glücklich.
Simon raffte seinen Schirm zusammen.
Simons Hüfte pochte, der Schmerz pelzte hinauf bis unter den Gaumen. Simon humpelte auf den Pickup zu, auf Peter und den Engel.
Peter hatte recht, er sollte sich beeilen. Sie mußten so schnell wie möglich weg von hier.
Simon stolperte auf den Engel zu.
Sie lächelte, soviel sie konnte, vielleicht sogar ein bißchen mehr, als Simon sie in seine Arme schloß.
In den Wagen, krächzte Peter, ihm versagte die Stimme. Fluchend zog er an den beiden, schubste sie mit aller Gewalt auf die Ladefläche unter das Hardtop des Pickups. Schmiß seinen Schirm hinterher und rannte nach vorne zur Fahrerkabine.
Simon lockerte sein Gurtzeug und versuchte sich daraus zu befreien. Er kippte um, als Peter mit aller Gewalt anfuhr, und stöhnte auf. Simons Kopf, Simons Körper brannte wie Feuer.
Der Engel löste den Helm von Simons Kopf und strich ihm die Haare aus dem Gesicht. Sie lächelte, soviel sie konnte. Sogar ein bißchen mehr.
Ihr Atem roch wie die Gischt einer sprudelnden Quelle. Simon hatte unbändigen Durst. Er zog den Engel zu sich heran und küßte sie. Und sackte völlig erschöpft in ihren Schoß. Der Engel streichelte Simon über den Kopf, über Stirn und Schläfen, und begann zu singen, ganz leise, ganz nahe an seinem Ohr.
Der Engel wohnte nicht weit entfernt.
Als sie sich mit Simon in ihr Bett legte, behielt sie die Strumpfhose an. Sie hatte es nicht eilig.
Simon machte sich ganz klein und schmiegte sich an den Engel. Sie habe einen Eilauftrag für das Jubiläumsfest, den gesamten Kostümbestand einer Theatergruppe, noch abarbeiten müssen, hörte Simon sie flüstern. Doch schon war er versunken in die seeligen Tiefen völliger Erschöpfung.
Peter blieb im Wohnzimmer zurück.
Peter kämpfte an gegen seine Tränen.
{20}
Auch der Portier sprang.
Er hatte den Morgengottesdienst abgewartet und war dann durch das inzwischen renovierte Hauptportal in die Kirche geschlendert, hatte sich bekreuzigt, aus Anstand, hatte sich gleich nach rechts gewandt und war durch eine unverschlossene Türe in ein Treppenhaus gelangt.
Der Portier stieg ganz hinauf, auch er, zuletzt den Zimmermannssteig, bis über die Glocken.
Auch er genoß den grandiosen Ausblick. Kein Wölkchen am Himmel.
Auch er stand gebückt zwischen den Pfeilern.
Der Portier rauchte den Joint, den er knapp unter Schulterhöhe mitsamt eines Sturmstreichholzes in einer Ritze steckend gefunden hatte.
Der Portier legte keinen Fallschirm an.
Der Portier wartete auf keinen Glockenschlag.
Der Portier ließ sich einfach nur nach vorne fallen.
{21}
Der mit seinen knapp siebenhundert Metern höchste Hügel der Umgebung lag noch in der Steppe, seine Hänge waren steil und vor garnicht so langer Zeit noch regelmäßig von schutzbietenden Bäumen und Felsen befreit worden. Inzwischen jedoch waren Überfälle, Sabotageakte oder schlichter Diebstahl von den örtlichen Clanführern untersagt und so hatte sich ein üppiger Sekundärbewuchs aus Sträuchern und Pionierhölzern in die Hänge gekrallt, ein seltsam helles, munteres, flächig aufstrebend junges Grün, das sich von der alteingesessenen, grob gedrungenen, fleckigen Fahlheit der umliegenden Hügel auffällig abhob.
Doch das Auffälligste an diesem Hügel war dessen fehlende Spitze.
Die steilen Hänge des Hügels hörten mit einem Male auf, höher zu steigen, als sei der Weltenschöpfer hier in seinem frühen, noch nicht von Selbstzweifeln zerfressenen Übermut mit einem einzigen, grundlosen, zweckfreien Machetenschlag zuwerke gewesen. Eine etliche Fußballfelder große Ebene bildete den unvermittelten Abschluß des Hügels.
Doch der Mensch, der liebende und noch viel mehr der hassende, findet stets einen Sinn in Gottes blinder Willkür und so hatte die Militärführung das Plateau in ein Flugfeld verwandeln lassen, das zu Zeiten, als der Krieg ums jeweilige Vaterland noch nicht durch private Interessen zur bloßen Maskerade degradiert war, große strategische Bedeutung besaß. Von diesem Hügel, von diesem Plateau mit seinem Flugplatze aus wurde, als die örtlichen Clanführer noch nicht zu willfährigen Subunternehmern des russischen Machttriumphirats verkommen waren, das gesamte Steppengebiet bis hin zu Fluß und Grenze überwacht.
Die Flugpiste der Anlage, ein Quadrat aus aneinandergereihten Betonplatten, nahm die Hälfte der gesamten Plateau-Fläche ein. Im Nordwesten stand der Turm des Towers, integriert in das L-förmige Verwaltungsgebäude.
Dahinter, in einigem Abstand, kleiner und von rechteckiger Form, befand sich die Mannschafts-Kantine mit den angeschlossenen Vorrats- und Gerätschaftsschuppen.
Gleich daneben standen ein paar Garagen und quer dazu schließlich das Mannschaftsheim, breiter und länger als die Kantine. Hinter dem Mannschaftsheim versanken die Gerippe eines ausgebrannten Lasters und eines ausgeschlachteten Helikopters in sonstigem Müll aus zerborstenen Transportcontainern, verbeulten Ölfässern und Bergen von Bauschutt.
Etwas näher zur Flugpiste versetzt lagen die beiden Hangars mit ihren typischen Wellblech-Runddächern. Eine majestätische Mi28 war davor geparkt. Ein fliegender Koloß mit weiten, fast bis zum Boden herablangenden Rotorblättern. Soldaten entluden gerade Fracht, die sie auf drei umstehende Lkw verteilten. Ohne Ordnung über den angrenzenden Teil des Rollfeldes verstreut, standen zwei Mi8 und ein paar An2 herum.
Stacheldrahtzaun, parallel gefolgt von einem hellen Schotterweg und bullige, niedrige Türme umschlossen das gesamte Areal. Seit dem Aufblühen der Geschäftsbeziehungen unter den Feinden waren die Türme nicht mehr besetzt.
Der Hubschrauber war einer unasphaltierten Straße gefolgt, die in leichten Umwegen auf den enthaupteten Hügel zuführte, ihn rechts umging und dahinter bald in den ersten echten Bergen des angrenzenden Gebirges verschwand. Obwohl es schon dämmerte, war es nicht kühler geworden. An Simons Schläfen klebte Salz und Staub.
Von Norden kommend hatten sie in einem ausladenden Linksschwung die Kasernengebäude umflogen und waren, in einigem Abstand zur großen Mi, zwischen Piste und den beiden Hangars gelandet.
Endlich waren sie da.
Dritter Teil: Aufschub
{22}
Manchmal spürte Skotonov schon jedes einzelne cl.
Manchmal spürte Skotonov erst die ganze Flasche.
Manchmal sah Skotonov schon mit dem ersten Schluck die dunklen, vollgesogenen Wolken heranziehen, sich häßlich und träge über die weite Ebene des Hirnes wälzen, ein seltsam ungesunder, seltsam faszinierender Druck zwischen den Ohren, ferne polternder Stahl, ferne zischender Phosphor, und dann frischte der Wind auf, immer öfter, immer näher, immer stärker, sich selbst anfachend, sich selbst heranpressend zu Bruch und Brodem, und schon war auch Skotonov mittendrin. Am Ende.
Manchmal, erst nach dem letzten Schluck, überfiel es Skotonov aus heiterem Himmel, eben noch hehre Atemluft, welleweich und teilchenklar, Licht aller Sonnen, Hofdamen der Ordnung, da spaltete ihm ein Eisesblitz, mitten aus der Herzenshöhle, voller vergessener Verzweiflung, voller erstickender Abscheu, den staunenden Schädel. Donnerschlag der Ablehnung, elementene Eitelkeit, eine Brunst des Vakuums, die auch ein letztes Röcheln in die leere Flasche nicht mehr zu löschen vermochte.
Seit seiner vorzeitigen Pensionierung spürte Skotonov nur noch bodenlose Leere, abgrundtiefes Nichts, das er unablässig mit Lebenswasser zu füllen hatte, um nicht gänzlich darin zu versinken. Natürlich akzeptierte Skotonov die Entscheidung seiner Vorgesetzten, schließlich war es ein Befehl. Vielleicht verstand er die Entscheidung sogar, doch er konnte hier nicht fort. Das Plateau war seine Welt, sein Universum, sein Paradies. Hier wollte Skotonov auch sterben, hier und nur hier mußte Skotonov begraben sein. Sonst hätte er den Weg verfehlt und würde in der Hölle landen.
Skotonov konnte hier nicht fort.
{23}
Im Anschluß an die Landung, noch das Dröhnen in den Ohren und das Vibrieren in den Füßen, hatte Peter sogleich einem der wartenden Soldaten den Befehl erteilt, das Gepäck von Ben und Simon in die ihnen zugewiesene Stube des Mannschaftsheims zu bringen, und die beiden mit stolzer Stimme eingeladen, Peter zu begleiten auf seinem Weg hinüber zum Verwaltungsgebäude, wo er selbst die heutige Nacht zu verbringen gedachte. So könnten sie, solange es noch hell war, all die baulichen Veränderungen in Augenschein nehmen, die hier während der letzten Wochen vonstatten gegangen waren. Ab heute Mitternacht, sobald die Arbeiten endgültig abgeschlossen waren, sei das Verwaltungsgebäude und der Garten striktes Sperrgebiet, das von Unbefugten, zu denen natürlich auch die Springer gehörten, nicht mehr betreten werden durfte.
Ben winkte nur ab und trottete seinem Gepäck hinterher.
Seit er seine vertrottelte Schwester geschwängert habe, sei er noch weniger zu irgendetwas zu gebrauchen als je, Ben scheine nichteinmal mehr Interesse an seinen erträumten Geschichten zu haben, raunte Peter erbost. Daß Simon um seine Begleitung gebeten habe, sei ihm von Anfang an unbegreiflich geblieben.
Ben sei doch immer dabei gewesen, nicht nur letztes Mal hier oben auf dem Plateau, gab Simon erschrocken zurück. Und daß Ben seine baldige Vaterschaft unter den gegebenen Bedingungen nur noch ein wenig nachdenklicher machte, könne Simon im Gegensatz zu Peter sehr gut nachvollziehen.
Simon fühlte sich wohl in Bens Gegenwart. Simon betrachtete Ben als sein Maskottchen, als seinen Glücksbringer.
Was diesen contest anging, so benötige Simon kein Glück, sondern starke Nerven. Peter winkte mit unverhohlener Verachtung ab und wies auf mehrere, weißglänzende Baldachine, die am Ende des betonierten Flugfeldes in Richtung des Verwaltungsgebäudes aufgestellt waren.
Hier würde die Eminenz den Privatjet verlassen und von dem kürzlich neu eingesetzten Leiter des Fliegerhorstes, den einheimischen Clanführern und natürlich auch von Peter selbst unter musikalischer Begleitung durch das Kammerorchester der Bezirkshauptstadt begrüßt werden. Nach einem kleinen Umtrunk und den Jubelrufen der Ehrenkompanie plante Peter, die Eminenz höchstpersönlich zur bereitstehenden Kutsche zu führen. Einem offenen Vierspänner, den Napoleon einst in Moskau zurückgelassen hatte.
Auf der Prachtstraße, wie Peter es nannte, in der königlichen Karosse, würde er die Eminenz dann durch das Haupttor geleiten, das in den als Sichtschutz das Verwaltungsgebäude und den Garten umgebenden Erdwall eingelassen war.
Peter und Simon schlenderten die Prachtstrasse entlang. Und tatsächlich, was vor einem halben Jahr, Simon erinnerte sich, noch ein schmaler, löchriger Kiesweg gewesen, war nun zu einer glänzend schwarz asphaltierten, mit Bordsteinen versehenen, zweispurigen Trasse ausgebaut worden. Eine Allee gar, denn die Strasse war eingefaßt von gemulchten Streifen, auf denen sich gußeiserne, dreiarmig verschnörkelte Laternen und große Tontöpfe mit getrimmten Zierbüschen und blühenden Bäumchen aneinanderreihten.
Die Um- und Ausbaumaßnahmen waren in vollem Umfange abgeschlossen. Fast alle Arbeiter hatten das Plateau bereits verlassen. Nur noch die beiden Gärtner waren hier, standen abgewandt und mit krampfhaft gesenkten Köpfen an den Tontöpfen und versprühten ein Aerosol unter die Blätter der Büsche und Bäumchen. Doch auch sie würden noch heute Abend ausgeflogen werden.
Peter und Simon waren durch den hohen Torbogen des Erdwalls in den Garten vor das Verwaltungsgebäude gelangt.
Da sich die Ankunft der Eminenz und seines Zirkels auf dem Plateau um 24 Stunden verzögere, was wohl, wie Peter mit einem süffisanten Schulterzucken einschob, mit der Ergebnisfindung der in Moskau in Kürze anstehenden Bürgermeisterwahl zusammenhänge, so sei auch die Austragung des golow-contests um einen Tag verschoben worden.
Peter belächelte die Enttäuschung, die Simon mit einem unwirschen, ja fast beleidigten Atmer hervorstieß. Peter belächelte die Sehnsucht, in der sich Simon nach seinem Engel verzehrte.
Es bestehe kein Grund zur Eile, Simon werde seine Exfreundin ja bald wiedersehen, versicherte Peter. Nur womöglich ohne die Million. Denn ob Simon in der Lage sei, das Preisgeld zu gewinnen, das wolle Peter nicht beschwören.
Er werde diesen contest gewinnen, unterbrach Simon ihn schroff. Niemals barg ein Sieg mehr Sinn, mehr Zukunft, mehr Liebe in sich. Ohne die Million würde ihr Wiedersehen in einem Meer von Traurigkeit vergehen. Ohne die Million würde ein Wiedersehen nicht stattfinden.
Die Konkurrenz sei härter denn je, fuhr Peter ungerührt fort. Zum einen sei die Verzweiflung, welche die Eigengewächse des Zirkels antreibe, weitaus größer als Simons Verzweiflung. Denn öffneten die Eigengewächse des Zirkels ihre Fallschirme zu hoch, entkämen sie zwar dem tötlichen Aufschlag, aber dem noch viel tötlicheren Zorn der Eminenz und seines Gefolges würden sie nicht entrinnen. Die Eigengewächse sprängen um ihr Leben, Simon dagegen nur um seine Liebe. Zum anderen sei die Verzweiflung, welche die Topleute der Szene antreibe, weitaus geringer als Simons Verzweiflung. Denn öffneten die Topleute der Szene ihre Fallschirme zu tief, entkämen sie zwar nicht dem tötlichen Aufschlag, aber der noch viel tötlicheren Sinnlosigkeit ihres Daseins seien sie dann endlich entronnen. Die Topleute sprängen für ihr Sterben, Simon dagegen nur für seine Liebe.
Wer den Wahnsinn eines golow-contests wegen einer Frau mitmache, Peter glaube übrigens nicht an Engel, der sei schon zu schwach, um zu leben, aber noch zu stark, um zu sterben. Peter wolle ganz ehrlich sein, und dabei strich sich der Zeremonienmeister mit der Hand über den Mund, als könnte er dadurch sein Lächeln verbergen, Simon gehöre jetzt wie Ben nur noch zum Mittelfeld. Die Konkurrenz springe um die Gänze ihres Lebens, für die Gänze ihres Sterbens. Simon dagegen nur, weil er in seiner plötzlich erwachten Daseins-Angst sowohl vor dem einen wie auch vor dem anderen beinahe kläglich ein Mehr an Liebe erhoffte.
Aber vielleicht irre er sich ja, er habe Simon schließlich oft genug als Sieger vom Platze gehen sehen, schloß Peter. Wieder mit den Schultern zuckend, süffisanter noch und doch ganz sicher.
Diese Hoffnung auf ein Mehr an Liebe sei sein ganzes Leben, sei sein ganzes Sterben, erwiderte Simon tonlos, tatsächlich fast ein wenig kläglich.
Darum habe er ihn zu diesem contest eingeladen, sprach Peter mehr zu sich als an sein Gegenüber gewandt. Was Simon denn nun von den Umbaumaßnahmen halte, die er hier als Zeremonienmeister des Zirkels ins Werk habe setzen lassen, fragte Peter, schon wieder laut und deutlich lächelnd.
Auch Simon lächelte wieder. Er war froh, daß Peter das Thema wechselte. Er könne stolz auf sich sein, antwortete Simon rasch. Er habe wirklich ganze Arbeit geleistet.
Peter deutete eine Verbeugung an.
In dem Rondell, wie Peter den innerhalb des Erdaufwurfes angelegten, mit Rollrasen ausgelegten Garten nannte, waren die Büsche und Bäumchen der Allee ersetzt durch Palmen, Bambus, Oleander und Riesenfarne. Im Zentrum des Rondells stand ein Springbrunnen. Dessen Sockel trug eine flache, ausladende Muschel, in deren Mitte drei lebensgroße Nymphen, Rücken an Rücken, aus hochgereckten Kelchen das Brunnenwasser über ihre üppigen, nackten Körper vergossen.
In loser Ordnung über die Fläche des Rondells verteilt waren mannshohe Vogelbauer aufgestellt. Peter plante, während des Abschlußbanquetts einige der Huren in den Käfigen ihr Bestes zeigen zu lassen.
Der klapprige, wellblecherne Windfang, der einst zum Eingang des Verwaltungsgebäudes führte, war natürlich abgerissen worden. Die Türe zum Verwaltungsgebäude, nun aus dunklem, schweren Tropenholz und zudem um das Doppelte verbreitert, überschirmte ein Säulenbaldachin.
Eine großflächige, durch eine schmale Stufe leicht erhöhte Freiterrasse mit kniehohen Marmorzäunchen darum langte von dortaus in den Garten hinein.
Die Fenster des Verwaltungsgebäudes waren ausgetauscht und alle Wände neu verputzt und mit weiß gebeizten Längsbrettern verschalt worden. Um das Kolonialflair, auf das Peter und der junge amerikanische Architekt unbedingt Wert gelegt hätten, zu vervollkommnen. Am Turm des Towers waren sogar Fachwerkblenden angebracht.
Vom Tower aus würde die Eminenz und sein Gefolge den contest beobachten. Völlig unsichtbar und doch mit bester Aussicht. Zusätzlich seien sogar Video-Liveübertragungen von den Helmkameras der Springer und den Bodenstationen direkt auf die Bildschirme des Towers eingerichtet.
Peter leckte sich über die Lippen.
Den außergewöhnlichen Reiz dieser Veranstaltung um ein weiteres, unerhörtes Maß steigerte zudem die Tatsache, daß die erwarteten Einschläge sich zum ersten Mal in der Geschichte des Tiefgangs nicht auf weichem Wiesen- oder Sandboden ereignen würden sondern auf dem unnachgiebigem Beton der Flugpiste.
Simon hörte kaum zu. Simon stand auf der Terrasse, dachte daran, daß er sich so tatsächlich das Clubhaus eines südafrikanischen Luxusressorts vorstellte. Simon ließ seinen Blick über das Rondell schweifen, versuchte, sich die in totale Dekadenz versinkende Party vor Augen zu führen, welche hier stattfinden würde, nachdem einige Springer auf den Betonplatten des Landeplatzes zerplatzt waren. Simon versuchte, sich ein Bild zu machen von den Huren in ihren Käfigen, den livrierten Dienern, der kleinen, unermüdlich spielenden Kapelle, den hohen Herren mit ihrem Gefolge. Doch es blieben nur Schemen, geisterhaft und fremd.
Simon bemerkte, daß in den letzten Minuten, während er mit Peter die Allee durchschritten und das Rondell betreten hatte, die tiefe, gräulich-dunkelblaue Wolkendecke über ihnen an einigen Stellen auseinandergebrochen war, rostrot verblichene Lichtsäulen fielen herab, kaum noch den schweren Himmel stützend, und es trotz der vorgerückten Abendstunde noch ein paar Grade wärmer geworden war. Simons Tshirt klebte am Rücken und noch immer regte sich kein Lüftchen.
Simon versprach seinem Engel, daß sie beide in einem ebensolchen Luxusressort ihre Flitterwochen verbringen würden. Am Meer. Denn das fehlte hier. Unbedingt am Meer. Hand in Hand mit seinem Engel, barfuß den weißen, endlosen Strand entlangspazierend. Simon schloß die Augen und fühlte ganz deutlich die sanfte Brise, welche in wispernden Wogen vom unermeßlich weiten Meere her ihre vor Liebe pochenden Schläfen kühlte.
Simon hielt die Augen geschlossen und sah, wie sein Engel am Brunnen stand und lächelnd zu ihm herüberwinkte.
Peter trat ein paar Schritte unter dem Baldachin hervor und strich zufrieden über seinen zerknitterten Leinenanzug. Wo er nur bleibe, zum Träumen habe Simon später noch genug Zeit. Wenn er zurückgekehrt sei in das Mannschaftsheim, in seine Stube. Zu Ben, seinem Maskottchen.
Peters Schweiß stank nach Ammoniak.
Im Paterre des Clubhauses lag der Empfangssaal, das Büro, der Küchenbereich, eine kleine Wäscherei und dahinter die Kühl- und Lagerräume.
Militärverwaltung, Stab, Funk und Flugkontrolle waren für die kommenden Tage in den Keller verlegt worden.
Das Dienstpersonal des Clubhauses sollte bis morgen Früh eingetroffenen sein, gegen Mittag herum kamen die Huren und dann, am späten Nachmittag, würde man die Eminenz und seinen Zirkel zusammen mit deren persönlichem Troß auf dem Plateau erwarten.
Über den gesamten ersten Stock verteilt lagen die Suiten des Zirkels und deren Gäste. Locker durch Bögen dazwischengegliedert befanden sich das ebenfalls großzügige Clubzimmer mit Kamin, Bar und Billard, der Wellnessbereich mit Sauna, Massage- und Ruheraum und natürlich der Harem.
Im Harem gab es einen großen Gemeinschaftsraum mit einem überdimensionalen Bett, in dem sich die männlichen und weiblichen Huren aufhielten, wenn sie nicht gebraucht wurden. Die Huren durften den Harem nur auf Wunsch oder in Begleitung eines Zirkelmitgliedes oder dessen Gastes verlassen.
Im Harem gab es Zimmer, die nach den Wünschen der Zirkelmitglieder eingerichtet waren. Das obligatorische Kinder- und Schwesternzimmer, eine Sklaventoilette, ein darkroom und das sogenannte boystoy´s. Eine Mischung aus Dusche und Sexspielzeug-Laden, das sich einer der Zirkelmitglieder, ein Richter am Obersten Gerichtshof, Anus praeter mit Spitznamen, für seine shemales, ladyboys, Schäferhunde und sonstigen Lebensinhalte ausbedungen hatte.
Simon kam Skotonov in den Sinn. Wäre er nicht abgesetzt worden, so würde er in ein paar Tagen über drei großzugige, in zartem Lindgrün gehaltene, mit Parkett ausgelegte Zimmer, einen begehbaren Kleiderschrank, 120 Fernsehkanäle und ein steingefließtes Bad mit Whirlpool verfügen. Die Präsidentensuite, wie Peter den Privatbereich der Eminenz und seiner Frau nannte. Doch nun hatte ein anderer, der Neue, das große Los gezogen.
Der Rundgang sei noch nicht beendet. Peter flüsterte, obwohl sie im Garten und auch hier im Clubhaus niemandem begegnet waren. Einen Gast beherbergten diese heiligen Hallen bereits. Peters Augen blitzten schwarz und lüstern. Dieser Gast sei nicht freiwillig hier. Es handele sich um den Kundschafter eines konkurrierenden Kartells, den die einheimischen Clanführer als Treuebeweis an die Eminenz ausgeliefert hätten.
Peter führte Simon in den begehbaren Kleiderschrank der Presidentensuite, an dessen hinteres Ende, und zog einen Vorhang aus dunkelrotem Samt zurück. Eine schwere Stahltüre kam zum Vorschein. Der Weinkeller, kicherte Peter heiser. Er schob eine kleine Blende nach oben, warf einen kurzen Blick durch das freigelegte Guckloch und trat amüsiert zur Seite, um Platz zu machen für Simon.
Simon beugte sich ein wenig, schirmte die Augen mit seinen Handflächen ab und sah durch die kleine Luke.
In dem fensterlosen Raum hinter dem Guckloch befanden sich zwei weiße Klappstühle und eine mit weißem Kunstleder bespannte Pritsche. Zwei Aluminiumkoffer und eine Autobatterie standen herum. Von der Decke hing an einem kurzen Stück Kabel eine viel zu starke Glühbirne. Nicht genau darunter, etwas seitlich versetzt, stand ein Käfig. Ein Käfig aus schweren, verschweißten Stahlrohren, wie er von Zirkussen zum Transport von Großkatzen benutzt wurde.
In dem Käfig lag der Kundschafter. Nackt. Auf der Seite. Die Füße gefesselt, die Hände auf den Rücken gebunden und einen roten Gummiball im Mund.
Der Kundschafter rührte sich nicht, nur seine Augen rollten unentwegt in ihren Höhlen umher, verfolgten die beiden Sonnenstudio-gebräunten, zu monströsen Muskelpaketen aufgepumpten, mit piercings und Narben übersähten Kreaturen, die sich bis zur Ankunft der Eminenz darauf beschränkten, immer wieder auf den Käfig zu klettern und ihre Notdurft über den Gefangenen zu entrichten. Sie trugen nichts weiter als weiße Netzstrümpfe und weiße Stilettos, weiße Lederstrings und weiße Gasmasken.
Die Eminenz habe beschlossen, daß der Kundschafter den Sprungwettbewerb eröffnen solle, kommentierte Peter. Allerdings ohne Fallschirm. Die Eminenz habe zudem beschlossen, daß die beiden Pfleger den Kundschafter vermittels ihrer sehr speziellen Behandlung dazu bringen sollten, daß dieser sich freiwillig eine Rauchkerze in den Hintern schob und dann freudestrahlend aus dem Flieger sprang. Eine Kamera in der Kabine des Absetzfliegers würde den Vorgang in aller Schärfe in den Tower übertragen.
Die beiden Höllenwesen stapften aufgeregt um den Käfig herum und schimpften wild gestikulierend auf den Gefangenen ein. Drückten ihre hormonzerfressenen Hirne an die Gitterstäbe, zogen die Gasmasken hoch und bespuckten ihn. Kein Laut drang aus dem schallisolierten Raum hinaus, doch Simon war sich sicher, daß sie dem Gefangenen erzählten, was sie mit ihm anstellen würden, wenn ihnen die Eminenz endlich den Schlüssel zu seinem Käfig übergab.
Simon wandte sich ab und starrte in Peters Gesicht.
Simon suchte Peters Gesicht.
Doch Simon fand kein Gesicht.
Da waren Augen, Nase, Mund. Aber Simon sah kein Gesicht.
Wer war das da vor ihm?
Wie konnten sie beide nur jemals miteinander befreundet gewesen sein? Wie war es nur möglich, daß sie beide jahrelang gemeinsam durch die Welt gereist waren? Sieben golow-contests hatten sie beide zusammen durchgestanden. Wie war das alles nur jemals möglich gewesen?
Peter hatte inzwischen zwei dicke Bahnen Koks auf einem der Schrankregale ausgelegt und lud Simon mit einer ausgreifenden Armbewegung ein, näherzutreten. Simon schüttelte kaum merklich den Kopf. Er sei müde, er wolle ins Mannschaftsheim, auf die Stube. Zu Ben, seinem Maskottchen. Die Anreise sei anstrengend gewesen, er wolle sich endlich hinlegen und schlafen.
Er kenne ja den Weg, antwortete Peter knapp und senkte seinen Schädel über den Purpurstaub.
{24}
Die Gärtner in ihren grünen Overalls standen noch immer am Rande der Allee und pumpten krampfhaft gebückt das Schädlingsgift unter die Blätter der Büsche und Bäumchen.
Einer der beiden Gärtner blickte kurz auf.
Ein Versehen.
Der Gärtner sah sogleich wieder zu Boden. Folgte seinem Bick und verschwand darin. Bleich und angsterfüllt. Jener Blick war wirklich nur ein Versehen gewesen, ein Mißgeschick! Eine Regung. Eine dumme, unbedachte, eine blinde Regung.
Der Gärtner hatte nichts gesehen. Gott war sein Zeuge.
Hier sollte jeder tun, was er für richtig hielt. Wer hier etwas tat, hatte es sich nicht nur lange, sondern sicherlich auch gut überlegt. Oder sah zu Boden.
Der Gärtner preßte das Kinn auf die Brust. Der Gärtner tat nur seine Arbeit. Gott war sein Zeuge.
Es war nicht der erste dieser Art Aufträge. Der Gärtner wußte, schließlich wiederholte es der Kollege ständig, daß es bei diesen Aufträgen einzig und alleine nur darum ging, nichts zu verstehen und sich auf garkeinen Fall etwas zu merken. Dann war es auch nicht so wichtig, wie sie arbeiteten. Nur keine Orte, nur keine Namen und vor allem keine Gesichter. Auf garkeinen Fall. Nur darum ging es hier.
Der Gärtner strengte sich noch stärker an, zu Boden zu blicken.
Der Gärtner tat nichts als seine Arbeit.
Wenn der Kollege und er hier heute fertig waren, würden sie mit ihren Maschinen und ihrem Werkzeug wieder in einen Hubschrauber gepfercht werden und ausgeflogen. Im Hubschrauber würde er mit dem Kollegen wie jedes Mal Karten spielen und saufen, immer höhere Einsätze und die Gläser stets randvoll. Solange, bis fast der ganze Lohn an den Kollegen verspielt war und er selbst, endlich besinnungslos, nach vorne kippte.
Wenn er es doch nur schon bis dahin geschafft hätte!
Mit Freuden würde der Gärtner jetzt gleich auch den letzten Rest an Geld seinem Kollegen in die Tasche stecken. Wenn es doch nur schon soweit wäre...
Dem Gärtner im grünen Overall war es unbegreiflich, daß den Kollegen, welcher in sozialistischen Zeiten die Datschenanlagen der Nomenklatura gepflegt hatte, daß diesen hageren Zwerg überhaupt keine Furcht zu plagen schien.
Um den Gewinn zu maximieren, hatten sie bei ihren Arbeiten insgeheim auf jegliche Drainage verzichtet. Ein, zwei Stunden Regen und der ganze Garten und selbst der Erdwall würden einfach davonschwimmen.
Und was die Terrasse anging: da hatten sie auf einen soliden Unterbau verzichtet. Das Ganze konnte auch ohne Regen nicht lange halten.
Zudem leckte noch immer der Anschluß des Springbrunnens. Der Sockel hatte sich schon bis zur Hälfte hinauf mit Wasser vollgesogen. Die nachträgliche Lackierung taugte nicht einmal als Provisorium.
Und die Topfpflanzen hatten ja schon vor dem Transport irgendwelche Viecher abbekommen. Er sprühte, seit das Grünzeug heute morgen hier abgeladen worden war.
Der Kollege sagte, jeder Bautrupp hier habe so gearbeitet. Auf Geheiß des neuen Komandanten. Der würde allen voran den meisten privaten Reibach machen. Nichts im Leben sei, was der Anschein biete. Dafür nähme sich jeder zuviel vom Kuchen. Hauptsache, sie beide sahen immer nur brav zu Boden. Hauptsache, sie wußten von nichts. Nur keine Orte, nur keine Namen. Und vor allem keine Gesichter. Auf garkeinen Fall!
So stand der Gärtner da in seinem grünen Overall. Der Gärtner, der in einem früheren Leben Mathematiker gewesen war, sah starr zu Boden, pumpte, sprühte unentwegt und erwartete still sein Schicksal. Eine silbrig dicht und fein umsponnene Blüte oder ein warmer, dunkler Regentropfen, seinen Handrücken streifend, sich an diesen Ort erinnernd, an seinen Namen und an sein Gesicht. Und über ihn und diesen hingepfuschten Garten herfallend, ihn und dieses hingepfuschte Leben in einer miasmatischen Pestwolke vom zerbröselnden Fundament hinab in den Abgrund der Hölle reißend.
Der Kollege sagte, wenn er nur immer zu Boden sähe, würde nichts geschehen.
{25}
Brackiges, trotz all des zugesetzten Chlors faulig weiches Wasser prasselte auf Simon nieder.
Simon stand unter der Dusche und putzte sich die Zähne.
Simon spielte an der Mischbatterie herum. Mal kalt, mal warm, wieder kalt, wieder warm. Schließen, öffnen. Hin und her. Und schließlich nur noch kalt. Simons drückende Benommenheit, Simons Niedergeschlagenheit ließ nach, wich einer echten, ehrlichen Müdigkeit. Er war in die Hölle hinabgestiegen, um sie für immer zu verlassen. Mitleid machte hier keinen Sinn. Mitleid machte hier alles nur noch schlimmer. Mitleid würde ihn von seinem Engel entfernen.
Simon spuckte aus, drehte das Wasser ab, stellte sich vor eines der Waschbecken und pinkelte hinein. Simon freute sich, daß dieser Tag zuende ging.
Hier im Mannschaftsheim hatte niemand die Wände neu verputzt und frisch gestrichen, hatte niemand Marmorfließen verlegt, hatte niemand Stuckverblendungen angebracht. Hier im Mannschaftsheim war alles noch genauso heruntergekommen wie vor einem Jahr. Und das war gut so. Simon fühlte sich sicher.
Für morgen war ein Ausflug hinunter zum Fluß geplant. Zur Hütte mit dem kleinen Erdloch, in dem der Alte hauste.
Peter hatte dort für die Teilnehmer des contests ein barbeque organisiert. Auch eine kleine Mi2 würde bereitstehen, um ein paar lockere Fallschirmsprünge zu ermöglichen.
Doch Simon freute sich vor allem darauf, die Mutter und ihr Kind und auch dessen vergrabenen Schatz, den unaufhörlich quakenden Alten, wiederzusehen. Sie hatten es sich vor einem Jahr versprochen.
Simon sei ihr liebster Freier gewesen, hatte die Mutter damals zum Abschied erklärt, er sei so anders als all die brutalen Soldaten, all die tumben Bauern, all die verlogenen Pfaffen, er sei ihr niemals fremd und furchteinflößend gewesen. Auch dem Kind nicht, das doch so ernst und verschlossen geworden war, seitdem der Krieg sie beide hinaus aus der Stadt und dann, nach dem Unglück des Großvaters, hinein in jene einsame, trotz der vielen Besuche so schrecklich einsame Hütte am Fluß getrieben hatte.
Simons Gegenwart, wenn sie auch nur von kurzer Dauer gewesen sein mag, habe ihren Hirnen die glücklichen Zeiten der Vergangenheit in Erinnerung gebracht und ihren Herzen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft geschenkt. Auch wenn sie spüre, hatte die Mutter damals voller Wehmut gesagt, daß er nun froh sei, sie beide zu verlassen, sie verstehe das nur allzu gut. Schließlich sei er ausgezogen, um den Drachen zu töten und die Tochter des Himmelkönigs zu freien. Doch gerade deshalb solle er ihnen beiden das Versprechen geben, auf seiner weiten Reise irgendwann einmal wieder bei ihnen einzukehren.
Simon sei ein guter Mann, hatte die Mutter damals voller Vertrauen geflüstert und ihn auf den Mund geküßt.
Simon sei ihr großer Bruder, hatte das Kind damals hinzugefügt und ihm einen dicken, lauten Schmatzer auf die Backe gedrückt.
Der Boden im Waschraum war naß. Das schaumige Wasser floß nicht ab.
Simon stand auf ausgetretenen, gebrochenen Plastikrosten und sah um sich. Abgeplatzter Lack und grünlicher Schimmel hing in den Ecken. Die Spiegel vor Simon waren übersäht mit braunen Flecken. Im Fenster war es schwarz. Dicke, törichte, längst dem Tode geweihte Motten schwirrten um die zerbochene Deckenleuchte. Eine mondlos tiefe Nacht hatte sich über das Plateau gewälzt.
{26}
„Hast du nie daran gedacht, deinen Engel auch mit all den Schulden zurückzugewinnen?“ hatte Ben vorhin gefragt. Blicklos und ohne Ton hatte Ben vorhin in die Stube, in den Raum hineingefragt. Als sei überhaupt niemand in diesem Raum anwesend. Weder Ben selbst noch Simon. In diesem Raum war nur die Frage. Darum war Simon auch stumm geblieben. Simon zögerte. Simon überlegte, ob es nicht er selbst gewesen war, der gerade jene Frage gestellt hatte.
Ben konzentrierte sich. Ben horchte. Und Simon spürte Bens Nähe. Simon spürte, daß Ben hier und jetzt, in diesem Moment, die Wirklichkeit nicht als Abklatsch abtat. Hier und jetzt, in diesem Moment, vielleicht zum ersten Male in Bens Leben, hatte er all seine Hoffnung auf die Wirklichkeit gesetzt. Jetzt und hier wurden keine Geschichten begonnen. Jetzt und hier zählte nur die Antwort.
„Also, was ist, Simon? Hast du niemals daran gedacht, deinen Engel auch mit all den Schulden, die du angehäuft hast, zurückzugewinnen?“
Ben fragte. Ben horchte. Ben hoffte.
„Meine verdammten Schulden haben mich doch dazu verleitet, meinen Engel zu verlassen!“ schnaubte Simon. „Meine verdammten Schulden sind Symbol meiner Niedertracht. Meine verdammten Schulden müssen beglichen sein. Ich hasse meine Schulden. Ich muß sie loswerden. Erst dann werde ich der sein, der ich eigentlich bin. Begreif' das endlich, Ben!“
Simon holte Luft. Simon verstand nicht, warum er mit einem Male so gereizt war.
„Ich habe mir geschworen, meinen Engel auf einem Teppich von Rosenblättern zurück in ein gemeinsames Paradies zu führen, nicht sie bei Wasser und Brot in meine verkommene Bruchbude zu pferchen. Diese Million ist das Mindeste, das ihr gebührt.“
Ben schüttelte kaum merklich den Kopf. Ben flüsterte.
„Simon, du mußt fort von hier, so schnell wie möglich. Mach' dich gleich morgen früh auf den Weg nach Moskau. Wenn du deine Schulden haßt, dann haßt du auch golow.“ Ben sprach ohne Kraft. Die Worte fielen einfach in den Raum hinein. „Du hast hier nichts mehr verloren. So wie es hier für dich auch nichts mehr zu gewinnen gibt. Verschwinde von hier. Mach dich auf nach Moskau zu deinem Engel.“
Ben räusperte sich, fand Simons Blick und fixierte ihn.
„Du mußt weg aus dieser Hölle. So schnell wie möglich. Bevor es zu spät ist.“
„Diese Hölle ist in mir, Ben. Ich muß diese Hölle löschen. All seine Teufel darin niederringen. Ich kann nicht, ich darf nicht fliehen. Wenn ich fliehe, dann bleibe ich doch selbst nichts als ein Teufel!“
„Ein Engel braucht kein Geld, das sie schweben läßt. Ein Engel hat Flügel.“
„Ich habe meinem Engel die Flügel gebrochen. Mein Engel braucht einen Helden, der sie auf Händen trägt. Damit ihre Wunden heilen können. Aber noch sind meine Hände gebunden. Noch habe ich mich nicht zum Helden gemacht. Noch ist der Drache in mir nicht getötet.“
Simon sprach fest und ruhig.
„Und wenn sie längst einen anderen Helden gefunden hat?“
„Dann ist dieser Held eine Lüge. Nichts als eine Lüge“, hatte Simon geantwortet. „Doch Engel lügen nicht“, hatte Simon fester und ruhiger noch hinzugefügt, das Handtuch schon in Händen auf dem Weg aus der Stube hinüber zum Waschraum.
Vielleicht irre er sich ja, er habe Simon schließlich oft genug als Sieger vom Platze gehen sehen, schloß Ben, ohne daß Simon es noch hören konnte. Wieder mit den Schultern zuckend, voller Hoffnung noch und doch schon voller Trauer.
{27}
Skotonov war nicht mehr im Amt. Büro und Stube waren geräumt.
Skotonov streunte seit Tagen über das Plateau. Er schlief auf einem der Wachtürme oder hinter der Kantine. Skotonov wollte, Skotonov konnte hier nicht fort.
Wenn der hintere Teil des Rollfeldes ein wenig eingeschränkt würde, wäre es doch ein leichtes, dort ein Gemüse- und Kräuterfeld anzulegen. Auch sollte der neue Kommandant Obstbäume pflanzen lassen. Der Zaun, der das Plateau umschloß, sei nachgeradezu ideal dafür. Skotonov träumte von Brombeerhecken und Haselnußsträuchern, von Blumenbeeten und Honigbienen, von himmelblauen Apfelblüten, blutroten Tomaten und von saftig grünem Lauch.
Skotonov hatte schon Pläne gezeichnet. Es wäre sogar ohne Probleme möglich, an den Hängen des Hügels Wein anzupflanzen.
Der Neue übersah zudem völlig, wie gut, wie einfach in den Garagen Kühe und Schweine gehalten werden konnten. Und Hühner. Und Kaninchen. Ja sogar Pferde.
Alles würde reibungslos verlaufen.
Skotonov solle sein versoffenes Maul halten und endlich von dem Plateau verschwinden, hatte der Neue geantwortet.
Skotonov schüttelte den Kopf.
{28}
Simon schlug sich das Handtuch um und kehrte auf die Stube zurück.
Die übliche Kasernen-Unterkunft. Zwei rostige Stockbetten, zwei rostige Doppelschränke, ein rostiger Tisch, vier rostige Metallstühle und ein rostiger Abfalleimer.
Und ein forscher Pinselstrich als Poster. Ein Soldat in Heldenpose, überstrahlt vom roten Stern an seiner Mütze. Kopfschuß oder Bethlehem, fragte sich Simon auch jetzt wieder.
Sie waren die einzigen im oberen Stockwerk. Die anderen Springer aus der Szene, Biff, David und Ilario, würden noch vor Mitternacht eintrudeln. Ihr Transport war bereits gemeldet.
Die Eigengewächse des Zirkels kamen erst morgen Abend mit dem Troß der Eminenz. So neugierig Simon auch auf diese seltsamen Züchtungen war, Peter hatte erwähnt, daß sie absolutes Kontaktverbot erhalten hatten. Simon würde sie also erst mit Beginn des contests in Augenschein nehmen können.
Ben hatte das Stubenlicht abgedreht und eine Kerze entzündet.
Ben saß auf einem der Betten und hatte das Gesicht in seine Hände gelegt.
Ben weinte.
Die Großmutter wisse, daß seine Schwester von ihm schwanger sei. Sie habe ihn angezeigt. Per Eilverfahren sei ihm schon die Vormundschaft entzogen, jeglicher Kontakt verboten, und der Termin für die Abtreibung bereits anberaumt. Seine kleine, törichte Schwester glaubte auch den Geschichten der Großmutter, hielt den Arzt für einen Geburtshelfer und den Richter für einen Pfarrer. Und ihn selbst, Ben, für einen Toten.
Was Ben dann hier oben auf dem Plateau zu suchen habe, fragte Simon verblüfft. Er solle sofort nach Hause in die Staaten zurückkehren und seiner Schwester zeigen, daß er noch lebt, daß er sie noch immer liebt. Selbst wenn Ben dafür im Gefängnis landen sollte.
Er sei auf diese Reise mitgekommen, flüsterte Ben, seine Tränen hinunterwürgend, um Abstand zu gewinnen von seiner zerbrechenden Welt. Um seine Verzweiflung zu überwinden und Kraft zu sammeln für eine Zukunft, von der er selbst bisher nur schemenhaft ahne, wohin sie ihn führe. In die Staaten werde er nicht mehr zurückkehren.
Ben sah blicklos durch Simon hindurch. Die Großmutter halte seine Schwester an einem geheimen Ort versteckt. Er werde seine Schwester nicht finden. Er werde seine Schwester niemals wiedersehen.
Ben gab ein qualvolles Stöhnen von sich, dann winkte er kraftlos ab und kroch unter das Bettlaken, drehte sich, das Tuch über seinen Kopfe ziehend, zur Wand und rührte sich nicht mehr.
Die Kerze auf dem Tisch brannte still und ruhig, verströmte einen nachtzarten Schein um sich.
Ein kurzer Windstoß kam durchs Fenster. Die Flamme bog sich, knisterte, flatterte. Schattenspiele zogen durch die Stube. Über den Tisch hinweg, an dem Simon saß, über die Stühle, den Schrank, über das Laken, unter dem Ben verschwunden war.
Simon wartete. Doch nichts weiter geschah. Auch die Kerzenflamme brannte wieder klar und regungslos.
Simon riß die verzwirbelte Spitze vom Joint, den er sich vor dem Duschgang gerollt hatte, brach ein Streichholz aus dem zerknitterten Heftchen und hielt den Schwefelkopf in die Flamme der Kerze. Wild zischend, schnell und gleißend weiße Funken sprühend entzündete er sich. Aber auch sofort war aller Zauber, alles Feuerwerk vergangen, war da nur noch ein fahles, bläulich-grün wimmerndes Glimmen, das langsam und schwach auf Simons Fingerkuppen zukroch. Bis es schließlich auf halbem Wege erlosch.
Simon wartete. Doch nichts weiter geschah.
Simon hatte jede Lust auf einen Joint verloren.
So ging auch Simon schließlich zu Bett. Kroch unter das Laken, drehte sich, das Tuch über seinen Kopfe ziehend, zur Wand und rührte sich nicht mehr. Simon versuchte, an seinen Engel zu denken. Simon fühlte, wie sie ihn leise an sich drückte. Sein Engel war so nah.
{29}
Simon war kaum erwacht, hatte die Augen noch nicht geöffnet, hatte noch keinen Gedanken gedacht, da spürte er schon, wie hungrig er war. Der Magen knurrte und die Zunge fuhr suchend in der Mundhöhle herum.
Simon erhob sich und schlüpfte in seine Kleider. Er hatte lange geschlafen und fühlte sich erholt von den Strapazen der Anreise. Diffuses Mittagslicht hing in der Stube. Durch das Fenster sah Simon eine tiefe, trübe Wolkendecke über dem Plateau hängen. Es war schwül. Ein Schweißtropfen rann Simons Rückgrat hinab und kitzelte ihn. Er erinnerte sich, daß für den Abend schwere Gewitter gemeldet waren.
Die Kerze auf dem Tisch war längst niedergebrannt und in ihrem Unterteller zu einer kleinen Wachspfütze erstarrt. Das halb verkohlte Streichholz, das gestern vor Simons Augen so kläglich verlosch, war darin eingeschlossen wie in einem goldenen Bernstein.
Simon starrte auf den Joint, der neben dem Unterteller lag. Der letzte Joint seines Lebens. Und er würde ihn nicht rauchen. Simon fühlte keine Wehmut. Je näher er seinem Engel kam, desto mehr fielen all die Irrungen und Wirrungen von ihn ab, all die Fehler und Unsinnigkeiten, welche Simon sein Leben lang angehäuft hatte. Simon fühlte die Reinheit, die Leichtigkeit, die ihm die Liebe zu seinem Engel verlieh.
Kurz dachte Simon daran, den Joint aufzuheben, ihn ebenfalls in geschmolzenem Wachs einzugießen. Ihn als Souvenir zu verewigen. Doch sogleich verwarf Simon diesen Gedanken, nahm den Joint und beförderte ihn voller Stolz in den rostigen Abfalleimer.
Ben lag noch immer regungslos unter dem grauen Laken.
Simon ließ ihn schlafen. Ben hatte Ruhe nötig.
{30}
Simon verließ die Kantine und schlenderte quer über das Rollfeld zum hintersten Wachturm. Einer der Soldaten hatte, während Simon am Nebentisch gerade sein Frühstück mit einem großen Glas Kefir beendete, voller Verachtung davon gesprochen, daß Skotonov sich noch immer der Weisung des Neuen widersetzte und auf dem Plateau herumstreunte. Skotonov habe doch gestern Nacht erneut versucht, in das Verwaltungsgebäude einzudringen und sei, nachdem es diesmal zwischen ihm und den Posten zu einer ernsteren Auseinandersetzung gekommen war, in Richtung des westlichen Wachturms verschwunden.
Die beiden anderen Soldaten hatten ihrem Kameraden schweigend zugehört und schließlich ausgespuckt.
Wie es hieß, habe der Neue einen Tobsuchtsanfall bekommen, nachdem einer der Posten von dem Vorfall noch in der Nacht Bericht erstattet hatte.
Die Kameraden nickten.
Simon stieg die breiten Stufen des Wachturms hinauf und betrat den Ausguck. Alle Einrichtung war daraus entfernt worden. Selbst von dem großen, schweren Scheinwerfer, mit dem die Diensthabenden vormals die Hangflächen ausgeleuchtet hatten, war nur noch die Bodenverankerung geblieben.
Skotonov kauerte in einer Ecke, umgeben von leeren Wodkaflaschen und Stapeln bekritzelten Papiers. Er trug eine zerrissene, blaue Uniformhose und ein ehedem weißes, jetzt blutverschmiertes Hemd mit großen, goldenen Epaulletten. Skotonovs Hände waren von den Unmengen Alkohol, die er in den letzten Tagen in sich hineingeschüttet haben mußte, zu violetten Pranken geschwollen. Stiefel waren ihm abhanden gekommen.
Skotonov hatte Simon nicht bemerkt.
Simon trat an den abgesetzten Flugplatz-Kommandeur heran und sah ihm über die Schulter. Skotonov zeichnete Pläne. All die Stapel Papier, die er um sich aufgeschichtet hatte, all die losen Blätter, die im Raume umherlagen, waren über und über mit Kreisen und Rechtecken, mit Pfeilen und Beschriftungen versehen.
Skotonov bemerkte Simon noch immer nicht. Er war völlig in sein Schaffen versunken.
Simon räusperte sich.
Skotonov führte eine Schraffierung zuende, dann schob er den Stift hinter ein Ohr und hob den Kopf unwillig zu Simon empor.
Nach einigen Augenblicken des Schweigens mußte Simon einsehen, daß dieses von Schrammen und Blutergüssen entstellte Gesicht ihn nicht erkannte. Es nichteinmal versuchte.
Nachdem Skotonov sich mit einer Verwünschung wieder über seine Zeichnungen gebeugt hatte, wandte auch Simon sich ab, legte das Päckchen mit Brot, Wurst, ein paar Eiern und einer Flasche Wodka, das er sich vorhin hatte mitgeben lassen, neben einen der Papierstapel und verließ den Wachturm.
{31}
Auf seinem Weg zurück zum Mannschaftsheim hatte Simon lange nicht erkennen können, was da knapp unterhalb der tiefen, grauen Wolkendecke auf die Kaserne zuflog.
Es war die große, majestätische Mi28 von gestern Abend, die an langen Stahlseilen eine Plattform unter sich herzog, auf der eine Kutsche festgezurrt war. Jener Vierspänner, den Napoleon zu Beginn seiner Flucht einst in Moskau zurückgelassen hatte.
Die Mi28 landete nicht. Ihre Piloten ließen Plattform und Kutsche watteweich vor den beiden Hangers auf dem Boden aufsetzten, betätigten die Automatik, welche die Stahlseile vom Rumpf des Helikopters abkoppelte, warteten das Signal ab, das ihnen ein Soldat außerhalb der aufgewirbelten Staubwolke gab und ließen den riesigen Leib ihrer Königin schon wieder in die Lüfte steigen. Nichteinmal fünf Minuten hatte das Anlanden und Löschen der Ladung in Anspruch genommen, dann hatte die Mi28 donnernd über Mannschaftsheim und Kantine abgedreht und war Richtung Norden verschwunden.
{32}
Die Hütte lag am Rande eines schmalen, schütteren Wäldchens, nur einen Steinwurf vom Grenzfluß entfernt. Sie war aus massiven, unverputzten Steinquadern errichtet, ihr kaum merklich geneigtes Holzdach war mit grauen, verwitterten Schilfbündeln abgedeckt. Auf der Seite zum Fluß besaß sie eine kleine Veranda, die von einer verschnörkelten, mit bunten Farben frisch bemalten Balustrade umgeben war. Von hier aus sah man zur Brücke hinüber, deren Stahlträger in drei flachen Bögen über Kiesbett und Wasser langten. Die Straße, welche die Brücke trug, schlängelte sich jenseits des Flusses durch ein noch immer nicht gräumtes Minenfeld, ein Überbleibsel aus der heißen Phase des Krieges. Die großen, gelben Warnschilder leuchteten erhaben in der grauen Steppe.
Vor der Veranda hantierte der zahnlose Koch an seinem Grill.
Das Erdloch neben der Hütte war zugeschüttet und mit einem schlichten, etwas schief geratenen Holzkreuz versehen. Ein paar schmutzige Gänsefedern waren davor in den Boden gesteckt.
Der Koch, ein Bauer aus einem der russischen Dörfer jenseits des Flusses, hatte Simon erzählt, daß der Alte, einen Monat mag es jetzt wohl hersein, plötzlich aufgehört hatte zu quasseln und nach seiner ersten stummen Nacht sogleich verstorben war.
Die Mutter, nicht unvermögend inzwischen, habe einen Popen kommen lassen und ihn durch ein eindringliches Gespräch auf der Bettkante überzeugt, den Alten in seiner letzten Wohnstätte auf ewig zur Ruhe zu betten.
Die Mutter sei gerade auf dem Weg in die Bezirkshauptstadt, um ihr Kind dort in einem neueröffneten Internat unterzubringen, in dem man viele fremde Sprachen lehrte. Der Pope hatte ihr diesen Ratschlag erteilt, als er am nächsten Tag, in aller Herrgottsfrühe, eilenden Schrittes die Hütte verließ.
Aber für Ersatz sei ja gesorgt. Simon solle nur schnell in das Hinterzimmerchen der Hütte gehen, wo sich bereits die beiden anderen Ausländer vergnügten. Sein Mitbringsel sei ein unermüdliches, vor Kraft strotzendes Roß, das auch noch einen weiteren Hengst vertragen könne, fügte der zahnlose Koch laut mit der Zunge schnalzend hinzu.
Ben und Simon hatten den ersten Transport mit David und Ilario heute morgen zur Hütte verpaßt und waren schließlich mit der Mi2, die den Springern während des barbeques zu ein paar Spaßsprüngen verhelfen sollte, am frühen Nachmittag nachgekommen.
Biff war auf dem Plateau zurückgeblieben, da er den Tag nutzen wollte, um in seiner Stube auch noch einen dritten Tag zu fasten und endlich ungestört beten zu können. Biff fand, golow dürfe es ohne einen Gottesspringer nicht geben. Biff liebte seinen Gott und er ging low, um dem Teufel zu zeigen, wie unendlich groß der Glaube seines Gottes war.
Biff fand, er sei ausersehen, den Teufel zu bekehren.
Weder Ben noch Simon verspürten Lust, das Hinterzimmerchen der Hütte zu besuchen. Das Lamm, das der Koch unermüdlich über dem Grill drehte, würde noch ein wenig Zeit benötigen und so stimmte Sancho, der auch jetzt wieder ihr Pilot war, Bens Vorschlag zu, doch in der Zwischenzeit, bis David und Ilario und auch das Lamm endlich fertig waren, einen kleinen, gemütlichen Fallschirmsprung zu setzen.
Ben erklärte, gleich unterhalb der Wolken seinen Schirm zu öffnen und eine langgezogene, die herrliche Aussicht genießende Fahrt zu unternehmen. Simon dagegen plante, einen Tiefgang unter Wettbewerbsbedingungen durchzuführen. Simon wollte sich einstimmen auf den morgigen Wettbewerb.
Auf seinen Sieg und den Gewinn seiner Million.
Auf die Vereinigung mit seinem über alles geliebten Engel.
Simon fühlte, wie sie ihm über das Haar strich und ganz leise dazu sang.
{33}
Die Steppe war leer, durch kleine Brüche in der tiefen, dunklen Wolkendecke fiel weißes, hartes Licht in schmalen Streifen zu Boden und pflügte mit scharfen Konturen durch das durstige Land.
Die Luft der Steppe war wie Glas.
Simon hatte mit laufender Helmkamera an der Brücke einen Rundgang begonnen. Er filmte in das Minenfeld hinein, das jenseits der Grenze bis an das Flußufer heranreichte, faßte mehrere der gelben Warnschilder in Großaufnahme, rückte nach einem Schwenk über Veranda und Hütte den wieder zungeschnalzenden Koch mit Grill und Lamm ins Bild und begleitete schließlich Sancho zum Hubschrauber hinüber, vor dessen offener Seitentüre nun auch Ben sich anschickte, seinen Fallschirm anzulegen.
Ben war ungewöhnlich fröhlich, gar übermütig. Er trat grinsend an das Objektiv der Kamera heran, schnitt eine wenn auch etwas verünglückte Grimasse und begann aufgeregt davon zu erzählen, wie schwer es gewesen sei, den Drachen überhaupt ausfindig zu machen. Weib und Burg habe er vor Jahrhunderten verlassen, sei mit Freund und Feind durch so manche Welt gewandert und hatte das Ziel schon beinahe vergessen, da er einem dumpfen, tumben Zauber erlegen war. Doch die Pflicht, die Aufgabe, der Sinn des Lebens walte nicht im vergehenden Hirn, sondern wohne im ewigen Herzen. Das Hirn diene nur dem Weg, der Möglichkeit dorthin. Kein Hirn denke ohne Herz. Doch die Wirklichkeit des Herzens schlug auch ohne jedes Hirn. So sei er dem Zauber jetzt endlich entronnen.
Der rote Drache sei gestellt, rief Ben der Kameralinse entgegen, mit einem grellen, blutigen Blitz, mit einem kurzen, trockenen Knall würde der Drache gezähmt, würde sein gieriges Maul für immer geschlossen sein.
„Ich will mich in einen Schmetterling verwandeln. Ich werde meinen aschegrauen Panzer durchbrechen und die himmelblauen Flügel meines Herzens hinausschlagen, höher, unendlich viel höher als ein schlängelndes Hirn es jemals könnte.“ Ben schrie vor Begeisterung.
Simon freute sich, daß Ben zu seinen Geschichten zurückgefunden hatte.
Simon hielt Sanchos Start der Motoren fest, das erst ruckartige, zögernde und doch sofort schon gleichmäßige Andrehen der Rotorenblätter, ließ Ben beim Einsteigen dessen Daumen und kleinen Finger vor der Kamera wedeln - ein offizieller Springergruß -, setzte sich schließlich in die aufgeschobene Helikoptertüre und filmte über seine auf den Kufen abgesetzten Sandalen hinweg das Abheben der Mi2. Ihr Hinaufschrauben über Hütte, Fluß und Brücke. Den sich ausweitenden Blick durch schier endloses, flaches Steppenland.
Simon wartete jetzt auf den Eintritt in die Wolkendecke.
Auf 700 Metern Höhe war es soweit. Rumpelnd und schaukelnd.
Schlagartig war alle Sicht verschwunden, jede Dimension verschlungen, jede Ahnung einer Welt inmitten kalten, schlierig-sattgrauen Nebels vergangen. Dichte Schwaden drückten an den Rumpf und durch die offene Türe in den Helikopter hinein. In der Mi2 wurde es feucht. Die Rotoren schlugen dumpfer und schwerer. Die Motoren jaulten auf.
Simon zog die Füße ein, drehte sich nach innen. Er putzte die Linse seiner Helmkamera und filmte durch das Cockpit. Blindflug. Kein Oben, kein Unten, kein Vor oder Zurück.
Nur die Zeiger in den Armaturen der Kanzel drehten sich. Oder drehte Armatur und Hubschrauber und die Zeiger standen still?
In Simons Ohren knackte es.
Doch dann verging auch dieses Nichts und ließ das ewige Wunder der Schöpfung geschehen.
Die Mi2 schüttelte letzte Nebelfetzen von sich ab und stieg ruhig und sicher hinein in die unermeßliche Freiheit, Wahrheit und Schönheit eines strahlend blauen Himmels. Die Wolkendecke lag nun unter ihnen, geschlossen von Horizont zu Horizont. Und war diese Wolkendecke unten undurchdringlich grau und düster erschienen, so war sie jetzt, von oben betrachtet, schattenlos weiß und watteweich.
Sancho hob den Daumen. Noch eine Minute bis zum Absprung. Ben und Simon zurrten die Gurte ihrer Ausrüstung fest, rückten die Brillen unter den Helmen zurecht und stiegen auf die Kufen des Helikopters hinaus. Hinein in das lachende Brüllen des Windes.
{34}
Simon hatte eine langsame Schirmöffnung gepackt. Seine Wettkampfvariante. Alle anderen Kontrahenten würden auch morgen wieder versuchen, mit immer schnelleren, immer härteren Schirmöffnungen immer enger an die kritische Höhe heranzukommen.
Genickbrüche waren in der Szene seit einiger Zeit keine Seltenheit mehr.
Simon dagegen wählte, wenn es richtig tief gehen sollte, eine weichere, sich verzögernde Schirmöffnung. Das war Simons Trick. Simon überlistete sich selbst und schlug dadurch die Konkurrenz.
{35}
Mit Erreichen der kritischen Höhe setzte die endgültige Starre ein. Der absolute Nullpunkt.
Wer an dieser Schwelle die Bremswirkung des sich entfaltenden Schirms noch nicht in seinem Rücken verspürte, der überlebte den Sprung nicht. Der fiel die letzten Meter - hatte er sogar eben noch unter titanischer Aufbietung jeglicher Reste an Hoffnung mit den Beinen gestrampelt und mit den Armen gewedelt –, der fiel den letzten Moment seines Lebens in göttlichem Wissen um das eigene, irdische Ende.
Innerhalb des absoluten Nullpunktes waren Gegenwart und Zukunft zu Teilen totaler Vergangenheit geworden.
Unterhalb der kritischen Höhe hatte jede Welt sich bereits ereignet, war jedes Universum bereits Geschichte. Jede Möglichkeit war längst verwirklicht. Jeder Drang, jeder Reflex, jede Bewegung im Körper war erloschen. Herz und Hirn regten sich nicht mehr. Jeder Austausch war geschehen. Jeder Gedanke war gedacht, jede Frage beantwortet, jeder Wunsch gestillt, jeder Zweifel behoben. Jede Freude, jeder Schmerz gefühlt. Jedes Leben war getötet, jeder Tod erlebt. Alles stand fest. Unwiderruflich. Ausweglos.
Erst dann begann der Körper – nicht mehr fallender Körper, nurmehr abgefallener Stoff – in den Urgrund einzuschlagen. In ihn hinabzutauchen. In ihm zu vergehen.
Und der Geist schwebte über den Fluten. Im absoluten Nichts. Im absoluten Anfang.
Wahrheit der völligen Erleuchtung, Freiheit der vollkommenen Erlösung, Schönheit des vollendeten Beginns, so versuchte David jenes göttliche Wissen zu umschreiben, dessen Flanke er am Ende seiner tiefsten Sprünge streifte.
Seitdem ein Selbstmordattentäter ihm Frau und Kind an einer Bushaltestelle am Rande Jerusalems hinfortgemordet hatte, fand sich David nicht mehr zurecht in der Welt des Normalen. Das Normale in jener Welt war für David nur noch die Allgegenwärtigkeit seiner zerfetzten Familie. Einzig und allein während eines golow-contests vergaß er den Tod seiner Frau und den Tod seines Kindes. Vergaß überhaupt Frau und Kind. Vergaß vor allem sich selbst.
Und so hetzte David von Wettbewerb zu Wettbewerb.
Auch Simon hatte stets so wie David geredet. Doch dann, genau dann, als Peter den letzten Versuch unternahm, ihn zur Teilnahme an diesem Wettbewerb zu bewegen und doch nur wieder gescheitert in Simon das Bild seines Engels wiedererweckte, genau da erkannte Simon, daß dieses vermeintlich göttliche Wissen nichts weiter war als teuflische Lüge.
Völlige Leere, vollkommener Niedergang, vollendete Einsamkeit.
Simons Engel wies ihm den Weg. Völlige Hingabe, vollkommener Aufstieg, vollendete Gemeinsamkeit.
Ein Paradies, das man alleine bewohnte, war niemals Paradies. So wie eine Hölle, in welcher man sich an den Händen hielt, längst keine Hölle mehr sein konnte.
Auch morgen wieder würde Simon derart nahe an den absoluten Nullpunkt heranfallen, bis er nur mehr die Finger der rechten Hand bewegen, der pilotchute eben noch aus ihr entrissen und die Öffnung dadurch in Gang gesetzt wurde. Und auch morgen wieder würde sich sein Schirm langsamer als die der anderen Wettbewerber entfalten, würde Simon noch weiter als alle anderen in die kritische Höhe hineinfallen und dadurch jene winzig kleine Spanne gewinnen, seines Engels Flügelschlag, wodurch Simons allerletzter, alles entscheidender, alles verändernder Sieg errungen war. Für immer und ewig.
{36}
Ben und Simon waren auf ihren Bäuchen liegend, Kopf an Kopf, Auge in Auge durch die Wolkendecke gefallen. Nicht weit darunter hatte sich Ben mit einem kurzen Nicken verabschiedet und seinen Schirm gezogen.
Simon raste mit 180 km/h in die letzten 400 Meter über Grund hinein.
Simon hielt den Atem an. Simon brauchte in den nächsten Sekunden alle Luft unter sich.
Simon spürte, daß sein Körper zu erstarren begann. Zuerst nur um den Nabel herum, doch sofort hatte der Krampf auch Bauch und Unterleib erfaßt.
Jetzt setzte der Tunnelblick ein.
Simons Pupillen weiteten sich. Simons Welt zog sich zusammen.
Die Radien der Kreise jagten auf einander zu. Kurz bevor Simon den einen vom anderen nicht mehr unterscheiden konnte, kurz bevor sie beide zur Deckung gekommen, kurz bevor sie beide identisch geworden waren, mußte Simon die Fallschirmöffnung eingeleitet haben.
Simon fixierte das Zentrum der beiden Kreise, um dadurch deren Bewegungen noch klarer wahrzunehmen.
Simon fixierte das Fleckchen farblosen Steppenbodens, auf das er zuschoß.
Simon fixierte das farblose Fleckchen mit allem Denken, mit allem Wollen, mit allem Fühlen, zu dem er fähig war.
Die Kreisbogen jagten mit Lichtgeschwindigkeit ihrer Vereinigung entgegen.
Immer schneller, immer näher, immer enger eilten sie aneinander heran. Überdeutlich und messerscharf.
Der Krampf griff über auf Brust und Schenkel.
Simon stutzte.
Das Fleckchen farblosen Steppenbodens hatte sich in eine Blumenwiese verwandelt. Und auf dieser Blumenwiese stand eine Bank. Und auf dieser Bank saß sein Engel. Und sein Engel summte ein Kinderlied.
Der Krampf war in Waden und Unterarmen angelangt.
Sein Engel summte immer lauter.
Sein Engel sang. Sang immer lauter.
Simon erschrak.
Sein Engel schrie.
Sie streckte ihm die Arme entgegen.
Gleich würde er bei ihr sein.
Der Krampf drang in Hände und Füße.
Die Ränder der Kreise berührten sich beinahe.
In Simons Kopf dröhnte es.
Sein Engel schrie Simons Namen. Immer lauter.
Erst jetzt sah er es, sein Engel war übersäht von Ameisen. Winzig kleine, flutende Ameisen.
Sein Engel reckte Simon die Arme entgegen und schrie seinen Namen so laut sie konnte.
Noch lauter sogar.
Simons Schatten verdichtete sich über seinem kreischenden Engel. Immer enger, immer schneller, immer schwärzer. Simons Schatten raste auf seinen Engel zu. Immer näher. Immer genauer. Immer unausweichlicher.
Simons Kopf drohte zu platzen.
Simons Schatten würde seinen Engel zermalmen.
Herz und Hirn.
Die Kreislinien drangen ineinander.
Frost und Fieber. Schwärze über Schwärze.
Plötzlich verstummte sein Engel.
Der pilotchute war Simons erstarrten Fingern entglitten.
Die beiden Kreise waren jetzt ein Kreis.
Simon wollte schreien. Simon wollte den Namen seines Engels schreien. Doch da war nur Stille.
Leere.
Finsternis.
Simon fühlte nichts mehr. Simon dachte nichts mehr. Simon wollte nichts mehr.
Simon tat nichts mehr.
Simon war ganz ruhig.
Alles war vorbei.
Nichts geschah.
{37}
Simon hatte den Kopf in den Schoß seines Engels gebettet. Sie hauchte ihre Liebe in sein Ohr, strich sie über seinen Scheitel.
Die Finsternis war zerplatzt in tausend himmelblaue Schmetterlinge. Eine rosenrote Sonne ergoß ihr Licht über die Blumenwiese.
Sein Engel hatte Simon alles verziehen. Simons Schuld war getilgt.
Jetzt waren sie eins.
Jetzt waren sie unsterblich.
{38}
Längst hatte der geöffnete Fallschirm Simon in die Waagrechte katapultiert. Längst hatte er Simon äußerst unsanft zwar, aber dennoch überlebend in den farblosen Sand der Steppe geschmissen.
Simon war völlig unverletzt. Nichteinmal eine Schramme hatte er abbekommen.
Simon fühlte sich unbeschreiblich glücklich. Simon fühlte sich unbeschreiblich stark. Simon wußte, niemals konnte ein Mensch seinen Fallschirm tiefer über dem Erdboden öffnen als er es eben gerade getan hatte. Niemals konnte ein Mensch seinen Fallschirm tiefer über dem Erdboden öffnen als er es auch morgen wieder tun würde.
Simon kannte jetzt den Weg, auf dem er morgen zum Sieg gelangen würde.
Simon erhob sich.
Selbst ein Ilario hatte jetzt keine Chance mehr gegen ihn.
Ilario war Adrenalinjunkie, nichts weiter. Er leidete unter schwersten Entzugserscheinungen, wenn er nicht ständig und wahllos sein Leben riskierte. Der frühe Tod des Vaters hatte ihn mit einem nicht unbedeutenden Erbe ausgestattet. Und so tat Ilario auch nichts weiter, als ständig und wahllos sein Leben zu riskieren.
Ilario war Simons schärfster Konkurrent. Er hatte genauso viele Siege errungen wie Simon.
Doch Ilario hatte keinen Engel, der ihn unverwundbar machte.
Simon löste die Beingurte, nahm den Schirm über die Schulter und schlenderte filmend auf die Hütte zu. Der zahnlose Koch jauchzte und applaudierte, während er das halbe Lamm unermüdlich über dem Grill drehte. Simon betrat die Veranda, stellte sich an die bunt bemalte Balustrade und schwenkte die Helmkamera über den grauen Himmel auf der Suche nach Ben.
Ben hatte während seiner gemütlichen Schirmfahrt über die endlose Weite hinweg wohl allzu sehr den Ausblick genossen und war viel zu weit flußabwärts geraten. Simon schätzte Bens Höhe auf vielleicht 300 Meter. Er würde in gehöriger Entfernung zur Hütte gegen den Wind drehen und draußen in der Steppe landen müssen. Simon nahm sich vor, Ben kräftig auszulachen, wenn dieser in der Schwüle schwitzend und keuchend den langen Weg zurückgestolpert kam. Jeder Fallschirmspringer, der es nicht bis zum Landeplatz schaffte, wurde mit Hohn und Spott bedacht. Ben würde es nicht anders ergehen.
Ben drehte nicht. 200 Meter noch hoch, flog er weiter schnurgerade den Fluß hinauf. Der Hütte entgegen. Ben wollte doch nicht etwa so nah als möglich an die Hütte heran und dafür sogar eine Landung mit dem Wind in Kauf nehmen? Dann würde Simon gleich ein paar lustige Purzelbäume filmen. Der Wind war böig, er war schon zu stark geworden, als daß Ben eine Landung mit ihm hätte auslaufen können. Simon freute sich auf ein lustiges Ende seines Videos.
Ben war jetzt unter 150 Meter gesunken und hielt auch weiterhin auf die Hütte zu.
Ben würde seine Landung direkt vor der Veranda in den Steppensand setzen.
Ben und Simon und all die anderen würden sich heute Abend totlachen, wenn Simon das Video vorspielte.
80 Meter.
Plötzlich drehte Ben ein. Flog eine sanfte Kurve.
Über den Fluß.
Auf das Minenfeld zu.
Die Warnschilder glühten.
Simon begriff nicht.
50 Meter.
Ben flog in das Minenfeld hinein.
Kam dem Erdboden unaufhörlich näher.
Die Warnschilder zitterten.
30 Meter.
Simon begriff nur eines: Ben war inzwischen zu tief, um noch in irgendeiner Richtung aus dem Minenfeld herauszukommen. Ben nahm die Hände aus den Bremsschlaufen und verschränkte sie hinter seinem Kopf.
Die Warnschilder verblaßten.
Zehn Meter.
Ben flog immer weiter in das Minenfeld hinein.
Ben hing locker am Schirm, bereitete sich scheinbar seelenruhig auf seine Landung vor.
Auch Simon glühte.
Auch Simon zitterte.
Auch Simon erblaßte.
Fünf Meter.
Vielleicht hatte Ben Glück.
Drei Meter.
Unverschämtes Glück.
Zwei Meter.
Alles Glück dieser Welt.
Ein Meter.
Hilf ihm, Engel!
Bens Füße berührten den Steppenboden.
Ben lief ein paar Schritte unter dem vollen Schirm.
Ausgreifende, athletische Schritte.
Vielleicht hatte Ben wirklich unverschämtes Glück...
Ein Blitz. Kurz und grell.
Und ein Knall. Ebenso kurz und ebenso hell.
Eine Rauchwolke stieb auf.
Ein Schuh samt Socke schoß aus ihr heraus.
Der Luftdruck der Explosion hob Bens Schirm ein wenig an.
Ben flog weiter.
Ben fehlten beide Unterschenkel.
Ben flog weiter.
Und sank von Neuem.
Ben schleifte mit rotschwarz zerfetzten Oberschenkeln über den sandigen Grund. Ben schrie nicht.
Bens Schirm war noch immer flugtauglich, ausreichend Zellen und Schnüre waren noch intakt.
Die Stümpfe seiner Beine strampelten jetzt hin und her, als versuchte Ben, sich abzustoßen, Fahrt zu gewinnen, wieder hinaufzufliegen in die rettenden Lüfte. Doch Ben schrie noch immer nicht.
Der Schirm senkte sich. Ben kippte mit seinem Körper nach vorne und wurde bäuchlings über den Boden gezogen.
Ein zweiter, greller Blitz.
Ein zweiter, kurzer Knall.
Und gleich ein dritter Blitz. Ein dritter Knall.
Wieder durchlugen Bruchstücke den Schirm.
Wieder wurde der Schirm leicht angehoben.
Was da von Ben aus dem Rauch heraustrudelte, waren nur noch Kopf und Hals und ein bißchen Brust, an der lose zwei Armstümpfe schlenkerten.
Endlich fiel der Schirm in sich zusammen.
Kopf, Hals und Brust kullerten über den Erdoden.
Ein weiterer, letzter Blitz.
Ein letzter, trockener Knall.
Bumm-bumm, keuchte der zahnlose Koch. Er hörte nicht auf, das halbe Lamm über dem Grill zu drehen. Bumm-bumm.
Vier kleine Rauchsäulen trieben über das Minenfeld.
Trieben über den Fluß. Und zerfransten.
Sie wollten zur Hütte, kamen aber die Böschung nicht hinauf. Und zerstieben.
Waren schon vergangen.
Simon schaltete die Kamera ab.
David und Ilario standen neben Simon auf der Veranda. Nackt und verschwitzt. Sie hatten beide sofort begriffen, was dort im Minenfeld gerade vor sich gegangen war. David legte seinen Arm um Simons bebende Schultern. In ihm flackerte gerade eine undeutliche Erinnerung auf. Bumm-bumm, flüsterte Ilario, ein seltsames Leuchten in den Augen.
Bumm-bumm, wiederholte Simon.
{39}
Die Mi2 flog unter der dunklen, gewitterschweren Wolkendecke.
Das Barbeque war nach Bens Tod sofort abgebrochen worden. Noch über Funk hatte Peter Hütte und Minenfeld zum Sperrgebiet erklärt. Alle Springer sollten unverzüglich auf das Plateau zurückkehren.
Peter hatte auch kurz mit Simon gesprochen. Eine kühle, selbstsichere Stimme war aus dem Köpfhörer an Simons Ohr gedrungen. Tote Ausländer seien bei diesem contest eingeplant. Sie würden als in Moskau während eines Sprungs von einer berüchtigten Hochhausruine verunglückte Basejumper deklariert und ihre Asche - vielleicht auch nur irgendwelche Asche - samt eines großmütigen Verzichtes auf Einforderung der entstandenen Kosten an die Hinterbliebenen überstellt werden. Das war schon im Vorhinein mit ein paar zirkeltreuen Stellen im Innenministerium abgesprochen worden.
In Bens Fall erwarte er von dessen Großmutter sogar ein Dankesschreiben, hatte Peter noch trocken angefügt und dann den Funkkontakt beendet.
Simon saß vorne neben Sancho in der Kanzel des Helikopters.
Sie hatten gerade eine Mi8 eingeholt, die sich ebenfalls auf dem Weg zum Plateau befand. Sancho beugte sich zu Simon herüber. In der Maschine vor ihnen säßen die Luxushuren und Lustknaben des Zirkels. Sancho hoffte offenbar, Simon durch diese Mitteilung etwas aufheitern zu können.
Simon war traurig, aber nicht verzweifelt. So kurz vor dem Ziel durfte er sich nicht unterkriegen lassen. Auf gar keinen Fall. Simon würde den morgigen contest gewinnen, die Million kassieren und in die Arme seines Engels zurückkehren. Nur das zählte. Nur das durfte zählen. Alles andere war bedeutungslos. Alles andere würde bald Geschichte sein. Er mußte jetzt genauso kalt und gefühllos sein wie Peter.
Simon rang sich ein Lächeln ab.
Sancho scherte aus und flog ganz nahe an die Längsseite der Mi8 heran. Winkte aufgeregt hinüber. Warf Kußhände und wedelte mit der Zunge.
Als auch Simon endlich den Blick durch das Seitenfenster zur Mi8 wandte, sah er eben noch helles, langes Haar und einen schmalen, aufgereckten Mittelfinger aus einem der Bullaugen verschwinden. Die Vorhänge hinter den Fenstern wurden augenblicklich zugezogen.
Freudestrahlend ließ Sancho die Motoren aufheulen und überholte die Mi8. Sancho hatte es jetzt eilig, er wollte sich die Ankunft jener illustren Gesellschaft hinter ihnen auf gar keinen Fall entgehen lassen.
Vierter Teil: Abkehr
{40}
Sancho hatte sich mit Simon unter die Soldaten gemischt, denen befohlen war, die eben gelandete Mi8 zu entladen. Peter stand abseits, ließ die beiden gewähren.
Erste Regentropfen schlugen in den Beton der Piste und hinterließen dunkle, kreisrunde Löcher.
Simon dachte an seinen Engel.
Simon wünschte, sein Engel wäre jetzt hier bei ihm. An seiner Seite.
Als untrüglicher Beweis der Richtigkeit einer anderen, einer besseren, einer gemeinsamen Welt.
Ihr erstes Kind sollte Bens Namen tragen.
Die Seitentüren der Mi8 wurden beiseitegeschoben.
Die erste Hure stakste die schmale Leiter herab. Eine große Mulattin in heller Pelzjacke, schwarzer Lackhose und silbernen Plateauschuhen.
Simon beschloß, die Lächerlichkeit des sich vor ihm entwickelnden Schauspiels zu genießen. Schmunzelnd würde er seinem Engel von all dem erzählen. Auch von Sanchos offenem Mund, dessen vergessener Hand an Simons Arm, das seichte Nicken seines Kopfes im Takte des stockenden Herzens.
Der Mulattin folgten zwei asiatische Ladyboys. Zwillinge, kichernd und händchenhaltend. In lilanen Nylon-Hotpants, Ringelsocken und zu kleinen, rosaroten Tshirts.
Dann bekamen Sancho und Simon eine Domina in hochgeschlossenem, schwarzglänzendem Militär-Ledermantel zu sehen, kahlrasiert und einen nackten, fetten Zwerg an einer Leine hinter sich herführend.
Der tiefe Himmel erstrahlte in seiner Dunkelheit. Ein dicker, schwerer Tropfen traf Simons Scheitel und rann über sein Gesicht.
Und schon schickte die nächste Hure sich an, hinaus auf die Leiter zu treten.
Simon stutzte. Da war etwas, das Simon nicht verstand.
Sancho keuchte auf. Er hatte sich auf seine Zehenspitzen gestellt und rieb sich die Hände.
Jetzt käme die Blonde vom Bullauge, flüsterte er. Simon werde gleich große Augen machen. Ein wahrer Engel sei das.
Ein viel zu lautes Lachen platzte aus Simon heraus. Ein falsches, vorgetäuschtes Lachen.
Das war nicht sein Lachen. War es niemals gewesen. Würde es niemals sein.
Simon verstand nicht.
Ein gewaltiger Blitz leuchtete auf und jagte krachend über das Flugfeld hinweg.
Die Blonde vom Bullauge stand auf der Leiter. Sie trug ein langes, weißes Kleid und hielt ein Champagnerglas in der Hand.
Sie sah zu Simon herüber und prostete ihm zu.
Simons Lachen erstarb.
Die Blonde vom Bullauge stieg die Leiter hinunter.
Simon versuchte zu blinzeln. Versuchte, was er da vor sich erblickte, wegzudrücken. Vor sich selbst zu verstecken.
Simon versuchte, die Augen zu schließen. Doch es gelang ihm nicht.
Ein zweiter, gleißender Blitz zerplatzte über dem Plateau. Ein ohrenbetäubender Donnerschlag folgte.
Simon war völlig erstarrt. Er wußte, daß er nichts tun konnte.
Der Abgrund eines ungeahnten Schmerzes begann in Simons Seele aufzureißen.
Simon war unendlich hilflos. Unendlich allein.
Dort auf der Leiter, das war sein Engel.
Sein kleiner, blonder Engel.
Simons Exfreundin.
Simons zukünftige Frau.
Sie war es. Ohne jeden Zweifel.
Der Wind frischte auf. Schneidend und drängend.
Simon verstand.
Sein Engel war hier. Kam auf ihn zu.
Simon freute sich. Simon konnte nicht anders.
Sie war wunderschön. Das weiße Kleid flatterte um ihren weichen Leib. Sie war das herrlichste Wesen, das Simon jemals gesehen hatte.
Sein Engel war jetzt hier.
Sein Engel war jetzt eine Hure.
Sein Engel stand jetzt vor ihm.
Immer mehr Regentropfen klatschten um sie herum auf den Boden.
Simon zitterte.
Sie habe gewußt, daß sie ihn hier treffen werde. Ihr Akzent hatte sich verstärkt, süßer denn je.
Simon stierte seinen Engel an. Er rang nach Worten. Doch Liebe und Schmerz waren ununterscheidbar geworden.
Simon langte nach ihrer Hand.
Sie entzog sich, schüttelte ganz langsam den Kopf.
In ihren strahlend blauen Augen war keine Kälte. Aber auch keine Trauer.
Der Regen wurde dichter.
Zartrosa schimmerte ihre Haut unter den feuchten Stellen des Kleides.
Während das Gepäck eilig auf Karren verladen wurde, führten zwei Soldaten die übrige Gruppe das Flugfeld entlang in die von getrimmten Büschen und blühenden Bäumen gesäumte Allee hinein. Der Asphalt begann zu dampfen.
Sie müsse weiter. In knapp zwei Stunden käme die Eminenz und dessen Zirkel. Ihre Stimme klang fern und war ohne jeden Rhythmus. Auch ihr würde diese Party alles abverlangen. Auch ihre letzte Party übrigens.
Kleine, schmutzige Pfützen bildeten sich. Spiegelten, vervielfachten den zerbrechenden Himmel.
Sie ging an Simon vorbei. Sie schickte sich an, die Gruppe vor ihr zu erreichen. Simon stolperte hinterher.
Er werde alles tun, was sie sage, stammelte Simon.
Sie hielt inne und wandte sich um.
Simon solle ihr Glück wünschen. So wie auch sie ihm Glück wünschte. Sie sei schwanger.
Simon erschauderte.
Sie neigte den Kopf etwas zur Seite und lächelte mechanisch. Von Peter übrigens. In ein paar Wochen fände die Hochzeit statt.
Einzelne Hagelkörner kullerten über die Allee. Glitzernd wie Diamanten.
Die Gruppe, der sie sich inzwischen wieder angeschlossen hatte, erreichte jetzt den Sicherheitscheck am Tor zum Clubgelände. Peter wartete dort.
Simon war zurückgeblieben und sah ihr nach, bis sie mit Peter hinter dem Posten verschwunden war.
Müdigkeit überfiel Simon. Unendliche Müdigkeit.
Doch noch immer konnte Simon seine Augen nicht schließen.
Endlich brach der Gewittersturm los.
Schäumend und alles verschlingend.
{41}
Skotonov hatte mit Beginn des Gewittersturms den, wie er meinte, letzen und endlich perfekten Plan zur Umgestaltung des Flugplatzes zu Papier gebracht. Diesem Plan würde sich auch der Neue nicht weiter widersetzen können.
Als Skotonov sich aufmachte, den Wachturm zu verlassen, stolperte er schon an der ersten Schwelle und stürzte die Treppe hinab. Unten angelangt hatte er zwar weder Leben noch Bewußtsein, aber doch jegliche Orientierung verloren.
Skotonov wähnte sich noch immer oben im Turm, taumelte in seiner Verwirrtheit den angrenzenden Hang hinunter und irrte eine Nacht, einen Tag und wieder eine Nacht in der Steppe umher, bis ihn seine verschlungenen Pfade schließlich zur Hütte am Fluß gelangen ließen. Die am Vorabend zurückgekehrte Mutter erschrak nicht, als der völlig desolate Skotonov plötzlich auf der Veranda stand, sondern sah in ihm ein Geschenk Gottes.
Die Mutter entschied, daß dies der letzte Besuch sei, den sie empfing, nahm Skotonov zu sich auf und umsorgte ihn, wie einst ihre Tochter jenen Alten gehütet hatte.
Auf ihre Ermunterung hin begann Skotonov, um die Hütte herum seine Pläne zu verwirklichen, legte Gemüsebeete an, pflanzte Bäume, Sträucher und Hecken, errichtete auch einen Bienenstock. Die Mutter sah es mit Freuden und war so glücklich wie ihre Tochter, die während der Schulferien mit Skotonov unermüdlich durch die blühenden Gärten tollte und dabei immer prächtiger gedieh.
{42}
Peter hatte sich von seinem Fahrer zur vereinbarten Zeit an der Metrostation Puschkinskaya absetzen lassen.
Ein Trupp junger Rekruten stakste an ihm vorbei. In zu weiten Stiefeln und mit schmalen, zusammengezogenen Schultern. Ihre Augen waren große, gläserne Tränen, welche nicht verrannen, welche all die Erniedrigung, all die Schmach nie mehr vergehen ließen. Man hätte ihnen diese Augen schon aus den kahlgeschorenen Schädeln reißen müssen und womöglich geschah selbst das noch, wenn sie bald zurückgekehrt waren in die Kaserne, in das Gefängnis, in ihre Hölle und wie jede Nacht die Höhergradigen - unbezwingbare Teufel, unbezwingbare Götter - über sie herfielen.
Ganz frische, gar leuchtende Tarnanzüge trugen die jungen Rekruten und verschwanden im Untergrund.
Peter schlenderte schweren, unwilligen Schrittes zur Kioskzeile hinüber. Stumme Rentner mit Schildern um den Hals standen da herum und boten ihrer krummgefleckten, zitternden Hände Arbeit feil.
Maßlos erwachsene, maßlos aufgereckte, maßlos gereizte Menschen in vermeintlich teuren Anzügen, vermeintlich chicen Kostümen, hinter vermeintlich dunklen Sonnenbrillen den gellend rotgeäderten Überdruck zu verbergen suchend, stampften sie, schnurstracks und ungebremst vermeintlich, durch das Häuflein fahler, dürrer Hungerleider hindurch. Vom Wirbel des totalen, globalen business erfaßt, jeder dem anderen voraus, getrieben vom ewig immer neuen Wissen, daß da schon wieder einer verächtlich auf sie niedergrinste, der längst viel schneller war als sie selbst, schneller, höher, weiter. Schlauer, hübscher, reicher.
Dort, am letzten Kiosk, direkt an der großen Kreuzung, sollte Peter warten.
Zwei Frauen in Pelz, GinTonic in Dosen mit groben Händen umklammernd, witterten Peters Spur. Beschwerlich nur schwebend in schmutzigen Pomps bleckten sie ihre wieder und wieder gebleichten, grauen Zähne.
Peter sah zu Boden.
Die Eminenz warte bereits, zischte der aufgereckte, gereizte Mann mit Sonnenbrille und wies zur Straße, während er Peter mit der anderen Hand am Oberarm in eben diese Richtung schob.
Peter bemerkte erst jetzt, daß an der roten Ampel, in rechter Spur und ganz vorne, eine Dreierkolonne gehalten hatte.
Der Cousin, Peter hatte auch ihn erst auf den zweiten Blick erkannt, öffnete die Schiebetüre des mittleren Wagens und wies Peter einzusteigen, die andere Hand noch immer und solange am Oberarm, bis Simon saß und die Türe von außen geschlossen wurde.
Die Eminenz, ein dickes, blasses, unbedarftes Kindergesicht mit blonden, schütteren Haaren, einem lippenlosen Mund, der viel zu viele, viel zu kleine Zähne barg, und Augen, die samt den Tränensäcken fast aus dem runden Schädel sprangen. Die Eminenz war in seinen Sitz versunken. Der sandfarbene, viel zu große Mantel lag über ihn gebreitet wie ein gestärktes Lätzchen. Die Eminenz streckte Peter langsam und doch ohne jede Mühe die Hand entgegen. Peter rutschte ganz nach vorne, um sie zu ergreifen. Lange, glatte, knochenlose Glieder und ein samtig schmiegsamer Druck, der selbst Peters Poren zu durchdringen schien. Ganz trocken, ohne fühlbare Temperatur. Die Haut eines Reptils.
Klar und deutlich, hell und dennoch leise wie das Glöckchen eines Uhrwerks erklang eine Stimme, als die Eminenz Peter einen guten Morgen wünschte.
Peter horchte auf. Peter faßte neuen Mut.
Er sei der Untreue angeklagt, begann der Cousin und sah abwesend aus dem Fenster.
{43}
David starb Ende des darauffolgenden Jahres mit drei weiteren Springern und dem Piloten, als kurz nach dem Start der davonfliegende Propeller eine der beiden Tragflächen wegriß und die kleine Cessna auf einem Acker zerschellte.
Biff gewann den golow-contest ganz knapp vor Ilario, spendete das Preisgeld der strengestgläubigen Gemeinde, die er ausfindig machen konnte, und zog sich in eine der Wüsten seiner amerikanischen Heimat zurück, um dort auf das Erscheinen des Teufels zu warten.
Ilario saß neben David, als der Propeller sich löste und durch das rechte Tragwerk heckselte.
{44}
Der Engel wunderte sich nicht über das Verschwinden des Verlobten, unternahm ohne Aufschub eine Abtreibung und zog sich erleichtert in das stille, dunkle Haus eines depressiven, schon von Zerfall gezeichneten Schriftstellers zurück, der sich durch sie die Überwindung seiner Schreibblockaden erhoffte.
Manchmal drang in des Engels Erinnerung das ferne Bild der ersten, einzigen und letzten Liebe ihres Lebens empor. Doch dann spürte sie sogleich die Wunde der ausgerissenen Flügel, erhob sich rasch von der Couch, auf welcher sie tagaus, tagein zu ruhen pflegte und ging zum Schriftsteller hinüber, der an seinem Pult schon wieder ein Papier zerknüllte, strich ihm sanft über den Scheitel und sang leise in sein Ohr.
{Epilog}
Das einst so scheinbar frische, juvenile Sprudeln des einst so scheinbar hoffnungsfrohen Bergbachs, voll schneidender Eisesklirre, voll sengendem Funkenfeuer, voll blindem Jubel und kreischendem Bravour und untilgbar gedachtem Leben, hinan, hinaus, sein doch so gedankenlos wahres, unfruchtbar freies, grauenhaft schönes Stürzen hinab, ganz egal woher, wozu, es war endlich zerflacht, zusammengedacht, von der Maske des Lebens zur Maske des Todes, beides Lüge, doch nunmehr reiner Plan und zweckbegradigt, ohne Kreuseln, ohne Wirbeln, zu Ende gelacht und gnadenlos verstummt zu einem jener industriell-modellkonformen Auffangbecken, von allem Beginn an immer schon gleicher, immer schon klüger, immer schon reicher, von allem Beginn an immer schon gelogen, immer schon leer und immer schon tot.
Der letzte Mensch, er stirbt, weil er wieder der erste wäre, wenn er nicht auch diese Tat beginge...