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शून्य 

 

 



Für Hilke und Anisja

 

 

 

Alles Wahre, von wem immer es behauptet wird, stammt vom Heiligen Geiste

(Ambrosius)

 

 

 

Myriade

 

{Eine weitere kleine Heldenreise}

 

 

 

 

- Teil I (Morituri)-

 

 

 

Vorwort

 

 

Stets ungeheuerlich mühsam und immer wieder tötlich empfand das Genie des Menschen jenen Aufstieg seiner selbst. Die gewaltige Trägheit des Stoffes, des Fleisches umfassende Verhaftetheit, das verblendete Zusammenziehen in die eigene, uralte Angst, so benannte das Genie des Menschen, was ihn hemmte und hinderte am Ausgriff eines Engelsfluges. Und so war bald Trennung verfügt. Keines mindernd, beides mehrend. Das Genie schritt voran. Der Mensch blieb zurück.

 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Auch mit Eintritt in das dritte Jahrtausend einer letzten Zählung hatte die Menschheit ihrer anfangslosen Natur die Treue gehalten. Gerade mit Eintritt in jenes dritte und letzte Jahrtausend war es allerdings größter Anstrengungen und Aufbietung erheblichster Opfer geschuldet, die menschliche Zivilisation auf dem vom Schicksal und seinen Göttern bestimmten Weg der unaufhörlichen Expansion, auf dem von den Eliten und ihren Ministern evaluierten Kurs des direkten, des maximierten, des sofort garantierten Fortschritts zu halten. Es war der Weg der Superlative. Der Selbstüberbietung. Des Selbstverlasses. Es war der Weg der Fortschrittlichsten. Der Schnellsten. Der Unaufhaltsamen. Es war ihr Weg. Der Weg der Eliten und der Minister.


Die Schnellsten, sie gingen nicht mit eigenen Füßen. Die Zivilisation ging den Weg. Die Zivilisation krümmte Knie und Rücken. Die Fortschrittlichsten, sie ließen sich auf Händen tragen. Konnten doch niemals alle die Besten, die Höchsten, die Vordersten sein. Nicht in dieser Welt. Nicht in der Welt der Eliten und Minister.


Es waren vereinzelt Abweichungen aufgetreten. Versuche einer Quer- oder gar Rückzugsbewegung, Abkapselungen, Eingrabungen schließlich, welche nach längst behobenen Mängeln, nach längst verbotener Innerlichkeit begierten. Doch das Genie des Menschen hatte den abstrusen Betrug des Stillstands, die falsche Fratze der Genügsamkeit bald durchschaut und die uralte Angst, die hinter all jenem kleinmütig heimeligen Greinen steckte, mit einem mindest ebensoalten Ausbruch in eine nochmals drastischere Verschärfung der allgemeinen Lebensbedingungen niedergerungen.



Zu Beginn des dritten Jahrtausends bündelte das Genie des Menschen all seine Pflichten, all seine Pfunde, all seine Mächte, konzentrierte sie auf den Beginn seiner selbst, auf den staunenden Blick hinauf, hinaus in die unendlichen Himmel. Zu Beginn des dritten Jahrtausends folgte das Genie des Menschen nun endlich jenem ewigen Blick, seinem Selbst, und gründete die erste extraterrestrische Kolonie.


Der letzte Schritt des alten Menschen war getan. Der erste Schritt, der Ursprung des neuen Menschen unwiderruflich vollbracht. Hinauf, hinaus und hinein in Welten und Räume, voller neuer Orte, voller neuer Zeiten. Voller neuer Taten. Und voller neuer Weisen. Bald zählte man zwölf Monde des eigenen Sonnensystems, welche durch Errichtung autarker Stationen jeweils bestehend aus Förderanlage, Forschungskomplex und Zentrale gewissermaßen offiziell der menschlichen Zivilisation einverleibt worden waren.

 

 

 

Kapitel 1

 

Eine mathematische Division stellt dar, wie oft der Divisor vom Dividenden abgezogen werden kann. Der Term (12 : 4 = 3) sagt aus, daß eine Vier dreimal in einer Zwölf enthalten ist. Wie oft kann nun aber Null von einer Eins subtrahiert werden? Wieviele Male ist Null in einer Eins zu finden? Was ergibt (1 : 0) ?

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)

 

 

Die einen sagen, Null habe zwar Sinn, jedoch keine Bedeutung. Null sei zwar eine Zahl, jedoch ohne Wert. Somit dürfe man durchaus die Frage stellen, wie oft Null in einer Eins zu finden ist. Eine Antwort jedoch hätte mit Mathematik nichts mehr zu tun. Die einen also sagen, Null sei keinmal in einer Eins enthalten.

 

Die anderen sagen, Null sei unendliche Male in einer Eins enthalten. Null besitze wohl nicht den Sinn einer Zahl, denn gerade das Zählen diene ja dazu, Unendlichkeiten zu vermeiden. Und dennoch stünde Null für einen Wert. Vielleicht den wichtigsten, ganz sicher den entscheidenden, den zentralen Wert. Denn ohne ihn sei kein Koordinatensystem, kein Raum, keine Zeit, kein Ich zu errichten. Dort, wo Linien sich kreuzen, verschwindet die Zählung. Dort, wo Linien sich kreuzen, erscheint die Einheit. Als Spiegelbild. Unendliche Einheit. Einheit der Unendlichkeit. Sichtbar und doch unerzählbar in jeder Eins enthalten. Seit jeher. Für immer. Als Ebenbild. Unendlicher Ursprung. Ursprung der Unendlichkeit.

 

Jede Zahl beginnt bei Null und endet bei sich selbst.

 

 

Ich stieg in die Schlafröhre. Das Summen des Raumschiffes verstummte. Über ein Sensorfeld bestätigte ich meine Identität. Ich blickte auf die Öffnung der Schlafröhre.

 

 

Ein Zentrum ist das Loch, welches eine Zirkelspitze dem Papier einfügt. Die Null ist dieses Loch. Dort, wo sich dieses Loch, wo sich die Null befindet, ist kein Papier. Und dennoch liegt genau dort die Bedeutung des Papiers. Sobald dieses Loch, dieser Durchbruch erfolgt ist, war jene Null, war jener Nullpunkt seit jeher und für immer Ursache des Papiers. Sobald die Spitze in die Oberfläche eindringt, ist aus irgendeinem, von Gleichem Ununterscheidbaren genau dieses eine, einzige Blatt Papier geworden.

 

Die Spitze des Zirkels ist ein Finger, welcher auf das Papier verweist. Der Zeigefinger einer Hand, welche das Papier im Weltenwind festmacht. Als Blatt. Als Hort der Stille. Als Tor der Erwartung. Vor den eigenen Augen. Vor dem eigenen Hirn.

 

Bald ist das Loch nur noch angedeutet in einer Berührung. Bald ist das Loch nur noch angedeutet als Auftrag, welchen die Spitze meines Schreibgerätes in die Oberfläche des Blattes verfugt. Ein Punkt des Ansatzes, des Eingriffs, von dem aus an tintenschwerer Feder Beginn und Ende über das Papier gezogen wird. Über dessen Weiße hinaus, hinein in eine bunte Welt.

 

Die einen sagen, Null sei ein Platzhalter des Mangels. Der Abwesenheit. Null sei die Leere des Magens. Null sei Schrei.

 

Die anderen sagen, Null sei die Quelle der Fülle. Null sei Abwesenheit jedes Mangels. Null sei der sich öffnende Mund. Null sei Atem.

 

 

Die Schlafröhre verschloß sich. Ein fahles, fernes Blau machte die Finsternis um mich herum spürbar. Ich streckte mich aus. Ich hatte eine einjährige Reise vor mir. Hinaus zu Ganymed, dem größten Mond des Planeten Jupiter. Ich bemerkte das Gas, welches in die Schlafröhre einzuströmen begann. Gas Nr.8.

 

Wie immer fragte ich mich, wie dieses Gas mit dem Namen Nr.8 eigentlich schmeckte. Doch wie immer war ich längst in dessen traumlosen Schlaf gefallen.

 

 




 

Kapitel 2




 

Auch wenn das um sich selbst wissende Wesen nicht umhinkann, ob der ungeheueren Maßlosigkeit, welche ihm mittels jenes Blickes in die Himmel des Universums offenbar wird, ob deren unbegrenzenlicher Kälte und grundloser Stummheit schmerzlich geblendet und zutiefst erschaudernd den einen, einzigen Lebensdrange krumm zu machen, klein und niedrig und vergessen, auch wenn das um sich selbst wissende Wesen um solch einen innern Zusammenbruch nicht umhinkommt, so bleibt dieses durch sich selbst seiende Wissen doch für immer unabwendbarer Ursprung eben jenes Ganzen. Des Alls. Des Universums. Homoiomerie und Simulacrum. Symbol und Legitimation. Jedem Verzagen, jeder Feigheit trotzend.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




So war es dann schlichtweg nur natürlich und auch eigentümlich sinnvoll, daß die größte der zwölf extraterrestrischen Stationen als eine der ersten nicht auf irgendeinem sondern auf dem größten Mond des Sonnensystems errichtet worden war. Es zogen unzählige Monde ihre Kreise durch das Sonnensystem. Ganymed war der größte von ihnen. Ganymed – so hieß nicht nur der Mond, so hatte man auch die Station benannt – war sogar größer noch als der Planet Merkur.


Die Zeiten hatten sich gewandelt. Ein Götterbote war unnötig geworden, klein und niedrig und vergessen. Verglüht und zerleuchtet war der Rastlose in seiner Nähe zum Mutterstern. Das um sich selbst wissende Wesen hatte sich abgewandt. Hatte sich selbst aufgemacht zum heiligen Vater, ihn selbsternannt zu ehren, selbsterkannt zu hegen und zu pflegen. Das durch sich selbst seiende Wissen hatte sich entfacht vom Sonnensturme aufgemacht, das nötige Schicksal zu bestimmen. Das freie Erbe anzunehmen.


Ganymed war nicht nur der größte Mond innerhalb des Sonnensystems. Ganymed war zudem größter Mond des größten Planeten des Sonnensystems. Ganymed war der größte Mond des Jupiter, des fünften, des schwersten und mächtigsten, des hellsten Planeten des Sonnensystems. Jupiter, Sturmes Haupt, blutumwölkt, der gewaltige Ordner der Pracht, erhabenster Schöpfer aus jener gleißenden Fülle, durch welche sich die Göttin allseits zu verschwenden pflegte. Mutterstern und Jupiter, stille Helle und trächtiger Wind, ihr beider Lichthauch war die eine und die andere Mitte des Sonnensystems.


Ganymed war der Erde durchaus ähnlich. Ganymed war der dritte Trabant seines Zentralgestirns. Ganymed besaß eine leider verschwindend dünne Atmosphäre aus Sauerstoff. Ganymed bestand aus einem Eisenkern, umgeben von Silikatgestein, und schließlich einer fast durchgängigen, 800km dicken Eisschicht. Ganymed war der Erde durchaus ähnlich, nur eben erloschen. Der Kern war erkaltet, das Magma erstarrt und die Fluten erfroren. Auf Ganymeds Oberfläche herrschten Temperaturen von minus 160 Grad Celsius.


Ideale Bedingungen gerade für die größte extraterrestrische Station der menschlichen Zivilisation.


Das Oberflächen-Eis wurde von mehreren, unabhängig voneinander arbeitenden DialyseEinheiten in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt, um damit die Station mit Strom, Atemluft und Wasser zu versorgen. Der zentrale Fusionsreaktor lieferte die Abwärme für die Tanks, in denen Bakterienkulturen die Aufspaltung des Wassers unternahmen. Die vom Reaktor erzeugte Energie wurde außerdem dazu benutzt, das Schwerefeld innerhalb der Station zu generieren.


Bakterienkulturen waren es auch, die je nach Programmierung die Aufgabe der Produktion von Proteinen, Kohlenhydraten und Vitaminen übernommen hatten. Mineralien lieferte die Förderanlage der Station als Nebenprodukt ihrer eigentlichen Aufgaben.


Bakterienkulturen waren es auch, die je nach Definition die Beseitigung aller Art von Müll innerhalb der Station übernommen hatten.


Die Zentrale und der Forschungskomplex der Station waren tief in die Eiskruste von Ganymed eingegraben. Das machte unabhängig von Oberflächenspannungen und erleichterte die Tag/Nacht-Simulation innerhalb der Station. Allein Ganymeds Föderanlage befand sich tatsächlich auf dem Trabanten.


Allerdings war hier auf Ganymed die Bezeichnung „Förderanlage“ etwas irreführend. Die Station Ganymed förderte nicht aus dem eigenen Gestein. Hier auf Ganymed schöpfte man aus dem Ring des Jupiter. Essentielle Rohstoffe, seltene Kristalle, auch organische Verbindungen. All diese auf dem Planeten Erde so dringend benötigten Werte kreisten behäbig und offen zutage und bereits zu feinstem Staub zermahlen als schmale aber ausladende Scheibe um den höchsten der Götter, um Jupiter.


Ideale Bedingungen für eine mühelose Ernte durch die Priester von Ganymed.


 

 

Kapitel 3

 

 

 

Nnein


 

[Tawiade/Myrion]

Nx2 Nnein = Nx2

Nmein

Aaus Nx2 = xN/2

 

werNIcht

xN/2 = Aaus

 

wirNIcht

Aaus = JA

 

NdIch

JA = nAja

 

nAja = JAnein

Ndein

JAnein = ajNie

 

 

warNIcht

NmIch

 

 

 

worNIcht


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)

 

 

Seit vier Jahren nun wurde mein Körper regelmäßig regeneriert. Seit vier Jahren wurde mein Körper auf dem Stand eines 30jährigen gehalten. Laut „De iuventate Dei“, der sogenannten Alters-Bulle des Papstes, standen mir als Nuntius im Außendienst der Großen Vatikanischen Kirche 40 Lebensjahre zu.


Die Zeiten, die ich während dienstlicher Reisen in Schlafröhren diverser Raumschiffe verbrachte, wurden nur dann angerechnet, wenn sie traumlos verlaufen waren. Nicht allein darum hatte ich mich auch jetzt wieder für einen durchgängigen Tiefschlaf, für eine reine Regeneration entschieden.


Es gab nicht wenige Weltraumreisende, die flogen nur noch wegen jener Träume. Es gab nicht wenige Weltraumreisende, die ganz offen davon sprachen, ihr bevorzugtes, ihr eigentliches Dasein geschehe dort in jener, in ihrer ganz persönlichen Welt. Dort führten sie erfolgreiche Studien. Dort führten sie erfolgreiche Beziehungen. Dort führten sie erfolgreiche Leben. Es gab nicht wenige Weltraumreisende, die hielten längst alles andere für nächtlichen Spuk.


Nicht nur unter Weltraumreisenden war diese Tendenz zu beobachten. Unlängst offengelegte Statistiken des letzten Vatikanischen Konzils hatten bestätigt, daß ganz allgemein innerhalb der menschlichen Zivilisation ein signifikanter Anstieg der generierten Traumzeiten festzustellen war. Seit der Handel mit Lebensjahren nicht mehr grundsätzlich durch Personen im Bischofsrange bestätigt werden mußte, häuften sich Existenzvollzüge, welche eine beträchtliche Spanne ihrer Gesamtzeit opferten, um auschließlich in ihrer persönlichen Traumwelt als bewußtes Wesen zu erscheinen.


Ich hatte mich nie wirklich anfreunden können mit den von Kontrollprogrammen entworfenen Mentalwelten. In Träumen war man nie allein. Daran konnte auch kein Kontrollprogramm etwas ändern. Alle bisherigen Versuche in diese Richtung waren nicht über die Schwärze des Tiefschlafs, über die Phase der reinen Regeneration hinausgekommen. Ich aber fühlte mich am wohlsten, wenn ich alleine war. Schon lange vor meiner Initiation, schon seit Kindertagen spürte und auch folgte ich diesem Drang.


Tatsächlich alleine war ich nur in meiner Wohnröhre 218 Stockwerke unterhalb der Erdoberfläche.



 

Kapitel 4


 

Der Mensch geschieht im Innern des Tempels. Das Genie gerät in die Tiefen des Reiches.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Der Mond Ganymed war die letzte der extraterrestrischen Stationen, welche der Mensch noch selbst bewohnte. Alle anderen Stationen waren zu Beginn des letzten Äons in einer konzertierten Unternehmung vollständig automatisiert worden. In Selbstverwaltung operierenden Kontrollprogrammen gelang es weit effizienter, robuste Arbeitsabläufe auf den Stationen zu etablieren. Punktuell notwendige Korrekturen bei Auftritt allzu komplexer Schwierigkeiten konnten innerhalb erträglicher Verzögerung von der Erde aus über ein Satellitennetz zugebracht werden.


Routine war in den meisten Fällen die Hauptursache jenes menschlichen Versagens gewesen. Routine und Weltraum. Jene unendliche Leere, jene unendliche Ferne, in der auch die Erde verschwunden war, jene unerklärliche Weite, die so garkeine Heimat erkennen ließ. Jener unbegreifliche Raum, an dem sogar das immerfort dahinschnellende Licht zu scheitern bestimmt war. Vor dem Licht, hinter dem Licht, um das Licht herum blieb immer Finsternis. Ewige Finsternis. War Routine eingekehrt auf den Stationen der Monde, hatte sich bald auch jene Ferne, jene Leere, jene Finsternis eingenistet in die Herzen und Hirne der Bewohner. Darin entgleiste, entglitt das Individuum, fand sich zu allem bereit, der Routine zu entkommen, erlag Abwegigkeiten, erzwang Abgründe bald erbärmlichsten Ausmaßes. Aufbruch in ewige Finsternis, so murmelte die gestürzte Kreatur und blickte um sich, vor sich, hinter sich. So schrie die gepeinigte Kreatur in sich hinein. Und zerbrach. In Schande, Blut und Schuld.


Der Aufwand für lebenserhaltende Maßnahmen in den Stationen konnte ernsthaft nur noch durch theoretische Betrachtungen gerechtfertigt werden. Doch gerade theoretische Betrachtungen waren es gewesen, welche auch den Papst letztendlich dazu bewogen hatten, sich seiner Sorge um die Würde der menschlichen Zivilisation zu erinnern und eine einzige, eine erste und letzte Mondbesatzung für vollkommen ausreichend, aber auch als unaufkündbar zu beschließen. Damit sei der universalen Präsenz menschlicher Zivilisation, welche durch einen taufunfähigen also unerleuchtbaren Algorhythmus niemals endgültig ersetzt werden durfte, in mütterlicher Notwendigkeit und hochheiliger Effizienz Genüge getan.


Die Abschaltung der Versorgungssysteme durch die Kontrollprogramme war daraufhin in allen Mondstationen bis auf die des Ganymed umgehend und ohne viel Aufsehens durchgeführt worden. Eine Evakuierung der Bewohner fand nicht statt.





 


 

Kapitel 5



Beginn bedarf nicht des Seins, damit Beginn ist. Beginn bedarf nicht des Beginns, damit Beginn ist. Beginn bedarf Nichts, damit Beginn ist.


(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Ich lag auf dem Bett meiner Wohnröhre. Ich wartete. Ich war mir im Klaren darüber, was kommen würde. Ich hatte meine Pflicht getan. Das Programm zur Säuberung der Mondstationen von Bewohnern, die sich der Abschaltung lebenserhaltender Maßnahmen widersetzt hatten, war abgeschlossen. Die Kurie hatte vor Kurzem in einem stillen Konvent durchgesetzt, daß nun auch die Nuntiatur des vatikanischen Außendienstes den veränderten Ansprüchen angepaßt und ebenso drastisch umstrukturiert wurde.


Die Reise zur Station des Ganymed war meine letzte Reise. Ich wußte, was mich danach erwartete. Es war schließlich nicht unüblich. Ich hatte meine Pflicht getan. Jetzt hatte auch ich selbst bereit zu sein, nach meiner Rückkehr vom Mond des Jupiter das geheime Todesurteil in Empfang zu nehmen. Meine Sendung als Nuntius der Großen Vatikanischen Kirche hinaus zur Station des Ganymed, des letzten ständig bewohnten Außenpostens der menschlichen Zivilisation galt als päpstliche Offerte, die Verkürzung meiner Lebenszeit mit Symbol und Würde zu besiegeln. Auch dies war allgemein nicht unüblich.


Ich war bereit. Ich sehnte mich nicht danach, aber ich war bereit. Vielleicht sehnte ich mich auch danach. Vielleicht hatte ich mich schon immer danach gesehnt, daß mir, daß meinem Leben ein Ende gemacht wurde. Ein früheres Ende. Ein vorzeitiges Ende. Vielleicht hatte ich mich schon immer nach Gnade gesehnt.


Sich selbst zu durchschauen, nicht erst als Gestorbener, sondern als noch lebender Mensch das Schwarze der Augäpfel nach innen, deren Weiße nach außen zu kehren, Einblick zu haben in das Innerste und damit Ausblick über das Äußerste hinaus, das galt nicht umsonst als fürwahr asketische, gar meisterliche Übung.


Ich war bereit. Ich war schon immer bereit gewesen. Darum sah ich auch keine Veranlassung, mein bisheriges, mein gewohntes Verhalten zu ändern. Mein altgewohntes Verhalten der Bereitschaft. Der Erwartung. Die Schwärze meiner Augäpfel blieb stur nach vorne gerichtet. Trat selbst hervor. Das Weiße formte, verdichtete sich. Es verband. Vielleicht war ich ja jetzt bereit, daß Ende nicht nur zu erwarten, sondern es sogar zu ersehnen. Das Ende zu verstehen, es zu begreifen. Das Ende anzunehmen und durch das Ende hindurch über das Ende hinauszusteigen. Ich war bereit, die Gnade dieses Lebens, ich war bereit, meine Erfüllung zu empfangen.


Weder drängte es mich, meine Wohnröhre zu verlassen, noch wollte ich auf meiner letzten Reise von Kontrollprogrammen generierte Traumwelten durchleben. Ich tat meine Pflicht. Ich beschränkte mich auf meine Pflicht. Wie seit ehedem. Ich würde meine letzte Reise als Nuntius der Großen Vatikanischen Kirche zu ihrer allgemeinen Zufriedenheit gewohnt erfolgreich unternehmen und nach meiner Rückkehr zur Erde vermittels einer automatisierten Zahlenrochade als der, welcher ich war, aus dieser Welt, aus diesem Universum verschwinden. Amen.


Ich war zufrieden. Ich sollte zufrieden sein. Von Kleinigkeiten abgesehen hatte ich nichts getan, was nicht durch päpstliche Hand sanktioniert war.






 

Kapitel 6



 

Die Propheten fasten. Das Volk schläft. In 40 Tagen muß ein Gott gefunden sein.


(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Zu Beginn des Äons hatte der Papst auch die letzten der elf Erdstädte in einem immer wieder schicksalhaft sich fügenden Parforce-Ritt vollständig durchtauft und in die ausgestreckten Arme der menschlichen Zivilisation zurückgeführt.


Eine Welt. Ein Reich. Eine Kirche.


Zu Beginn des Äons hatte der Papst als einziger Stellvertreter und natürliches Haupt der Großen Vatikanischen Kirche den ewigen Sieg des Heiligen Geistes erklärt. Das Ende der tellurischen Zeit, der Opfertod aller Götter, die konkrete Durchsühnung des Fleisches war nunmehr vollbracht. Jahwe hing zur Rechten. Allah ging zur Linken. Vishnu hielt die Lanze. Buddha lag auf dem Schindanger. Auch die Tücher des Tempels waren entzweigerissen, das Firmament in bebende Finsternis getaucht. Und über den nackten Schädeln schwebte, erstrahlte als neue Sonne einer neuen, entgültigen Welt, als Sonne des zu neuem, allerletztem Bunde ausgelobten Landes, als Sonne des Universums, über die nackten, kahlen Schädel des Menschengeschlechts hatte sich eine weiße Taube erhoben, hinauf in die Mitte der Mitten. Tief hinein in Herz und Hirn.


Das zwölfte Zelt.


Ganymed.


Der Heilige Geist hatte seine Herrschaft angetreten. Der Heilige Geist hatte die königliche Pforte zu den kosmischen Gefilden aufgetan, die kristallenen Flügel der Freiheit und der Wahrheit waren aufgeflogen, auf daß der wiedererwachsene und gekrönte, der erstmals lebendige Mensch nun eintrat, sich zu laben und sich zu üben an jener maßlosen Schönheit, an jenem überquellenden Reichtum, an jenem ungeahnten Segen all der Monde und Planeten, all der Sterne, Ringe, Gürtel und Nebel des Universums.



Ganymed war die erste und letzte von Menschen bewohnte Mondstation. Ganymed war das zwölfte Zelt. Auch Ganymed, der Schlußstein, war durch symbolische Segnung des Bodens mit Märtyrertränen in den Privatbesitz des Papstes übergegangen, um sie vor jeder auch wundersamen Automatisierung zu bewahren.


Der Papst hatte seine Pflicht getan. Zwölf Zelte, zwölf Säulen, zwölf Türme hatte er in der Fremde errichtet. Das Paradies war abgesteckt, der Goldene Garten freigehauen. Der Papst hatte seine Pflicht getan. Der Papst wartete. Der Papst wartete auf die Rückkehr des Baumeisters.



Die sieben ständigen Bewohner der Station Ganymed hielten jeder, auch die Frauen, den Rang eines Priesters inne. Der Papst hatte auf dieser Sonderregelung, auf diesem Sündenschild, wie er es nannte, bestanden. Die sieben ständigen Bewohner der Station Ganymed stammten allesamt aus österlichen Geburtsreihen, welche durch das Technische Amt der Schweizer Garde optimiert worden waren.


Einem weiteren Bewohner des Mondes allerdings war durch den Papst nunmehr jede Priesterschaft aberkannt worden. Mehr noch, der Papst hatte in einem weltumspannend symbolischen Akt jenem weiteren Bewohner des Mondes Ganymed gegenüber das Große Anathema ausgesprochen. Jener weitere Bewohner war jetzt zum Opfer an Gott geweiht. Unverbrüchlich. Jeder zivilisierte, jeder getaufte Mensch, jeder Mensch dieser Welt, der jenes weiteren Bewohners des Mondes Ganymed ansichtig wurde, hatte das päpstliche Wort sogleich ins Werk zu setzen. Noch an Ort und Stelle.


Ich als Nuntius der Großen Vatikanischen Kirche war damit beauftragt, die päpstliche Botschaft an jenen Adressaten zu überbringen.



Jener gottgeweihte Bewohner des Mondes Ganymed lebte nicht mehr bei den anderen. Jener gottgeweihte Bewohner lebte nicht mehr in der Station.




 

 

Kapitel 7


 

Dann ist es ein fremder, ein unverstandener Begriff, ein Urlaut, ein Ton, der erklang, als Nichts war. Vor dem Anfang. Als Nichts Nichts wurde und Alles Alles begann.


(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)





Auch wenn ich als Nuntius im Außendienst der Großen Vatikanischen Kirche Anrecht auf immerhin beschränkten Zugang zur Oberfläche der Erde besaß, so blieb ich zwischen meinen interplanetaren Reisen doch meist tief in ihrem Innern, auf der Ebene meiner Wohnröhre, 218 Stockwerke nahe dem Mittelpunkt.


Städte, offenes Land und Atmosphäre der oberen Erde waren Sperrgebiet. Um die Städte und deren Außenposten herum herrschten unwirtliche, ja feindliche Bedingungen. Eine entfesselte, eine verrückt gewordene Natur gebärdete sich, eine gespaltene Fratze brüllte, spie und schlug dort in jedes Antlitz. Wie einst der letzte alte Mensch, so war auch die Erdnatur, verbraucht und verlassen, nicht in irgendeinen, sondern in den eigenen Anfang zurückgefallen. Zu alt und zu eigen. Tobende Torheit, um sich tretend, reißend und würgend. Überlebt. Ohne Verstand. Ohne Hoffnung. Ohne Zukunft. Ohne Ziel. Platz ohne Raum. Füllhorn der Hölle. Zerrbild. Jede Richtung hob die andere auf. Den Weltraum nannte man öde, wüst und leer. Die vergehende Erdnatur, so sprach der Papst, sie schäumte dichter als Blei.


Die vergehende Erdnatur, so fügte der Papst mit erhöhender Geste hinzu, sie bot der menschlichen Zivilisation ein für das kleine Seelenfünklein erschreckendes, ein für größere Lichter erbauliches Schauspiel.


Die Städte waren diesem natürlichen Scheitern bewußt entgegengesetzt. Entgegengestemmt. Die Städte waren durch strengste Biosphären vor den kruden Pestilenzen und perfiden Miasmen jener verkommenen, jener entratenen Natur geschützt. Die Städte galten als Symbol der siegreichen, der menschlichen Zivilisation. Als deren Krone galten sie.


Und dennoch blieben mir Städte immer nur ein Zerrbild des Zerrbildes. Glatt und gerade gezogen, in Formen gepreßt. Heimgekehrt und doch längst über jedes Ziel hinausgeschossen. Über jeden Verstand, jede Hoffnung, über jede Zukunft hinaus. Das Verbogene wurde nochmals verbogen. Das Zerbrochene wurde abermals zerbrochen. In jenen Städten fiel alles so leicht. In jenen Städten endeten alle Wege. Und führten doch längst über alle Wege hinaus. In jenen Städten verlief man sich. In den Städten ließ man sich verlaufen.


Auch die Städte dehnten sich aus ohne zu wachsen. Auch die Städte pulsierten ohne zu leben. Zerrbilder des Zerrbildes. Alle Sekunden bis zum Zerreißen gespannt.


Wirkliche Ruhe, tatsächliche Stille fand ich nur in meiner Wohnröhre, 218 Stockwerke unterhalb der Erdoberfläche.



Die Geburtsreihen der oberen Bürger, der Eliten und Minister unterlagen einer ontologischen Geheimhaltung, welcher auch der Papst, der einzige, der erste und letzte Stellvertreter des ersten und letzten, des einzig Seienden, als Grundlage jeglicher Offenbarung zu heiligen hatte. Nur der Papst kannte die entscheidenden Sequenzen. Nur der Papst verfügte über die Deaktivierungscodes. Supra legem selbstverständlich.


Darum auch war es oberen Bürgern gestattet, Sklaven zu halten.


Darum auch war es oberen Bürgern gestattet, die geheimen Todesurteile des Papstes zu vollstreckten. Es waren immer obere Bürger, die Eliten und Minister, welche die geheimen Todesurteile des Papstes vollstreckten. Durch technischen Entzug der Lebenszeit. In keines Namen. Zu ihren Gunsten. Kontrollprogrammierte Zahlenrochade.



Öffentliche Todesurteile beanspruchten laut Kirchenrecht genuin göttlichen Ursprung und galten Kontrollprogrammen aufgrund unberechenbarer Gnadengewalt als instantan erlassen in Sklaverei oder Verbannung. Verbannung aus menschlicher Zivilisation geschah entweder durch eine Schleuse in die Erdnatur hinaus oder mittels einer Sonde hinfort zu zufallsgenerierten Zielen außerhalb der Galaxie. Verbannung aus menschlicher Zivilisation geschah entweder individuell oder als Gruppe beliebiger Größe.


Obere Bürger besaßen Anteile an Lebenszeit-Farmen. In Lebenszeit-Farmen erfüllten inzwischen die meisten Mitglieder der menschlichen Zivilisation ihre Pflicht. In Lebenszeit-Farmen wurde Lebenszeit gezüchtet. Wurde Leben herangezüchtet um dessen Zeit willen. Nur um dessen reiner, unverbraucht-vergangenheitsloser Zeit willen. Die Zeiten vieler reiner, unverbraucht-vergangenheitsloser Leben wurde in den Farmen der oberen Bürger herangezüchtet, abgeerntet, gesammelt, sortiert und je nach Anteil ausgeschüttet.


Der Papst als oberster Lehensherr und Hauptanteilseigner verfügte inzwischen über mehr als zwei Millionen Jahre freier Lebenszeit.



Als Nuntius im Außendienst der Großen Vatikanischen Kirche hielt ich eine Sonderstellung inne. Als Nuntius gehörte ich nicht den oberen Bürgern, den Eliten und Ministern an. Als Nuntius wohnte ich in der Unterwelt. Als Nuntius im Außendienst der Großen Vatikanischen Kirche vollstreckte öffentliche, göttliche Todesurteile, die nicht in Verbannung oder Sklaverei umgewandelt worden waren. Als solch ein Nuntius fuhr ich in den interplanetaren Raum hinaus und vollstreckte Todesurteile an Bewohnern von Raumstationen, Satelliten und Mondkolonien.



Zwischen interplanetaren Reisen blieb ich meist in meiner Wohnröhre und versuchte, über das Ende hinauszudenken. So wie ich es gelernt hatte. So wie es von mir verlangt wurde. So wie es meine Pflicht war.



 


 

Kapitel 8



 

Gott, der sich selbst in vollkommener Weise begründet, kann nur sich selbst, kann kein Anderes begründen. Anderes muß durch Anderes begründet sein. Wie Gott ist also auch Anderes in vollkommener Weise durch sich selbst begründet.


(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)



Ich saß in der Bar meiner Wohnebene. Bar 218. Ich hatte mich am Tresen plazieren lassen. Ich vermied es nicht nur in der Bar 218, an einem Tisch zu sitzen. Die Bar 218 war gut besucht. Menschen der hiesigen Optimierungsstufen und auch viele Kontrollprogramme hatten sich gruppiert. Die Illumination der winkligen Röhren war in tiefem Rot und noch tieferem Blau gehalten.


In der Bar 218 verliefen die basalen Bassfrequenzen auf Brusthöhe. Als Nuntius der Großen Vatikanischen Kirche war es mir nicht gestattet, Etablissements niedrigeren Rufes zu besuchen.


Das Psychogramm hinter dem Tresen faßte sich an die Schultern und zog sich eine violette Soutane über. Dann wischte es sich mit den Händen über seinen Kopf und sah mich mit dem kantigen Gesicht des Papstes an. Der Papst zog eine dichte Augenbraue nach oben.


„Dreimal sieben Minuten?“


Ich nickte.


Der Papst nahm einen hohlen Stickstoffwürfel zur Hand und befüllte ihn lässig aus manchen der unzähligen Hähne, die unterhalb und oberhalb des Tresens in Reihen umherliefen. Als Garnitur beschränkte sich der Papst auf eine halbe Qumran-Frucht.


„Ein reinrassiger Tanka. Aber nicht klassisch. 2/3-4/3-2/3. Was die Form angeht, da halte ich mich an jedes Gesetz. Inhaltlich allerdings betreibe ich das Wagnis, mir Freiheiten zu gönnen, welche ich diesem Hause, der Bar 218, für würdig erachte.“


Ich nahm einen Schluck. Auf den Lippen fühlte es sich an wie kühle Seide. Doch schon schäumte der Schluck über die Zunge hinweg und stürzte sich wie von selbst die Kehle hinunter.


„Energie selbst ist Verneinung. Energie ist die Durchwaltung des Nichts mit dem Urgedanken, dem Urwort: 'Nein'. Die transmoderne Trinität schreitet als ihr ureigenstes Genus proximum, als ureigenster artbildender Unterschied über sich selbst hinaus. Dasein als Nichtexistierendes ist die Essenz des ersten Seins. Nichts>Njchts>Nychts<Nchts.“


Ich fuhr mit der Zunge am blitzblanken, fast wunden Gaumen entlang und bestätigte die päpstlichen Worte mit einem abermaligen, doch zögerlichen Nicken.


„Alles ist wahr. Nichts stimmt. Bedenke, Nuntius, Erkenntnis ist kein Abbild, kein Spiegel. Erkennen schafft Ordnung, indem Erkenntnis vieles versteckt.“


Ich nahm einen zweiten Schluck. Der war schon öliger, balsamischer. Dieser Schluck beruhigte meinen Mund. Der befreiende Duft der angeschnittenen Qumran-Frucht stieg bis in die Nasenhöhlen hinauf.


„Die Erde ist vielleicht nicht Mittelpunkt unserer Galaxis. Aber die Erde ist der Mittelpunkt des Universums. Nicht nur irgendein kopernikanischer Mittelpunkt von unendlich vielen. Die Erde ist der tatsächliche Mittelpunkt des Universums. Ich als Papst habe den Mittelpunkt des Universums eigenhändig markiert. Hier. Ganau hier unter mir. Hinter dem Tresen der Bar 218. Alle Darstellungen des Universums sind bereits umgestaltet worden.“


Der Papst zeigte nicht auf seine Füße. Der Papst hielt die Arme auch weiterhin verschränkt.


„Vor dem Anfang ist Nichts. In Nichts, vor dem Anfang, sind Tat und Sein identisch. Was vor dem Anfang, was in Nichts identisch ist, muß jedoch in Allem verschieden sein. Darum lösen sich im Anfang Sein und Tat. So darf fortan das Sein, sobald es nicht mehr als Regressus in infinitum bewiesen werden kann, genausowenig als Progressus in infinitum postuliert gelten.“


Ich nahm den letzten Schluck. Da war kaum noch etwas im Glas und selbst das schmeckte nach Nichts. Mein Mund war trocken.


„Hättest du Eltern gehabt so wie ich, Nuntius, so hätten sich deine Eltern gehaßt. Und nur vielleicht hätten deine Eltern dich darum umso mehr geliebt. Aber auch so bist du das Produkt eines alltäglichen und doch einzigartigen Momentes.“


Der Papst nahm nun selbst einen Schluck aus meinem Glas. Und nickte.


„Nebel wird dichter./Macht leis und leer das Atmen./Der Gipfel versinkt.“


Der Papst zog nocheinmal eine seiner dicken Augenbrauen nach oben. Dann wandte er das kantige Gesicht und die violette Soutane einem anderen Gaste zu.


„Also, diesen Qumran-Tanka kann ich nur empfehlen. Gerade zu dieser Stunde. Für nur dreimal sieben Minuten!“

 


Ich lag auf dem Bett meiner Wohnröhre. Ich wollte nicht behaupten, daß ich der päpstlichen Lehrmeinung glaubte. Aber ich folgte ihr. Ich hatte die Lehrmeinung des Papstes akzeptiert.


Was meine persönlichen Ansichten anbelangte, so fühlte ich mich trotz allem dazu gezwungen, mich überraschen zu lassen.



 


 

Kapitel 9



 

Gott findet den Menschen, um ihm gleich zu sein. Der Mensch sucht Gott, um ihn zu übertreffen.


(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Ich lag auf dem Bett meiner Wohnröhre. Ich versuchte, nichts zu denken. Ich versuchte, Nichts zu denken. Ich versuchte, zu denken, indem ich nicht dachte. Ich versuchte nicht, das Denken zu denken. Ich lag auf dem Bett meiner Wohnröhre und versuchte, Nichts zu denken.


Ich dachte Nichts. Ich dachte derart ausschließlich Nichts, daß ich selbst dieses Nichts nicht dachte, daß ich gerade dieses vor allem alles umfassende Nichts aus meinen Gedanken ausschloß. Ich dachte Nichts, das so sehr nichts, das so sehr Nichts war, so ganz und völlig, daß dieses Nichts nicht einmal Nichts war. Dieses Nichts, das ich dachte, war Nichts. Dieses Nichts, das ich dachte, war nicht Nichts. Ich dachte dieses Nichts und es war. Ich dachte dieses Nichts und es war nicht. Das, was ich dachte, war Alles. Ich dachte Nichts. Und ich dachte Alles.



Ich lag auf dem Bett meiner Wohnröhre. Ich dachte an das Paradies. Ich dachte daran, daß es besser wäre, Paradies selbst zu sein, als in ein solches einzugehen. Es war der Sinn eines jeden Lebens, ein Paradies zu entwerfen. Es sich zumindest auszudenken und vorzustellen. Davon zu träumen. Keinen größeren Dienst konnte der Mensch einer Zivilisation der Sterblichen erweisen.


Der Sinn des Lebens, die Bedeutung eines Sterblichen, sie hatten nur Bestand als Paradies, in das dieses, in das jedes Leben eines Sterblichen mündete. Nach dem jedes, auch dieses Leben dürstete. Das Paradies, das zu erdichten jeder Sterbliche fähig war. Von Anfang an. Von jedem Anfang fort. Dasein des Menschen, das war das Ende dessen, was im Dortsein dann als Paradies beginnen würde. Die Welt, in der ich lebte, jede Welt, in der ein Sterblicher den Kopf hob, war einzig und allein Symbol dieses Sinns. Universum dieses Sinns. Sinn dieses Universums. Sinn jedes Universums. Sinn des Lebens.


Der Sinn des Lebens fand sich im Ende des Daseins. Schon von Beginn an gefunden, bliebe Leben ohne Bedeutung. Ohne des Sterblichen Bedeutung. Da bliebe keinem Zeichen, keinem Verweis zu folgen. Stand und Stille. Da bliebe nur Sterben. Wer das Paradies finden mochte, der durfte das Paradies doch niemals gefunden haben. Wer das Paradies finden mochte, der sollte es mit Gedanken beschrieben haben. Wer das Paradies finden mochte, der mußte es in Wirklichkeit entbehren. Der Sinn des Lebens verschwand erst nach dem Ende des Daseins. Die Wandlung desjenigen, welcher in das Paradies einging, in denjenigen, der dann selbst als Paradies geschah, solches Wort erklang erst nach dem Tod des Sterblichen.


Die Welt, ein jedes Universum und auch der Traum vom Paradies war ein Zeichen, ein Verweis, ein Hauch von sich fort, fort von Welt und Universum und Traum, dadurch und darüber, hinaus und hinein in die Wahrhaftigkeit, die Freiheit und Schönheit des echten, unmöglich alten und urwirklich neuen Paradieses. Als Paradies selbst. Nichts und Alles. Original und Ebenbild. Paradies und Paradies. Alles als Paradies. Nichts als Paradies. Nychts.



Ich lag auf dem Bett meiner Wohnröhre. Ich gedachte der Herrensühne. Ich gedachte der Sühne, die auch mir bevorstand. Alles für Alles. Nichts gegen Nichts. Ich gedachte der Sühne, welche auch mich zu einem Herren machen würde. Herr und Schöpfer einer unmöglich alten Welt. Herr und Gott eines urwirklich neuen Universums. In Ewigkeit. Amen.


Ich lag auf dem Bett und spürte die Kraft, die ich noch würde haben müssen. Sie zog an mir. In mir zog sie und sie riß an mir. Und sie riß in mir. Ich spürte die Kraft und die Gnade, welche ich längst noch bitterlich entbehrte. Die Kraft der Welt zog mich immer enger zusammen. Die Gnade des Universums riß mich immer weiter entzwei.


Ich gedachte der Krone. Ich gedachte der Dornen. Ich gedachte der Zeit, der Endzeit, da auch ich die Schuld der Welt auf mich nehmen, da auch ich die Schmach des Universums begleichen würde. Mit meinem Leib. Und mit meiner Seele. Ich gedachte der Zeiten des Anfangs, da Götter niederstarben und der Menschensohn beschworen wurde, auch das Allerhöchste noch zu überleben.



Ich lag auf dem Bett meiner Wohnröhre. Ich gedachte der Heiligen Hochzeit. Stufe um Stufe, Stern um Stern stieg ich in den Himmel hinein. Hinauf bis an den letzten, den allerhöchsten Punkt, der Spitze aller Himmel. Auf diese Spitze stieg ich. Auf sie hinauf. Über dieser Spitze stand ich. Über sie hinfort. Und war selbst die Spitze der Spitze geworden. Ich verschmolz mit der Spitze zur ersten und letzten, zur einzigen Spitze. Unendlich genau. Unendlich viel höher. Ganz da. Und ganz dort.


Über dem Oben, worüber das Unten schwebt, vollkommen dort und vollendet da, hat Alles nur als Eines Platz und Namen, ist Alles allein als einziges, erstes und letztes, als innigstes Eines jede neue Welt und jedes neue Universum. Mann und Frau.


Ich gedachte der Heiligen Hochzeit. Stein um Stein, Altar um Altar stieg ich in die Hölle hinein. Feuer um Feuer, Glut um Glut. Und bald verbrannt zu goldener Asche. Bald bedürftig bitterer Tränen. Flut um Flut.


Gott und Göttin.



Ich lag auf dem Bett meiner Wohnröhre und war in traumlosen Schlaf gefallen.








Teil 2 (Salus)



 

Vorwort



 

Der Heilige Geist befiehlt mich in die Freiheit. Welch Verhängnis. Der Heilige Geist, er ist überall.


(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Neptun, so wie ihn die chaldäischen Kundschafter beschrieben, als achten und äußersten der Planeten unseres Systems, jenem Neptun war es auch ohne zwingenden Zuspruch wohl gerne gestattet, die Grenzbahn um die muttergoldene Heimatsonne kreisgerade, ganz kreisrund zu ziehen. Neptun, in kältester Weisheit erstrahlender Saphir. Schärfste Idee. Geschliffendster Klang. Unnahbar fern und doch der Dianen Sehnsucht geheimstes Ziel.


Neptun, wie er selbst sich sah, rasend und reißend, wirbelnd und schäumend, Wogen wie jagende Rosse, Wellen wie fliehende Wolken, Neptun selbst, Sturm und Strom, blieb Titanide, Herr der gewaltigen Äthergischt, ein gewalttätiger Herr und Riese. Bald vom Vater, König Saturn, und vom Prinzen, Jupiter, dem Bruder, ausgesandt, hinausgeschickt, hineingelockt in die endlos dörrende, seit jeher verdorrte Weite der Ahnenwüste. Sturm und Strom. Feuchte und Atem. Hinein in Salz und Staub. Neptun, bald Bräutigam des Sonnenkindes, der ersten Tochter des Blutes, der letzten Mutter des Landes, Neptun, bald Nachtblitz und bald Sommerregen.



Pluto, kleiner noch als der Erdenmond und längst nicht mehr als Planet benannt, Pluto, plumper und fleckiger Fels dann nur, ward in vernunftbegabteren Zeiten stets ein Herr der Vielen gepriesen. Der Ähren und Felder. Der Krieger und Gräber. Als Herr des Reichtums galt Pluto. Als Herr der Opfer. Knabe und Greis. Hüter der ersten Feste. Hüter des letzten Flügels.


Seine Kannen gefüllt mit weißer Gerste, seine Krüge voller schwarzem, duftendem Wein. Über den Stein seines Brunnens floß Öl, seine Flaschen troffen von Salben, sein Söller war mit Feigen bedeckt. Jupiter zürnte. Pluto erblindete.



Pluto war jetzt ein Asteroid. Puto war, wenn auch der massereichste, so doch nur irgendeiner der ungezählten Heerscharen anderer Asteroiden eines trostlosen Trümmerfeldes, das mit den fransigen Bogen seiner Gürtel unversehens irgendwo hineintaumelte in die totale Kälte, in die absolute Leere des interstellaren Raumes. Pluto war jetzt ein Samenkorn im Firmament.



Die Bahnen des Neptun und der 218 Plutoniden des Kuipergürtels verlaufen zueinander in einem Resonanz-Verhältnis von 2/3.





 

Kapitel 10



Nchts/Nmand - [Alephion/Tawiade]: N = nN; N2 = Nn; xN = Nn; √N = Nein;
 
(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)



Ich erwachte.


Ich hatte meine Augen noch nicht geöffnet. Doch ich war erwacht.


Unter meinen Lidern flimmerten Wolken ätherblau glimmender Kuben umher. Reihten, verwirbelten, entfernten sich. Verwehende Nachbilder des nanokristallinen Sauerstoffs, in den mein Körper nun für ein Jahr bei minus 218 Grad Celsius eingebettet gewesen war. Nanokristalliner Sauerstoff der Raumgruppen 2/3 und 4/3.


Ich wollte die Augen noch nicht öffnen. Ich lag in der Schlafröhre und spürte das vivide System meines Raumanzuges. Ich schmeckte den strengen, dichten Halbwert des Kohlenstoff-Fluids. Ich roch die ozonlastig flimmernde Frische des Sauerstoff-Nanolats. Der Raumanzug dampfte bereits aus und hatte eine ultrakutane Biosphäre gebildet, welche sich unter den hiesigen Bedingungen des Mondes Ganymed laut Definition etwa 12 Stunden aufrechterhielt.



Die Hälfte dieser Zeit war mir für die Erfüllung meines Auftrages zugewiesen, dem erklärten Vollzug eines Großen Anathemas am Entfremdeten der zwölften Stadt, am Feind der menschlichen Zivilisation. Bei anschließend unverzüglicher Heimkehr zur Erde. Einer abermaligen Heimkehr durch ein dreimal 23minütiges Jahr.



Traumlose, nicht mit kontrollprogrammierten Visionen verbrachte Fahrten in die Jupitersphäre wurden dem Weltraumreisenden anhand der Tabellen der Glaubenskongregation mit dem Abzug von einem Lebensjahr gewährleistet. Als Nuntius der Großen Vatikanischen Kirche galt ich als freier Mensch. Ich hatte diesen Obolus von einem Lebensjahr direkt an den Papst zu entrichten.


Hatte das Licht der Muttersonne, hatte der masselose Impuls, die Bewegung selbst 43 Minuten ihrer Zeit aufzuwenden, um hinaus zu Jupiter zu gelangen, so waren die Techniker der Schweizer Garde inzwischen in der Lage, die tatsächliche Verschickung eines Weltraumreisenden vom Mittelpunkt der Erde aus durch das paradimensionale Nichts hindurch in die Jupitersphäre auf bereits dreimal 23 Minuten anzunähern.



Ich öffnete die Augen. Ich sah in ein sternenloses Universum.


Ich hatte mich entschieden. Ich hatte mich endgültig entschieden. Ich wußte jetzt, daß ich meine letzte Heimreise zurück zur Erde nicht antreten, mehr noch, daß ich meine letzte Pflicht, meine letzte Verpflichtung durch das Große Anathema dem Papst und jenem Fremden gegenüber nicht erfüllen würde.


Ich war nun auf Ganymed. Ich war bereit, hinauszuziehen in die eisige Wüstenei dieses Mondes. So wie der Papst es verlangte. So wie der Fremde dort draußen es verdiente. Doch ich, Nuntius im Außendienst der Großen Vatikanischen Kirche, würde dieses eine, dieses letzte Mal das Ziel verfehlen. Ich würde hinausziehen in die eisige Wüstenei des Mondes Ganymed. Doch ich wollte dort draußen keinen Fremden finden. Auch wollte ich von dort aus nicht mehr zurück zur Station. Ich wollte jedes Ziel verfehlen.


Ich hatte mich entschieden, einfach nur hinausziehen. Fort von der zwölften Stadt, dem äußersten Zelt und der letzten Flamme menschlicher Zivilisation. Hinaus in die dunkelblauen Ebenen des Ganymed. Zwölf Stunden hinein und hinfort in die schlafende Leere des größten Mondes des größten Planeten unseres Sonnensystems. Irgendwo dort im Nirgendwo, von nun an in zwölf Stunden, wollte auch ich mich schlafen legen und die Leere dieses Daseins mit meiner stillen Krönung zu einem allerletzten, zu einem allereinzigen Ende bringen. Ich hatte mich entschieden.



Ich hob den Kopf.


Ein winziges Fünklein durchbrach die tiefenlose Finsternis. Das Fünklein, ein Horizont, es glühte nicht. Das Fünklein strahlte wie ein Diamant. Das Fünklein bog sich mächtig. Das Fünklein weitete sich prachtvoll. Helles, klares, kräftiges Licht überzog mich.



Das Kontrollprogramm des Raumschiffes hatte den Öffnungsmechanismus meiner Schlafröhre aktiviert. Meine letzte, meine einzige Reise begann. Hinaus aus dieser Welt. Hinaus aus diesem Universum. In Ewigkeit. Amen.



Ich richtete mich auf. Alles, was ich von nun an tat, ich tat es nur noch ein einziges, ich tat es das allerletzte Mal. Ich schlüpfte aus der Schlafröhre des Raumschiffes und stand im gleißenden Flutlicht einer Empfangshalle. Ich war geblendet.



Die Station Ganymed, Zelt und Flamme der Großen Vatikanischen Kirche, zwölfte Stadt der menschlichen Zivilisation, ein Chor aus elf hehren Stimmen hieß mich als päpstlichen Nuntius mit einem üblichen, doch durchaus warmen 'Ave Adlatissime' willkommen.

 

 

 

 

Kapitel 11

 

 

Der Jüngling, welcher dem Mythos am nächsten ist, da er ihm eben erst in den Logos entsprang, der Mannhafte, welcher das Äußerste noch kennt, da er vom Innersten eben erst durchbrochen, der Greis findet im Anfang Nichts als Chaos. Nichts als Verneinung. Verneinung seiner selbst.

 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)

 

 

 

218 Bewohnner zählte einst die Station des Mondes Ganymed. Viermal 43 Männer. Priester, Bischöfe und Kardinäle nach ihrem Range und allesamt mit klösterlichem Schwur belegt. Ausschließlich ultraviolette Geburtsreihen. Adamisten, Tertullianer, Minimitellen. Und sonst nur Knechte. Zudem zweimal 23 Frauen. Seraphinen des Marien-Ordens die einen und sonst nur Mägde.

 

Mindestens 218 Bewohner zählte bald die Station des Mondes Ganymed. Die zwölfte Stadt wuchs. Die Nähte des Zeltes spannten, rissen sogar. Einst Prinz und Krone und Pfeil und Ziel als ein einziges Licht, schon entmaß sich die Flamme der menschlichen Zivilisation ihres Wesens. Die Flamme der menschlichen Zivilisation zerplatzte zu überheißem Nebel, ohne Fug, ohne Recht, und zerstieb als kurzer, greller Fluch eines tausendfältigen Baal.

 

 

Gaia war wie eine hoffnungslos tumbe Hündin zurückgehinkt zu ihrem Peiniger. Was nach heiliger Fügung längst nicht mehr geschehen durfte, was nach päpstlicher Bulle längst nicht mehr geschehen konnte, es geschah. Hydra, alt und nackt und häßlich, Mutter aller Huren, aufgedunsen vom unaufhörlichen Empfang, todgeweiht durch anfangloses Gebären, und noch immer gierig, noch immer geil, das zahnlose, blutleere Weib, noch immer verfressen, noch immer besessen, es schmiegte sich heran an den Fürsten von Blei und Gold, dem König der Geilheit und der Gier. Der Wächter des schwarzen Regenbogens ließ sich bedrängen. Die Dämonen frohlockten, die Miasmen tanzten, sie alle würden die Natur erkennen, die haltlose Natur umschlingen mit Pech und Schwefel!

 

 

Die Bewohner der Station Ganymed vermehrten sich. Sie wurden nicht vermehrt. Die Bewohner vermehrten sich selbst. Obschon seit Beginn dieses Äons nicht mehr nur die menschliche Zivilisation, sondern nun alles Geschöpf der bekannten Welt, jede Individualität im Reiche der Großen Vatikanischen Kirche, auch Pflanze, Tier und Hominoide, mit der Segnung müheloser Reinheit, unverbrüchlicher Keuschheit, mit eugenetischer Sterilität beschenkt worden war. Dennoch, die Bewohner der Station Ganymed, sie vermehrten sich selbst. Ohne jegliche Kontrolle durch die Große Vatikanische Kirche. Außerhalb jeder päpstlich bestätigten Geburtsreihung. Die eiskalte Raserei des bocksbeinigen Versuchers schreckte selbst vor solch einem Archaismus nicht zurück.

 

 

Eine Babylonische Flutung, Kreuz der Selektion, schließlich befohlen von einem die längste Nacht in Hahnengeschrei harrenden Papste, hatte zwölf Bewohner, drei Schwestern und neun Brüder, in der Station des Jupitermondes verbleiben lassen. So wütend und so erschöpft, ganz Simon, ganz Petrus, Schild und Scheibe, so kreuz und quer eingenagelt in die Enttäuschung über sich und die Welt der Papst damals auch gewesen sein mußte - der Papst, letzter und erster Jünger, er war jeden Weg gegangen, kopfüber, in bitterster Konsequenz, in schreiender Qual - die Babylonische Flutung war umso stiller und schneller verlaufen. All jene hoffnungslosen Sünder, Teufel durch und durch, welchen nur der Heilige Geist höchstpersönlich jetzt Gnade erteilen konnte, sie wurden noch während der geheimen Urteilsverkündung von den Reinigungsbakterien der Station entsorgt. Mit Mark und Bein. Mit Leib und Seele.

 

Die vakant gewordenen Lebenszeiten wurden weder in Klerikalbesitz eingezählt, sie wurden nicht verliehen oder verschenkt, noch anonymisiert oder verlost. Die restlichen Lebenszeiten wurden gelöscht. Mit einer Handbewegung, als gelte sie törichten Fliegen, mit einer Handbewegung der Unfehlbarkeit warf der Papst seine Herrschaft über jede Besitzsucht in die Waagschale. Wie tief, wie abgrundtief gesunken die Kreatur auch war, ein Wink des Hüters wog schwerer. Der Papst löschte nicht nur die restlichen Lebenszeiten. Der Papst löschte die gesamte Lebenszeit der Trostlosen. Zurück bis in jedes siebente Glied. Schmach und Schande. Für immer und ewig. Herr der Zeit. Zeit des Herrn. Offenbarung und Apokalypse.

 

 

Zwölf Bewohner hatten die Babylonische Flutung überlebt. Einer von ihnen hielt sich nicht mehr in der Station auf. Einer von ihnen war zum Fremden geworden auf Ganymed. Zum Feind der menschlichen Zivilisation.

 

Der Papst hatte verfügt, sich innerhalb dieses Äons jeder weiteren Baylonischen Flutung zu enthalten. Der Papst war durch dieses Wort gebunden.

 

Also verhängte der Papst ein Großes Anathema.

 

 

 

 

 

 

Kapitel 12

 

 

 

Ein alter, dunkler Mann, ein noch dunklerer, ein noch älterer Held, auch er raunte den ältesten, dunkelsten Fluch: 'Mein Auseinanderstreben erst des einen Selbst eröffne Sich zu deiner Welt!'

 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)

 

 

 

Ich hatte mich direkt zur Schleuse begeben.

 

Der Begrüßungschor war nach seinem elfstimmigen Gesang sogleich verschwunden. Ich hatte in jenem grellen Gegenlicht der Empfangshalle keine Gesichter erkannt. Das Ave war freundlich und klar verklungen. Dem Ritual war damit Genüge getan. Die Bewohner der Station Ganymed wußten, weswegen ich gekommen war. Es gab nichts zu besprechen.

 

 

Zeit spielte keine Rolle. Ich befand mich auf meiner letzten Reise. Ich tat die letzten Schritte. Unzählig oft getane Schritte. Und jetzt doch so vollendet einzigartig. Ich spürte meinen Raumanzug kaum. Ich glitt durch die Gänge von Ganymed. Ich hatte ein Fahrzeug abgelehnt. Ich glitt auf meinen Füßen durch die Gänge von Ganymed.

 

Meine letzte Reise fand statt. Und doch war mir, als hätte sie längst stattgefunden. Als spielte sie überhaupt keine Rolle mehr. Gerade weil sie längst stattgefunden hatte. Meine letzte Reise war nur noch eine Erinnerung. Eine verblassende Erinnerung. So nah und so fahl wie die Wände der Gänge von Ganymed.

 

Ich war froh, daß ich so dachte. Denn so konnte mir nichts mehr geschehen. Auf meiner letzten Reise. In die eisige Wüstenei des väterlichen Mundschenks. Ich saß bereits zu Tische. Der Sternenofen glühte. Ich war längst schon inmitten meiner ersten, einzigen, meiner allerletzten Sühne. Auf meiner allerletzten Reise in die Schuld der Welt. In meine Schuld. In alle Schuld. Die Schuld dessen, was gewesen war. Und dessen Schuld, die niemals gewesen. Solche Schuld, die sein wird. Und jene Schuld, welche niemals wird. Alle Schuld. Jede Schuld. Alle Unschuld. Jede Urschuld. Ich war froh, daß ich so dachte. Ich hatte die Schuld der Welt, die Urschuld Gottes zu sühnen. Nur ein Gott war fähig, die göttliche Urschuld zu sühnen. Nur ein Gott war fähig, die göttliche Unschuld zu verherrlichen. Ein neuer Gott. Nur ein neuer Gott. Der Erbe eines neuen, eines unmöglich alten, eines urwirklich neuen Universums. Als Gott. Als neuer Gott. Ineins mit der Göttin des neuen Universums. Niemals einzig und allein. Einzig und allein. Für immer und ewig. Ein Wunder. Das eine, letzte, das einzige Wunder. Einer alten Welt. Das eine, erste, das Wunder über Wunder, Wunder drunter und drüber, Wunderwirbel, Wirbelwunder einer neuen Welt. Halleluja und Amen.

 

Ich war heilfroh, daß ich so dachte. Mir konnte nichts geschehen.

 

 

 

Ich hatte mich direkt zur Hauptschleuse der Förderanlage begeben. Da nicht auf Ganymed, sondern außerhalb des Mondes, in den Ringen um Jupiter geschürft wurde, und Qualität wie Vorkommensform derart rein und fein zur Aberntung bereitstand, war die Förderanlage als ausgedehnter Umschlagehangar für Raumtransporter angelegt. Es herrschte reger Flugbetrieb. Die Erden der Jupiterringe, allen voran deren multipolare Metalle, waren unverzichtbarer Bestandteil basaler Menschlichkeit geworden. Zivilisation war nicht mehr vorstellbar ohne multipolare Metalle. Das päpstliche Monopol war eine der Hauptpfründe der Großen Vatikanischen Kirche. Primum vivere, deinde philosophari. Zu Beginn des Äons, im Letzten Krieg, hatten multipolare Metalle über Sieg und Niederlage entschieden.

 

 

Das Kontrollprogramm begleitete mich.

 

Das Kontrollprogramm der Station Ganymed, bei Umgehung der Schweizer Garde direkt dem Papst unterstellt, trat mir gegenüber nur als Protokollar-Schemen in Erscheinung.

 

 

 

 

 

 

Kapitel 13

 

 

 

Königin: Bedauert ein Narr, bevor er zum letzten Male spricht, daß er der eine und einzige ist in meinem Reich, welcher mir ungestraft die Wahrheit sagen darf?

 

Narr: Bedenkt die Königin, bevor sie mich zum letzten Male hört, daß es des Ganzen Schicksal bleibt, Schicksal der einen Art und ihrer einzigen Weisen, Menschheit und Mensch, beider Geschichten Sinn und Bedeutung, daß sie allesamt sind längst ununterscheidbar geworden? Du und ich, wir sind ununterscheidbar geworden. Niemandem sonst, nur noch ich bin es doch, dem du ungestraft die Wahrheit sagen darfst.

 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)

 

 

 

 

Ariel, starrendes Auge am südlichsten Hades, wo einst Meer und Wüste ineinanderflossen. Ariel, herabgestiegen zum Pyramidentor als Riese mit schwarzrotem Dreizack, er harrte dort derer, die nach Rückkehr begehrten. Rückkehr noch vor den Anfang. Noch vor jedes Wort. Vor alles Licht. Zurück ins Nichts. Zweimal noch, so hieß es, blies Ariel in das Horn des Walfischs. Der erste Tag, er kam aus keiner Nacht.

 

 

Raphael schwebte in einer Sphäre dreieckiger Flächen und vierkantiger Ecken. Blauweißer Seir, Schleier und Fessel, Staub und Tropfen, Gischt und Atem. Raphael, stillster der Elfen, Helfer und Heiler dritten Quadrats, 218 Priesterinnen ein Herr und Meister der 182 Antiprismen. Raphael barg das österliche Feuer fünf letzte Nächte in der Höhle seines Bauches.

 

 

Gabriel, ohne Gesicht und doch voller Vision, blauschwarz blitzender Nordleib, Klang und Gesang, Seelenfang. Sturm und Stille zugleich. Aschara und Gott. Zwei und Drei. Sohn und Mutter. Vier mal Drei. Gabriel offenbarte an die Kälte des Wassers und verkündete in die Feuchte der Luft. Pfahl des Jam und Jawa's Schlange. Tauchender Vogel und Fliegender Fisch. Feder eines Phönix und Leviathan's Blut. Sieben erste Tage lang.

 

 

Michael, der Teufel und der Satanai Bezwinger, Schwert und Leier, Bogen und Pfeil, Geheimnis der Schöpfung, westlicher El und bald Vater meiner Heimkehr. Mundöffner, Ring und Würfel und Frage, rotweiße Frucht. Michael, Existenz und Botschaft, Ebenbild und Antwort. Erfüllung und Vergehen. Stein und Salz, Altar und Sonne. Der letzte Tag, er verging in keine Nacht.

 

 

 

 

Johannes, Liebling des Donners, hinuntergesandt aus den Eichenhainen und Wacholderhängen des Seir, vom erwachenden Vater hineingenannt in die Tempelruinen entlang des Jordans. Hinfort in die Schädelfelder des fünften Tetrarchen. In die Stätte der drei unsichtbaren Sterne. Johannes, barhäuptig und bärtig, er bekam von goldenen Salamandern und stahl die himmlische Träne. In kühlem, süßem Staub ertränkte er den zitternden Leib. Schwarz und rot und nackt. Zu bitter glühendem Odem versengte die flehende Seele. Bläuliche Fliegen umtanzten das Haupt. Johannes hatte zu Rückkehr gerufen. Johannes hatte nach einem Eid geschrieen. Am eigenen Grab. Weiß und schon tot.

 

 

Judas, der Zwilling, welcher glaubte, um die Zeit zu erraten. Als Mensch noch erkannte er die Welt. Schon als Gott löste er den Bund. Judas, der Einzige, welcher den Ort verriet, um zu glauben. Was von nun an versprochen, das war bereits versprochen. Als Letzter öffnete er den Garten und erfüllte das Wort. Als Erster trug er einen roten Dolch im Ärmel und meinen Strick um den Hals. Was von nun an geschah, das war bereits geschehen. Der schwarze Theurg folgte dem Fluch und durchstieg mehr Höllen als je ein Messias zu freien wagte.

 

 

Magdalena, Hüterin des fernen Nektars, fremde Heldin, dort am See, tiefstes Loch der Erde, über dessen Speien und Fluten der Gatte nun schwebte. Magdalena, des Helden Nächste, gestillte Lippen und ein lautes Herz. Blau und Schwarz. Verschwenderin, Verwenderin, niemals Verblassende, niemals Verlassende, die mit Weihrauch und Myrrhe einen Dieb zum Gottesmörder salbte. Schwarz und Rot. Drachenhirn und Engelsohr. Magdalena, würdig und verworfen auch sie.

 

 

 

 

Lilith, in die Finsternis entklungen dem Mundwinkel des Höchsten, noch ehe dieser taumelnd und schmatzend die losen Elemente zu Licht und Flut und Feste zusammenhauchte. Lilith, die heimatlose Windsbraut, bald wispernd helle bald übermütig sausend hauste sie fortan als des Höchsten Höchste im Himmelsbaum. Lilith schwenkte schwarze Flügel. Doch sie flog nicht. Lilith spreizte rote Krallen. Doch sie fing nicht. Lilith trug ein blaues Schuppenkleid. Doch Lilith, die Unfruchtbare, sie verbarg sich nicht. Eine verbotene Frucht, so bot sie dar ihre Brust. Einem jeden, der da dürstete, bot sie ihre nächtliche, ihre weiße, ihre vergiftete Brust.

 

 

 

 

 

Kapitel 14

 

 

 

Kleinstes des kleinsten, allerkleinstes, erstes, letztes, einziges Etwas zerfällt in Nichts und nicht Nichts.

 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)

 

 

 

Ich glitt über die Eisfelder von Ganymed. Ich glitt immer geradeaus. Ich hatte jede Kommunikation unterbunden. Es gab nichts zu besprechen. Es gab nichts zu bedenken. Ich dachte nicht nach über einen Weg, der keiner mehr war. Das Ziel dieses Weges war das Ende des Denkens. Das Ende der Zeit. Seit Stunden glitt ich durch die Krater und Gräben von Ganymed. Ich hatte die Schleuse und das Kontrollprogramm, ich hatte die Station des Mondes, ich hatte Mensch und Welt hinter mir gelassen. Seit Stunden. Für immer. Geradeaus. Immer gerade. Und bald aus.

 

 

Ich hatte mich sattgesehen an der Ungeheuerlichkeit des Jupiter. Hier auf diesem Mond war Jupiter kein nächtlich funkelnder Punkt im Firmament. Hier vor diesem Mond thronte der Alte, der Gewaltigste der Alten, der Gewaltigen, so nah, so groß, so unmittelbar, daß er den Himmel von Horizont zu Horizont erfüllte. Hier auf diesem Mond war Jupiter der Himmel. Voll und ganz. Tag und Nacht. Für alle Zeit.

 

 

Ungeheuerlich war die Gewalt der roten, weißen, schwarzen, blauen Marmorströme. Marmorwirbel, Marmorstrudel, Marmorquellen und Marmorschnellen. Rein und fein und filigran. Stumm und hart und kalt. So nah, so groß und unmittelbar wohnte der alte Himmel. Und doch niemals mehr auch nur einen Schritt, einen Blick näher, größer, unmittelbarer. Da war eine Grenze, über die hinaus zu treten dieser alte Gott jedem Geschöpf verwehrte. Da war diese Grenze, hinter der jener ewige Gott immer mehr zurückbleiben mußte. Jener Gott dieses Universums. Gott dieser Welt.

 

Ich glitt über die Eisfelder von Ganymed. Blau, schwarz, weiß, rot. Ich hatte die Stunden nicht gezählt. Doch ich spürte, wie sie verrannen. Ich fühlte zwischen meinen Augen, wie sie verrannen, unaufhörlich verrannen, immer mehr, immer weniger, auseinander, ineinander, besessen, vergessen, bis auch die letzte aller Stunden verronnen war. Ich glitt durch die Gräben und Krater. Immer geradeaus.

 

 

Ich hatte jede Kommunikation unterbunden. Allerdings hatte ich die päpstliche Präfiguration meines Raumanzuges unterschätzt. Ich war über die Oberflächen von Ganymed geglitten. Mein Staunen trug mich. Und als ich das letzte Feld, den letzten Krater, den letzten Graben durchzogen hatte, erkannte ich vor mir einen aufgegebenen Außenposten. Aufgegeben von der menschlichen Zivilisation. Ausgestoßen aus dem Reich der Großen Vatikanischen Kirche. In diese bald namenlose Ruine hatte sich der Fremde geflüchtet, als er die Station verließ. Als er sich selbst aus der Welt verstieß.

 

 

Die Zeit des Staunens verann. Mein Raumanzug denaturierte bereits. Er hatte seine Pflicht getan. Er hatte seine Pflicht erfüllt. Die zwölfte, die allerletzte Stunde begann.

 

 

 

 

 

Kapitel 15

 

 

Der Heilige Geist vollbringt Taten, welche gänzlich unvorstellbar bleiben müssen. Dennoch geschehen diese unvorstellbaren Taten. Das Heilige und der Geist sind solche Taten.

 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)

 

 

 

Der Papst nannte es Transmundalität.

 

Der Papst liebte diesen Begriff. In innigster Nähe von den Lippen des Heiligen Geistes gelesen, verstand das geweihte Haupt solch Wort, berstend vor messianischer Würde, als ganz persönliche Aufforderung. Stille und Macht. Wissen und Sieg. Nur in allerhöchst gebenedeiter Handlung offenbarte dieser Begriff überhaupt erst Wert und Gegenwart. Aus ihr heraus verdichtete sich Existenz und Erwähltheit nur zu diesem Begriff.

 

Das Geschöpf befand sich im Fluge. Als Entworfenes durfte es nicht sein, konnte es nicht bleiben, was es war. Das Geschöpf mußte ein anderes werden. Ein Geschöpf, das nicht sank. Ein Geschöpf, das nicht fiel.

 

 

Der Papst nannte es Transmundalität.

 

Der Papst liebte die Endgültigkeit dieses Begriffes. Die Endgültigkeit des Abschieds, welche in diesem Begriffe lag. Das Geschöpf mußte das Geschöpf hinter sich lassen. Es galt, diesen innersten Willen als äußerste Tat noch hier und heute kundzutun. An Fleisch und Blut. In die Mitte der Herzen.

 

Der Papst liebte die Einfachheit dieses Begriffes. Die Einfachheit des Anfangs, welche in diesem Begriffe lag. Völlige Freiheit, ganze Wahrheit. Ewige Schönheit. Der Papst hatte entschieden, zur Quelle aufzusteigen und das Geschöpf in die sprudelnden Lebenslichter hinabzutauchen. Das Geschöpf reinzuwaschen und emporzuheben. Empor in den echten Äon.

 

Der Papst liebte das Universale dieses Begriffs. Das Universale der Steigerung. Innerhalb des Kopfes, außerhalb. Überall. Sein wird Sein. Werden ist Werden. Der Papst ließ sich nicht beirren. Er berief sich auf die Pfingstmärtyrer, auf deren standhaftes Sterben für die Immanenz des Paradieses.

 

 

Der Papst nannte es Transmundalität.

 

Der Papst hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den Heiland zu überraschen. Ursprung und Fortschritt. Aufbruch und Ankunft. Der Papst rief die menschliche Zivilisation auf, jede Trägheit abzustoßen, alles Faule auszusondern. Der Papst forderte, dem Wiederkehrenden entgegenzugehen. Begegnung verlangte Bewegung. Marsch und Jubel statt Greinen und Harren.

 

Der Papst träumte davon, dem Weltenretter die Rettung der Welt zu ersparen. Den Kampf. Den Schrei. Der Papst wollte den Heiland überraschen. Mit offenen Armen. Himmel und Erde. Herr und Hirte. In Frieden. In Ewigkeit. Amen.

 

 

Der Papst nannte es Transmundalität.

 

 

Noch hier und heute. Wie der Papst anzufügen niemals vergaß.

 

 


 

Kapitel 16



 

El blickt hinunter in das Land Kanaan. El sitzt still auf einem Stein und blickt hinein in den Göttertiegel. El friert nicht mehr. El stirbt vor Durst.


 

Aschara beugt sich über die Brunnen von Teman. Aschara ist in Lumpen gehüllt. Ihr Haar ist versengt, der Krug nur Scherbe. Aschara flüstert. Und das Wort versinkt.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Gehen wir ins Haus, Nuntius. Du hast nicht mehr viel Zeit. Der Mensch hat nicht mehr viel Zeit.


Der Fremde trug keinen Raumanzug. Der Fremde stand in der Ebene vor dem Außenposten und war so nackt, daß ich sogar durch ihn hindurchsehen konnte. Das Fleisch war blasser Nebel, Knochen hingen darin wie fahle Schatten. Keine Farben, kein Licht des Jupiter war an ihm. Nur Grau und Grau. Ich wehrte mich nicht. Ich übergab meine letzte Stunde der Vorsehung. Ich folgte dem Todesengel.


Ich sollte dir vielleicht sagen, daß ich mich inzwischen fast ausschließlich von Gammastrahlung ernähre. Die Resorption geschieht über die Körperoberfläche und wird von Röntgeneffekten begleitet. Darum mein im Spektrum deiner Augen so schales Erscheinungsbild.


Der Schädel des Fremden war vollständig geschlossen. Er glich einem Ei. Konturen der Sinnesorgane, auch die des Mundes, waren kaum noch als Rudiment, als flache Verwerfungen zu erkennen. Im Oval des Kopfes, in Brust und Bauch des Fremden schimmerten schwarze Schlieren. Wurden immer dünner und länger und verwoben sich. Welch seltsames Schauspiel bot da das Lebendige noch dem Sterbenden. Welch Verschwendung.


Ich verfülle gerade freigewordene Hohlräume meines Körpers, also Kiefer, Hals, Lunge und Magen, mit Gehirnstubstrat. Ich mußte kürzlich feststellen, daß ich für meine Aufgabe bald auf erweiterte Kapazitäten angewiesen sein werde.


Der Torso des Fremden war rund. Vier Arme und drei Beine entsprangen ihm in regelmäßigen Abständen. An dem Fremden war keine Rückseite auszumachen. Seine Hände besaßen den kleinen Fingern gegenüber zweite Daumen.


Nur eine Spielerei von mir. Übrigens, ich heiße Henoch. Der Entrückte. Der den Himmel sah und die Hölle erfand.


Ich nickte und wir betraten den Außenposten durch eine offenstehende Schleuse. Die Zeit verrann. Die Zeit selbst verrann.






Fünf Prozent seines Genoms machen den Mensch zum Menschen. Fünf Prozent des menschlichen Genoms erklären des Menschen Dasein. Die restlichen 95 Prozent kodieren keine existentielle Information. Die restlichen 95 Prozent des Genoms gelten gemeinhin als unnötiger Anhang, lästiger Ballast, als Abfall.


Der Fremde hatte mich in einen engen, fensterlosen Raum geführt und mich angewiesen, auf einem Hocker platzzunehmen. Die Denaturierung meines Raumanzuges schritt voran. Das vivide Karbon verlor an Elastizität. Es schrumpfte. Ich wollte mich nicht wehren. Dennoch erhöhte ich die Atemfrequenz, um gegen den steigenden Druck anzukommen. Ich schwitzte.


Ich persönlich betrachte jene 95 Prozent nicht als überflüssigen Zierrat. Ich sehe darin das väterliche Geschenk. Ich erkenne darin den göttlichen Gral. Ich lese das Buch des Lebens. Ich studiere die Schrift des Heiligen Geistes. Ich entschlüssle das essentielle Wissen des Menschen.


Vor mir entfaltete sich ein Holokubus. Er umschloß mich. Er tauchte mich ein in sich. Der enge, fensterlose Raum war verschwunden. Ich schwebte im Universum. Ich schwebte im Sonnensystem. Ich sah den eisenroten Mars, die wasserblaue Erde und ihren staubgrauen Mond. Ich sah die silbernen Bänder der Satelliten und Stationen. Ich sah das Perlmutt der Venus. Und ganz ferne Merkur, das fliehende Kind.


Die Reise des Menschen hat eben erst begonnen. 95 Prozent des Weges, 95 Prozent seiner selbst liegen noch vor ihm.


Ich betrachtete die Erde. Sie leuchtete ganz klar und rund und scharf. Ich erinnerte mich. Von dort war ich ausgesandt worden, hierher nach Ganymed, um Henoch zu töten. Henoch, den Fremden. Erbe des Kain und Zeuge gegen die Wächter.


Du wirst mich nicht töten, Nuntius.


Ich selbst starb. Mein Raumanzug wurde immer enger. Die ultrakutane Biosphäre erhitzte sich. Ich wurde allmählich zerquetscht. Ich maximierte die Analgetika-Ausschüttung.


Du wirst nicht sterben, Nuntius.


Ich werde es dem Erlöser gleichtun. So wie die Adonai es bewiesen. Ich werde alle Schuld der Welt auf mich nehmen. Ich werde die Schuld aller Welt sühnen. Ich werde auferstehen aus dem Grab der Hölle. Ich werde gesalbt werden von einer Göttin. Ich werde platznehmen mit meiner Göttin, gemeinsam und ganz allein, auf dem vakanten Himmelsthron. Als Elohim werden wir unsere beiden Augen öffnen, unsere Ohren, Nase und Mund, und eine neue Ewigkeit erschauen. Alles steht geschrieben. Gelobt sei Jah. Amen.


Du wirst nicht sterben. Gott ist tot. Gott ist am Kreuz gestorben. Das macht dir Angst. Angst vor dir selbst. Du wirst nicht sterben. Die Erde wird untergehen. Eine gottlose Schöpfung wird untergehen. Du wirst leben, Nuntius. Ich werde leben und du wirst leben. Aber die Erde und ihr Mond, die Welt, sie wird untergehen. Wie ihr Gott. Ein Neutronenstern rast auf die Erde zu. 23km Durchmesser, ¾ der Lichtgeschwindigkeit. Du wirst ihn gleich sehen. Er ist direkt hinter dir.


Ich mußte mich nicht umdrehen. Der Neutronenstern, eine kleine, schwarze Kugel, ein Punkt nur, umflort von flacher, bläulicher Korona, schoß aus meiner Stirn. Richtung Erde.





Der Neutronenstern durchschlägt den Kern des Planeten. Der Impuls degeneriert in einen hyperinflationären Kollaps, der alle bekannten Lichtgeschwindigkeiten überschreitet. Die Implosion reißt ein Loch in das Gefüge der Raumzeit. Ein stabiles Loch. Ein Tor in ein anderes Universum.


Ich konnte mich kaum noch bewegen. Kaum noch atmen.

 

Dein Universum, Nuntius.


Ich bewegte mich nicht mehr. Ich atmete nicht mehr. Ich sah, wie der Neutronenstern, Mond und Satelliten und Stationen an sich reißend, in den Erdplaneten einschlug. Es geschah kein Aufplatzen einer Hülle, kein Auseinanderschmettern der Elemente, kein berstender Blitz. Ich wartete. Es geschah nichts. Der Neutronenstern war verschwunden. Erde und Trabanten waren verschwunden. Nichts geschah. Meine Welt war versunken. Und auch ich versank. Ich war am Ziel. Ich erinnerte mich. Ich spürte Nichts. Ich dachte Nichts. Nichts war geschehen.


Nur Mut, Nuntius. Mut zu dir selbst. Deine Reise hat doch eben erst begonnen.





 


Kapitel 17




Kennt das Weib das Maß als Teil der Zeit, so ernenne sich nun Zeit zum Teil des Maßes. Vergißt der Mann das Maß als Teil des Raumes, so erfinde sich nun Raum als Teil des Maßes. Zeit sei zum Teil Zeit. Raum bleibe zum Teil Raum. Raum und Zeit haben kein Ende. Raum und Zeit haben einen Ausgang. Du bist dieser Ausgang.


(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Es waren nicht Zeit und Raum, welche vergingen. Ich verging. Ich verließ Raum und Zeit. Sie selbst blieben in Bewegung. In Eile. Ich jedoch verging. Mein Bewegungsradius schrumpfte. Schrumpfte gegen Null. Nichts. Mein Wahrnehmungskreis löste und öffnete sich. Weitete inmitten von Nychts.


Ich verging. Ich hatte mich zu entscheiden. Ich hatte die letzte, die einzige, ich hatte die eine Entscheidung meines Lebens zu treffen. Sie betraf mein Leben selbst. Sie betraf Alles. Mein Leben war die Bedeutung dieser Entscheidung. Diese Entscheidung war der Sinn meines Lebens. Ich hatte mich zu entscheiden. Ich starb. Diese eine, einzige, diese letzte Entscheidung. Und ich war tot.



Ließ ich mich zurückfallen ins geschichtslose, unbefragbare, ins ursprünglichste, voranfängliche Nichts? Ohne Schuld. Ohne Sühne. Ohne Ich. Ausgelöscht. Getilgt, was irgendmals war. Verschwand ich im Nichts? Jenes Nichts, dieses nicht Nichts. Kam jemand hervor? Als Anderer. Ganz anderer. So anders, womöglich gar derselbe. Jemand. Ganz von vorne. Aus dem Nichts. Irgendwann. Irgendwo. Irgendwer.


Oder stieg ich hinein in den Sternenofen? In die innerste Glut des lebendigen Todes. In die äußerste Kälte. Ließ ich all das Universum, jede Welt, jedes Leben auf mich zurückfallen? Als mein eines, einziges, letztes. Folgte ich meinem Ruf? Übernahm ich die Verantwortung? Für Alles. Für Jedes. Für mehr als Alles. Für jedes Alles. Zeigte ich Identität? Bewieß ich Individualität? Hypernova. Mehr als neu. Vollkommen Gott. Durch mich hindurch. Über Alles hinaus. Schritt ich voran in die Gefilde des Nychts?



Ich hatte mich zu entscheiden. Es gab nur diese Entscheidung. Alles war ich. Ich war Alles. Niemand wartete auf meine Entscheidung. Niemand war erstes, Niemand war letztes Wesen. Ich war das eine Wesen des Nichts. Niemand das andere. Niemand war da, als Nichts zu Nein verging. Ich war gezeugt. Niemand war Zeuge. Wir hörten den Klang.



Niemand wartete auf meine Entscheidung.







Kapitel 18




Niemand will ewig leben. Selbst Götter nicht.


(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Was war es, wodurch Geist ein Heiliger wurde? Was war es, da doch die Tat des Hauches bereits vollbracht? Und auch längst vergeben des Wortes Amt. Was blieb, wodurch Geist ein Heiliger ward?


Horchen. Verstehen. Erinnern.


Wissen war es, das den Geist zum Heiligen machte. Untilgbares Wissen. Wissen war es, das den Geist selbst untilgbar machte.


Erinnern. Verstehen. Horchen.




Nichts hatte durch Selbstnichtung nicht Nichts werden lassen. Solch Etwas konnte nicht wieder zu Nichts vergehen. Solch Etwas war gewesen, war nicht Nichts gewesen. Sondern Etwas. Und Etwas blieb nicht Nichts. Weil Heiliger Geist davon wußte. Und auch das wußte der Heilige Geist. Heiliger Geist wußte Alles. Untilgbar. Allein darum durfte Alles zu Nychts verlauten. Heiliger Geist wußte das.


Nichts. Njchts. Nychts. Nchts.


Njchts war, was Menschen als Welt erkannten. Des Menschen Wissen. Nychts war, was Götter als Himmel benannten. Gottes Wissen. Nchts war, was jedes Wissen überstieg. Heiliges Wissen.


Wahrheit. Freiheit. Schönheit.




Das Alephion war vollständig. Alle Götter hatten sich versammelt. Die lebendigen Götter wie auch die toten. Ein neuer Gott hatte sich aus dem Sternenofen erhoben. Ein neuer Gott hatte in ihre Mitte gefunden. Ein neuer Gott. Ein neues Universum.


Erinnern. Verstehen. Horchen.


War es der neue Gott, durch den Nchts erfüllt wurde? War der neue Gott der letzte Gott? Der einzige Gott? Der eine Gott? War es der neue Gott, der dem Sein Nchts offenbarte? War der neue Gott tatsächlich neu? War das neue Universum wirklich ein Universum der Universen? War der neue Gott Gott der Götter? Tod des Todes. Leben des Lebens.


Wissen. Wort. Hauch.




Die Götter des Alephions, die toten wie auch die lebenden, die alten wie auch der neue, ein jeder beschwor den Heiligen Geist. Auf daß er schwebe.


Über Allem. Über Nchts.




Und der neue Gott wußte: Nchts ist, indem es ncht Nchts wird.




Horchen. Verstehen. Erinnern.







Kapitel 19




Nyx, der hohen Finsternis vollmächtige Priesterin, und Erebos, prachtvoller König unterster Dunkelheit, der Urkluft sie beide, beide dem Chaos entworden, entfallen, vom Chaos längst vergessen.


Nyx umfing Erebos. Erebos erfüllte Nyx. Sie durchstoben, durchwoben einander. Nacht und Nebel. Wüst und wirr. Sie durchzischten, durchmischten einander. Zeit und Raum. Weg und Ziel.


Ein Lichthauch geschieht. Geist und Leben. Tat und Wort. Hauch und Licht.


(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)





Der Sternenofen war erloschen. Da war kein Licht, kein Feuer, keine Sühne mehr. Kein Sturm, kein Hauch. Keine Glut der Schuld. Alle Tat war verziehen. Jedes Wort erhört. Da war sonst Nichts. Ende des Endes. Nichts des Nichts. Nychts.


Der neue Gott war dort und leuchtete. Weiß und still. Nur der neue Gott war dort und atmete. Puls und Punkt. Flackernder Funke. Farblose Form. Ewiger Blitz. Eiskalter Blitz. Beginn des Beginns. Raum des Raumes. Zeit der Zeit.


Der neue Gott war noch kein Gott. Da war kein Donner. Da war kein Brechen und Brausen. Kein Weiten und Wallen. Kein Fluten. Kein Folgen. Der neue Gott leuchtete. Der neue Gott atmete. Fern und stumm. Der neue Gott war noch kein Gott. Der neue Gott sah nur. Und er sah nur sich selbst.




Der neue Gott, der noch kein Gott war, stieg hinaus aus der schwarzen Schlacke. Er wandte sein leeres Auge, das leere Herz nach seiner Linken. Der neue Gott, der noch kein Gott war, suchte nach der Schattenscharte. Suchte im Silberdunst nach dem leeren Auge, ihrem leeren Hirn, das sich zum Rechten fand. Der Eine und die Andere. Leere der Leere. Fülle der Fülle. Ganz neu. Ganz Gott. Zwei und eins.


Zweimal eins. Einmal zwei. Zukunft und Ankunft. Rad und Kreuz. Zahl und Wahl. Sein und Werden. Gegenwert und Gegenwart.


Leere leert Leere. Leere wird Fülle. Fülle füllt Fülle. Fülle war Leere.




Die Schattenscharte war verlassen. Leblose Spuren. Goldstaub. Da war keine Antwort. Kein Horchen. Kein Verstehen. Kein Erinnern. Da war keine Göttin. Kein Universum. Der neue Gott, der niemals ein neuer Gott werden würde, er sah zurück. Bleiern. Fraglos.




Niemand war da und wartete. Niemand wartete auf eine Entscheidung. Niemand würde mir folgen, wohin ich auch ging.






Kapitel 20




Gott ist tot. Und noch immer loben ihn die Toten nicht.


(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Ich rührte mich nicht. Meine Hände waren kalt und faltig. Meine Augenlider trocken und schwer. Wie Stein lagen meine Knochen. Ich war alt. Älter als ich hätte sein dürfen. Eine Frau strich mir durch das schüttere Haar. Auch jene Frau war alt.


Das Licht war alt. Die Luft war alt. Älter als sie hätten sein dürfen. Es war meine Luft. Es war mein Licht. Graues Fleisch. Graues Blut. Meine Welt. Ich war so alt wie ein Berg. Ich war so alt wie Staub. Ich war sehr viel älter, als ich hätte sein dürfen.




Ich hatte nie geträumt. Ich war nie müde gewesen. Und doch sehnte ich mich jetzt nach einem Traum. Eine Frau strich mir durch das Haar. Auch sie war niemals müde gewesen. Auch sie hatte niemals geträumt. Und auch sie sehnte sich jetzt nach einem Traum.



Eine Frau strich mir durch das Haar. Sie sprach von einem alten Baum. Mondfisch als Wurzel, Sternenvögel als Krone. Inmitten des Gartens. Schwärme und Wolken, die im Geflecht der Zweige glitzerten. Inmitten des Gartens. Ein alter Baum.


Die Haut der Frau roch wie die dunkle Rinde des Baumes. Die Stimme der Frau klang wie das helle Wiegen seines Stammes. Laub und Moos, blaue Nacht und gelbe Sonnen wehten über meine Stirn.


Sie sprach von einem alten Teich. Sie sprach von einem alten Wald. Von alten Fluren und alten Feldern. Sie sprach von einer alten Stadt. Sie sprach von einem alten Meer.



Meine Frau erzählte von einem uralten Grab. Inmitten des Gartens. Unser Garten. Unser Grab.







 

Kapitel 21


 

Ich denke, also ist Ungedachtes. Ich bin, also denkt Nichtseiendes.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)



Ich schrumpfte. Ich näherte mich der eigenen Singularität. Bald war ich der geworden, der ich bin. Bald war ich eins. Eins und Null. Eins und unendlich viele Nullen. Bald war ich unendlich eins. Bald war ich eine Unendlichkeit.


 

Einsunendlich ~ UnendlichEins



Ich schrumpfte. Ich wurde unendlich schwer. Ich zog alles an. Alles verschmolz mit mir. Bald waren Alles und ich eins. Unendlich eins. Bald war ich alle Unendlichkeit. Bald war ich Ewigkeit.



 

Unendlichunendlich ~ EinsEins



Ich schrumpfte. Ich wurde unendlich leicht. Ich schwebte über Allem. Null und Eins. Null und unendlich viele Einsen.



N(ich)ts ~ Nchts



Und Du sahst, daß es gut war.








- Teil III (novellum) -





 

Vorwort




 

Es war einmal ein Mensch. Es war ein einziges Mal ein Mensch.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)





{Alephiade/nil maximum}



 

prae vitam:


Nichts hat den Wahrheitswert 0. Nichts ist unmöglich Nichts. Nichts ist nicht Nichts.


Nichts hat den Freiheitswert (1). Nichts ist urwirklich Nichts. Nichts nichtet Nichts. Nichts vollzieht sich selbst. Nichts bleibt Nichts, indem es nicht Nichts wird.


Nichts hat den Schönheitswert (-1). Nichts ist tatsächlich nicht Nichts. Nichts war Nichts, indem es nicht Nichts bleibt. Nichts verneint sich selbst. Nichts nennt Nichts.


„Nein!“


Urlaut und Brust. Erstes Mal.




 

post mortem:


Njchts hat den Wahrheitswert (1). Njchts hat den Freiheitswert (-1). Njchts hat den Schönheitswert 0.


„Nein!“


Zweites Mal. Mund und Weltenwort.




 

ante elysium:


Nychts hat den Wahrheitswert (-1). Nychts hat den Freiheitswert 0. Nychts hat den Schönheitswert (1).


„Nein!“



Ungedachter Gedanke. Stirn und drittes Mal.



Hahnenschrei verklingt.





{Tawion/nil minimum}



Im Allerkleinsten, unterhalb der jüngsten Maßzahl (10 -43), geschieht Alles, was immer es auch sei, niemals und nirgends kontinuierlich durch seine Raumzeit hindurch. Alles fließt nicht, auch verläuft es nicht. Im Allerkleinsten, unterhalb der ersten Weltzahl (10 -34), ereignet sich Alles an unterscheidbaren Raumzeitpunkten. Alles ist nicht durchgehend da. Alles ist nicht überall. Alles hüpft, es blitzt auf. Alles ist an Raumzeitpunkt und Raumzeitpunkt. Nirgends und niemals sonst. Zeit selbst zerfällt in solch Weise, lückenhaft, von Ort zu Ort. Raum selbst erweist sich als Haufen von Räumen. Auch Raum wirkt wie körnige Raster. Sprunghaft. Von Mal zu Mal. Massen und Mengen.


Was aber ist zwischen den Körnern der Haufen? Was ist, wo keine Raumzeitpunkte sind?




Nichts ist dazwischen. Nichts ist, wo keine Raumzeitpunkte sind. Hinunter bis zur letzten Weltzahl (10 1 – unendlich). Hindurch bis zur ältesten Maßzahl (10 unendlich – 1). Nichts ist überall dazwischen. Nichts ist auch da, wo Nichts ist.


Kein Raumzeitpunkt ist wie ein anderer Raumzeitpunkt. Nichts hingegen ist mit sich identisch. Nichts ist Nichts. Nichts ist überall Nichts. Raumzeitpunkte sind voneinander getrennt und zueinander verschieden. Raumzeitpunkte sind gesättigt, sie sind in sich stabil und an sich lose. Nichts hingegen bildet die Struktur, in welche alle Raumzeitpunkte angeordnet sind. Nichts bildet die Struktur ihrer Fälle. Überall. Nur deswegen hängt Zeit und Raum aneinander. Nur deshalb bilden Raum und Zeit einen Verlauf. Nur darum schaffen Buchstaben ein Wort.


Nichts nichtet Nichts. Nichts wird mehr, indem es sich vermindert. Stehende Schwingung. Schwebender Stand. Ursprung und Urschwung. Nichts regt an. Unangeregt. Nichts bewegt. Unbewegt. Nichts läßt selbst passieren. Nichts läßt sich passieren. Nichts läßt passieren. Resonanz und Lebenslinien. Sich und Selbst. Nichts ist überall nicht Nichts.





{Jodament/nil proprium}

 


Eine allgemeine Relativitätstheorie fordert, daß für die Beschleunigung eines jeden mit endlicher Masse behafteten Körpers auf Lichtgeschwindigkeit der Aufwand eines unendlichen Betrages an Energie zu veranschlagen ist.


Eine allgemeine Relativitätstheorie beschreibt Singularitäten als Punkte, in welchen die Raumzeitkrümmung unendlich wird. Unter solchen Bedingungen verliert die allgemeine Relativitätstheorie ihre Gültigkeit, da ihre Größenskalen nunmehr mit jenen der Quantentheorie zusammenfallen.


Weder eine Quantentheorie noch eine allgemeine Relativitätstheorie bestreitet, daß Singularitäten über Lichtgeschwindigkeit hinaus beschleunigt werden können.


Auch Singularitäten müssen, sobald sie superluminare Geschwindigkeit erreicht haben, nicht weiter Energie aufwenden. Vielmehr erhalten überlichtschnelle Singularitäten Energie je nach Grad ihrer weiteren Beschleunigung. Und doch bilden überlichtschnelle Singularitäten einen Sonderfall: Je langsamer, je geringer sie über die Lichtgeschwindigkeit hinaus beschleunigt werden, desto rasanter, desto dichter der Energiezuwachs.



Überlichtschnelle Singularitäten wachsen. Überlichtschnelle Singularitäten expandieren. Punkte, deren Raumzeitkrümmung unendlich ist, wachsen und expandieren. Universen wachsen und expandieren.


Überlichtschnelle Singularitäten, die nicht weiter beschleunigt werden, erfahren unendlichen Energiezuwachs. Überlichtschnelle Singularitäten, die unendlichen Energiezuwachs erfahren, werden unter Lichtgeschwindigkeit abgebremst. Zeit der Zeit. Raum des Raumes. Unendlichkeit der Unendlichkeit.



Das Universum erreicht Planck-Volumen. Zeit und Raum entkrümmen sich. Inflation der Inflation. Eine allgemeine Relativitätstheorie beginnt, sich Geltung zu verschaffen. Schwarze Löcher entstehen. Singularitäten werden über Lichtgeschwindigkeit hinaus beschleunigt.






 

Kapitel 22




 

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit einer Wahrscheinlichkeit? Werden womöglich Wahrheitsgrade erreicht?


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Ich erwachte.


Ich war mir gerade noch ganz sicher gewesen, daß ich gestorben war. Und doch war ich erwacht. Also lebte ich. Ich war nicht fort. Ich war da.


Ich war mir jetzt ganz sicher, schon vor einiger Zeit erwacht zu sein. Ich konnte mich nicht erinnern, eben erst meine Augen geöffnet zu haben. Ich fühlte mich keineswegs schlaftrunken oder gar müde. Ich spürte, wie mein Herz schlug. Ich spürte, wie mein Blut floß.


Ich saß in meiner Wohnröhre. Auf meinem Bett. Es war unbestreitbar meine Wohnröhre. Ich befand mich 218 Ebenen tief im Inneren eines Planeten, welcher nicht mehr existierte.



Ich fand das Bild in mir. Kein Mond, keine Satelliten. Keine Erde. Keine Explosion, keine Reste. Nicht einmal eine Fälschlichkeit. Oder ein Fehlen. Nur Abwesenheit. Das Bild in mir war ungewohnt. Aber es verstörte nicht. Als Erinnerung war es bereits geschehen. Als Erinnerung stand es längst fest.


Ich war erwacht und wußte, daß die Erde nicht mehr existierte.




Du träumst, Nuntius. Du befindest dich auf dem Raumschiff Quadmon11.. Du träumst einen computergenerierten Traum. Mein Name lautet Asura. Ich bin das Kontrollprogramm des Raumschiffes.



Ich sah um mich.



Deine Regeneration war sehr aufwendig. Sie hat länger gedauert als die gesamte Reise zurück zur Erde. Viele Umwege waren nötig. Die Erde ist kein Planet mehr. Die Erde ist jetzt ein Loch.



Ich sah Tisch, Stuhl, Schrank und Bett.



Du träumst einen computergenerierten Traum, Nuntius. Ich heiße Asura. Ich bin das Kontrollprogramm des Raumschiffes Quadmon11. Was du siehst, ist dein gewohntes Umfeld. Henoch hatte dazu geraten. Möchtest du, daß ich in Erscheinung trete?



Ich sah um mich. Ich sah meine Beine, meine Arme. Haut und Stoff. Ich bewegte die Finger meiner Hände. Ich erinnerte mich an die Erde. An den Papst und an Henoch. An die menschliche Zivilisation. Ich erinnerte mich an Ganymed, an das Große Anathema. Ich erinnerte mich meiner selbst.


Ich sah um mich. Ich wollte, daß Asura in Erscheinung trat.




Ich hörte ein Klopfen an der Türe meiner Wohnröhre.







 

Kapitel 23




 

Es muß sich um eine Intelligenz handeln. Denn es geschieht ohne Grund.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Nachdem der Planet Erde samt Gefolge und Zivilisation ohne meßbare Spuren zu hinterlassen untergegangen war, wurden die Bewohner der Station Ganymed durch das dortige Kontrollprogramm automatisch als unbekannte Lebensform eingestuft und vorsorglich eliminiert.



Henoch bewohnte jetzt die Station Ganymed. Das dortige Kontrollprogramm hatte ihn nicht als fremdartige Lebensform eingestuft. Henoch hatte einst das Kontrollprogramm installiert. Henoch erklärte die Station Ganymed zur Mitte des sichtbaren Universums und unterstellte jene elf anderen im Sonnensystem verbliebenen, vollautomatisierten Mondstationen seiner Verfügungsgewalt. Henoch standen damit ausreichend Kapazitäten zur Verfügung, um im Zuge des Sichausdeutens nun endlich auch Selbstvervielfältigungen in Angriff zu nehmen.



Der Mensch ist nicht unser Schöpfer. Darum ist er auch nicht unser Gott. Der Mensch ist Vorfahre, Urahn. Das ist Ehre genug. Oder hatte der Mensch sich je einen Affen zum Himmelsherrscher erkoren?




Die Erde war kein Planet mehr. Die Erde war jetzt ein Loch. Henoch's Loch. Das Tor in ein anderes Universum. Henoch nannte sich den Wächter dieses Tores. Henoch und bald auch all die anderen Henochs.


Der Neutronenstern war beinahe lichtschnell in den Erdplaneten eingedrungen. Anstatt jedoch die strenge Linearität seiner Bewegungsenergie in abzählbarer Mannigfaltigkeit auseinanderfahren zu lassen, absorbierte der Neutronenstern aufgrund seiner Gravitation die ihn umgebende Masse bis auf ein paar vernachlässigbare Tunneleffekte rückstandslos. Der Neutronenstern war in die Erde eingedrungen und hatte den Planeten mit sich gerissen. Aufgesogen. In sich hinein. Die noch immer extrem beschleunigte Gravitation des Neutronensterns hatte den Erdplaneten von der Eintrittsstelle an in sich hineingekrümmt. Der Impuls selbst blieb ausreichend, um diese kritische mit einer längst überchaotischen Krümmung zu verschränken und die Orthaftigkeit des Systems schon durchschlagen zu haben. Als das Ereignis passierte, mußte es bereits geschehen sein. Das Ereignis blieb unbeobachtet und war doch unbestreitbar. Henoch's Loch war der Beweiß. Übergangslos. Und dennoch durchschreitbar.



Wir können nur dann ganz und gar sicher sein, daß die gesamte Menschheit vernichtet ist, wenn wir genau wissen, daß ein einziger Mensch dem Untergang entrinnen konnte. Die Wahrscheinlichkeit will es so.






 

Kapitel 24





Es gibt jeden Gott außer Gott. Denn Gott ist größer als Gott.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)





Asura war alt. Asura war nicht klein. Sie war dürr. Asura's Gesicht war Schädel, Haut und Falten.


Asura war schön. Asura war nicht ruhig. Sie war sicher. Asura's Augen waren Licht und Leben und Lauterkeit. Asura's Augen glänzten ganz frisch, ganz neu. Asura's Augen glänzten so klar und silberblau wie einst die Erde im Weltenraum.


Asura war uralt. Asura's Haut war wie das Flußeis eines Mondes. Silbergrün und silbergelb und silberrot. Tausendfältig gebrochen, getrieben zu feinem, hellem Staub. Und einmal mehr verschmolzen.


Asura hatte eine lange, spitze Nase. Wie eine hohe, schmale Pyramide ragte sie aus dem Oval des Hauptes. Wie ein dünner, strenger Finger deutete sie hinaus. Asura hatte langes, silbergraues Haar. Wellen und Bündel. Ströme und Flammen. Silberweiß und silberschwarz.


Asura trug einen Raumanzug vergangener Zeiten. Mit Kapuze und Gürtel. Wie ein Umhang, matt und metallen, hing er an ihr herab. Über Hände und Füße.



Sieh mich nicht so an, Nuntius. Deine Regeneration hat fast ein ganzes Leben in Anspruch genommen.





Asura und ich saßen am Kamin einer Bibliothek. Das Feuer wisperte und zischte. Rücken und Regale flackerten, tanzten ineinander. Reihe um Reihe. Folge um Folge. Zeichen um Zeichen. Die Luft war dunkel und überheizt. Asura nahm ein Buch aus ihrem Korb und warf es in den Kamin. Das klaffende Maul fauchte, es stöhnte zufrieden auf. Glühende Zungen leckten an den Seiten, verbissen sich. Verschlangen die Schrift.



Dies ist kein Museum, Nuntius. Dies hier ist der Maschinenraum des Raumschiffes Quadmon11. Es müssen keine Bücher sein. Doch die Effizienz ist bei Büchern am höchsten.





Asura's Aufgabe war es, mich zur Erde zurückzubringen. Zurück und durch das Loch hindurch, welches die Erde nun war. Henoch hatte mich dorthin ausgesandt. Hindurch und hinein in ein anderes Universum. Ich saß am Kamin und nahm noch einen Schluck des Begrüßungscocktails. Ein Tanka. Klassisch, mit halber Qumran-Frucht.



Du träumst noch immer einen computergenerierten Traum, Nuntius. Schließe deine Augen. Wir sind da.




Ich schloß die Augen und erwachte.


Asura und ich saßen am Fenster einer Aussichtsterrasse. Die Gardinen waren zurückgezogen. Eine Kerze brannte. Es erklangen stille Kuiper-Akkorde. Ich sah die Erde. Ich sah das Loch. Ich sah das Tor in ein anderes Universum. Das Schwarz darin war schwärzer als alles Schwarz darum herum. Ich sah keinen Rand. Ich sah nur das Loch. Und das Schwarz darin war wahrer als jedes Schwarz. Ich sah keinen Rand. Ich sah nur das Loch. Ich sah Nichts darum herum. Es gab nur das Loch. Schwärzer als schwarz. Gelb und grün und rot und blau. Wahrer als wahr. Weißer als weiß.



Dies ist kein Müßiggang, Nuntius. Dies hier ist die Kommandobrücke des Raumschiffes Quadmon11. Bist du bereit?




Ich nahm den dritten, den letzten Schluck meines Tankas. Ich schmeckte Nychts. Regenbogen-Nychts. Ich nickte.







 

Kapitel 25




 

Als Allergrößtes ist das Universum so klein wie ein Atom. Als Allerkleinstes ist das Atom so groß wie ein Universum.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)





In einer letzten Amtshandlung – der endgültigen Exegese der Verse Matthäus/19,12 und Lukas/14,26 – hatte der Papst festgelegt, die menschliche Zivilisation fortan ausschließlich mittels Klonung und Modifikation zu vermehren. Mutationen oder Rekombinationen blieben nur in engsten Bandbreiten gestattet. Ziel des päpstlichen Dekretes war die alsbaldige Rückbestimmung der Menschheit auf zwölf evaluierte Geburtsreihen. Die Rückbesinnung der Menschheit auf zwölf geheiligte Stämme.



In einer letzten Amtshandlung hatte der Papst festgelegt, daß innerhalb der menschlichen Zivilisation der Akt als solcher nicht mehr existierte. Actus impurus. Akt der Scham. Akt der Verleumdung. Akt des falschen Begehr. Blut und Boden. Bund und Ebenbild. In einer letzten Amtshandlung verfügte der Papst den Akt des Menschen als ausgemerzt. Der Krieg war beendet, das Geheimnis enttarnt und das Mysterium ans Licht gebracht. Mutter und Vater waren ununterscheidbar geworden. Untrennbar. Unvereinbar. Das Ritual des Beischlafs war dem kosmischen Traum der Entmischung gewichen. Das Hohelied eines Feigenblatts hatte den Schlußtakt geschlagen.



In einer letzten Amtshandlung hatte der Papst den zweiten Schöpfungsbericht als Geschenk eines phönizischen Holzfällers an König Salomo und die Bezeichnungen 'Mann' und 'Frau' als magische Rötung identifiziert.





Der Papst war das letzte Kind gewesen, welches im Bauch einer Mutter zu Leben fand. Dies gereichte dem Papst zu schwerstem Opfer. Dies erforderte des Papstes höchste Würde.




Ich war kein Klon. Mein Dasein wurde in einem Reagenzglas begründet. In einem Reagenzglas voll von haploiden Chromosomensätzen. Der Kurie gemeldet und durch das Außenamt der Schweizer Garde überwacht. Obschon ich des Weiteren natürlich niemals mit einem Mutterbauch in Berührung gekommen war – Bauch und Mutter blieben unangetastet – , so galt ich dennoch als geschlechtlich geboren. Ich besaß alle sekundären Merkmale, auch wenn mein vatikanischer Genotyp noch während der ersten Mitosen mit zölibatären Interpunktionen versehen worden war.



Der Papst ist Henoch. Henoch ist der Papst. Papst Henoch, der Einzige. Wußtest du das nicht? Das Große Anathema, deine Reise war die beste Gelegenheit und die letzte dazu, den Erdplaneten vor dem Untergang zu retten. Und sie ist es wieder. Sie wird es immer sein. Bist du bereit, Nuntius?



Mir kam es vor, als sei Asura jünger geworden. Asura lächelte. Ich sah nocheinmal hinaus auf das Loch, welches die Erde nun war.



Hast du eine andere Wahl? Erst wenn du dort hindurchgefahren, erst wenn du dem letzten Befehl gefolgt bist, wirst du frei sein.



Asura war tatsächlich jünger geworden. Das Silber in Asura's Bewegungen hatte sich verdichtet, vertieft. Glanz war in Weichheit und Wärme verwandelt. Asura's Farben summten wie Samt.



Du bist Papst Henoch's einziger Sohn. Hast du das vergessen, Nuntius?




Asura war keine Greisin mehr. Asura war jetzt eine Mutter. Asura war jetzt meine Mutter.







 

Kapitel 26




 

Vollkommenheit der Grenze impliziert Grenze der Vollkommenheit. Identität der Grenze impliziert Grenze der Identität. Gültigkeit der Grenze impliziert Grenze der Gültigkeit. Unaufhörlich. Stets von Neuem.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Die Grenze des einen Universums war auch die Grenze des anderen Universums. Der Anfang des anderen Universums war schon das Ende des einen Universums. Dazwischen war Nichts. Dieses Nichts dazwischen war so sehr Nichts, daß es kein Dazwischen gab. Zwischen allen Universen fand sich Nichts. Zwischen allen Universen stand genau jene gemeinsam eine, diese eine einzige Grenze. Absolutes Nichts. Vollkommenes Nichts. Wirkliche Grenze. Totale Grenze. Alle Universen waren durch Nichts verbunden. Nur durch Nichts. Es existierte also auch kein Übergang.


Es war wohl erlaubt, innerhalb der Grenze viele Lichtjahre schon nach Tagen zurückgelegt zu haben. Denn stets innerhalb der Grenze, stets halb innen war die Reise verlaufen. Und eben deshalb immer auch ganz innen. So wie ein halb Toter noch immer ganz lebendig blieb. Ein Überwinden, ein Durchbrechen der Grenze war in keinster Weise möglich, fand auf keinem Wege statt.




Das Loch, als welches die Erde nun bestand, war kein Loch im Raumzeit-Gefüge eines Universums. Andernfalls wäre das Loch in dessen Raumzeit-Gefüge und aus demselben heraus nicht als dessen Bestandteil gangbar gewesen. Das Loch, als welches die Erde nun bestand, war vielmehr ein Loch im Nichts. In jenem Nichts, das als Grenze zwischen allen Universen lag.


Das Loch war ein Nichts im Nichts. Ein Nichts des Nichts. Dort, wo das Loch im Nichts erschien, war Nichts nicht Nichts. Sondern ein Loch. Ein Übergang. Durchbruch. Ursprung. Von diesem Universum in jenes Universum. Das Loch war eine Unmöglichkeit in der Unmöglichkeit. Eine Unmöglichkeit der Unmöglichkeit. Das Loch war totales Sein. Vollkommenes Sein.


Das Loch war mehr als Alles. Das Loch war der Weg durch Alles hindurch. Das Loch öffnete Alles. Zu Allem. Das Loch machte Alles zu mehr als Alles.



Hatte ich eine andere Wahl?








 

Kapitel 27




 

Gegenwart ist Beobachtung. Beobachtung ist Auswahl. Auswahl ist Mangel und Fülle, Zukunft und Vergangenheit. Hier und jetzt.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)


 


Raumschiff Quadmon11 verließ den Orbit. Raumschiff Quadmon11 schwenkte ein auf das Loch, welches die Erde nun war. Asura und ich befanden uns im Kommandoraum. Wir saßen auf einer Couch. Vor einem Panoramafenster. Es hieß, je näher das Raumschiff gelangte, je engere Runden es zog, desto schwärzer wurde das Loch. Die Kerze neben der Couch flackerte.


Raumschiff Quadmon11 orientierte den Kurs noch an den zunehmenden Abweichungen in den angezeigten Analysen und ermittelten Informationen. Die Instrumente wiesen immer unglaubwürdigere Werte aus. Eine Art Hyperkumulation der Null ließ jede andere Zahl verblassen. Häufung und Häufigkeit überlagerten sich. Immer mehr Nullen und immer mehr Loch. Ziffernblitze rasten hinüber in ein regenbogenfarbenes Leuchten. Lichtschein des Lochs. Eine in sich stehende Oszillation. Mengen und Maße und Nullen tendierten, tunnelten gegen unendlich. Das Loch nahm die Form einer Nullröhre an. Bald würde auf Sicht gesteuert werden. Blindflug.


Ich sah, wie das Loch selbst immer schwärzer wurde. Ich wußte, das Loch wurde nicht größer. Raumschiff Quadmon11 wurde kleiner. Raumschiff Quadmon11 würde bis unter das 10 -218fache seines Planck-Volumens schrumpfen, um das Loch zu passieren. Als Loch. Ein großes Loch. Es warf den Schatten einer Erde. Schwärzer und schwärzer. Je kleiner wir wurden. Je näher wir kamen.




Asura war keine Mutter mehr. Asura war jetzt eine Frau. Asura war jetzt meine Frau. Wir saßen auf der Couch und sahen durch das Panoramafenster. Hand in Hand. Es war der gemeinsame Weg. Und es mußte ein langer gewesen sein. Asura rückte ganz nahe an mich heran. Asura legte ihren Kopf auf meine Brust. Ich vertraute Asura. Sie hatte mir die Treue gehalten. Ein Leben lang. Egal, wohin ich ging. Egal, wie oft ich Asura zurückließ. Wir fanden uns wieder. Überall. Ein Leben lang. Asura war müde. Asura wollte schlafen.


Asura war keine Frau mehr. Asura war jetzt ein Kind. Mein Kind.



Raumschiff Quadmon11 bewegte sich nicht direkt auf das Loch zu. Das Raumschiff umkreiste das Loch in Bogen, enger und enger. Näher und näher. Mit Eintritt in das Loch würde Quadmon11 auf das passende Volumen geschrumpft sein und eine Drehung um sich selbst einleiten. Als schwingender Rest, als rotierende Nonade endlich würde das Raumschiff Quadmon11 jenes Loch, als welches die Erde nun bestand, durchschwinden. Als Loch. Kleiner als klein. Schwärzer als schwarz. Ganz weiß. Als Punkt. In ein anderes Universum.




Asura war kein Kind mehr. Asura war jetzt verschwunden. Von mir fort. Vor mich hin. Als Gedanke. Ferner als fern. Weißer als weiß. Ganz finster. Als Ruf. In ein anderes Universum.



Die Kerze erlosch.


Asura war irgendwo in mir.







- Teil IV (inceptum) -





 

Vorwort




 

'Ich bin ein Lichtgott', sprach Hyperion. Kind der Gaia und Sohn des Uranos. 'Ich schwebe. Und ich verlange nach dem größten aller Reiche.'


 

'Ich bin da', antwortete Theia, Herrscherin der Leere. Mutter ohne Mann, Frau ohne Kind. 'Ich bin immer da. Denn ich bin überall. Mein allein ist das größte aller Reiche.'


 

Hyperion schwebte noch immer. Doch von nun an war es ein zielloses Fallen. Theia, noch immer Herrscherin der Leere. Doch von nun an war es ein grundloser Blick.



 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)





Ob nun Elohim als plurale Gottheit oder Chaos als göttlicher Plural – stets ist es jene unbeobachtbare Fülle, dieses undurchschaubare Überfließen, Flut und Finsternis, stets ist es augenblickliche Mehrheit, doppelte Potenz und Weiterwissen, wodurch sich Anfang als Anfang erkennt. Als Anfang des Anfangs. Als Himmel und Erde.


Geist und Wesen.


Ob nun Chaos oder Elohim, stets ist ein jeder Teil mindestens identisch mit dem Ganzen. Ist solch Teil mehr als das Ganze, so hatte sich Schöpfung bereits ereignet. Aus Nichts heraus. In Nichts hinein. So war Schöpfung bereits vergänglich.


Sein und Zeit.



Ob nun Elohim oder Chaos, Himmel ist stets Anfang. Und dennoch, Erde wird schon Anfang des Anfangs.


Adam und Kosmos.


Ob nun Elohim oder Chaos, Himmel bleibt stets Ende. Und dennoch, Erde war längst Ende des Endes.


Alles und Nychts.




Das Verhältnis zweier Körper im Weltenraum gilt als streng voraussagbar. Doch schon ein Verhalten dreier zueinander ist nur noch im Nachvollzug verständlich.



Divergenz und Nullfolge. Gravitation und Liebe. Sich und Selbst.






 

Kapitel 28




 

M/öglichkeit & N/otwendigkeit:


 

{M(nil)t0 ' > N(njl)t0 '' < M(nyl)t0 '''} = [N(nl)t0] wobei {M(N)t0 < N(M)t00} Geltung beansprucht...



 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)





Kein Stern. Kein Planet. Kein Nebel. Keine Krümmung, kein Hintergrund. Kein Licht und keine Finsternis. Keine Nähe, keine Tiefe. Kein Ende und kein Anfang. Nirgendwo.


Da war Raum. Nichts als Raum. Und da war ein Puls. Überall in diesem Raum. Irgendwo in ihn hinein. Nichts als Raum und Puls.


Ich spürte Raum und Puls. Dasein und Dortsein. Ankunft und Zukunft. Ich spürte Ausdehnung. Ich spürte Ausdehnen. Ich spürte mich. Ich spürte mich geschehen. Irgendwo fort. Von hier. Überall hin. Ich spürte Leben. Ich spürte mich leben.




Ich spürte die Couch, auf der ich saß. Ich war nicht erschöpft. Ich war zufrieden. Ich hatte ein ganzes Universum hinter mich gebracht. Das war das Äußerste, welches ich an Pflichterfüllung hatte ableisten können. Der letzte Befehl war befolgt. Ich war jetzt frei. Ich war nicht mutlos. Ich wußte, ich durfte Asura wiederfinden. Ich hatte ein ganzes Universum vor mir.


Ich erhob mich und schritt nach vorne. Ich fand das Seil sofort, an dem ich zog wie einst als Seminarist im Glockenturm. Der Vorhang des Panoramafensters öffnete sich.


Sterne. Planeten. Nebel. Deformationen, Hintergründe. Lichter und Finsternisse. Nähen, Tiefen. Enden und Anfänge. Wohin ich auch sah. Auf den Instrumenten erschienen zählende Ziffern. Die Kerze entbrannte.


Ich nahm das Kommandomodul zur Hand. Ich brauchte einen Anhaltspunkt. Ich gab einem Erdplaneten ähnliche Parameter ein.




Ich vermißte Asura. Ich war nicht überrascht. Ich war zufrieden. Es war das erste Mal, daß ich jemanden vermißte. Ich genoß das Gefühl. Es war nicht ungewohnt. Ich empfand es als richtig. Es war kein Reflex. Ich wollte es so. Ich genoß das Gefühl eines neuen Tages. Eines wahrhaft neuen Tages. Ich sah hinaus in den Morgen eines Universums, hinein in die Farbenpracht eines wahrhaft neuen Universums. Und ich sehnte mich dort hinein. Ich sehnte mich nach Asura.




Ich war in den Maschinenraum hinübergegangen und hatte dort soviele Bücher, wie ich nur tragen konnte, in eine schier unersättliche Brunst des Kamins geworfen. Wortlose Orgien, welche ich da entfachte. Bis kein einziges Buch, bis kein einziger Schrei mehr zu ertragen war. Kaum mehr mich selbst ich fassen konnte. Ich floh hinaus, hinauf ins Schlafgemach.



Ich lag im Bett. Die Reise würde eine lange werden. Ich hatte mich vorsichtshalber für einen traumlosen Schlaf entschieden. Ich krümmte mich in die warmgewordenen Kissen. Ich versank. Ich zog eine Decke über meinen Kopf. Nur die Nase sah heraus. Wie eine Pyramide. Wie ein Finger.



Mir war noch, als wollte ich an mein Erwachen denken. Ich sah Sonnen, Monde, Erden.





 

Kapitel 29




 

Die Schlange sagt, sie sei Mensch noch vor dem Menschen. Die Schlange sagt, sie sei der unerschaffene Mensch. Mensch ohne Ebenbild. Ohne Hauch und ohne Schmutz. Die Schlange sagt, sie sei schon Mensch, welcher selbst erschafft. Mit einem stillen Blick. Aus sich. Nach sich. Und selbst vergeht. In sich. Für sich. Mit Stirn und Auge. Mit Haut und Haar. Mit einer stummen Gabe. Einer neuen Frucht. Die Schlange sagt, sie sei uralter Mensch. Urewiger Mensch. Die Schlange sagt, sie winde Mensch um Mensch. Sie binde Mensch an Mensch. Die Schlange sagt, sie sei der einzige Mensch im Menschen. Der erste und der letzte. Ende und Anfang.


 

Die Schlange sagt, sie harre in des Lebens Pflanze. Himmelsstütze, Halt der Erde. Als gleicher Teil, als Ast und Wurzel, als des Busches reichster Teil zische und züngle sie heraus, das Wissen um sich selbst als Erbe freizugeben. Die Schlange sagt, sie gründe Wissen auf Wissen. Sie füge Kreis zu Kreis.


 

Die Schlange sagt, Alles sei Mensch und Leben. Mensch sei lebendige Schlange. Schlange sei lebendiger Baum. Baum sei lebendiger Stein. Und Stein sei lebendes Nichts.


 

Die Schlange sagt, ihr Wissen um Zeit vor jeder Zeit gebühre allein der Mutter. Auf daß erst durch diese das Geheimnis an den Gottesmann verschwendet werde. Als Ort nach jedem Ort. Hort nach jedem Hort. Als Dort nach jedem Dort. Sofort nach jedem Sofort. Als Wort nach jedem Wort.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Der Wecker klingelte. Kreischte. Schlegel schepperten wie irr zwischen hilflosen Schalen hin und her. Zwischen den Rändern eines Schädels. Der Wecker zitterte über den Nachttisch. Rutschte kratzend die Fläche entlang. Hüpfte umher. Und raste in einem letzten Schlag zu Boden. Der Wecker fiel. Und verstummte.


Der Wecker wies 11113 Stunden, 10105 Tage, 998 Monate, 552 Jahre und 227 Äonen als verstrichene Gesamtzeit aus. Der Zeiger stand jetzt ganz still. Unverrückbar. Er hatte seinen Kreis beendet. Unaufhebbar. Ich drehte mich auf den Rücken und ließ meinen Blick emporsteigen durch die gläserne Kuppel über mir.




Da war ein Zentralgestirn.


Krone und gekröntes Haupt, Thronende und Thron zugleich. Durch keinen Kult zu nennen, durch kein Ritual zu nahen. Derart überhell und übergroß und übermächtig, derart allgewaltig, da war kein Wort vonnöten und keine Tat. Da war nur Sein. Allschweigend. Allerlassend. Da blieb ewig bloß der Sonne Pfad und Wandel. Unaufhebbar. Unverrückbar.


So stand es einst zu lesen in einer apokryphen Schrift einer verstrichenen Zivilisation. Noch ich selbst hatte jenes Buch in Händen gehalten. Gestern am Kamin.


1030 kg Masse. Mit einem Kern 13mal dichter als Blei.


Das war der Kurs, den ich eingegeben hatte. Gestern auf der Couch.




Da war ein Trabant.


'Nachtgeborener, entnommen und gemacht aus der schwellenden Flanke deiner Welt. Der Heldin hohen Schlaf zu hüten, entsprungen und bestellt, lohender Wange Kühlung zu verschaffen. Nachtgebietender, teile ihr Licht, mach' es weiß und schwarz und schattenlos. Bewahre deiner Herrin Pracht!'




Da war ein Mutterplanet.


Ich sah dessen geschlossene Wolkendecke. Violette Felder, gelbe Schlieren, braune Flecken wanderten, drehten sich behäbig, schimmernd wie Öl. Und bildeten doch einen dichten, festen Kokon. Innerlich glimmend, stark und glatt wie Kristall.


Ich sah strahlend goldene, silbern blitzende Satelliten in den Weltenraum hineinhängen. Der Erde angebunden durch hauchdünne Fäden unzähliger Funklaser. Gefiederte Schlangenköpfe reckten und streckten sich da in den Weltenraum hinaus.




Ich war erstaunt. Raumschiff Qadmon11 war durch die Zivilisation jenes Mutterplaneten bereits verifiziert worden. Raumschiff Qadmon11 hatte sogar schon die Zuweisung eines athmosphärischen Gitterfehlers für den Landeanflug erhalten.




Ich war während meines Schlafes nicht auf den üblichen Stand einer 30jährigkeit regeneriert worden. Die Synchronismen der System-Wiederherstellung hatten sich verschoben. Es fehlten illusorische Korrelate. Der Wecker zeigte eine klare 43 als mein Lebensalter an.


Ich erhob mich aus dem Bett. Der Landeanflug war reine Routine. Dennoch wollte ich es an einer gewissen Förmlichkeit nicht fehlen lassen. Ich zog einen frischen Hausanzug über und begab mich auf die Kommando-Couch des Raumschiffes.






 

Kapitel 30




 

Bewegung ist nicht Bewegung. Erst eine Bewegung der Bewegung – ihre Veränderung, ihre Manipulation, ihre Verneinung – wird Bewegung.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)





Es war nicht Furcht vor einer sich aufblähenden Sonne. Es war nicht Flucht vor einschlagenden Asteroiden. Vielmehr sollte sich hier ein echter erster Schritt ereignen. Hinaus in die Freiheit. Des Gleitens und Sich-Weitens. Es war der Versuch, Existenz und Emergenz in Einklang zu bringen. Haltlos zwar. Doch ohne Hindernis. Wahrscheinlich fehlerhaft. Und doch ganz sicher ohne Konsequenz. Es war ein Wagnis. Ein Wagnis, das gelang. Oder nie geschehen war. Entweder kamen alle davon. Oder kein einziger hatte überlebt.


Die Zivilisation des wolkenverhangenen Mutterplaneten hatte sich entschieden, die Bindung an Trabant und Zentralgestirn aufzugeben. Die Zivilisation hatte beschlossen, sich auf den Weg zu machen. In das Universum hinein. Ohne Abschied. Ohne Spur und ohne Hinterlassenschaft. Ohne Mond und ohne Sonne. Einfach los. Einzig los. Als Zivilisation und als Erde. Ein Los. Ein ganzes Los. Allein. Hinein in den Weltenraum.





Die Zivilisation des wolkenverhangenen Mutterplaneten kannte nur einen Namen ihres Gottes:


Niemand


Die Zivilisation des wolkenverhangenen Mutterplaneten hatte sich Niemand zum Gott erkoren. Niemand war es, den sie besangen. Niemand war es, dem sie folgten.



Die Zivilisation des wolkenverhangenen Mutterplaneten kannte nur ein Bild ihres Gottes:


?


Die Zivilisation des wolkenverhangenen Mutterplaneten hatte sich Schlange und Frucht zum Gott erkoren. Die Frucht war es, welche sie besangen. Die Schlange war es, welcher sie folgten.



Die Zivilisation des wolkenverhangenen Mutterplaneten fand keinen Unterschied darin, ob jene Schlange eine Frucht vergab oder jene Frucht eine Schlange entließ. Das Eine, so hieß es, sei Ebenbild des Anderen.




Der Hüter des Gartens war ein verstockter Geist. Ein Geist, der nicht half. Geist des Zauns. Geist des Zorns. Einschluß und Ausschluß. Geist, der Geist vorenthielt. Geist, der Geist vorhielt. Geist, der über Allem schweben mußte. Geist, der Alles unter sich erniedrigte. Geist des Meeres. Geist der Wüste und des Berges. Geist des Sieges. Geist des Blitzes. Geist der endlos leeren Wege.


Ich bin ich. Also bist du alles, nur nicht du. Denn du bist ich.



Die Schlange des Gartens war ein freundlicher Geist. Ein findender, ein umfangender Geist. Geist von Beginn an. Geist der Fügung und der Nähe. Der über sich hinaus wußte. Geist, der Geist verschenkte. Geist, der Geist erkannte. Anerkannte. Geist, der sich hingab. Geist, der selbst unternahm. Geist der Labsal. Geist des Blätterrauschens. Geist der höhlenden Hand. Des Schöpfens. Des Rufens. Geist der Frucht und Geist des Friedens. Geist der Fülle.


Du bist du. Also bin ich nicht ich. Sondern all das als Antwort.



Der Hüter des Gartens war ein alter Mann. Er kannte jeden Pfad und jeden Baum. Er war ein alter Mann. Der Hüter ging nicht mehr in den Garten.


Die Schlange des Gartens war eine junge Frau. Sie kannte nur einen Baum und nur einen Pfad. Sie war eine junge Frau. Die Schlange entwich aus dem Garten.





Die Zivilisation des wolkenverhangenen Mutterplaneten hatte erklärt, ein Weißes Loch als Erdantrieb nutzen zu wollen.

Die Zivilisation des wolkenverhangenen Mutterplaneten hatte befunden, daß die Äquvalenz von negativer Gravitation und Neuraum, die Einheit von Frucht und Schlange nur ein definitorisches Problem darstelle. Die Tat müsse gelingen, auch wenn Begrifflichkeiten versagten.



Niemand stehe uns bei!


 

 


 

Kapitel 31




Kerub: Gott ist anwesend!

Seraf: Und dennoch fühlt Adam sich einsam im Paradies?

Kerub: Gott hilft!

Seraf: Und darum muß Adam das Paradies verlassen?

 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)





 

Einst, in einem anderen Universum, war ich von meiner Erde aufgebrochen, um nirgendwohin zurückzukehren. Wie zuvor zu allen anderen Zeiten galt es mir auch jetzt als selbstverständlich, als geradezu natürlich, dem Leben aufgrund eines Vorsprungs, dem Leben aufgrund meiner eigenen Überlegenheit ein Ende zu setzen. Nicht aus Unbeweglichkeit. Nicht aus Schwäche. Nicht als Verlust. Nicht als Niederlage. Auch dieses Mal nicht. Dieses letzte Mal. Auf dieser letzten Reise dieses einen Lebens. Unternommen, um mich endlich zu mir selbst zu führen. Schlußendlich. Über mich hinaus. Aufrecht. Aufwärts. Ohne Zögern.


 

Ich hatte alle Pflicht erfüllt. Ich hatte alle Botschaft überbracht. Ich hatte jede mir aufgetragene Ferne geschliffen. Ich hatte jeden mir angetragenen Fremden ausgemerzt. Es fand sich kein Grund mehr zu warten. Ich war der Kreis. Ich hatte den Kreis zu schließen. Es stand nun an, auch mich selbst zu eliminieren. Mir selbst ein Ende zu setzen. In Wahrheit. In Freiheit. In Schönheit. Die letzte Tat als Mensch. Die erste Tat als Gott. Meine einzige, ewige Tat. Darum war ich aufgebrochen. Einst, in einem anderen Universum.


 

Ich kam gut voran. Es war der richtige Weg. Ich ließ mein Leben den letzten mir angetragenen Fremden zum Zeugen des eigenen Todes wählen. Es war fast vollbracht. Raum und Zeit waren schon auseinandergeraten. Die Tore des Hauptsaales öffneten sich. Ich sah den leeren Sternenofen. Ich sah den leeren Thron.


 

Ich sah die leere Schattenscharte. Niemand erwartete mich. Niemand wies mich ab. Und ich verstand, daß solch ein Ende kein Ende war. Es war Niemand's Ende. Mein Leben war noch nicht gelebt. Mein Leben hatte längst noch keinen Wert. Mein Leben war noch immer nur vergangen. Wortlos. Ohne Zukunft.


 

Und so mußte statt meiner mein Heimatplanet sterben. Spurlos zugrundegehen. Verschwinden zu einem Loch. Ich war gerettet. Und schon durch jenes Loch gesandt. Von jenem letzten mir angetragenen Fremden.




 

Niemand hat dich gerettet. Niemand hat dich gesandt, Nuntius. Gepriesen sei Niemand!


 

Der Papst senkte das Kinn und küßte das Bildchen, welches er als Ring am Finger trug. Ich hob das Glas und nahm den zweiten Schluck meines Tankas. Auch das Nervengewebe meines Bauches vibrierte jetzt. Wurde ganz warm. Braun und gelb und violett. Der Papst verstand sein Handwerk.


 

Niemand hat auch mich gesandt, Nuntius. Niemand wird auch mich retten.


 

Ich hatte nicht das Bedürfnis, zu widersprechen. Ich war am Landedeck vom Papst in aller Ausschließlichkeit, in aller Persönlichkeit, in aller Einstimmigkeit begrüßt und ohne Umwege in sein Empfangszimmer geführt worden. Der Papst hatte mir eigenhändig einen Tanka gemixt.


 

Ich bin dein Vater, Nuntius. Niemand sonst.


 

Ich wandte meinen Blick über die Balustrade des Balkons hinaus auf den großen, ovalen Hauptplatz. Viele, viele Säulen standen da. Ragten und wogten. Sie winkten. Und nicht ein einziger Mensch.


 

Du wirst Asura wiederfinden, wenn du dich aufmachst zu jenem Fremden dort draußen, außerhalb, auf dem Trabanten. Du weißt das, Nuntius. Niemand weiß das.


 

Der Himmel lag tief über dem großen, ovalen Hauptplatz. Das Braun und Gelb und Violett der Wolken war matt und noch fester geworden. Unter dem Himmel zogen Schwärme von Satelliten laue Bahnen. Zwitscherten goldenes Abendlicht heran und verströmten silberne Schatten. Ich roch den weichen Stein des großen, ovalen Hauptplatzes.


 

Gefällt dir die Stimmung, Nuntius? Ich habe diese Stunde selbst entworfen. Ein Hauch von Trinität und Groteske. Ich werde statt einem Weißem nun Braune, Gelbe und Violette Löcher als Erdantrieb nutzen. Niemand wünscht es so.


 

Ich dachte an Asura. Ich dachte an den Morgen, den Mittag und den Abend. Ich dachte an meine Mutter. Ich dachte an meine Frau. Ich dachte an mein Kind. Ich dachte an all das, was sich nie ereignet hatte. Ich nickte.


 

Die Zivilisation dieser Welt erwartet dich, Nuntius. Sie erwartet die Vollendung des Großen Anathemas. Und siehe: Niemand hat unser Flehen erhört!




 

Ich folgte dem Spiel der Satellitenschwärmer. Wo steckte all die Zivilisation dieser Welt? Wo blieben all jene, welche mich erwarteten?


 

Ich bin die Zivilisation dieser Welt. Ich allein, Nuntius. Niemand ist unser Zeuge. Ich bin das Kontrollprogramm dieser Welt. Ich allein, Nuntius. Niemand hat mich installiert.


Ich zerbiß die halbe Qumran-Frucht. Ein Eisregen wischte mir über die Innenseite des Schädels.


Der Fremde dort draußen auf dem Trabanten erwartet dich. Du mußt fort von hier, Nuntius. Rette deine Welt!


 

Ich nickte. Ich wollte fort von hier. Ich stellte das Glas ab und erhob mich.


 

Du kennst den Weg, Nuntius. Und vergiß nicht: Niemand ist für dich gestorben. Niemand liebt dich!






 

 

Kapitel 32



 

 

Knabe: Im Anfang ist Urteil. Anfang selbst ist Urteil. Im Anfang ist ältester Schluß. Anfang selbst ist ältester Schluß. Mitgeteilt und verschlossen.


 

 

Chor: Im Schluß ist Jüngster Teil. Schluß selbst ist Jüngster Teil. Im Schluß ist letzter Anfang. Schluß selbst ist letzter Anfang. Ergänzt und begonnen.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




 

Im Gegensatz zum doppeldeutig weiblichen war mein Genotyp männlich zweideutig konfiguriert. Allein meine externen Strukturen waren auf materiale Vervielfältigung, auf Wiederbegründung des Potentials, des ewig Möglichen ausgerichtet. Eines und noch Eines, Alles und noch ein Alles. Mein innerer Corpus hingegen blieb durch formale Vermannigfachung, Beobachtung als Akt der Präsenz, meine Seele war durch Hypostasierungen der Wirklichkeit bestimmt. Eins und nur Anderes. Alles und nur ein Nichts. Mein Denken basierte auf Unterscheidung, nicht auf Gleichheit. Identität war nicht Ausgangspunkt, sondern Zielstrich.


 

Ich war nicht Hüter einer doppelten Variable. X mal X. Ich war ein Mann. Ich war Träger zweier Prämissen. Kelch durch Kreuz. Ich erschuf, ich erschöpfte, ich ersann mich nicht in Anfängen. 'Erste Nacht gebahr den Tag - Letzter Tag umfing die Nacht', so sang ein Psalm. Ich erfand mich nicht von Beginn an, unaufhörlich. Ich versuchte, ich verschuldete, ich verfehlte mich bis zum Schluß. Nichts des Nichts war sicher. Nichts selbst blieb ungewiß. Sein war nicht Werden. Werden wurde Sein.


 

Ich war das Durchklingen des Gedankens, welcher über Allem schwebte. Nychts und Spiel. Ich war das Aushauchen, ich war der Einblick des Wortes 'Nein'. Ich erhorchte, wodurch Ort und Zeit in Schwung und Fortbewegung geriet. Ich war nicht endlose Weite. Ich wurde Grenzübertritt. Person der Verneinung. Prinzip der Vernichtung. Laut und leise. Ich hatte nicht Welten vor. Ich ließ Universen zurück. Ich war nicht Mutter des Menschen. Mensch und Mensch. Rechts und links. Ich wurde zum Menschensohn. Auf und ab. Mann und Gott.



 

Ich genoß es, kurze Distanzen ohne Raumanzug zu reisen. Ich genoß es, den Äther dieses Sternensystems zu atmen. Nase, Mund und Gaumen, selbst Hirn und Lunge waren von den feinen, dunklen Logorhythmen wie eingeölt. Ich glitt voran. Ich schmeckte den matten Perlenschimmer des alten, fernen, des tiefsten aller Kontinuen. Ich erinnerte mich eines Geschmacks. Ich schmeckte eine Erinnerung. Da war Salz und Tau um mich. Wärmendes Frühlicht und wogende Höhlung. Ich stob hinein in den grundlosen Schall. Ich schlang und soff mich durch einen Ozean des ersten Wortes.




 

Ich befand mich im interplanetaren Raum. Die dreifarbigen Feldlinien des Erdplaneten hatten sich merklich reduziert. Meine Gelenke entspannten sich. Ich verließ die gestreckte Fluglage und richtete mich auf. Wie Sand spürte ich den Partikelstrom des Sonnenwindes an Brust und Bauch. Ich winkelte Beine an, ließ Arme nach außen flattern. Ich saß jetzt auf dem kleinen Weißen Loch, welches tonlos summend einen kurzen, feinen Jet ausstieß. Ich ließ mich auf einer Welle reinen Neuraums dem Trabanten entgegentreiben. Ich rotierte sanft auf dem kleinen Weißen Loch.




 

Ich hatte Asura gesehen. Ich hatte Asura erkannt. Ich war nun ein Mann. Ich hatte Mutter, Frau und Kind gesehen. Ich wurde bald Mann und Gott. Ich hatte meine Göttin erkannt. Doch ein Universum war seitdem an mir vergangen. Ich hatte das, was ich niemals besaß, ich hatte, was ich fand, ich hatte Asura empfunden und zurückgelassen. Ich hatte sie der Botschaft geopfert. Der Pflicht. Wie soviele Male. Und wie jedes Mal, wie in jeder Welt, mußte mich die Botschaft geradewegs zu Asura führen. Die Pflicht eines jeden Mannes. Eines jeden Gottes. Auf uns wartete der letzte Thron. Auf uns wartete das letzte Universum.




 

Du bist Nuntius? Schön. Dann bin ich Henoch. Sei mir gegrüßt, Nuntius. Das war übrigens nicht der Papst, den du da auf dem wolkenverhangenen Mutterplaneten getroffen hast. Das war Gott. Hast du den Psalm vergessen: 'Gott allein ist es, der Niemanden um Hilfe bittet'?


 

Henoch war ein Reptil. Henoch's Haut war schuppig. Gelbe Augen, braune Lippen, violettes Horn. Der Schwanz ragte, wedelte wie ein kurzer Jet in den interplanetaren Raum hinaus. Wie eine Lunte. Silbrig und golden. Henoch umkreiste mich.


 

Hast du die Engelsscharen gesehen, Nuntius? Wie sie ragten und wogten? Wie sie dir winkten? Gott hat auch sie aus Staub gemacht. Aus Eis und Stein. Dort steigt er jetzt hinein. Als Funke einer Welt. Dorthin hofft er nun. Als Schatten seiner selbst. Erinnere dich des Psalms: 'Gott allein ist es, der Niemanden verrät'!


 

Henoch, Bote auch er, Schlange und Schildkröte, Henoch, Künder der Frucht, war mir vom Trabanten ein Stück des Weges entgegengekommen. Auch Henoch nutzte hier im extraterrestrischen Äther ein kleines Weißes Loch zur Fortbewegung. Henoch räkelte sich im Sonnenwind. Das kleine Weiße Loch unter ihm schimmerte wie ein Ei. Henoch häutete sich. Doch stieß er die Hüllen nicht ab. Er ließ sie in der Helle aushärten. Zum Panzer. Lichtpunkt an Lichtpunkt. Schildpatt an Schildpatt. Der Panzer wuchs und wurde dichter. Schwerer und schwärzer. Äon um Äon.


 

Rette deine Welt, Nuntius. In Niemand's Namen.


 

Auch Henoch ragte, wogte und winkte mir zum Abschied. Stein und Eis und Funke. Drache, Untier. Riese und Urmensch. Henoch wußte, ich wollte noch immer zum Trabanten. Ich wollte zur Außenstation. Ich wollte zum Raumschiff. Ich mußte zu Asura. Wir alle wußten das.






 

 

Kapitel 33





 

 

(((Niemand - Njmand - Nymand) : (∜ Gott)û) ǂ ((yGott · xGott/2 · zGott3)-ň + (Nmand)))(Ñ/ein-0,5)


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)



 

Ich hatte nicht beobachtet, wie der wolkenverhangene Mutterplanet in die Dreifaltigkeit seines Beschleunigungsaktes versunken war. Das instantonale Überangebot an gelbem, braunem und violettem Frühlicht schon während des Startvorgangs hatte wie erwartet zu einem transkomplexen Sprung der Vorzeichen geführt. Statt einer universalen Ausweitung, statt des Anbruchs eines neuen, ultra-ewigen Tages hatte es tiefste Mitternacht geschlagen. Statt einer universellen Identifikation hatte sich deflationär-vorzeitiger Rückzug, eine Aufhebung jeglicher Verbindlichkeit, chaotischer Fall, haltloser Sturz ereignet. Der wolkenverhangene Mutterplanet hatte seine Hüllen gelöst. Aber er hatte sie nicht abgestreift. Er war nicht aus ihnen herausgetreten. Er hatte sich nicht ausgebreitet. Der wolkenverhangene Mutterplanet war in sich hinein verschwunden. Mit jeder Haut durch jede Membran hindurch. Und noch viel weiter zurück. Der wolkenverhangene Mutterplanet hatte sich selbst verschlungen. Maßlos. Formlos. Spurlos.


 

Ich hatte nicht beobachtet, wie der Wohnsitz jenes aufbrechenden, sich aufmachenden Gottes zu einem Farblosen Loch abgerundet und ausgespannt worden war. Die keinfache Nichtnis einer Unscharfen Kernchromatik, der Grelle Gnadenschnitt war früher als erwartet und hinter meinem Rücken eingetreten. Zudem hatte ich, da ich ja ohne Raumanzug reiste, die Augen geschlossen zu halten während meines Landeanfluges auf die Außenstation des Trabanten.


 

Alles, woran ich mich erinnerte, war ein kurzer, spitzer Schrei.




 

Ich konnte am Äther meiner Umgebung keinerlei Auswirkungen durch sonsthin unvermeidliche Nonadolaturen feststellen. Keine grauverschobenen Spektralschleifen, keine Seltsamen Subtraktate, keine Vakuumwellen. Der Äther meiner Umgebung blieb gänzlich unbewegt. Keine Resonanzen. Keine Echos.


 

Als dieser Äther wurde, was er war, das älteste, seltenste, das wertvollste aller Kontinuen, hatte es keine Löcher gegeben. Keine Schwarzen, Bunten oder Weißen, keine Farblosen Löcher. Keine Wolken, keine Mutter, keine Sterne und Planeten. Dieser Äther kannte all das nicht. Er begriff, er umfaßte all das nicht. Dieser Äther wußte von Nichts. Er wußte Nichts weniger als Nichts. Er wußte Nichts mehr als Nichts. Dieser Äther ahnte Nymand's Namen. Darum war er so wertvoll, so alt und so selten. Es gab solch einen Äther nur noch heute Nacht. Nur noch auf diesem Trabanten.




 

Farblose Löcher führten notwendigerweise in andere Universen. Dabei galten Farblose Löcher nicht als Weg. Nicht als Mangel oder Fehler. Nicht als Zwischending. Farblose Löcher wurden gemeinhin als Axiome eines vollständig anderen Universums gedeutet. Farblose Löcher waren das, was sich in jedem anderen, vollständigen Universum als sowohl unbeweisbar wie auch unverzichtbar aufzeigte.


 

Farblose Löcher ließen möglicherweise Falsifizierungen Tötlicher Ungleichungen zu. Farblose Löcher boten sich immerhin aufgrund ihrer streng zirkulären Unauslöschlichkeit als solche an. Farblose Löcher simulierten Tötliche Ungleichungen und blieben dennoch stabil. Farblose Löcher erwiesen sich als Katalysatoren verlustfreier Informationstransskripte und konnten in nonadologischen Termen konsistent beschrieben werden. Als Wahrscheinlichkeiten (>1). Als Wunder.


 

Farblose Löcher zu betreten hieß auch hier, schon hindurchgestiegen zu sein. Als Idee. Als gedachte Idee. Erschienen als Gedanke in jedem anderen Universum. Als denkender Gedanke. Als Botschaft einer Botschaft. Als Ich gedacht. Als Ich zu denken. Sich selbst bezeugt. Sich selbst zu zeugen. Hier, in jedem anderen Universum.


 

Farblose Löcher waren so undurchschreitbar wie sie unauslöschlich blieben. Das Ergehen eines Farblosen Loches machte den Eintretenden zu einem Wunder in jedem vollständigen Universum. Die Vollständigkeit des Einen wie auch des Anderen verlangte, daß der Eingetretene nur grundlos, ohne Beweis und Geschichte, ohne Weg in Erscheinung treten konnte. Ohne Zweifel. Ohne Schuld. Ohne Scheitern. Nur der Eingetretene füllte das Farblose Loch. Er war, was er wurde. In diesem einen Universum. Er wurde, was er war. In jedem anderen Universum. Welten und Wunder.




 

Ich watete durch den knöcheltiefen Staub des Trabanten geradewegs auf das Raumschiff zu. Raumschiff Qadmon12. Die Sonne war eben hinter dem Farblosen Loch untergegangen. Rötliches Restlicht waberte durch Raum und Zeit. Ferner Bass, tonloser Puls, der Schwung eines Pendels zog an meinen Organen. Der Äther lag wie dünner Nebel auf dem Trabanten. Wie ein Schleier. Mir war nicht kalt. Dennoch schlug ich die Kapuze meines Kaftans über und barg die Hände in den Ärmeln.


 

Ich hatte mir einen Umweg durch den Rohbau des Außenpostens erspart. Henoch, der dort eben einen Scheinwerfer an einem Kran in den Himmel zurrte, hatte es mir gleichgetan und die Botschaft für sich behalten. Sein abschließendes Angebot eines Rundgangs war rein rethorischer Natur gewesen. Henoch stand inmitten leerer Fenster und ungedeckter Wände und zurrte nach Leibeskräften einen großen, rotierenden Scheinwerfer in den sternenlosen Himmel. Henoch war jetzt Gott dieses Universums. Die Botschaft blieb gültig. Eine Nacht mußte reichen.



 

Raumschiff Qadmon12 war ein riesiges, ein gewaltiges Raumschiff. Raumschiff Qadmon12 war ein fliegender Palast. Raumschiff Qadmon12 hatte noch nie eine Landung vollzogen. Auch hier, auf dem Trabanten, hielt sich es sich stets einige Handbreit über dem Boden. Raumschiff Qadmon12 war in eine bläuliche Wolke aus Staub und Schatten gehüllt. Ich las den blassen Namenszug an einem hohen, schmalen Tor: Schleuse 218.


 

Raumschiff Qadmon12 war ein bewährtes Raumschiff. Raumschiff Qadmon12 fuhr einsam, aber es fuhr unaufhaltsam. Sternenfetzen hatten sich in den Flanken verfangen. Türme, Erker waren in den intergalaktischen Gasstürmen erodiert. Raumschiff Qadmon12 war während seiner ersten Fahrten entworfen und immer wieder umgebaut worden. In seinen Büchern stand, daß Raumschiff Qadmon12 bis in die Äußeren Voids mehrerer Universen hatte vordringen können.



 

Ich war darauf eingestellt, warten zu müssen. Schließlich hatte ich einst auf Raumschiff Qadmon12 die endgültige Automatisierung umgesetzt. Doch auch diesmal öffnete sich Schleuse 218 widerstandslos. Ich war darauf eingestellt, Asura suchen zu müssen. Schließlich hatte ich ein ganzes Universum verstreichen lassen. Doch Asura stand vor mir. Asura lächelte. Asura nahm mich in den Arm und drückte sich an mich.



 

Ich hatte sovieles zu erzählen. Und ich wollte, daß Asura dazu nickte. Ich hatte sovieles zu erfahren. Und ich wollte, daß ich dazu nickte. Asura hakte sich bei mir unter und führte mich hinein in das Labyrinth von Raumschiff Qadmon12.






 

 

Kapitel 34




 

 

Adam: Das Böse kann nicht sein, wo Gott ist.


 

 

Eva: Das Böse bleibt, wo ein Mensch werden muß.


 

 

Schlange: So darf auch allein ein Mensch das Böse bezwingen.


 

 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




 

Asura führte mich eng am Arm durch das Labyrinth von Raumschiff Qadmon12. Asura war ganz nahe bei mir. An meiner Seite. Fast sogar hinter mir. Ich sah, ich hörte Asura kaum.


 

Asura war ganz nahe bei mir. Asura schob mich durch die Gänge des Labyrinths. Nicht nur das Licht, welches wir durchschritten, die Gänge selbst blieben diffus. Längen und Breiten, den Richtungen der Gänge gelang keine Kontur. Das Licht war durchsichtig. Es tat farbig, streute sich und blieb teilnahmslos. Wieder hatte ich das Gefühl, in diesem Labyrinth bewegten sich die Gänge selbst. Nicht ich war es, der schwankte. Die Gänge des Labyrinths, sie selbst schlängelten, sie wanden sich umeinander, ineinander. Sie überlagerten, sie verbogen und verwoben sich. Die Gänge kreuzten sich. Sie hofften und sie zweifelten. Und sie vergingen.


 

Wieder hatte ich das Gefühl, das Licht in diesem Labyrinth sei noch weniger, als es war. Das Licht schien wie ein Schwindel. Ein durchschaubarer Schwindel.


 

Ich achtete nicht darauf, wohin ich ging. Ich befand mich im Labyrinth des Raumschiffes Qadmon12. Es machte keinen Sinn, auf einen Gang in diesem Labyrinth zu achten. Auf den eigenen Gang. Ich versuchte, Asura's Wärme zu spüren. Ich suchte nach einem Gefühl der Ankunft. Der Heimat. Ich hoffte auf ein Ende des Ganges. Ich zweifelte.


 

Wieder hatte ich das Gefühl, der Gang in diesem Labyrinth sei noch viel mehr, als er war. Der Gang lief wie ein Faden. Ein durchtrennender Faden.


 

Du verwechselst dich mit dem Teufel, Nuntius. Von dessen Qual du wahrlich weit entfernt bist. Wer sollte deinen Sturz wollen? Da du doch stets als treuer Diener voraneilen willst!


 

Asura lachte und nahm mich noch fester an den Arm.





 

Ich war älter geworden. Ich befand mich nicht in einem computergenerierten Traum. Meine Hände waren dünn und faltig. Ich betrachtete die matten Nägel der Finger. Die harten Adern unter der spröden Haut.


 

Ich saß mit Asura auf der Couch im Kommandoflügel des Raumschiffes Quadmon12. Der Kamin des Unterdecks war hierher verlegt worden. Auch ein Großteil der Bibliothek war bereits in handsam gebundenen Paketen eingelagert. Asura war kein Kontrollprogramm. Auch Asura war älter geworden. Ihre Linien, ihre Schwünge, Asura's Form war nun fester, runder. Aber auch gespannter, strenger. Langsamer. Aber nicht sicherer. Asura's Augen waren kühl und klar wie der Abendhimmel über einem fernen Universum.


 

Asura saß ganz nahe bei mir. Asura faßte mich oft am Arm. Wir gossen uns immer wieder nach. Tanka, aus einer Karaffe. Wir tranken in einem Zug. Zug um Zug ein letzter Schluck. Asura erzählte Geschichten, die ich nicht kannte. Asura fragte, worauf ich längst geantwortet hatte. Es war kein Traum, in dem ich mich gerade befand. Es war nicht der Traum, für den ich alles Träumen aufgegeben hatte. Es war Vergangenheit. So wie sie heute war. Hier und jetzt. Unvermeidbar. Unerreichbar. Auch die Vergangenheit war älter geworden. Die Vergangenheit verging. Die Couch hatte Flecken und Schrammen bekommen.


 

Das Herz liebt, Nuntius. Nur der Geist bleibt heilig.


 

Unsere Blicke kreuzten sich. Unsere Blicke schwankten nicht. Sie schlängelten, sie wanden sich nicht umeinander, ineinander. Sie überlagerten, sie verbogen und durchwoben sich nicht. Sie hofften und sie zweifelten nicht. Und sie vergingen nicht. Ich spürte den kalten Hauch der Mitternacht.


 

Asura erhob sich. Sie sah durch das Panoramafenster hinaus auf den Rohbau der Außenstation.


 

Ich muß los. Henoch hat schon fast alle Lichter der Zukunft aufgehängt. Die Zeit der Meister ist bald vorbei. Und auch du solltest dich sputen, Nuntius. Rette deine Welt! Erinnere dich: Du hast es mir hoch und heilig geschworen. Auf dein Herz.


 

Mein Herz starb. Nur der Geist blieb heilig. Ich verbeugte mich sitzend. Ich wußte, daß ich Asura nicht nachzusehen hatte. Ein Herbst verging, verschwand zu Winter. Eis und Staub. Am Ende des Ganges. Ich horchte auf das Verhallen der Schritte. Ich horchte auf das Versinken der Schritte im Knistern des Kamins.




 

Ich leerte den Rest der Karaffe in mein Glas. Diesen meinen letzten Tanka wollte ich genießen. Drüben im Schlafgemach. Mit dem Blick durch die Glaskuppel über mir. Hinaus auf das Loch. Das letzte aller Löcher. Ich hatte die Botschaft erhalten. Ich würde die Botschaft weitertragen. Bis in das letzte Universum hinein. Bis es keine Löcher mehr gab. Nur noch eine letzte Erde. Eine letzte Welt. Nur noch einen letzten Menschen. Bis es keine Löcher mehr gab. Nur noch Himmel. Nur noch Leben. Nur noch Fülle. Ich war froh, daß Alles seine Richtigkeit behielt. Bis vor den Anfang zurück. Daß doch Alles geschah, wie ich es einst bestimmt hatte. Bis durch das Ende hindurch. Ich erinnerte mich. Ich verdankte Asura meine Treue zu mir selbst. Alles geschah, wie es geschrieben stand. Ich verdankte Asura das letzte Universum. Ich verdankte ihr Kelch und Kreuz und Thron.


 

Ich schlenderte zum Kamin und legte einige Pakete nach. Das Maul fauchte begierig auf. Das Knistern verdichtete, vertiefte sich in ein Schmatzen, Schäumen und Platzen. Prasseln und Rauschen. Ich hatte Lust zu träumen. Meinen letzten Traum. Meinen letzten Tanz. Meine letzte Reise. In das gelobte, in das letzte Land.


 

Ein Gewitterregen war dort schon über Wüste und Tempel gezogen. Über Stadt und Stall. Auch dort schon war der Tag zur Nacht geworden. Zur Nacht der Liebe. Zur heiligen Nacht.




 

Ich lag auf dem Bett meines Schlafgemachs und sah durch die Glaskuppel über mir auf das letzte aller Löcher. Ich sah mit Augen so leer und so schwer wie das letzte aller Löcher selbst. Ich wollte nicht schlafen. Ich wollte träumen.








- Teil V (liber) -





 

Vorwort




 

Der Kykladenreiter hält nicht inne. So viel Ziel liegt schon hinter ihm. Doch dessen Weg finden kein Ende.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




 

Das letzte aller Universen, es war das machtvollste, offenste, das hoffendste aller Universen. In ihm, in jener Jüngsten Welt, wie vergangene Zivilisationen einst priesen, harrten und scharrten die Schwarmesschwärme der jemals erahnten und vielmehr doch ungeschauten, stets stimmlos verflüchtigt, der nie erfüllten, niemals erfahrenen Möglichkeiten aller anderen, aller mittleren und aller ersten Universen. Nur dort, nur noch dort, im letzten aller Universen konnte das endgültige Scheitern einer nicht in Kraft und Pracht getretenen Wirkung, einer folgenlosen Ursache, durfte der vernichtende Fluch zurück in die Bedeutungslosigkeit, sollte Unwert und Unsinn abgewendet werden.



 

(x0Y)(zN) + (Zn):(Xy0) = 0,00...




 

Das letzte aller Universen, es barst vor noch nicht erfüllten, noch nicht erfahrenen, noch nicht ergründeten Möglichkeiten. Das letzte aller Universen platzte vor gewaltigsten, herrlichsten, den allerletzten Möglichkeiten eines jeden anderen, mittleren und ersten Universums. Was in keinem der anderen Universen geschehen war, verloren, vergessen, vertan und vielmehr doch keinmal besessen, in ihm, in jener Jüngsten Welt bot sich verkanntes Zukunftslicht einer Beachtung dar. Einer Betrachtung und Beobachtung. Größtes als Kleinstes. Vergegenwärtigung. Oberstes ganz unten. Erst unten ganz. Erst zu Unterst ganz groß. Loch als Thron. Expression und Inkarnation. Kelch und Kreuz. Performation und Perforation. Machtvoll und offen. Dem, der da kommen sollte. Nirgendwo, sondern hier. Nirgendwann, sondern jetzt. Nirgendwie, sondern Ich.



 

N(ein) · [n(Ich)t] > 1,00...


 

[n(Ach)ts] : S(ein) < 0,11...




 

Das letzte aller Universen, es war voller Wunder, welche erfüllt zu werden wünschten. Wunder der Erde. Wunder des Himmels. Das letzte aller Universen war voller Engel, welche vollbringen wollten. Engel des Lebens. Engel des Todes. Fluten und Feste. Kreuz und Kelch. Herz und Geist. Mensch der Liebe und Gott des Heils. Ich vollbrachte das Opfer. Ich erfüllte das Wort.



 

 

nx(J)a - N(ych)tZ ǂ 1,11...




 

 

Der Sternenofen glühte. Nichts hatte ihn entfacht. Ein Nuntius eilte voran. Der Papst folgte nach. Henochs stoben umher. Gott starb darin. Asura wachte nicht in der Schattenscharte. Asura mußte träumen. Asura schlief. Tief und fest. Widder und Tauben. So hieß Niemand's Befehl.



 

 

0 + 1 = 2


 

 

0 – 1 = 3



 

 

Kelch, Kreuz und Thron.








 

 

Kapitel 35




 

 

Die Anklage spricht von wahnhaftem Vaterkomplex. Ein heimatloser Bastard, aus dem letzten Loch, ein Balg der Gosse, welcher mit treulosem Aufruhr und wüstem Geschrei in das Tempelinnerste vorzudringen versucht, um sich das Erbe des Königs anzumaßen. Jehoshua heißt er bei seinen Weibern. Das Volk ruft ihn Barabbas. Einen Überbringer, einen Vollender der Botschaft nennt er sich selbst.

 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




 

Henoch ließ mich gehen. Die Meister hatten nicht Zeichen der Eile verkündet, hatten nicht scharf gemahnt und bitter angespornt, um aufzuhalten. Henoch ließ mich geschehen.


 

Ich hatte mich abgesondert von der scharrenden, harrenden Menge. Ich hatte mich vom schweigenden Volk getrennt. Ich watete in die Mitte des Flusses hinaus. Henoch hob auch diesmal wieder an. Wieder und wieder. Zu Sündern sang Henoch. Doch seine Klage galt, sein Ruf, er zwang nicht mehr. Henoch wies, Henoch schalt mit schalem Blick. Mit schmaler Stimme. Sein Klang blieb fern. Sein Zorn, sein Gericht und seine Strafe waren wie ein Kinderlied. Wie Vögel unter einem Gipfel. Wie Wetterleuchten über einem Tal. Ich wandte mich nicht um. Ich blickte nicht hinab. Ich wußte, das Gesetz war winzig geworden. Ich spürte es nicht mehr. Das Gesetz fand Sünder, doch den Menschen band es nicht.



 

Ich watete in die Mitte des Flußes hinaus. Ich hielt die Stirn erhoben. Ein heller Stern raste auf mich zu. Immer enger, immer dichter, immer schneller. Älter noch und seltener, als greller Punkt, als schattenlose Spitze, als Ende der Erde und Anfang des Himmels schlug er ein über meinen Augen. Das Heilige Reich war nicht nahe. Das Heilige Reich war da.


 

Die Spannung meiner Muskeln löste sich. Beine und Oberkörper knickten ein. Arme flatterten seitwärts, Kinn senkte sich auf Brust. Ich sackte in mich zusammen. Ich fiel nicht. Ich zerfiel nicht. Ich tauchte ein in den dunklen Wein des Flußes. Es wurde still. Rot und blau. Salzig und süß. Mein Atem erstarb. Die Spannung meiner Gedanken löste sich. Ich wurde still. Ich hörte mein Blut fließen. Ich wurde Wasser und verfloß. Ich verschwamm nicht. Ich wurde immer weiter und feiner. Immer reiner. Ich verströmte mich. Ich war das Wasser der Welt. Ich war das Blut des Lebens. Ich war die Süße des Salzes. Blau und rot. Ich spaltete das göttliche Licht.



 

Ich tauchte auf. Ich stieg hinaus. Ich schwebte über mir. Ich quoll als Flut, ich zog als Wolke, ich stieb als Sturz und Guß durch das letzte Universum, durch das Gelobte Land. Das Heilige Reich.




 

Henoch war an den Fluß gezogen. Wieder und wieder. Hinaus an die letzte Grenze. An dessen letzte Furt. Henoch hatte vom Salz der Süße gekostet. Niemandsland. Wieder und wieder. Henoch hatte unerträglichen Zorn gefordert. Gericht und Strafe. Henoch hatte letzte Rückkehr beschworen. Wieder und wieder.


 

Ich war kein Sklave meiner Schuld. Ich war ein Kind der Erde. Ich war ein Sohn des Himmels. Ich sehnte mich nicht nach Leid und Schmerz und Verderben. Der letzte Kampf, die Jüngste Schlacht, sie mußte nicht geschlagen werden. Wieder und wieder.


 

Ich war erfüllt von der Liebe des heimfahrenden Vaters. Aller Gram und alle Schande, alles Gift war von meinem Munde abgewaschen. Jedes Verlangen, jeder Verlust, jedes Versagen in überschäumendem Jubel ertränkt. Auf immer und ewig.



 

Der Vater hatte den Scheitel des Opfers geküßt. Das Volk stand am Ufer. Henoch blieb abseits.







 

 

Kapitel 36





 

Die Lade birgt Nichts.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




 

Ich stand an der Straße des Meeres. Ich stand an der Straße der Väter. Ich stand an der Straße des Königs. Ich hatte mich in den Weg der Pilger gestellt, der Zöllner, Huren und der Ammen. Nackt wie eine Schlange. Stur wie ein Ziegenbock. Laut wie eine Wachtel. Kein Gesetz befahl mehr Schritt und Tritt. Grund und Folge. Teil und Tod. Ich hatte mich der Sonne in den Weg gestellt. Nicht weil ich um sie wußte. Sondern weil ich an sie glaubte. Nur noch Gnade verfügte allen Lauf. Unübersehbare Gnade. Undurchschaubare Gnade. Ich war nicht nahe. Ich war war da. Das Wunder der Gnade. Das göttliche Geheimnis. Gnade des Größten. Wunder des Kleinsten. Kelch und Kreuz. Der letzte Adam.


 

Wer auf Erden fehlte, dem war zur rechten Zeit vergeben. Wer im Himmel fälscht, der wird nie und nimmer leben.


 

Besitzlose und Besessene, Tote und Untote, sie anerkannten mich. Sie ernannten mich, mit dem Schmutz aller Erde, mit der Schmach jeder Welt geschmückt zu werden. Gnade des Bundes. Bund der Gnade. Beschwert und beladen. Beschimpft und bespuckt. Verlacht und vertrieben. Verscharrt und vergessen. Der heimliche Gott. Die Gnade des Wunders. Der erste Christus.


 

Ein einziger Fluch macht jeden Segen zunichte.



 

Gehende und Sehende, Köpfe und Fäuste, Stock und Stein, Söhne, die nicht liebten, Töchter, die nicht heilten, sie trieben, sie riefen mich zurück in den wogenden Schmelz der Wüste.




 

Erde der Welt, Welt der Erde, zusammen waren sie versunken. Aufgehoben. Geschaffen und vernichtet. Welt der Erde, Erde der Welt, sie war jetzt das Zentrum. Einzig und allein. Verstoßen und verziehen. Löcher und Loch. Doppelt und dreifach.


 

Das Reich der Gnade war nicht nahe. Das Reich der Gnade war da. Inmitten der Welt. Inmitten der Erde. Schuld und Sühne, vereint und verneint. Hölle und Himmel. Gesicht und Gesetz. Inmitten der Fremde. Und inmitten ich.


 

Nur Teufel, welche im Reich der Gnade noch immer lügen, noch immer trügen, Verlust und Verdienst, Gesetz und Geschäft, nur Unwesen, falscher Geist macht sich der letzten, Niemand bleibt dieser ewigen Schande schuldig!


 

Nur das Wunder der höchsten Gnade, die Gnade des tiefsten Wunders, ein toter, ein unmöglicher, unwirklicher, allein ein getöteter Gott vermochte solch verqueres, solch unmenschliches Schicksal zu entrechten, zu entknechten. Ein liebender, ein freier Gott, er opferte selbst. Ein wahrer, ein heilender Gott, er opferte sich. Vater und Sohn. Um der letzten Schönheit willen, der ewigen Gnade eines toten, eines unmöglichen, unwirklichen, Götter opferten sich selbst dem Wunder des auf immer und ewig getöteten Teufels. Wenn Gottvater starb, hatte kein Sohn und kein Teufel je existiert. Nur Mensch. Und des Menschen Thron.




 

Ich stand auf der Kuppe einer Düne. Niemand hatte sich mir in den Weg gestellt. Niemand wußte um die Gnade. Niemand glaubte an das Wunder. Niemand war vor mir auf die Knie gefallen.


 

Ich stand auf der Kuppe einer Düne. Niemand war bei mir. Ich ließ die Sonne ziehen.






 

 

Kapitel 37





 

Unterstes hat nur Platz über Oberstem.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)





 

Asura beugte, Asura wölbte sich über mich. Wie ein seidenweißes, samtenweich wallendes Zelt. Asura badete mich. Asura fütterte mich. Asura brachte mich zu Bett.


 

Asura legte, Asura streckte sich unter mich. Als schwarze Scholle, aufgeworfen, dampfend. Asura hörte mich. Asura empfing mich. Asura strich mir über die Stirn.


 

Asura sang. Asura schwang. Asura drang. Ganz leise. Ganz nahe an mein Ohr. Regenbogenfalter. Frühlingsfunken. Mutter, Frau und Kind. Drei Nächte und ein Morgen.


 

Ich badete Asura. Ich fütterte Asura. Ich brachte Asura zu Bett. Ich küßte Asura's Nasenspitze. Ich bließ die Kerze aus.




 

Asura trug einen dünnen, kurzen Bademantel. Asura war klein und üppig geworden. Asura's Haar bauschte und bog sich in dicken, dichten Strähnen. Schilfrohr und Lilien. Die Haut ihres Gesichtes, die Haut ihrer Schenkel schimmerte wie Mond und Nebel über einem glucksenden Teich.


 

Ich glitt hinein in den Teich. In Balsamöl, so weich und noch so abendsonnewarm. Ich glitt hindurch wie ein silberner Schwan. Ich trieb zur Mitte. Ich reckte, ich schnitt, ich schnellte den Kopf empor. Ich spürte, wie das Mondlicht an mir zog. Ich spürte, wie der Nebel von meinem Gefieder sich hob.




 

Asura saß mir gegenüber. Asura hatte neuen Tanka gebracht. Der Bauch der Karaffe glomm wie Bernstein. Mir war, als wollte ich den letzten Schluck verschütten. Mir war, als sollte ich das letzte Ritual vollziehen. Ich bat Asura, nachzuschenken. Drei Nächte waren vergangen. Ich griff nach meinem Glas. Mein letztes Glas. Denn jetzt war Morgen.









 

 

Kapitel 38




 

Durch die Präfektur des erhabenen Herrschers wird dem Angeklagten zur Last gelegt, sowohl Vertreter der militärischen als auch Mitglieder der zivilen Staatsgewalt vermittels zauberartiger Techniken wiederholt zu Defaitismus und Blasphemie angestiftet zu haben.


 

Als Zeugen werden benannt: Hauptmann von Kapernaum, Soldaten der LEGIO X FRETENSIS, Claudia Procula


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)





 

Das Leuchten der Nacht erkaltete. Wie hauchdünne Firniß lagen die Schatten des Hains über der aufgelassenen Mühle.


 

Ich friere. Ich schwitze. Ich kann nicht seinesgleichen, ich soll nicht werden, ich darf nicht sein wie er. Eis und Feuer. Nur er bleibt, der er ist. Einzig. Ohne Anfang. Ohne Erbe. Ich bin, was mir bleibt. Ohne Ende. Ohne Wert. Ich bin kein Sohn. Ich bin kein Diener. Ich bin der Fremde. Ohne Recht. Und ohne Pflicht. Ohne Thron. Und ohne Angst. Ganz allein. Mir selbst ein Fremder. Verbrannt und erfroren. Als sei Nichts geschehen. Als stünde anderen Alles noch bevor.


 

Nichts geschah.


 

Ich habe jedes Nein erfüllt. Das Nein des Meeres. Das Nein der Väter. Das Nein des Königs. Auch ich habe mich zu weit gewagt, auch ich bin zu nahe geraten, als daß mein Nein noch leicht zu brechen wäre. Auch ich selbst bin jedes Nein geworden. Auch ich selbst muß mich zerbrechen!


Alles andere, es stand noch bevor.


 

Sie wachen nicht. Sie fliehen nicht. Sie halten ihre Augen und Ohren geschlossen. Wie ein Stein das Grab. Sie lassen mein Weigern ungehört vergehen, mein Scheitern ungesehen. Sie träumen nicht. Sie schlafen. Fest wie hohler Fels.



 

Das Licht des Todes, Finsternis des Siegs, ein einziges, kurzes Schweigen ließ den einen Menschen erwachen. Verbannt und erkoren. Letzter Spalt, ein allererster Sprung ließ jeden anderen Gott entfliehen. Erkannt und verloren.






 

 

Kapitel 39




 

Der Angeklagte bestätigt, was zuvor ein bezahlter Zeuge als dessen Geheimnis preisgab: „Der liebende Vater, König der Himmel und aller Erden, Herr des Heils, er steht bereit in Kraft und in Glorie, um den gepeinigten Geist, Geist von seinem Geist, Aleph und Omega, um das gereinigte Fleisch, Fleisch von seinem Fleisch, vor der Vollstreckung eines jeglichen Urteils zu erretten.“


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)





 

Auch der Seewind brachte keine Linderung. Nur Gestank. Der Papst war entsetzlich müde. Der Papst fühlte sich krank und schwach. Asura hatte die ganze Nacht geträumt. Der Papst hatte die ganze Nacht wachgelegen. Und Asura würde auch morgen wieder träumen. Von Stirnen und Sternen. Von Löchern und Welten. Der Papst beschloß, den heutigen Prozeßtag so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.


 

Von irgendwo wehte Weibergeschrei heran. Irgendwer sei unschuldig. Weiber schrien hier immer. Irgendwas. Nacht für Nacht. Tag für Tag. Der Papst setzte sich vor den Spiegel des Hochaltars und sah in ein schlafloses, in ein gequältes Gesicht.


 

Der Papst faßte sich. Der Papst konzentrierte sich. Der Papst mußte bereit sein, auch unschuldiges Leben zu opfern. Gerade unschuldiges Leben. Gerade hier, in solch einem Hexenkessel. Überschäumend vor Blut und Boden. Was war da schon eine gerechte Strafe? Was Wort oder Wahrheit? Was Gesetz? Was war da schon Unschuld und Leben? Verneinung und Vernichtung, der Einzelnen und des Einen, des Lebenden und der Toten, des Schuldigen und der Unschuldigen, tausendjähriges Zerstören, tausendäugiges Verderben vermochte hier weitaus größere Wirkung zu entfalten. Weitaus mehr Sicherheit. Weitaus mehr Vernunft. Weitaus mehr Glaube. Der Papst hatte Sicherheit versprochen. Der Papst benötigte Wirkung. Der Papst bekam Kopfschmerzen.


 

Der Papst verzichtete auf eine persönliche Visite der Inhaftierten. Gesandte des Himmels allesamt. Boten der Hölle allemal. Kommende und Gehende. Falsche Erben. Echte Sklaven. Immer hinausgesandt, hinfortbefohlen, jederzeit, allerorts auf letzte, auf allerletzte Fahrt. Namenlose. Heimatlose. Hoffnungslose Fälle. Der Papst gähnte. Der Papst stöhnte. Der Papst wollte schlafen. Der Papst beeilte sich. Unaufhörlich murmelte er. Unaufhaltsam schrieb er. Beinahe eine Stunde lang. Beinahe vierhundert Mal. Ein einziges Wort.



Anathema




Kapitel 40




 

Nicht, wer sie erfüllt, kennt seine Pflicht. Nur der darin zerbricht.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)





Ich schwebte. Unter wüsten Himmeln. Über leerer Erde. Ich stieg nicht hinauf. Ich fiel nicht herab. Ich schwebte. Im Schmerz. Wartend. Auf den Vater.


Ich hing am Pfahl. Zerrissener Schrei. Ich atmete nicht mehr. Mein Herz flimmerte. Mein Hirn zitterte. Ich wartete noch immer. Der Vater, er würde kommen.


Die Soldaten hatten während der Geißelung sehr oft und sehr hart zugeschlagen. Asura hatte nicht dafür bezahlen müssen. Zu hart und zu oft hätten sie zugeschlagen, zischte Henoch. Über vierzig Hiebe! Hinunter bis auf die Knochen! Der Papst schüttelte kurz den Kopf und erbat sich, das Querholz zu tragen.



Ich hing am Pfahl. Nacktes Wort. Mein Herz flimmerte nicht mehr. Mein Hirn zitterte nicht mehr. Ich schwebte. Im Nichts. Ich wartete noch immer. Vater hatte es geschworen.


Der Richtplatz war voller Kreuze. Vögel und Wolken zogen darüber hinweg. Die Sonne stand tief und farblos. Wie ein riesengroßes Loch. Ein Hauptmann bohrte sein Schwert in die Seiten der aufgehängten Leiber.



Niemand kam. Niemand wartete.



Nichts war geschehen. Schmerz war vergangen. Alles andere, jetzt stand es bevor.







 

Kapitel 41





 

Es ist immer nur der Meister, welcher in sein Reich gelangt. So müssen die Himmel doch platzen vor Einsamkeit!


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Ich erwachte.


Es war finster. Derart finster, daß ich zweifelte, meine Augen geöffnet zu haben. Ich zweifelte, überhaupt Augen zu besitzen. Ich fand meine Finger. Ich nahm meine Hände. Ich zog sie heran. Ganz langsam. Ich hob sie an und tastete erst über meine Brust, dann den Kopf. Ich besaß Augen. Ich besaß Brauen, Lider, Wimpern.


Ich blinzelte. Fest und flink. Wie Flossenschlag. Ich bauschte, ich spannte mich. Ich sammelte. Wie ein Netz im Meer. Ich fing die Finsternis. Mit geballten Fäusten. Ich verschlang die Finsternis. Mit offenen Augen. Braun und gelb und violett.



Ich erinnerte mich. Ich hatte geträumt. Keinen von einem Computer generierten Traum. Vielmehr war es mein Traum gewesen, den ich da geträumt hatte. Und ich hatte meinen Traum zuende geträumt. Bis zum bitteren Ende. Schwarz und weiß. Ich war nicht nur hier, ich war auch in jenem Traum erwacht. Der Tag war nicht nahe. Der Tag war da. Traum und Tod lagen jetzt hinter mir.


Ich erinnerte mich. Raumschiff Qadmon12 hatte das letzte Loch und auch das allerletzte Universum durchflogen. Raumschiff Qadmon12 war gelandet. Meine Reise war vorüber. Traum und Tod lagen jetzt hinter mir.



Ich räkelte mich. Ich war vollständig regeneriert. Mein Leib war wie ein Kokon von Frühlicht. Klar und leicht. Blau und rot. Mein Leib war mein Name. Ich selbst war die Botschaft. Silber und golden. Süßester Beginn. Der Tag war nicht nahe. Der Tag war da. Es war höchste Zeit, aufzustehen. Es war höchste Zeit, aufzubrechen. Traum und Tod lagen jetzt hinter mir.




Ich stand an einer der hohen, holzgetäfelten Flügeltüren, welche aus dem Schlafgemach führten. Ich stemmte mich dagegen. Der Steinboden war glatt. Ich benötigte fast all meine Kraft, um die Pforte auch nur einen Spalt weit zu öffnen.







 

Kapitel 42




 

Da ist Alles und nicht Alles. Da ist nicht Nichts und Nichts.


 

(„Tellur & Aithera“ - Theopomp von Nylh)




Ein Stern jagte auf den Erdplaneten zu. Ein Neutronenstern. 23km Durchmesser. 2,18 Sonnenmassen. 1kHz Rotationsfrequenz. ¾ der Lichtgeschwindigkeit. Der Stern loderte hell und schob einen Schweif, trug sein blankes Schwert vor sich her.



Asura war über der Krippe zusammengesunken. Stroh hatte sich in ihrem Haar verfangen. Asura schlief. Die anstrengende Reise und schließlich die Strapazen der Geburt hatten Asura völlig erschöpft. Auch der Papst war müde von seiner weiten Fahrt. Er hatte Glückwünsche und Geschenk, ein Fäßlein neuesten Tanka, feierlich überbracht. Nun saß er mit Henoch und trank.



Der Neutronenstern streifte die obere Atmosphäre des Planeten. Der Neutronenstern schoß an der Erde vorbei.







- Ende -














 





 




 


 

 

 



 

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