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Asket

 

 

 









Wir geben gerne zu, daß die Entbindung des Menschen aus dem Reich des Reptils ohne einen Meteoritenschlag niemals hätte erzwungen werden können. Allerdings empfinden wir es nicht als klassische Konsequenz sondern vielmehr als blanke Phantasielosigkeit, diese Maßnahme auch bei Abschluß des Experimentes in Anwendung zu bringen.

(Aramec Trepanaux – Reden vor einem Jüngsten Gericht)

 

 

 

Asket

 


 

Tafel

 


(„Ihr Menschen, macht euch keine Sorgen!“ Ainu-rakkuru-Kamui)




1816 notierte August Schumann, Schriftsteller, Verleger, zudem Vater des Komponisten Robert Schumann, im 'Staats-, Post- und Zeitungslexikon von Sachsen' bezüglich des Dorfes Grechwitz:


„Es gehört schriftsässig zu dem Rittergute Böhlen, ist nach Döben eingepfarrt, hat 94 Einwohner und 8 Hufen. Die Einwohner halten 400 Schafe, 90 Kühe und 23 Pferde.“


Grechwitz war als frühbronzezeitliche Gründung direkt an der Handelsstraße von Breslau über Oschatz und Grimma nach Leipzig entstanden.



*



1853 zogen US-amerikanische Kriegsschiffe unter dem Kommando von Admiral Matthew Perry vor die Küste Japans und erzwangen in der Bucht von Edo die Öffnung des dortigen Hafens. Eine Armada abendländischer Nationen folgte diesem Beispiel und schuf Zugang anhand sieben weiterer, gewaltsam unter Pacht genommener Standorte. Bis dahin hatten Japans Herrscher Land und Bevölkerung in völliger Isolation gehalten. Über zwei Jahrhunderte hinweg war Ausländern – und als solche galten auch Japaner, welche ihre Insel verlassen hatten – bei Androhung des Todes untersagt, das Reich der aufgehenden Sonne zu betreten.


Auch wenn Japans Eliten nun auf die Veränderung reagierten, indem sie durch nicht minder brutale Modernisierung und gleichfalls massive Militarisierung dem westlichen Verständnis von Kultur und Fortschritt nachzueifern strebten, so blieb doch jede Art des Grenzübertritts strengster Beschränkung unterzogen. 'Oyatoi', ausgewählte Kontraktausländer, Spezialisten aller Fächer und Bereiche, sollten fortan und auf schnellstem Wege technologische Errungenschaft und intellektuelle Aufklärung vermitteln.



*




1859 wurde eine lange Renovierungsphase an der Schloßkirche zu Döben mit der Auswechselung des kompletten Orgelwerkes zu einem krönenden Abschluß gebracht. Bis dahin war die Kirche um einen neuen Taufstein, eine zweite, obere Empore, eine Sakristei neben der Patronatsstube, Vorhallen und gar um eine Heizung erweitert worden. Der Kantor der Kirche, Erich Schumann, wohnhaft im benachbarten Grechwitz, besorgte eigenhändig Abbau und Verwahrung der ausgedienten Orgel. So wie von ihm selbstverständlich auch das allererste Preludium auf dem neuen Instrument vollzogen wurde.



*



1891 schrieb Franz Eckert aus Tokyo einem alten Dresdener Studienfreund, dem Besitzer des Schloßes zu Döben, und fragte nach weiterer Verwendung der vormaligen, seit nunmehr dreißig Jahren eingelagerten Orgel der Schloßkirche. Nur zu gerne übernähme er jeglichen Verbringungsaufwand, wenn es ihm gelänge, jenes Aerophon in seiner fernöstlichen Adoptivheimat wieder in Stand und Klang zu versetzen. Zudem könne eine Dankesadresse des Tenno an den Spender in Aussicht gestellt werden.


Franz Eckert hatte das musikalische Konservatorium zu Dresden absolviert, wo er auch den damals dort als Chorleiter engagierten Robert Schumann kennenlernte. Er durchlief eine militärische Karriere und wurde im Range eines Kapellmeisters als Oyatoi, als ausgewählter Kontraktausländer, dem japanischen Marine-Musikkorps zur Verfügung gestellt. Franz Eckert leitete Militärkapellen, versah die Herausgabe eines Liederbuches, gründete das kaiserliche Hof-Orchester und wurde schließlich beauftragt, eine japanische Nationalhymne zu komponieren.


Als der Kantor zu Döben von der Zusage des Schloßherrn nach Japan erfuhr, eilte er diesem zu berichten, anhand wiederholtem Traume habe ein Engel befohlen, daß der spätgeborene Sohn, Emil Schumann, die Reise der Orgel in das Reich der aufgehenden Sonne zu begleiten ausersehen sei. Wer einen Kaiser beschenkt, durfte nicht vergessen, was er Gott schuldig blieb. Der Schloßherr wollte keinen Streit mit seinem träumenden Kantor und nickte.




*



1893 wurde die in der schottischen Hafenstadt Greenock auf der Werft von Caird&Company gefertigte, 2933 Brt große SS Malwa, Schwesterschiff der eisernen Bokhara, von dem bisherigen Eigner, der 'Peninsular and Oriental Steam Navigation Co.Ltd. (P&O)' an die japanische Schifffahrtsgesellschaft 'Tōkai Kisen KK' verkauft. Portsmouth – Hamburg – Lissabon – Valdivia – Hakodate. So lautete die geplante Route der vom Alteigentümer noch gewerblich genutzten Überführungsfahrt.






1. Klingeln



(Ende September 1893, Sandtorhafen/Hamburg)





Hier irgendwo waren Klaas Störtebeker und seine 72 Gefährten enthauptet worden. Und mit ihnen ihr Henker, der Scharfrichter Rosenfeld, nachdem er sich in seiner launigen Art anerboten hatte, doch gleicherart und ohne Aufschub mit den am Richtplatz versammelten Hanseräten zu verfahren.



*



Emil hatte die Reling fest umgriffen. Ganz warm und weich war das Metall geworden. Wie Hände, welche Emil hielten. Hand in Hand. Emil ließ nicht los. Das dumpfe, dunkle Vibrieren des Schiffes durchzog Emils Körper. Hallte wider in Bauch und Brust. Das Befeuern der Kessel hatte begonnen. Der Schlot, mittschiffs thronend wie der geschälte Stamm des Weltenbaumes, stieß eine Krone dichten, grauen Rauchs in den Mittagshimmel. Möwen umstreiften das quellende Geäst. Emil schmeckte Dampf und Kohle.


Emil blickte unter dem gußeisernen Arm eines Krans hindurch über den Kai. Polizisten standen an einem Stapel Holzkisten vor der überdachten Lagerzeile des Verladeplatzes. Die Uniformen waren tadellos. Das tiefe Blau der Waffenröcke, silberne Säbel und Knöpfe, das blanke Schwarz der Stiefel, die goldbeschlagenen Pickelhauben waren Spiegel der Sonne. Der Vorgesetzte, ein Bein vorangestellt, mit rundem Bauch und rundem Gesicht, mit streng gescheiteltem Haar und aufgerichtetem Schnurbart, er hatte seinen Helm abgelegt und rauchte eine langstielige Pfeife. Ernst und sicher.


Tagelöhner, abgerissen und schmutzig, huschten unermüdlich wie winzige Fliegen unter den mächtigen Sandstein-Fassaden der neu errichteten Speicherstadt umher. Die SS Malwa hatte bereits alle Fracht abgewickelt. Ein Mennoniten-Pfarrer mit Gemeinde verabschiedete ein Häuflein Auswanderer, das sich gerade samt Säcken, Koffern und dem Drängen der Matrosen anschickte, über einen wackelnden Steg an Bord zu gelangen. Die Täufer machten sich auf nach Valdivia im chilenischen Feuerland, an den Lago Llanquihue, ein Gebiet, welches seit Niederschlagung der hiesigen Märzrevolution von deutschen Exilanten besiedelt worden war.


Der Helm des Vorgesetzten lag auf einer der Holzkisten. Emil sah den großen, goldenen Stern mit Stadtwappen und Dienstnummer über dem schmalen, schwarzen Augenschild. Schwarz war auch die abgeflachte Schale. Schwarz und schimmernd wie vergossener Teer. Emil sah den massiven, an der Spitze mit einer kleinen Kugel versehenen, goldenen Dorn, welcher lotgerade aus der Scheitelmitte des Helmes hinausragte. Emil sah das rote Tatzenkreuz auf hellem Grund, das an der Schläfenseite die breite, goldene Stirnschnur hielt. Emil sah den goldenen Nackenschutz.


Das Schiffshorn ertönte. Emil erschrak. Emil hatte plötzlich Angst. Ein paar Handbreit trennten Emil von festem Land. Noch war es nicht zu spät. Emil mußte nur springen. Ein zweites Mal ertönte das Horn, betäubte jeden Gedanken. In aller Eile war der letzte Steg an Land, wurden Taue an Bord gezogen. Ein drittes Mal erklang der Abschiedsruf der SS Malwa. Ihr Rumpf rüttelte sich, kurz und schwer. Und schon begann die Schiffsmachine zu stampfen und zu stoßen. Emil rührte sich nicht. Der Vorgesetzte schlug behäbig die Pfeife aus. Er trug jetzt wieder seine Pickelhaube. Die SS Malwa setzte sich in Bewegung. Glitt an den Polizisten, an Tagelöhnern, am Pfarrer und der winkenden Gemeinde vorbei. Emil mußte nur springen.



*



Emil hielt die Reling noch immer fest umklammert. Die SS Malwa hatte die Elbe bereits verlassen und schickte sich an, durch den südlichen Teil der Deutschen Bucht Fahrt in Richtung Ärmelkanal aufzunehmen. Land war bald zu einem dünnen, diesigen Strich am Horizont geraten und schließlich ganz versunken. Meer und Himmel waren ruhig und grau. Das lange, schmale Schiff schnitt wie ein Schwert durch das Wasser. Es roch nach Salz und Tang. Emil mußte nur springen.



*



Emil hatte, während er in einer Stube der Handelsdeputation des Hafenamtes nach Vorlage etlicher Empfehlungsschreiben auf die Erledigung letzter Formalitäten wartete, in einer ausliegenden Broschüre geblättert.


Die SS Malwa war 111 Meter lang und zwölf Meter breit. Bei sieben Metern Tiefgang. Die Schraube wurde angetrieben von einem 2000Ps starken, zweizylindrigen Niederdruck-Dampfaggregat. 13 Knoten Höchstgeschwindigkeit. Die SS Malwa verfügte über drei Masten, konnte also auch gesegelt werden. Das Schiff hatte zeitweilig dem Britischen Königreich am Suez-Kanal als Truppentransporter gedient, war kürzlich inzuge einer Generalüberholung mit neuen Kesseln versehen worden und nach Abschluß dieser Fahrt an ein japanisches Reederei-Konsortium verkauft.



*



Nicht nur Emils Vater grämte sich, daß der Kapellmeister in Tokyo und der Schloßherr zu Döben aufgrund logistischer Zwänge für den Transport der Orgel die Dienste einer britischen Schifffahrtsgesellschaft in Anspruch nehmen mußten. Selbst wenn es die letzte Fahrt unter jener Beflaggung war. Wie der Schloßherr und so viele andere war auch der Kantor ausgreifend stolz auf sein seit nunmehr zwei Dekaden geeintes Heimatland. Wie der Schloßherr und bald viele andere besuchte auch Emils Vater regelmäßig Veranstaltungen des 'Allgemeinen Deutschen Verbandes'.


Zurückgehend auf den vom Afrikaforscher Carl Peters gegründeten 'Allgemeinen deutschen Verband zur Förderung überseeischer deutsch-nationaler Interessen', hatten sich 1890 in Berlin Wissenschaftler, Militärs, Industrielle, Großgrundbesitzer, Adelige und Parlamentarier zusammengefunden, um den 'Allgemeinen deutschen Verband' unter Ausrufung der alten Zielsetzung zu konstituieren. Aktueller Anlaß der Wiederformierung war die Eingliederung Helgolands in das Reichsgebiet durch Kaiser Wilhelm II., der im Gegenzug das bis dahin deutsche Sansibar an die britische Krone abgetreten hatte. Ein Tausch, welcher von den Unterstützern des Verbandes dem kolonialen Weltruhm des Reiches, dem Hinaustragen des vorzüglichen Deutschtums als unerhört abträglich empfunden wurde.



*



Heute, am 29. September, hätte Emils Mutter Geburtstag gefeiert. Emil sah auf das endlose Meer. Emil sah in den endlosen Himmel. Wellen und Wolken. Emil hörte nur das Rauschen der Schiffsmaschine. Emil spürte nur das Schwingen des Stahlkolosses. Kohle und Dampf. Emils Herzschlag und die Kolben der Motoren liefen im Takt. Vernunft erhob sich über den Stoff. Das Höhere nahm das Niedere in Besitz. Vernunft zog schneller als Wellen und Wolken. Vernunft verfügte über Wille und Macht, sie beherrschte Mengen und Massen. Emil wurde leicht. Emil flog wie ein Pfeil. Emils Angst verschwand irgendwo hinter ihm. Irgendwo in der weißlich schäumenden Spur des Schiffes. Es zog ihn nicht mehr hinab. Meere blieben endlos und Himmel ebenso. Aber der Mensch hatte ein Ziel. Emil hatte ein Ziel.



*



Der Bootsmann hatte Emil gestattet, in das Frachtdeck hinabzusteigen, das die ehemalige Orgel der Schloßkirche zu Döben barg. Es war Abend und die See rau geworden. Staub und Desinfektion hatten sich noch nicht gelegt. Es war hier unten ganz trocken. Und noch so warm wie am Tage. Ein elektrisches Licht hoch oben zwischen den verschlossenen Luken warf einen milchigen Kegel, der kaum als Schatten zu Boden langte. Emil folgte dem schmalen Gang, der durch die aufgestapelten, festverzurrten Container führte. Schwere Holzkisten, aller Größen und Farben, beklebt und mit eingebrannten Schriftzügen, beschlagen und verstrebt.


Das Schiff rollte. Hin und her. Auf und ab. Das viele Holz um Emil knarzte und ächzte. Rutschte und rieb. Netze und Seile spannten sich und erschlafften wie Muskeln. Emil kauerte auf dem Boden des Ganges. Emil hatte die Kisten der Döbener Schloßorgel nicht ausfindig machen können. Da sie als letztes entladen werden würden, so waren sie wohl irgendwo hinter anderen Kisten versteckt. Hier waren überall Kisten.


Emil erinnerte sich, wie er als Kind auf des Vaters Geheiß den Blasebalg der Orgel zu treten hatte. Immer wieder. Schwitzend und keuchend. Emil erinnerte sich genau. Doch in Emils Ohren barst jetzt keine Musik einer Orgel. Emil erinnerte sich und lauschte dem unbeirrbaren Stampfen und Schlagen der Schiffsmaschine. Emil nickte sanft zum braven Biegen und Wiegen des Stahlkolosses. Diese Fahrt war keine Fahrt von hölzernen Kisten. Diese Fahrt war Emils Fahrt.



*



Erzengel Michael war Patron der Schloßkirche zu Döben. Erzengel Michael war Schutzherr des deutschen Volkes. Ludwig der Fromme hatte vor tausend Jahren des Michaels Gedächtnis mit Bedacht auf den 29. September gelegt. An diesem Tage war von den Germanen ihres höchsten Gottes, des Wotan gedacht worden. Abgaben, Ruhegebote, Erntebräuche, Gesindewechsel, Jahrmärkte und Umzüge knüpften sich seit jeher an dieses Datum. Unter den Erzengeln galt Michael als streitbarer Geselle. Er hatte Luzifer bezwungen. Er hatte Adam und Eva vertrieben. Er scheuchte die Toten.


Quis ut Deus, frug Michael immer wieder. Wer war wie Gott?


Als Erzengel Michael gab sich auch jener zu erkennen, welcher Emils Vater, dem Kantor zu Döben, im Traume immer wieder zu erscheinen pflegte.



*



Emils Kajüte besaß vier Betten und ein Bullauge. Für Emil war zweite Klasse gebucht worden. Da sich jedoch nur ein paar Dutzend Passagiere an Bord der SS Malwa befanden und auch der britische Kapitän ob der Döbener Sendung ins japanische Reich ein kurzes Staunen nicht hatte unterdrücken können, so war es vom Bootsmann eingerichtet worden, daß Emil in seiner Kajüte zumindest bis Lissabon ohne weitere Belegung blieb. Emil war erschöpft. Emil hatte die Augen geschlossen. Emil schmeckte Staub und Desinfektion. Dampf und Kohle. Salz und Tang. Emil sprang nicht. Emil schlief. Tief und fest.







 

2. Klingeln

 


(Anfang Oktober 1893, Lissabon)




Auch wenn Karthago im ersten Krieg gegen Rom unterlegen war, so hatte doch der punische Feldherr Hamilkar Barkas, von den lateinischen Schreibern aufgrund seines stets überraschenden Zuschlagens mit dem Beinamen 'Blitz' bedacht, keine seiner Schlachten gegen die Legionen der Konsuln verloren. Nach blutiger Niederschlagung eines Söldneraufstandes in der karthagischen Provinz Libyen setzte Hamilkar auf die Iberische Halbinsel über und unterwarf dort bis hinauf an den Ebro die noch nicht unter römischen Einfluß geratenen Volksstämme. Durch Ausbeuten der Silbervorkommen im Landesinnern und das Unterhalten von Handelsstützpunkten vor allem an den Küsten war Karthago, das letzte der phönizischen Seereiche, in der Lage, den Verlust Siziliens, Sardiniens und schließlich Korsikas an das aufstrebende römische Imperium immerhin zu kompensieren. Hamilkar Barkas' ältester Sohn, Hannibal mit Namen, hatte den Vater schon als neunjähriges Kind auf dessen Zügen durch den westlichsten Teil Europas begleitet.


Lissabon, 'Bucht der Glücklichen', wie schon die alten Phönizier ihren einzigen natürlichen Atlantikhafen nannten, jene Stadt an der Mündung des Tejo, auch sie war auf sieben Hügeln erbaut. Hier hatte Manuel I. den verwegenen Vasco da Gama mit einem Triumphzug begrüßt. Hier befand sich der Hauptsitz des Indienhauses. Gleich neben dem Palast des Königs gelegen, überwachte diese Behörde als zentrales Verwaltungsorgan das Weltreich portugisischer Kolonien. Sämtlicher Überseehandel oblag ihrer Kontrolle. Vor kurzem erst war die Einrichtung endgültig geschlossen worden.



*



Am 11. Mai 1891 löste sich im japanischen Ōtsu ein Polizist aus dem Spalier am Straßenrand und verwundete den zu diplomatischem Besuche weilenden Zarewitsch Nikolaus durch einen Säbelhieb an dessen Schläfe. In den folgenden Tagen entschuldigten sich tausende Japaner mittels persönlicher Schreiben und kleiner Geschenke bei dem letztendlich leichtverletzten Opfer des Attentats. Ein Dienstmädchen namens Yuko verübte Selbstmord vor der Präfektur in Kyōto, um mit ihrem Tod Buße zu tun.



*



'Der bloße Begriff vom Ich, der unveränderlich ist, den man gar nicht mehr beschreiben kann, drückt die Substanzialität aus. Substanz ist das erste Subjekt aller inhärierender Akzidenzien. Es ist dieses Ich aber ein absolutes Subjekt, dem alle Akzidenzien und Prädikate zukommen können und was gar kein Prädikat von einem anderen Ding sein kann. Ja, was noch mehr ist, den Begriff, den wir überhaupt von allen Substanzen haben, haben wir von diesem Ich entlehnt. Dieses ist der ursprüngliche Begriff der Substanz.'


Auch einem Immanuel Kant waren mit jenem desaströsen Erdbeben von Lissabon Götter vollends fremd, gar suspekt geworden. Als Nacht sich über die zerschlagene, überflutete und niedergebrannte Stadt gelegt hatte, galt es als hinlänglich erwiesen, daß der Mensch, Ich selbst, geadelt nun durch niederstes Leid und also fähig zu noch einsameren Höhen, an die Stelle des überkommenen Demiurgen zu treten hatte. Blutsverwandte Geister, Friedrich Nietzsche ihnen voraus, dachten sich bald fort bis ins Nichts und beanspruchten von dort an Schöpferkraft und Herrschermacht.


'Habt ihr Mut, oh meine Brüder? Seid ihr herzhaft? Nicht Mut vor Zeugen, sondern Einsiedler- und Adler-Mut, dem auch kein Gott mehr zusieht?'



*



Emil saß am Bullauge seiner Kajüte. Ein Wolkenmeer hatte sich mit Wirbeln und Tosen über die Bucht von Lissabon gewälzt. Es stürmte. Es goß in Strömen. Die SS Malwa hatte am Arsenal da Marinha angelegt, um Kohle und weitere Passagiere aufzunehmen. Land und Meer vermischten sich. Der Kapitän hatte Gänge von Bord untersagt.


Emil kam sich vor, als blickte er durch das Glas eines Aquariums. Als blickte er durch eines jener wassergefüllten Kaleidoskope, welche in einem Seitengäßchen des Hauptbahnhofs zu Leipzig, im hinteren, abgedunkelten Raum der 'Handlung für Aquaristik – Tietze & Sohn' aufgestellt waren. Der alte Tietze zeigte sich nur noch selten, Sohn und Tochter führten das Geschäft.


Emil hatte einige Semester an der Leipziger Universität zugebracht. 'Aus Tradition Grenzen überschreiten' prangte allerorten als deren Motto. Während der Märzrevolution waren Professoren und Studenten an Demonstrationen und Barrikadenbau beteiligt gewesen. Emil hatte sich auf Drängen des Vaters hin an der juristischen Fakultät eingeschrieben, war allerdings bis zur Exmatrikulation Ende letzten Jahres bei keiner Prüfung angetreten.


Johanna, Tochter des alten Tietze, saß meist an der Kasse im vorderen Raum, gegenüber Eingang und Schaufenster. Der Sohn des alten Tietze stand vor den Regalen und erteilte Beratung. Sein großer Stolz waren etliche Piranhas, welche er, wie er erzählte, in selbstgefertigten Kanistern von einer Reise in den brasilianischen Urwald nach Hause gebracht hatte. Der Sohn des alten Tietze erzählte gerne von jenem Aufenthalt in der Stadt Manaus, am Zusammenfluß des Rio Negro und des Amazonas. Schwarz und braun, noch lange unvermischt glitten dort die Wasser in einem Lauf dahin. Der Sohn des alten Titze erzählte von Marmorpalästen und Kautschuk-Baronen, von Dschungelhütten und nackten Sklavinnen. Er erzählte von rosafarbenen Delphinen und zeigte bald den Besuchern seine menschenfressenden Fische.


Ein Kommolitone behauptete, der Sohn des alten Tietze hätte im Gefängnis gesessen.



*



Johanna war eine Meerjungfrau.


'Sie war so schön und feine
Und riß viel Herzen hin.

Und brachte viel zuschanden
Der Männer rings umher,
Aus ihren Liebesbanden
War keine Rettung mehr.'


Emil verstand, wofür der Dichter Brentano seine Lore Lay besungen hatte.



*



Am 11. Mai 1891 war Marta Schumann verstorben. Innerhalb weniger Monate hatte eine Tuberkulose der Lungen das volle, weiche Wesen der Frau restlos ausgezehrt. Rasselnder Husten war in Fieberträume übergegangen und schließlich als blickloses Schauen in sich zusammengesunken. Die Krankheit war längst ansteckend. Emil durfte nicht an das Bett der Mutter.


Emil öffnete die Türe des Schlafzimmers. Ganz leise. Nur einen Spalt breit. Es war frühmorgens. Der Vater befand sich mit dem Döbener Schloßchor in Leipzig und würde erst spät zurückkehren. Im Haus war es vollkommen still. Die Mutter schlief. Emil sah es durch den Spalt.


Die Mutter war so dünn geworden. Unter dem Leintuch wölbten sich nur Knochen. Emil ahnte den Schatten einer Brust. Ein schmaler, kantiger Schädel mit wirrem, stumpfem Haar sank kaum ein in das große Kissen. Der Mund stand offen. Trockener Schleim klebte an den Lippen. Emil bewegte sich nicht. Es war vollkommen still. Emil beobachtete die Mutter. Wald war zu Wüste geworden. Tränen kratzten über Emils Wangen. Ganz leise. Emil schloß die Tür.


Emil streunte in den Auen der Mulde umher. Emil durchstreifte dichte Ulmen- und Eichenhaine. Die Luft war warm und feucht und schwer. Das harte Gras schimmerte silberblau. Wolkenberge standen tief und unverrückbar. Emil sah einen Milan kreisen. Emil lauschte dem Geschnatter der Frösche. Emil trank Bier auf der Terrasse des Grechwitzer Gasthofes. Emil rauchte vom Tabak des Vaters. Emil war müde.


Die Farben des Tages, nicht sein Leuchten, hatten das Schlafzimmer schon verlassen, als Emil die Türe ein zweites Mal öffnete. Ganz leise. Nur einen Spalt breit. Im Haus war es vollkommen still. Ein Donner rollte in der Ferne. Wind kam auf.


Die Mutter hatte sich nicht bewegt. Nicht ein winzigstes Stück. Sie lag noch genauso da in ihrem Bett wie am frühen Morgen. Emil starrte auf den grauen Schädel, auf die Erinnerung einer Brust. Auf die Knochen unter dem Laken. Sandkorn und Wüste. Staub und Asche. Die Mutter hatte sich nicht ein winzigstes Stück bewegt. Die Mutter war schon am Morgen tot gewesen. Emil hatte es nur nicht bemerkt. Es blitzte. Und schon schlug ein Schauer dicker Regentropfen an die Fenster.




*



'Ningyo' nannte japanischer Volksglaube die Meerjungfrau in seinen Erzählungen. Ihr Mund war dick und rot, ihre Zähne klein wie goldglänzende Perlen und ihre Stimme besaß den Klang einer Flöte. Das Kosten ihres Fleisches verlieh Unsterblichkeit. Wurde solch Ningyo an den Strand geworfen, so galt dies im Inselreich als Zeichen für Krieg und schlimmes Unglück.






3. Klingeln


(Mitte Oktober 1893, Atlantik)




Es sei ihm nicht möglich, mit jemandem auf eine gleichgültige Weise zu verkehren, schrieb Theo van Gogh in einem Brief an seine Verlobte über den Bruder Vincent.


Ein gleichermaßen Gültiges konnte und durfte es nicht geben. Denn da war nichts neben Gott. Da war auch nichts neben dem Kaiser. Und da war nichts neben dem Volk. Gott und Kaiser und Volk waren fett und prall geworden wie eine überreife, sich selbst berauschende Frucht. Schale, Fleisch und Kern lösten sich ineinander auf, glänzten glatt und stählern und waren doch schon morsch und faul. Und da war nun tatsächlich nichts, da war nichts und niemand, der den Sturz der Frucht zu Blut und zu Boden noch verhindern mochte.


Die Frucht zerplatzte. Ganz dünn. Ganz flach. Heere von Sämlingen forderten alsbald Lebensraum. Ein jeder schoß blindlings hinaus, über sich und über alles andere. Nur noch Riesen ragten aneinander, wogten im Gebrüll des Steigens. Oder wankten sie bereits? Siegestrunken schon jetzt und noch garnicht zu Tode erniedrigt. Über Rausch und Taumel war es Nacht geworden. Doch nicht nur Mond und Sterne zogen auf. Der warme Boden vibrierte. Eine hungrige Herde galoppierte heran, gierte nach frischem Weidegrund. Licht und Tau würde kommen. Und mit ihnen die blinde Wut der malmenden Mäuler.


Ein gleichermaßen Gültiges galt den neuen Gipfelstürmern als Blasphemie und Defaitismus, als schlichter Irrsinn. Solch untermenschlichem Lug, solch tiergleichem Trug, so schrien sie alle im Trommelmarsch landauf und landab, solch unreiner Durchmischung, solch dreist geheimem Zersetzen, solch hierarchischem Landunter durfte seit jeher, ja konnte stets nur gleichermaßen, nämlich mit totaler Verachtung, mit völliger Vernichtung begegnet werden.



*



1871 hatte das unter Papst Pius IX., dem letzten Papa Rè einberufene, von Krieg, Intrigue und Skandal bestimmte Erste Vatikanische Konzil die Infallibilitas ex cathedra, die päpstliche Unfehlbarkeit in Glaubens- und Sittenfragen, als nunmehr unumstößliches Dogma verkündet. Die Ausgestaltung des veröffentlichten Textes war unter Schriftführung des Jesuiten Joseph Kleutgen, dem Mitbegründer der thomistischen Neuscholastik, vonstatten gegangen.


1872 hatte Reichskanzler Otto von Bismarck die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan abgebrochen und dem Orden der Jesuiten jede Niederlassung auf deutschem Boden untersagt. Eine Reihe weiterer, antiklerikaler Gesetze folgte, um die Säkularisation des eben erst geeinten Vaterlandes gegen die erstarkenden Ultramontanisten zu sichern. Jene erzkatholische, widernationale Strömung des auch politisch bedingungslosen Gehorsams gegenüber dem Nachfolger Petri jenseits der Berge in Rom hatte nicht nur aufgrund des Eifers der durch persönlichen Schwur gebundenen Societas Jesu breiten Stand im Volke gewonnen und war mit den Mandaten der Deutschen Zentrumspartei bereits auch im Parlament vertreten.


Bei der Wahl zum ersten Deutschen Reichstag hatte die durch Freiherrn von Ketteler, seines Zeichens Bischof zu Mainz, und Oberlandesrichter Windthorst gegründete Zentrumspartei auf Anhieb 18,6 Prozent der Stimmen erringen können. Zunächst noch von den Nationalliberalen hintangestellt, bildete die Deutsche Zentrumspartei ab 1881 die stärkste Fraktion im Reichstag.


Bis ein neuer Papst, Leo XIII. den 'Kampf, welcher die Kirche schädigte und dem Staat nichts nützte', im Einvernehmen mit der Reichsregierung 1887 für beendet erklärte, waren 1800 katholische Pfarrer zu Gefängnisstrafen verurteilt und kirchliches Eigentum im Wert von 16 Millionen Goldmark konfisziert worden.



*



Die SS Malwa überschritt den Äquator am Kreuzungspunkt des Mittelatlantischen Rückens und des Romanchegrabens. Emils Finger folgten den Linien auf der ausgebreiteten Karte. Fast 6000 Meter fiel hier die Rinne ab, jene gewaltige Aufwerfung unterbrechend, welche sich vom Nordpolar bis in antarktisches Gebiet hinunterschlängelte. Emil befand sich auf dem Achterdeck. Die Nacht hatte kaum Abkühlung gebracht. Emil hatte sich in seiner Koje hin- und hergewälzt, war dann noch vor der Dämmerung endgültig erwacht und hatte die Kajüte verlassen, um hier draußen auf frische Luft zu hoffen. Emil saß unter einem der Ausleger, an denen die Rettungsboote hingen. Es war sehr rasch hell geworden. Emil sah um sich. Emil suchte einen Anhaltspunkt. Seit Tagen schon hatte Emil hier draußen kein Land mehr gesehen. Keinen Inselflecken, keinen vagen Strich am Horizont. Keine Vögel, keine Fische, kein Treibgut. Keinen Mond und keine Sonne. Nur Wasser. Wasser und Wolken.


Die SS Malwa durchfuhr den Kalmengürtel. Dieses windstille, schwülheiße Tiefdruckgebiet am Äquator war unter den Seeleuten noch immer gefürchtet, da unmotorisierte Segler hier monatelang in einer Flaute festhängen konnten. Die Älteren wußten von manch Kamaraden zu berichten, die in den Mallungen an Hunger zugrunde gegangen waren. 'Gott behüte uns vor dem stillen Wasser, denn aus dem wilden retten wir uns selbst!' So begannen ihre Geschichten. Seit vorgestern waren mehrmals am Tage starke Gewitter mit Platzregen und plötzlichen Sturmböen über das Schiff niedergegangen. Emil schwitzte. Emils Kopf und Glieder schmerzten. Emil vergaß Wasser und Wolken. Emil wandte den Blick nach innen und lauschte dem unermüdlichen Schlagen und Stampfen der 2000Ps starken Dampfmaschine.


An einem Schott nahe des Hinterstevens rumorte es. Poltern und gepreßte Schreie drangen aus dem Rumpf. Die Türe sprang auf. Seeleute stiegen an Deck. Sie waren merklich betrunken. Und sie waren fast alle verkleidet.


Seit einigen Tagen hatte sich trotz planmäßig verlaufender Fahrt unter der Besatzung der SS Malwa eine seltsame Unruhe, eine mühsam unterdrückte Spannung und auf dem Schiff selbst immer wieder scheinbar unbegründete Betriebsamkeit kundgetan. Emil hatte das zuerst auf die tropische Hitze, auf Trott und Langeweile zurückgeführt. Als aber die Seeleute auf dem Achterdeck einen großen, abgedeckten Bottich aufgestellt hatten, sprach Emil den Bootsmann schließlich auf diese Vorgänge an. Der Bootsmann hatte nur gegrunzt und erklärt, bald schon würde Nereus, der weise Meeresgott, jenem verlausten Gesindel unter der Besatzung, welches es wagte, das Südmeer erstmals zu befahren, die nötige Initiation angedeihen lassen.


Emil besah das Schauspiel auf dem Achterdeck. Nereus hatte das Schiff betreten. Der Meeresgott, zweifellos der Bootsmann der SS Malwa, trug einen grün bepinselten Kaffeebohnen-Sack als Umhang, Schwimmflossen an den Füßen, einen Bart aus Kabelresten und den unverzichtbaren Dreizack in einer Hand. Zu seiner Linken schritten Thetis, die schönste der Nereiden, und Peleus, der Thetis sterblicher Gemahl. Der Nymphe waren über ihren dicken, behaarten Bauch Konservendosen als Brüste gebunden. Der tätowierte Peleus trug eine schwarze Papptiara mit aufgekritzeltem Kreuz. Zur Rechten trietzen der Sohn der beiden, Held Archill in langem Arztkittel gemeinsam mit seinen Mohren einen Matrosen über das Achterdeck.


Emil kniff die Augen zusammen. Alles ging sehr rasch. Archill und die anderen hielten kurze, dicke Striemen in Händen. Sie verfolgten den Täufling und ein jeder peitschte einmal mit voller Kraft auf ihn ein. Der Matrose stürzte. Er blutete. Archill trat ihm in den Bauch. Der Matrose stöhnte auf, doch schon hatte Peleus ihm einen Fisch in den Mund gedrückt. Archill peitschte noch einmal. Der Matrose zuckte. Nereus grunzte. Thetis warf einen Kußmund. Die Mohren beschimpften und bespuckten den Matrosen und zwangen ihn zu einem Windsack. Unter Tritten krabbelte er hinein. Unter Tritten krabbelte er hindurch. Am vorderen Ende hatte sich Nereus mit einem Schlauch postiert, um den Täufling mit stärkstem Wasserdruck in Empfang zu nehmen. Der krümmte sich zusammen und riß die Arme schützend über sich. Sein Rücken war schwer gezeichnet. Der klatschende Wasserstrahl schob das hilflose Bündel zu jenem Bottich, in dem die Mannschft seit Tagen Essensreste gesammelt hatte. Der Matrose erhob sich, so schnell und so gut er konnte. Er wußte, was nun kam. Archill ergriff den Kopf des Seemanns und drückte ihn bis zu den Schultern in den Bottich hinein. Lange. Noch länger. Die Arme des Matrosen begannen wild zu zucken. Länger, immer länger und mit beiden Händen preßte Archill. Der Matrose trampelte schon mit den Beinen auf den Schiffsbohlen, immer noch länger und länger, da riß Archill den Kopf aus dem Bottich. Der Matrose sank laut keuchend auf die Knie, hustete und würgte und wischte sich den Dreck aus Augen und Nase. Thetis reichte einen Krug. Der Matrose, halb von Sinnen, trank gierig und spuckte gleich wieder aus. Sofort zerrten ihn die fluchenden Mohren auf einen Holzbock und schabten mit großen Küchenmessern dicke Haarbüschel von seinem verschmierten Schädel. Dann trat Ruhe ein. Der Matrose schleppte sich auf allen Vieren vor die Füße der dicken Thetis und küßte deren Zehen. Nereus applaudierte und auch alle anderen fielen ein. Der Matrose hatte die Zeremonie überstanden. Der Meeresgott und sein Gefolge versammelten sich am hintersten Schott und beglückwünschten sich mit Schnaps aus der Flasche. Dann gröhlten sie nach dem nächsten Täufling in den Schiffsrumpf hinab.


Emil kehrte schnell in seine Kajüte zurück. Emil mied von nun ab Bootsmann und Besatzung.



*



„Das sind keine Männer. Das sind Männchen, welchen Frauen fehlen, an denen sie ihre Tumbheit abbalzen können. Männer erfreuen sich an Frauen. Doch sie fehlen ihnen nicht. Männer balzen nicht. Männer durchschauen. Verehrter Freund, Sie haben übrigens meine Seekarte, die ich ihnen gestern Abend zeigte, auf Deck vergessen.“


Emil erschrak. Der Jesuit, seit Lissabon ebenfalls in der Kajüte einquartiert, hatte die Karte selbst beim Kapitän ausgeliehen.


„Allerdings möchte ich jetzt doch etwas Vertrauen in himmlische Kräfte wagen und auf das kleine Frühstück verweisen, das während Ihrer Abwesenheit auf fast wundersame Weise seinen Platz fand auf unseren Tisch. Danken wir dem Herrn. Brechen wir das Brot. Kräftigen wir uns ein wenig an Seinem Leib und an Seinem Geist. Dann sehen wir nach der Karte. Der Kapitän hat mir von Ihnen erzählt. Sie haben sich also aufgemacht, eine Kirchenorgel ins japanische Morgenland zu befördern. Wahrlich, eine Unternehmung, wie sie den Engeln gefällt, mein verehrter Freund!“

 

 


4. Kingeln

(Ende Oktober 1893, Südatlantik)



Der norwegische Walfänger und Polarforscher Carl Anton Larsen hatte vor kurzem Fossilien höherer Pflanzengattungen aus antarktischem Gebiet vorgelegt. Damit galt als davon auszugehen, daß jener Kontinent einst durch subtropisches Klima geprägt und von ausgedehnten Waldflächen bedeckt war, eine Vielzahl von Vogelarten und sogar große Säugetiere beheimatet haben mußte.



*



Johanna war weder Weib noch Frau. Johanna war ein Fräulein. Eine Nereide, von des Protogonen Pontos Stamm. Nymphe der Urflut. Sie war, was schwebte. Emil wußte jetzt, daß er mit Johanna niemals glücklich werden, niemals Erfüllung finden würde. Selbst wenn sie beide hochzeiteten und Kinder zeugten, so bliebe Emil doch immer allein. Als Mensch. Ganz unten, ganz oben. Immer fernab von Johanna. Emils Gedanken wiederholten, Emils Träume drehten sich im Kreise, stampften und schlugen im Takt. Kolben und Propellern gleich, welche Emil noch immer trieben, voran, hinfort. Wie eine Maschine. Wie ein abgefeuerter Speer.


Alles, was da jemals gewesen war zwischen Johanna und Emil, es hatte ausschließlich in Emils Gedanken existiert. Emil hatte Welten und Universen entworfen. Und dennoch, alles hatte stets nur in Emils Gedanken existiert. Es war ein Traum gewesen, sein Traum, währenddessen Emil das wacheste Gefühl der Richtigkeit, sogar der Bestimmtheit empfand. Auf des Schicksals Schwingen. Ganz für sich allein.


Was von alledem als Wirklichkeit verblieb, das war diese Reise, auf der Emil sich jetzt befand. Er tat keine zweifelhafte Fahrt in das Zwilicht eines mordlüsternen Dschungels. Es war Emils Reise. Er würde bald schon zu berichten wissen vom fernsten aller Reiche, den Inseln der aufgehenden Sonne. Emil versuchte, dieses Wissen schon jetzt zu genießen. In Gedanken. Im Traume. Ganz für sich allein.


Es bedurfte vieler Wochen, ehe Emil sich überwinden konnte, nach einem ersten, verspäteter Zugverbindung geschuldetem und dann ob Johannas fabelhaftem Wesen fluchtartig abgebrochenem Besuche die Eingangstür der 'Handlung für Aquaristik – Tietze und Sohn' ein weiteres Mal zu öffnen. Emil hatte viel Zeit auf dem Universitätsgelände verbracht. Er war durch allerlei Vorlesungen und Bibliotheken geschlendert. So hatte Emil auch über Humboldt, Lyell und Darwin, über Bates und den Spiritisten Wallace gehört. Das Glöckchen schellte, als Emil wieder durch die Eingangstüre trat.



*



Emil, der Jesuit und andere Passagiere standen an der Reling der SS Malwa. Andächtig schweigend genossen sie den Ausblick. Himmel und Meer waren blau und klar wie Kristall. Hell und dunkel. Exakt waagerecht und durch ein nur hauchdünnes Haar voneinander getrennt. Auch die Luft war frisch und frei und unvermischt. Sie drang hinein mit tiefen, ruhigen Atemzügen, drang hindurch bis in das innerste Kapillar der Lungen. Emil spürte das Weiten. Emil fühlte die Nähe. Eine scharfrandige, vollkommen runde, gleißend weiße Sonnenscheibe folgte ihrer unabänderlichen Bahn. Eine Viertelmeile leeab der SS Malwa lag ein gewaltiger Eisberg im Wasser. Ein rechteckiger Tafelblock mit schnurgeraden Kanten, etliche Stockwerke hoch, länger als das Schiff und von solch dichtem, festem Weiß, wie es nur von der Sonne selbst stammen konnte. Auch dieses Weiß dort vor ihnen im Wasser war wie ein Loch in Raum und Zeit. Nur von dort aus war alles andere als Bewegung, als Vergänglichkeit zu ermessen. Auch dieses Weiß dort vor ihnen, in das Emil kaum hineinzublicken vermochte, war das Weiß der Ewigkeit. Vor ihnen, eine Viertelmeile leeab der SS Malwa lag ein Brocken, nein, ein Barren der Sonne im Wasser. Das Weiß dieses Barrens war Eis und Feuer zugleich. Das Weiß dieses Barrens war ganz alt und ganz neu. Das Weiß dieses Barrens war pures Licht der Sonne.


Der Jesuit öffnete den Mund und wies wortlos auf die Oberfläche der See. Ein Raunen der anderen Passagiere glitt dem ausgestreckten Arm hinterher. Zwischen Schiff und Eisberg glitzerten silberne Schatten im Wasser. Zogen gemächlich umher. Verschwanden und erschienen wieder. Die See um das Schiff kreuselte sich. Emil bebte vor Spannung. Emil hatte keine Angst. Emil war voller Erwartung. Dann endlich tauchte einer der Wale auf. Der riesige, finnenlose, wie ein Meißel geformte Körper schob sich fast lotgerade aus dem Meer. Schäumende Gischt flog von ihm fort. Hoch aufgereckt, wohl schon zur Hälfte hinaus hielt das tonnenschwere Ungetüm für einen Moment in seinem Sprunge inne. Emil sah die Hornwucherungen am Schädel des Südkapers. Eine unbekannte, eine vergessene Schrift, die dort als Schmuck gezeichnet war! Der Leviathan ragte aus dem Meer. Sein Maul klaffte nach der Sonne. Die Welt stand still. Und schon klatschte der Leib dunkel dröhnend wie der Hieb eines Titaniden zurück in das aufberstende Wasser. Die langgebogenen, ausgreifenden Flügel seiner Schwanzflosse gaben einen letzten Gruß. Der Wal und mit ihm seine Begleiter waren wieder hinabgetaucht in die lichtlosen Tiefen am Ende des Atlantiks. Die SS Malwa wankte in den ankommenden Wellen.



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Johanna saß am Tisch hinter der großen Registrierkasse. Als hätte sie sich seit Emils erstem, verunglücktem Besuch nicht von dort fortbewegt. Es roch wie in den Auen der sommerlichen Mulde. Süßlich und feucht. Es roch nach Quarzsand, Röhricht und Insekten. Johanna hatte ihr blondes Haar unter einem Netz zu einem Knoten gebunden. Trotz des Schaufensters blieb es hier im vorderen Verkaufsraum auch am hellichten Tage wie zur Abenddämmerung. Johannas volles, rundes Gesicht hing wie ein Mond über wogendem Schilf. Ihr Blick war ein huschender Goldfisch in den nebelüberzogenen Teichen des Schwemmlands. Obwohl Emil vorbereitet war, brachte er nur ein Nicken zustande. Emil versuchte, sich zu konzentrieren. Emil sah Regale, Schachteln und Behälter. Emil sah zu Boden. Johanna räusperte sich.


'Mein Bruder ist noch mit Kundschaft hinten bei den Aquarien. Bitte haben Sie Geduld. Vielleicht möchten Sie sich diesmal ja ein wenig umsehen. Mein Bruder wird gleich kommen.'


Johannas Stimme klang wie das Spiel einer Flöte. Flink und gewitzt. Warm und einfühlsam. Johanna hatte Emil wiedererkannt. Johanna hatte Emil gebeten zu bleiben. Er sei ein Anfänger in diesen Dingen, sprach Emil. Johanna lächelte. Ihre kleinen Zähne schimmerten wie Perlmutt. Ihre Wangen wurden rosa. Emil schritt an den Regalen entlang. Emil beruhigte sich.



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Emil blinzelte. Emil bemerkte eine feine, schwarze Rauchfahne am Horizont. Auch Emil streckte den Arm aus. Der Jesuit hob das Glas an die Augen und beobachtete. Ein Dampfschiff sei das, flüsterte er, Walfänger wohl. Er könne die Harpunenkanone vorne am Bug erkennen.



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Im folgenden hatte Emil die 'Handlung für Aquaristik – Tietze und Sohn' natürlich immer wieder besucht. Emil sah Johanna. Johannas Bruder sprach mit Emil. Erzählte von brasilianischem Urwald. Von Krokodilen und Skorpionen. Erzählte von vergifteten Pfeilspitzen, von Lianen, welche genug Wasser in sich bargen, um jede Feldflasche unnötig zu machen. Johannas Bruder zeigte seine menschenfressenden Piranhas. Emil zollte gebührenden Respekt, vor den Fischen und vor deren Hüter. Emil erstand schließlich sogar eine hohle Glaskugel, welche er in seinem Zimmer aufstellte und in der ein kleiner Goldfisch umherschwamm. Emil hatte Sand hinzugekauft, eine Pflanze und Futter. Stundenlang saß Emil vor der Glaskugel und beobachtete das kleine Fischlein. Emil hegte und pflegte das kleine Fischlein. Emil liebte das kleine Fischlein.



*



Mit Verbreitung der Dampfschifffahrt und Erfindung der preßluftbetriebenen Harpunenkanone hatte sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch die Bandbreite der erbeutbaren Walarten beträchtlich erweitert. Durch 1863 erstmals eingesetzte, an Drahtseilen befestigte und mit einem Granatkopf bestückte Geschosse waren die Walfänger in der Lage, auch auf die schnellen Furchenwale Jagd zu machen. Die Explosionen im Körper der Meeressäuger töteten wenn nicht sogleich, so doch zumeist schneller. Mußten die Walfänger bis zu diesem breitgefächerten Fortschritt der Technik noch von ihren trägen Großseglern in mitgeführte, meist sechs- oder achtsitzige Ruderboote wechseln, um dann auch nur den kleineren, den schwachen Walen mit Handwaffen nachstellen zu können, so war es nun möglich, aufgrund der Windunabhängigkeit, der größeren Reichweite und Durchschlagskraft direkt vom Fangschiff aus sogar ausgewachsene Blauwale zu harpunieren. Das Absinken der Kadaver stellte gleichfalls kein Problem mehr dar.



*


Emil hatte gerade eben jene Seitengasse im Leipziger Bahnhofsviertel betreten, in welcher die 'Handlung für Aquaristik – Tietze und Sohn' zu finden war. Emil erkannte Johanna sofort. Sie ging ganz eng am Arm eines Fremden. Sie hing fast an ihm. Johanna lächelte. Johanna redete. Johanna war ganz verträumt. Emil drückte sich in einen Torweg. Emils Eingeweide verkrampften.


Emil war seitdem nur noch am Schaufenster der 'Handlung für Aquaristik – Tietze und Sohn' vorbeigeschlichen. Monatelang. Morgens, wenn Emil von seiner Glaskugel aufbrach zur Universität. Mittags, während der Pause. Und abends, wenn Emil zurückging zu seiner Glaskugel unter dem Dach. Zurück in seine Gedanken. In seinen Traum. Zurück in Emils Welten und Universen. Zurück zu seinem geliebten Fischlein. Um das Futter kümmerte Emil sich nun selbst. Zu Johanna hinein in das Geschäft war Emil nicht mehr gegangen. Auch dem Fremden war Emil nicht wieder begegnet.


Schließlich hatte Emil all seinen Mut zusammengenommen. Er riß die Eingangstüre auf. Das Glöckchen überschlug sich. Emil, in Eile, wie betäubt, entzog sich einem Gespräch mit dem Bruder, trat mit einem Päckchen getrockneter Mückenlarven an die Kasse vor Johanna, bezahlte und bat sie um die Ehre, ihn doch einmal während ihrer Mittagspause hinüber in das kleine Café zu begleiten. Johanna blickte Emil aus großen, unendlich tiefen, blauen Augen an. Emil versank, Emil ertrank darin.


'Natürlich. Sehr gerne. Wäre Ihnen morgen recht?'



*


In einer kurzen Abhandlung mit dem Titel 'Notes on the Growth of Opinion as to Obscure Psychical Phenomena During the Last Fifty Years', welche 1893 in Zusammenhang mit einer Tagung des Physical Congress zu Chicago veröffentlicht worden war, erklärte Alfred Russel Wallace:


'The whole history of science shows us that whenever the educated and scientific men of any age have denied the facts of other investigators on a priori grounds of absurdity or impossibility, the deniers have always been wrong.'



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Johanna berührte Emil immer wieder am Arm. Es war ein seltsames Gefühl. Emil versuchte, sich zu freuen. Doch seitdem er mit Johanna in dem kleinen Café platzgenommen hatte, war jedes Vertrauen, jede Vertrautheit, die er doch schon so lange Johanna gegenüber empfand, abhanden gekommen. Emil saß auf einem unbequemen Stuhl neben Johanna und nickte. Johanna faßte Emil unaufhörlich am Arm. Bald hing sie fast an ihm. Emil fühlte sich wie ein Fremder.


Johanna lächelte verträumt. Johanna sprach von Geborgenheit, sprach von männlich beschützter Schwäche, nach der sie sich so sehr sehnte in dieser Welt des erbarmungslosen Kampfes.


'Ich möchte nicht stark sein müssen. Niemand versteht das. Nicht einmal mein Bruder.'


Emil hörte zu. Wie durch Wolken. Wie durch Wasser. Emil strengte sich an. Doch Johanna sprach nicht zu Emil. Johanna sprach durch Emil hindurch. Johanna sah durch Emil hindurch. In die Ferne, in die Tiefen ihrer sehnsuchtsvollen Welt. Ihrer Heimat. Emil ließ sich einlullen vom nestwarmen Flötenklang ihrer Stimme. Emil dachte. Emil träumte. Emil blieb ein Fremder. Ganz für sich allein.


Emil nickte und bestellte noch Kaffee. Schon während des Gespräches hatte Emil Schwierigkeiten, sich an das Gesagte zu erinnern. Emil nickte und bestellte schließlich Likör. Emil hatte Schwierigkeiten, Johannas Worte zu verstehen. Mit einer unbedachten Handbewegung stieß Emil noch vor einem Trinkspruch an sein Glas. Johanna half, den Tisch notdürftig zu säubern. Dann sah sie nach der Uhr und erhob sich. Johanna mußte zurück in die 'Handlung für Aquaristik – Tietze und Sohn'.



*



Emil hatte das Goldfischlein in einem Einweckglas nach Hamburg mitgenommen und gleich nach seiner Ankunft unter einer der unzähligen Elbmolen in die Wirklichkeit entlassen.




 

 

 

 

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