
Für Corry
- Blatt I -
Mekka´s Göttinnen
{Von Propheten und Irrtümern}
al-'Uzzā
(العزى, - die Stärkste)
Ich habe al-'Uzzā ein rötlich weißes Schaf dargebracht,
zur Zeit da ich mich noch zum Kulte meines Volkes
bekannte.
(Mohammad)
Vormals zu Mekka neben den beiden anderen Müttern al-Lat (am weißen Stein) und al-Manat (am schwarzen Stein) angerufen als Göttin des Morgensterns.
Wieder die uralte weibliche Trias (Moiren, Erynnien, Gorgonen,..). Und auch hier sucht die ominose Dreieinigkeit als Erfüllung des Einerseits die numinose Vierzweisamheit als Vollendung des Andererseits.
al-Lat, Göttin, Schwester der Aschara, und El, Herr, Bruder des Jahweh.
al-Manat, Schicksal, Schwester der Astarte, Göttin des Abendsterns.
al-Lat und Allah, Göttin und Gott, zwei Gesichter und ein Gehör.
Baal und Astarte, Gott und Göttin, zwei Gesichter und ein Geschmack.
Attar und Ischtar, Gott und Göttin, zwei Gesichter und ein Gefühl.
Aschara und Jahweh, Göttin und Gott, zwei Gesichter und ein Gehirn.
Suidas erzählt vom einem vier Fuß hohen, schwarzen Quader auf goldenem Sockel, Epiphanius berichtet, aus diesem Baitylos, den die Betenden Χααβοῦ nennen, sei Duschara, Gott der Nabatäer, wie aus einer Mutter geboren.
Kaaba, der Kubus, ist Chawwa, die Eva.
Eva, das Leben, beginnt mit Baba, der Mutter.
Lilith, der Wind, endet ohne Abba, dem Vater.
Des Weibes Würfel, Schoß und Erde voller Richtung, sammelt sich zu Leben, wächst selbst vom Tode empor als Himmelssäule, Achse, Baum und Mann.
Maria, das Bittermeer, und Amun, der Widder.
Der Rote Thron der Ischtarschwester al-Uzza, von Wallfahrern überhäuft noch mit Weihgeschenk und Schlachtopfer, wird nach Eroberung Mekkas durch Mohammads Kriegsherrn Chalid ibn al-Walid vernichtet.
Hubal, Gott des nun nicht mehr herrschenden Stammes der Quraisch von Mekka, dessen Bildnis aus rotem Karneol inmitten der Kaaba steht, ist weithin besungen für sein Orakel der Sieben Lospfleile.
Wie der Biograph Ibn Saʿd und der Historiker Tabari bzgl. der 53. Sure („Stern“/al-Nadschm) übereinstimmend berichten, unterstützte Mohammad zuerst den Dienst der bisher an der Kaaba verehrten altarabischen Göttinnen al-Lat, al-Uzza und al-Manat, jedoch widerrief er die entsprechenden Verse sehr bald.
„...Habt ihr al-Lat und al-Uzza gesehen,
und auch al-Manat, diese andere, die dritte?
Das sind die erhabenen Kraniche.
Auf ihre Fürbitte darf man hoffen...“
(Koran, Sure 53, "Urfassung", eingegeben durch Satanael, erster Sohn Gottes)
- Blatt II -
Pamphlet zum Jahre 2012 (Hoffnungsträger)
{Aufruf an jene, die an dieses Datum Erwartungen knüpfen...}
Dieses eilenden Schrittes heranrückende Datum spaltet die Menschheit - wenn wir die ewig Unentschiedenen einmal beiseite lassen wollen - in zwei sich streng entgegengesetzte Lager.
Für diejenigen unter uns, welchen die Diesseitigkeit des Daseins den Ansporn verwehrt, sich an übliche Horizonte überschreitende Besonderheiten heranzudenken, die sich mit dieser Jahreszahl verknüpfen ließen - sei es aufgrund des täglichen Kampfes um ein paar Bröckchen Brot, sei es aufgrund des täglichen Kampfes um die nächste Million, sei es aufgrund der orthodoxen Schwere einer selbst aufgesetzten Krone oder sei es trotz passioniertem Lottospiels aufgrund mangelnden Interesses an Zahlenmystik schlechthin -, für eben diesen Teil also ist es einfach nur ein weiteres Jahr in einer Kette von unabsehbar vielen Jahren, Zukunft und Vergangenheit zusammenhaltend in Form von je nach Einzelfall und dessen Verständnis mehr oder weniger gelungener Geschichte.
Für jenen anderen, mindestens proportional mit dem Näherrücken dieses Datums zunehmenden Teil des sich selbst als homo sapiens sapiens titulierenden Phänomens "Leben" stellt das Jahr 2012 jedoch kein beliebiges Glied in einer Kette, sondern - wenn wir jetzt die reinen UntergangsPessimisten und auch die schlichten ParadiesesOptimisten eines geschenkten Eintritts in den Wassermann, Photonenring oä. beiseite lassen wollen - so stellt dieses Datum für eben jenen anderen Teil der Menschheit einen exorbitanten Wendepunkt dar. Und das derart über alle Maße hinaus exorbitant, daß dieses Lager den erwarteten Wendepunkt zuallermeist mit der Ankunft einer nicht oder nicht mehr von dieser Erde stammenden Wesenheit verknüpft. Ob nun Buddha oder der zwölfte Imam oder Jesus mit seinen Heerscharen oder ein bislang unbekannter Messias oder Gottheiten vom zehnten Planeten Nibiru oder eben einfach bisher namenlos gebliebene Außerirdische, stets wird die Lösung aller irdischen Probleme im Kommen sehr, oft unendlich, manchmal sogar tranzendental weit entfernter Persönlichkeiten gesucht.
Welch wahrlich sklavische Hoffnungslosigkeit verbirgt sich hinter solch einer scheinbar herrlichen Hoffnung! Diese Menschen, wissend und abermals wissend nach eigener Definition, erklären sich freiwillig zu unmündigen Kindern, die nicht anders dürfen, als ihren Schutz bei einem Mächtigen Vater, ihr Heil bei einer Großen Mutter zu suchen. Welch wahrlich schauderhafte Regression verbirgt sich hinter solch einem scheinbar freudvollen Fortschritt!
Jener erstgenannte Teil der Menschheit - einerseits die hungernden Seelen, die Gepeinigten, die nicht können, weil ihnen Alles vorenthalten wird, andererseits die Makler- und Spießerseelen, die Gierigen, die Selbstgerechten, die nicht wollen, weil sie Alles nur für sich behalten - bei jenen werden wir uns, was die einen betrifft, aus Scham, und, was die anderen angeht, aus Abscheu jetzt, in dieser kurzen Schrift, eines Anspruchs enthalten. Doch die Geister, welche wollen und auch können, weil sie wissen und abermals wissen, daß Alles reichlich vorhanden und Nichts zu behalten ist, dieser zuletztgenannte Teil der Menschheit, die Erwartenden und Tage Zählenden, bei ihnen müssen wir mit unserem Vorwurf ansetzen, ihnen müssen wir zurufen: Wenn es eure Herzen nach Veränderung, nach Besserung verlangt, nach Linderung, ja nach Erlösung, dann starrt nicht in die Tiefen des Universums, auf kommende hohe Zeit, sondern verlaßt eure Teleskope, verlaßt eure Lotossitze, verlaßt eure eingeschworenen Zirkel und nehmt endlich selbst - und das jetzt und sofort - das Schicksal dieser wankenden Welt in eure eigenen Hände! Harrt nicht betend und schauend auf fremde Hilfe!
SEID SELBST DIE RETTENDEN GÖTTER, DEREN KOMMEN IHR ERSEHNT!
Blatt III
Trümmerharfe (Aka-Version)
{Beginn einer Heldenreise}
Für Barbara,
Mutter meiner Worte
Trümmerharfe
(Beginn einer Heldenreise)
Seit mehr als zwei Stunden saß H. nun schon auf jener Bank des kleinen, verwunschenen Stadtparks und blickte gesenkten Hauptes vor sich hin.
Noch immer die Gewalt der Erkenntnis fühlend, die ihn vor drei Tagen wie ein Gewitterblitz überkommen, noch immer das Gewicht der Entscheidung spürend, die er in jenem Moment einem Donnerschlage gleich getroffen hatte, sank H. noch ein wenig tiefer in die Bank, auf der er saß.
Und obwohl es sich um eine Parkbank handelte, so blieb sie dennoch sehr bequem. Es war ein sehr alter Park und eine sehr alte Bank. Lehne und Sitzfläche standen sich nicht in modernistisch harten, ängstlich funktionalen Winkeln entgegen, in einer geschwungenen, ungebrochenen Linie gingen sie ineinander über, ihre Enden flossen in verschwiegenen Halbkreisen aus. Breite, verwitterte Querleisten, längst ausgebleichte und wieder gedunkelte, weiche, farblose Maserung, gesplittert an manchen Stellen und dennoch auf ewig getragen von schweren, gußeisernen, gräulich-schwarzen Füßen, Tatzen, die mit Ader und Sehne verziert hinauf in den Rahmen zur Lehne schwangen.
Ein sehnsüchtiges Lächeln zog über H.s Gesicht. Nur das ganz Alte, das wirklich Alte konnte das ganz Neue, das wirklich Neue tragen.
H. hatte in jenem Augenblicke beschlossen, sein Leben von Grund auf zu ändern. Und das durfte nicht geschehen, so sagte er sich seitdem in einem fort, das konnte nicht gelingen, indem er vor seinem bisherigen Leben still und heimlich und voller Kompromiß davonschlich. Versuchte er dies, würde sein bisheriges Leben doch nur ihm hinterherschleichen, stiller und heimlicher noch, und auf diese Weise immer weiter kompromißlos seines bleiben.
H. hatte in jenem Augenblicke beschlossen, sein bisheriges Leben durch totale Zuspitzung seines bisherigen Lebens von Grund auf zu ändern. Ein echter, ewiger Sieg wurde ja erst ein solcher, wenn der Feind mit dessen eigenen Waffen und mit dessen eigener Kraft geschlagen war.
H. hatte in jenem Augenblicke beschlossen, die Einladung des Fremden nun doch anzunehmen und den Wettkampf in dessen ferner Heimat mitzumachen, ein Wettkampf, der Alles bisher Dagewesene an Illegalität, Verworfenheit, aber auch an Preisgeld in schier unglaublichem Auswuchse übertreffen würde.
H. hatte in jenem Augenblicke beschlossen, ein allerletztes Mal aus einem Flugzeug zu springen und seinen Fallschirm so tief als möglich, so nah und knapp als irgendmöglich, tiefer, näher, knapper als jeder Kontrahent über dem Erdboden zu öffnen. Nur noch dieses eine, allerletzte Mal. H. galt noch immer als der Beste der Szene, er war derjenige, welcher die meisten Siege aller noch lebenden Tiefgänger errungen hatte. Er würde auch diesen Wettbewerb gewinnen, gerade diesen, nur noch diesen einen, es mußte so sein, da war H. vom ersten Moment seiner Entscheidung an in unerhörter, bis jetzt nie dagewesener Weise sicher. Denn niemals barg ein Sieg mehr Sinn, mehr Zukunft, mehr Liebe in sich.
H. hatte in jenem Augenblicke beschlossen, mit dem Preisgeld in der Tasche – und diesmal wurde nicht wie bisher, so hatte der Fremde geflüstert, nur um Transfer und Butterbrot gesprungen sondern um eine sagenhafte Million – mit jenem Preisgeld in der Tasche plante H., dann endlich schuldenfrei, zu Füßen der Frau seiner Träume, zu Füßen der einzigen Frau aller Universen hinzuknien und um ihre zarte, verzeihende Hand und ein neues, jede seiner Dummheiten vergessen machendes, nunmehr endlos glückliches Leben zu bitten.
Das Bild jener Frau schnellte in H. empor, aus der Finsternis seiner verblendeten Vergangenheit hinein ins gleißende Verheißen einer paradiesischen Zukunft. Geflochtene Sommersonnenstrahlen ihr Haar, ihre Haut unaufhörlich weißer, reinster Mondsandstrand, ihre Augen tiefster Quell der Himmelsozeane und wolkenweich ihr Regenbogenmund. Ihre Seele war die des letzten Kindes jeder Welt, ihr Leib war der der ersten Mutter dieser Erde.
Pausbäckchen, stets so fein gerötet, die flachen Grübchen darin, der hohe, samtene Busen, das vorsichtige Spiel der Hände - ihr Herz verlängernd, nicht ein Hirn - das unbedarfte Wiegen ihrer warmen Hüften, während sie mit der frohgemuten Stimme eines klitzekleinen Vögleins zwitscherte, ihr balsamsüßer Nektarduft, H. drängte es, ganz rund und gesund zu werden und sich heranzuschmiegen an diesen blumenwieseweichen Leib, hineinzukriechen und aufzugehen in dieser Wunder über Wunder vollen Seele.
Das Bild jener Frau erfüllte H.s Gedanken mit unsagbarer Freude, mit unsäglichem Verlangen.
Das Bild jener Frau überspülte H.s Gefühle mit unerträglicher Scham, mit haltloser Verzweiflung.
Das Bild seiner Ex-Freundin.
H. hatte sich vor einem Jahr aufgrund ins Uferlose gestiegener Schuldenlast und ins Wahnwitzige entfesselter Sucht nach Verantwortungslosigkeit von der Liebe seines Lebens, von der einzigen Liebe seines einzigen Lebens getrennt. H. hatte seine Freundin weggestoßen, war von ihr fortgelaufen, hatte sie zurückgelassen, er war auf und davon.
H. benötigte damals alles Geld, das er sich erst von belogenen Freunden, dann von gernegläubigen Banken und schließlich von zwielichtigen Kredithaien lieh, um in der Welt herumzureisen und dem allertiefsten Fall zu frönen.
H. hatte jene Frau seitdem nicht mehr gesehen.
Seit drei Tagen wußte H., er hatte sich damals von sich selbst getrennt, hatte sich von sich selbst weggestoßen, er war vor sich selbst fortgelaufen, hatte sich selbst zurückgelassen. Er war vor sich selbst auf und davon.
H. hatte auch sich selbst seitdem nicht mehr gesehen.
Die immer höher steigenden Schulden und die Sucht, immer tiefer zu fallen, hatten H. blind gemacht.
Sie würde ihm verzeihen. Sie war ein Engel.
Sie würde wieder für ihn singen, bis er einschlief.
Sie würde wieder seinen Kopf in ihrem Schoße bergen und ihm durch die Haare streichen, bis er erwachte.
Sie mußte ihm verzeihen. Sie war sein Engel.
H. spürte immer mehr das Ausmaß der Erkenntnis, die Tragweite der Entscheidung – ein letzter, ein allerletzter, siegreicher Abschluß des anstehenden Wettbewerbs würde ihn aus seinen Schulden und seiner Einsamkeit rückfalllos herauskatapultieren - und schon schwand H. noch ein paar Fäden tiefer in die Bank, auf der er saß.
Es war früher Sommernachmittag. Die Bank befand sich an einem Kiesweg, welcher wiegend und wogend durch die hingeworfenen Wiesen des Parkes wellte. In H.s Rücken verliefen sich ein paar Kastanien, flüsterten verspielt, rauschten mit dem Bach, in den fern dort immer wieder aufgefordert Hunde sprangen.
Ein paar Farbige ließen träge einen Fußball kreisen, über die grünen Flächen verteilt lagen Einzelne und Grüppchen, den Tag genießend, den Tag vertreibend, den Tag verzierend. Ab und an schwabbte Tanzmusik herüber aus einem nahegelegenen Lokal.
Und der laue Wind trieb in aller Ruhe ein paar strahlend weiße Werbewolken durch das Blau aller sieben Himmel.
Der Parkbank gegenüber, in die H. mit all seinen Gedanken versunken war, auf einem frisch gemähten Areal, packte gerade eine Familie zusammen. Eine junge Familie, Mutter und Vater, fehlerfrei und erfolgreich, eingepaßt und erhaben, gescheitelt, gekämmt, Symbol und Stütze des Systems. Fest gefügt, mit all ihren Sinnen von Beginn an stets auf dem Erdboden bleibend, niemals darüber, niemals darunter und auch am Ende nur darinnen, eingeweiht, für ewig und immer. Ihre Gesichter waren glatt und wohlgenährt, voller Ebenmaß, voller Geradlinigkeit, Sicherheit, voller Klarheit und Rendite. Und doch nur Farben der Wüste. Schattenlos und voller Leere.
Und ein ebensolches Kind, höchstens zweijährig und mindestens ebenso sandfarben, ebenso unermüdlich strebsam, ebenso durstig. Und mit dem golddurchwirkten Krönchen einer Fastfood-Kette auf dem Kopf.
Schmunzelnd erholte sich H. von seiner drückenden Abwesendheit.
Das gekrönte Kind hatte das edle Holz-Spielzeug, das die Eltern so stolz sich neckend, so stolz sich darbietend, gerade zusammensammelten, unbemerkt hinter sich gelassen und robbte voller Ziel und ohne Sinn über den Kiesweg, der die Wiese trennte von H.s Bank.
Rechts neben der Bank war ein Abfalleimer aufgestellt.
H. fand, das kleine, gekrönte Kind mußte nicht aufpassen, wenn es weiter darauf zukroch.
Der Abfalleimer war unbenutzt. Also auch keine Wespen. H. hätte es längst bemerkt.
H. konzentrierte sich auf das Gesicht des Kindes. Kniff die Augen zusammen. Preßte die Lippen aneinander. Die Farben des ewig gleichen Sandes erwachten, erkannten, befruchteten sich und verwuchsen mit dem Krönchen zu einer einzig feinsten, rosa Blüte.
Und keine Wespen.
Dafür ein Schmetterling.
Alle Welt hielt den Atem an.
Die Kastanien beugten sich sanft herüber, Blätter Hand in Hand, der Bach hatte sich ganz glatt gemacht und die Hunde schnüffelten verlegen.
Ein blauer Schmetterling.
Direkt vor des gekrönten Kindes rosa Bäckchen.
Ein himmelblauer Schmetterling.
So klein. So filigran. So kostbar. Kein Ding, ein Hauch von Geist und Tau und Sphäre.
In H.s Inneren weitete sich etwas, eine Woge kribbelnden Frohsinns durchflutete seine Brust, füllte sie tief und lief über in Arme und Beine. Klatschte in einer frischen Brise die Schädeldecke entlang, umspülte Schlund und Augen.
Der Schmetterling, da flog er, so blau, so hell, so rein, in leichtem, schwebendem Zickzack, seiner Bahn entrückt, so frei, so schön, so wahr, ohne Ziel und doch voll Sinn.
Jenes dort, rosa Kind und goldenes Krönchen, dickbäuchig krabbelnd den Erdboden entlang, ungeniert, fasziniert vom himmelblauen Wunder, sammelnd, jagend, Eindrücke, Ausdrücke, Quieken, Quaken, Wunder über Wunder, begeistert darauf zeigend, danach haschend, Schmetterling, Schmetterling, wieder und wieder, blau, so blau, so himmelblau, und nocheinmal greifend, nocheinmal langend, quiekend und quakend. Das Leben, es war ein Spiel. Wirbelwunder, Wunderwirbel.
Rosarot und himmelblau.
Den Schmetterling störte dies alles nicht.
Zickzack.
Es war sein Spiel. Es war seine Wirklichkeit. Flog um das rosa Köpfchen, wie wahr, flog um das rosa Händchen, wie frei sein Leben stieb. Voller Hauch, lautlos und leicht. Das Spiel gefiel dem Schmetterling. Flog herum, voller Kraft, so schön sein Leben blieb.
Zickzack.
Nichts zu verlieren, er selbst war der Gewinn. Schweben, Leben, Blütenpracht. Himmelblauer Schmetterling. Es war sein Spiel.
Zickzack.
Quiekquak. Voller Wunder, lautlos und leicht.
Kind und Krone, mit seinen rosa Bäckchen schmatzend, mit seinen rosa Händchen tappsend, immer den Boden entlang, jauchzend nach dem kleinen, himmelblauen Schmetterling.
Quiekquak.
Zickzack.
Freundschaftsspiel. Noch einmal langte das Händchen. Voller Leben, voller Wunder. Voller Wirbel, voller Kraft. Und wieder.
Zickzack.
Quiekquak.
Und wieder und wieder.
Voller Freude, voller Lust, voller Sehnsucht, voller Gier.
Und voller Macht.
Blutrot.
Pflichtspiel. Schicksalsspiel.
Quiekquak.
Zickzack.
Und noch einmal.
Und den Schmetterling tatsächlich treffend.
Niemand außer H. hatte es bemerkt.
Vater faltete die Decke zusammen, Mutter war losgegangen, pflückte Kind und Krone und trug das Blümchen zurück zu den beiden Rädern.
Quiekquak.
Ahnungslose.
Die schwingende Kinderhand hatte den Schmetterling seitlich getroffen, er war in flachem Bogen quer aus seiner Flugbahn geworfen, erst geradlinig, dann taumelte das Wesen auf H. zu und schlug einen halben Meter vor ihm auf den Kiesweg. Der Aufschlag war zu deutlich spüren.
Ein paar entgeisterte Flügelschläge noch hüpfte der Schmetterling über den Schotter, dann blieb er zuckend vor H.s Füßen liegen.
H. benötigte einen Augenblick. Derber Absturz.
H. beugte sich zum Schmetterling hinunter.
Auf den ersten Blick waren keine schlimmeren Verletzungen zu sehen. Der rechte Flügel war etwas verdreht und an den Körper gedrückt, schien aber unbeschädigt.
Der Schmetterling stand unter Schock. Er hatte die Orientierung verloren. Was H. nur allzu veständlich fand, nach solch einem Niederschlag.
Der Schmetterling versuchte, wieder emporzufliegen. Aber er rutschte nur unkontrolliert über den Kies.
Ganz vorsichtig, um die zarten Beinchen nicht zu verletzen, nahm H. den Schmetterling mit dem Mittelfinger auf. Ein sticheliges, ein lustiges Kitzeln. H. spürte genau die Punkte, auf denen der Schmetterling aufsaß.
Das Zucken des Schmetterlings wurde ein langsames, tiefes Atmen. Auch die Stellung seines Flügels begann sich zu normalisieren.
Mit der anderen Hand formte H. einen Luftschutz, während er den Schmetterling neben der Bank im Gras absetzte. Beschattet, unter einem jungen Löwenzahn, würde er sich dort prächtig erholen.
Dort unten hatte der Schmetterling seine Ruhe. Kräfte sammeln, Sehnsüchte ordnen, Entscheidungen treffen, ein wenig Ambrosia schlürfen aus dem Kelch des neuen Lebens und endlich erwachsen und ernst die Bahnen seiner Zukunft um einiges gerader ziehen.
H. beobachtete den Schmetterling.
In ihnen beiden pulsierte es jetzt gleichmäßig.
Sie beide pumpten Kraft in sich hinein, ohne Eile, ohne Hast. So war es gut.
H. fühlte sich wohl. Er genoß den Augenblick.
H. hatte den Schmetterling in Sicherheit gebracht. So, wie er auch sich und seine Liebe in Sicherheit bringen würde. H. hatte den Schmetterling gerettet. So, wie er auch sich und seine Liebe retten würde.
H. war glücklich.
H. wollte den Schmetterling nicht länger durch seine neugierigen Blicke stören, außerdem schoß ihm das Blut in den Kopf, also richtete H. sich auf und ließ seinen Blick über die Wiese schweifen.
Die Familie war fort.
H. summte ein Kinderlied.
H. fühlte sich gut, unbeschreiblich gut. Was ihm fehlte, würde er unbedingt bekommen. Alle Schuld war bald beglichen. Er fühlte sich unbeschreiblich stark. Die schmachvolle Sehnsucht in seinem Herzen, in seinem Hirn hatte sich in pure Wonne gewandelt.
H. fühlte sich seines kommenden Sieges gewiß.
Das Schicksal stand auf des Schmetterlings Seite. Das Schicksal stand auf H.s Seite.
Alles war in bester Ordnung und so war es nun an der Zeit, voneinander Abschied zu nehmen.
H. beugte sich zum Schmetterling hinab.
H. begriff nicht, was er sah.
H. stierte auf den Schmetterling. H. begriff nicht.
Der Schmetterling war nicht fortgeflogen. Der Schmetterling war noch da.
Aber H. sah den Schmetterling kaum.
Er bewegte sich. Es bewegte sich. Kreuz und quer. Die Konturen verschwammen. Blubbernd und längst verloren.
Der Schmetterling war übersäht von Ameisen, die gerade damit begannen, ihn zu zerteilen. Überall Ameisen. Fieber und Frost. Ameisen über Ameisen. Schwärze über Schwärze.
Stille.
Leere.
Finsternis.
H. erhob sich, völlig benommen. Ein Ekelschauer spannte seinen Nacken. H. konnte kaum atmen.
Dann trat H. auf Ameisen und Schmetterling. Drehte den Schuh. Einmal knirschend hin. Einmal knirschend her.
Und floh blindlings hinaus aus dem Park, hinauf zum Großen Tor, wo der Fremde ihn schon ungeduldig erwartete.
Blatt IV
Reisebericht: Moskau (Okt. 2012)
1. Tag/Aufbruch
Auch wenn mich diese Reise – wie ich mir seit nun geraumer Zeit einbildete – zurück in eine alte, geheime Herzensregion so voller zweifelhafter Entscheidungen und stets fragwürdiger Endgültigkeiten führen sollte, so beginnt sie doch in aller Alltäglichkeit.
Ich erwache. Es ist morgens und es ist dunkel. Der Sommer ist vorbei. Ich gönne mir noch ein paar Minuten im heimatlichen Bett. Vergesse sogar das Bevorstehende. Erinnere mich dann doch wieder meiner Pläne und stehe auf. Ich wasche mich und packe meine Sachen. Ich werde das Gefühl nicht los, etwas Wichtiges vergessen zu haben.
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Ich sitze in überfüllten Verkehrsmitteln. Ich befinde mich auf dem Weg zum Flughafen. Die Realität um mich herum bleibt, wie sie immer war. Lärmend und stumm. Ich gestehe mir ein, wäre es jetzt anders, dann empfände ich dies als noch unnötig, gar neugierig und durchaus aufdringlich. Ich fahre nicht in den Urlaub. Ich befinde mich auf einer ganz persönlichen, ich befinde mich auf meiner persönlichsten Reise.
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Nach dem Check-in am Flughafen muß ich feststellen, daß die Raucherkabine meines Abfertigungsbereiches außer Betrieb ist. Das macht mich nervös. Ich hätte zu meinem Papp-Cappuchino jetzt gerne geraucht. Um mich herum rückreisende Russen. Rückreisende Russen führen meist mehr Handgepäck mit sich als sie an Koffern aufgegeben haben. Auch die Kabinencrew wird damit bald ihre liebe Mühe haben.
Vor mir im Flugzeug sitzen deutsche Geschäftsleute der Kategorie 'Maklerseele'. Massenware einer untoten und darum so schwer – vielleicht nur durch sich selbst – totzukriegenden Vergangenheit. Massenware eines längst vergangenen Jahrtausends. Die altgedienten Aufsteiger trinken Champagner. Drehverschluß und Plastikbecher. Sie erzählen sich alte, ausgediente Geschichten.
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Ich habe russischen Boden betreten. Der Zollbeamte kontrolliert meine Ausweißpapiere gewohnt streng und ausdauernd. Er scannt und kopiert und vergleicht. Er betrachtet mich. Er betrachtet den Bildschirm. Der Zollbeamte lächelt und schiebt mir meinen Paß zu. Ich habe noch nie erlebt, daß ein russischer Zollbeamter lächelt. Böse, gelangweilt oder bestenfalls gleichgültig beobachten sie. Aber ein Lächeln hatte ich bisher noch nie erlebt.
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Ich bin froh, daß mein Fahrer weder Deutsch noch Englisch spricht. Ich verstehe kein Russisch. Also verbringen wir die Autofahrt schweigend. Ich sehe aus dem Fenster und lasse meine Gedanken im Fahrtwind flattern. Aufsteigen und durcheinanderwirbeln wie Kinderdrachen.
Wir überschreiten die Stadtgrenze. Der Fahrer beginnt, am Navigationsgerät herumzuhantieren. Er wechselt den Radiosender. Entspannungsmusik perlt in den Innenraum.
Seit wir die Stadtgrenze überschritten haben, stehen wir im Stau. Im Stau auf sechs- und achtspurigen Chausseen. Im Stau einer Metropole. Im Stau der Hauptstadt von einem und einem halben Kontinent. Der Fahrer und ich, wir stehen im Großen Vaterländischen Stau.
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Die alten, uralten Ladas, die vor zwölf Jahren noch die Strassen Moskaus mit Rost und Qualm überfüllten, sie sind verschwunden. Ich sehe nur westliche Neuwagen. Selbst die Baufahrzeuge sind westliche Neuwagen. Ich verdränge jeden Romantizismus und freue mich, daß die vielen, allzu vielen in ihrer massiven Finsternis so aufdringlichen Luxuskarossen nicht mehr so vehement das Blickfeld ruinieren.
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Der Große Vaterländische Stau in Moskaus Strassen ist auch ohne Meditationsmusik durchaus großräumig zu ertragen. Anders als in Deutschland läßt man hier sich und andere nach Lust und Laune die Fahrspur wechseln. So findet auch bei grundsätzlich stehendem Verkehr stets genügend Seitwärts-Bewegung statt, um die beteiligten Gemüter in Ausgeglichenheit zu halten. Manche behaupten, in Moskau stehe man nicht im Stau, sondern man schlängele sich darin herum.
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Es ist Abend. Das Hotel ist von unrenovierter, dunkler Mittelklasse. Sehr teuer und sehr zentral. 500 Meter entfernt vom Roten Platz. Ich habe eben in einer der unzähligen, in die Strassen verstreuten Wechselstuben Rubel getauscht. Die Angestellte lächelte, als sie mir Banknoten und abgestempelte Formulare unter dem Panzerglas hindurchreichte. Ein alter, guter Freund schickt mir eine Sms. Er teilt mir mit, daß er mich in einer halben Stunde abholen werde.
Ich habe C. seit sieben Jahren nicht mehr gesehen. Ich war mit C. und unseren Fallschirmen viele Male durch die Welt gereist. Dann ging er nach Moskau. C. führt mich zu seinem Motorrad. 1000 Kubik. Er reicht mir Helm und Handschuhe und weist mich an, mich festzuhalten. C. hat sich nicht verändert.
Wir rauschen durch das nächtliche Moskau. Die großen, breiten Strassen bieten jetzt viel Platz. Die Gebäude sind hoch und alt und voller Würde. Die Illuminationen der Schaufenster sind brandneu. Grell und flackernd. Ebenso die Frauen. Minirock und Stechschritt. Jeden Alters. Wir fahren hinunter zur Moskwa. An ihr entlang. Das Flußwasser glitzert. Die gußeisernen Brücken glitzern. Das Denkmal des russischen Kolumbus glitzert. Ganz Moskau glitzert. Schwarz auf Schwarz.
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C. stellt mir seine beiden Kinder vor. Ich sehe sie zum ersten Mal. Einer der beiden Geschwister heißt wie ich. C. stellt mir die Mutter vor. Ich habe im Laufe der Zeit etliche Freundinnen von C. kennengelernt. Sie alle ähneln sich nicht nur in Haarfarbe und Statur, sondern vor allem in der Mundpartie. Schmale, drahtige Lippen, die Kontra geben können.
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In Rußland ist der Hintergrund schwarz. Hier schmecken Gemüse und Käse, Fisch und Fleisch, hier schmeckt alles ein wenig anders. Nicht besser und nicht schlechter als auf weißem Hintergrund. Einfach nur ein wenig anders. Anders gut. Auch die Formen, das Runde und das Eckige, und die Farben, grün, gelb, rot, blau, sie sind hier anders. Anders schön. Beeindruckend schön. Sovieles in dieser Stadt, sovieles an dieser Stadt ist mehr noch als beeindruckend schön. Beeindruckend stark. Beeindruckend zart. Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich, denn ich ahne, daß solch geballte Animalität auch gewaltige Schatten werfen muß. In Rußland ist der Hintergrund schwarz.
Die Mutter erhebt sich, um auch noch einen dritten Teller ihrer sensationellen Bliny zuzubereiten. Als Dank trinke ich zum Dessert auch gerne einen grauenhaft süßen, knallroten Likör.
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Ich lehne am Fenster meines Hotelzimmers und rauche. Ich befinde mich im fünften Stock. Ich sehe Stahlkuppeln, Glasdächer und Zwiebeltürme. Das Hotelzimmer ist überheizt. Es gibt keine Regler an den Radiatoren. Die Einstellung erfolgt zentral. Ich lege mich auf das Bett. Ich bin zufrieden, nach so langer Zeit wieder in Moskau zu sein. Ich weiß nicht, was geschehen wird. Aber ich weiß, daß etwas geschehen wird.
2. Tag/Frau A.
Ich werde an dieser Stelle nichts zur Person von Frau A. erzählen. Allein Folgendes sei festgehalten: Nach einer flüchtigen Freundschaft vor mehr als einer Dekade verloren wir uns aus den Augen. Seit einigen Jahren nun vertiefe ich mich in den Gedanken, daß diese Frau und mich eine vorzeitliche, beizeiten sogar metaphysische Verbindung umfängt. Ich genieße diesen Gedanken. Ich denke diesen Gedanken. Und da der, welcher denkt, ein Lebender ist - Mund und Augen, Hand und Herz, nicht bloß Gehirn - stehe ich nun hier. In einer Zeit vor jeder Zeit. In einer Physik nach aller Physik.
Ich hatte mich bei Frau A. gemeldet in der Erwartung, sie irgendwann in den nächsten Tagen zu treffen. Nun bin ich mit Frau A. in einer halben Stunde verabredet. Ich bemerke, daß sich das Umfeld von mir zurückzieht. Die Realität wird weicher. Das hintergründige Schwarz wird grau.
-
Frau A. freut sich, mich wiederzusehen. Sie bestellt Brot und Sprotten, Gurken und eine Karaffe mit etlichen 100 Gramm Wodka. Wir trinken. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, es haben sich viele Worte angesammelt. Frau A. spürt das. Ich warte. Wir trinken. Frau A. berührt mich ständig. Ich horche. Wir trinken.
Es wird ein leichter, seichter Smalltalk-Suff. Einfach und abwesend. Frau A. ist freundlich zu mir. Wie eine Krankenschwester. Wie eine TV-Moderatorin. Ich erfreue mich am Klang ihrer Stimme, an der Weichheit ihres Gesichtes. Ich erfreue mich an meinem Traum. Frau A. berührt mich ständig. Frau A. macht gemeinsame Pläne für den morgigen Tag. Zoo und Konzert.
Frau A. ist froh, als sie bald in ein Taxi steigt, auf ihrem Weg zu einem anderen Termin. Ich will es noch nicht wissen, doch ich spüre, daß ich Frau A. nicht wiedersehen werde.
3.Tag/Atavismen
Vormittags lasse ich mich die Twerskaya entlangtreiben. Dicker Stein und leuchtendes Plastik. Bettelnde Rentnerinnen. Wachpersonal vor jedem Tor. Ich entziffere kyrillische Schriftzüge. Ich verlaufe mich ein wenig am Weißrussischen Bahnhof. In den Unterführungen. In den Märkten. Eine Passantin weist mir freundlich den Weg.
Es regnet. Den Rest des Tages verbringe ich im Hotelzimmer. Am Fenster. Auf dem Bett. Rauchend. In Gedanken. Ich weiß jetzt, daß ich mit Frau A. immer einsam bleiben würde. Selbst in einer Ehe. Selbst mit Kindern.
Ich warte auf eine Nachricht von Frau A.
Ich bin schockiert, welch geradezu monumentalen Streich die Phantasie mir gespielt hatte. Jahrelang. Aber ich bin nicht niedergeschlagen. Ich bin nicht traurig. Ich kenne den Sinn, den dieser Streich in meinem Leben bereits entfaltet hatte. Ich war mir selbst unumkehrbar näher gekommen. Und ich kenne die Bedeutung, die dieser Streich in meinem Leben noch haben wird. Ich bin jetzt frei.
Ich warte auf eine Nachricht von Frau A.
Ich bin noch immer schockiert, wie nah ich mich doch einem Menschen fühlte, dem ich von Beginn an völlig ferne blieb. Uneinholbar fern.
Ich warte auf eine Nachricht von Frau A.
4.Tag/Ausklang
Ich halte mich lange im hoteleigenen Fitneßstudio auf, übertreibe es mit der banja. Ich will schwitzen. Ich will meine Gedanken herausschwitzen. Ich stemme viel Gewicht. Ich gieße nochmals auf.
Ich warte nicht mehr auf eine Nachricht von Frau A. Ich bin nicht mehr schockiert. Noch scheint es seltsam, ja feige, das Gefühl einer Leichtigkeit, einer wiedergewonnenen Geradlinigkeit zu genießen. Der Wirbel hatte sich aufgelöst. Windstill ist es um mich herum. Ich fühle mich leer. Aber ich fühle mich auch sicher. Ich habe keinen Fehler begangen. Da ist nichts, was ich verloren hätte.
Ich fühle mich einsam. Aber mir fehlt nichts.
-
Ich bin bei Frau A.s älterer Schwester und deren Mann zum Abendessen eingeladen. Einst liebgewonnene Bekannte. Ein drittes Kind ist gerade zur Welt gekommen. Die Wohnung, von deutschen Kriegsgefangenen erbaut, wurde vor Kurzem gekauft. Wir reden nicht von Frau A. Und doch reden wir nur über Vergangenes. Wir trinken. Und ich bin froh, daß ich morgen wieder in die Heimat fliege. Wir trinken. Auf Moskau. Auf die Vergangenheit. Wir trinken.
5.Tag/Abschied
Es ist Sonntag. Ich warte in der Hotellobby auf meinen Fahrer. Ich verzichte auf einen Spaziergang. Ich weiß, daß ich diese Stadt niemals wiedersehen werde. Ich nehme den letzten Schluck meines Cappuchinos. Ich zahle mit meinen letzten Rubel. Ich nicke dem Kellner zu. Ich nicke mir zu.
Ich sitze im Fond des Wagen. Ich blicke mich nicht noch einmal um. Ich lächle.